von Inger Lison

Pünktlich zu seinem 60. Geburtstag erscheint ein neuer, dystopischer Jugendroman von Kevin Brooks. Und auch dieses Mal befinden sich seine Protagonisten in einer Extremsituation, aus der es scheinbar kein Entrinnen gibt: So findet täglich ein erbitterter Überlebenskampf in den von wolfsähnlichen Kreaturen beherrschten Deathlands und dem sich umgebenden Niemandsland statt. Dort streiten sich die verfeindeten Clans um die immer knapper werdenden lebensnotwendigen Ressourcen. Doch wem kann man in diesen schweren Zeiten, in denen es ums nackte Überleben geht und sich jeder selbst der Nächste ist, eigentlich trauen? Das bekannte Freund-Feind-Schema scheint nicht mehr aufzugehen. 

Brooks, Kevin: Deathland Dogs.
dtv Junior, München 2019.
544 Seiten. 16,90 €
ISBN 978-3-423-76236-6.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Die Handlung spielt "in einer [archaischen] Welt nach dem Untergang der Zivilisation. Nur noch wenige Menschen können lesen und schreiben". (Brooks 2019, S. 6). Das bei einem Hunderudel aufgewachsene und nun wieder unter Menschen lebende sogenannte 'Hundskind' Jeet beherrscht diese Fähigkeit. So bittet ihn der Clanchef Gun Sur, diese desolaten Lebensumstände und den zukünftigen, alles entscheidenden Kampf zwischen Jeets Clan und dem benachbarten brutalen Dau-Clan für die Nachwelt schriftlich zu fixieren.

Aus Jeets Perspektive wird der Handlungsverlauf aus der Retrospektive, teilweise mit Reminiszensen an sein Leben bei den Deathland Dogs gespickt, dargestellt. Dabei handelt es sich mitunter auch um die von Jeet verschriftlichten mündlichen Erzählungen seines Onkel Starry, von dem der nach seiner Rückkehr aus dem Hunderudel aufgezogen wurde. Als Rahmenhandlung fungiert dabei Jeets Vorhaben, den Auftrag seins Clanchefs in die Tat umzusetzen. Dabei wird dem Leser offenbar, dass es Jeet nicht leicht fällt, die richtigen Worte für die schrecklichen Ereignisse, die sich vor und während der Schlacht zugetragen haben, zu finden. Er orientiert sich dabei an Starrys Rat, der folgendermaßen lautet: "Nimm alle Gefühle aus deinem Herzen und deiner Seele und setz sie in Worte um." (Ebd., S. 535)  

Trotzdem Jeet von seinem Clan ,rehumanisiert‘ worden ist, besteht zwischen ihm und seiner 'Hundeziehmutter' eine besondere Verbindung kommunikativer Art. Diese scheint auf tierischen Instinkten zu beruhen. Zudem ist Jeet mit einer besonderen Fähigkeit ausgestattet: So kann er den Hunden in seiner Umgebung seinen Willen aufoktroyieren. Diese beiden besonderen Begabungen werden sich in dem Kampf zwischen den beiden Clans als lebensrettend erweisen. Doch bevor es dazu kommt, erhält Jeet den Auftrag, bei dem verfeindeten Dau-Clan einzudringen und TNT-Zünder zu stehlen. Nur mittels dieser haben die Menschen aus Jeets Clan eine Chance, den Kampf gegen die Dau zu gewinnen. Bei seinem Raubzug entdeckt Jeet einen Verräter aus den eigenen Reihen, das korrupte Ratsmitglied Pilgrim. Dieser hat nicht nur diverse Menschenleben auf dem Gewissen, sondern schändet und misshandelt Jeets entführte Freundin Chola Se. Jeet kann das ebenfalls 'rehumanisierte' Hundskind befreien und in Sicherheit bringen. Doch Pilgrim kann seinen Clan davon überzeugen, dass seine Kontaktaufnahme mit den Dau nur ein Mittel war, deren Vertrauen zu gewinnen, damit das von langer Hand geplante Täuschungsmanöver im Endkampf von Erfolg gekrönt wird. Pilgrim setzt fortan alles daran, dass Jeet und Chola Se als Außenseiter geächtet werden. An dem Tag der Entscheidungsschlacht versucht er, die beiden zu töten. Doch die Deathland Dogs lassen ihre Ziehkinder nicht im Stich. Mit ihrer Unterstützung gelingt den beiden Schwerverletzten und traumatisierten Jugendlichen die Flucht in die Deathlands. Ihnen ist durchaus bewusst, dass dieser friedliche Zustand nicht von Dauer sein wird. Das verraten die formelhaft wiederholten Phrasen:

Wir wussten es. Wir konnten es sehen. Wir hatten die Stimme gehört. Unsere Zeit wird kommen. […]. Ich weiß es. So wird es kommen. Hund gegen Mensch. Mensch gegen Hund. Und der Himmel wird wieder brennen. (Ebd., S. 543, S. 538).

Die Überleitung zu einer geplanten Fortsetzung?

Kritik

Kevin Brooks düstere, gesellschaftskritische Dystopie beinhaltet Komponenten, die auch in seinem 2014 erschienenen Roman Bunker Diary enthalten sind, und die Anleihen aus bekannten literarischen Klassikern darstellen: Ähnlich wie in William Goldings Herr der Fliegen oder Daniel Defoes Robinson Crusoe werden hier die Charaktere aus der gewohnten Gesellschaft herausgelöst und müssen unter primitiven Lebensumständen ihr Überleben und den Fortbestand ihrer Art sichern (Vgl. Lison 2014, S. 46). Und so ist es auch nur folgerichtig, dass einleitend auf Thomas Hobbes' Leviathan verwiesen wird: "Unter den zivilisierten Staaten herrscht immer Krieg aller gegen alle." (Brooks 2019, S. 5). In diesem Roman finden Darwins evolutionstheoretische Thesen, namentlich "struggle for existence" und "survival oft he fittest", Anwendung. Interessanterweise werden diese nicht nur innerhalb einer Spezies, sondern artenübergreifend (Mensch vs. Tier) betrachtet.Um den besonderen Erzählton der durch Illiterativität gekennzeichneten Diegese dieser Dystopie abzubilden, musste der Übersetzer Uwe-Michael-Gutzschhahn kreativ werden: Die im englischsprachigen Original verwendete, an Kurznachrichten von Jugendlichen orientierten Schreibweise, wie beispielweise "wele" für "we will" und "hese" für "he has", konnte nicht adäquat ins Deutsche übertragen werden. Um jedoch den für diesen Roman immanenten Brookschen-Stil, der die verminderte Sprach- und Schriftfähigkeit der dortigen Gesellschaft darzustellen versucht, ansatzweise abbilden zu können, wurde in der deutschen Übersetzung auf alle Kommata verzichtet (vgl. Gutzschhahn 2019):

Ich weiß nicht wie ich das machen soll.

Ich sitze hier auf dem Fußboden mein Schreibheft im Schoß und das Weiß der leeren Seite flackert im Licht des Feuers orange. Und ich weiß immer noch nicht wie ich Gun Surs Auftrag erfüllen soll. Wie soll ich eine Beschreibung dieser Welt geben über die ich so wenig weiß? Was weiß ich denn schon über unsere Zeit über unser Leben und über den Krieg? Was weiß ich von alldem und überhaupt? (Brooks 2019, S.7).

Diese besondere Erzählmethode geht zwar zu Lasten der Lesbarkeit, sie bildet aber sehr beeindruckend die Gedankenwelt und die Hoffnungslosigkeit des Erzählers ab.

In diesem spannenden Jugendbuch, das ein breitgefächertes Identifikationsangebot (nicht nur für Jungen) bereithält und mittels einer elliptischen, teils brachialen Sprache Jungen affine Themen wie Überlebenskampf, Heldentum, Krieg, Gewalt und Verrat aufgreift, werden auf philosophischer Ebene existentielle Fragestellungen aus menschlichem und menschlich-animalischem Blickwinkel durchdacht, wodurch sich dieser Roman von anderen abhebt.

Fazit

Mit Deathland Dogs ist dem preisgekrönten Autor somit erneut ein großer Wurf gelungen: Actiongeladen und temporeich erzählt, überzeugt der Roman durch die detailliert ausgestaltete Figuren, die die jugendlichen Rezipienten mitfiebern lassen. Wie in Bunker Diary zuvor wird auf der Metaebene die Frage gestellt: Wie weit darf man gehen, um das eigene Überleben zu sichern? Neben moralisch diskutierbaren Aspekten hat Brooks zudem nicht mit Gesellschaftskritik gespart. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die von Plautus stammende und von Hobbes modifizierte Annahme „Homo hominis lupus (est)“ in diesem Werk ebenfalls aufgegriffen wird.

Literatur

Gutzschhahn, Uwe-Michael: Kommentar des Übersetzers zur Übersetzung von Deathland Dogs https://www.dtv.de/_files_media/downloads/kommentar-zur-uebersetzung-von-deathland-dogs-1168.pdf (12.05.2019).

Lison, Inger: „Mensch bleiben?“ Zur Darstellung von Jugendlichen in Extremsituationen in den Jugendbüchern „Bunker Diary“ und „Die unterirdische Sonne“. Wie weit darf man gehen, um zu überleben? In: JuLit 4/2014, S. 44-51.

Erstveröffentlichung: 23.06.2019


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