[07.11.2018]

Der Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg 2018 geht an Michèle Minelli. Minelli bekommt den Preis für ihr Jugendbuchdebüt Passiert es heute? Passiert es jetzt? Der mit 8.000 Euro dotierte Preis wurde der Autorin am Mittwoch, 7. November, im festlichen Rahmen im Alten Rathaus von Oldenburgs Bürgermeisterin Petra Averbeck überreicht.

© Anne Bürgisser

Die Nominierten

Unter 238 Einsendungen, darunter 64 verlegte Werke und 174 Manuskripte, hatte die Jury zunächst drei Nominierte – Maya Alou mit Herbstspaziergänge, Michèle Minelli mit Passiert es heute? Passiert es jetzt? und Stephanie Quitterer mit Weltverbessern für Anfänger – ausgewählt.

"Thematisch und auch in der Form lassen sich unter den drei Nominierungen keine Gemeinsamkeiten erkennen: Hier ein kleiner Text über die Liebe, sprachmächtig und poetisch geschrieben, dort ein erschütterndes Familienszenario voller Grausamkeit und Ausweglosigkeit und dann noch eine höchst unterhaltsame Generationengeschichte, die durch ihren leichten Umgang mit einem ernsten Thema und den schöpferischen Gebrauch der Sprache überzeugt. Aber von literarischem Mut zeugen die drei nominierten Texte gleichermaßen. Sie entwickeln einen besonderen Ton, der sie unverwechselbar macht und überzeugen durch eine spannende Handlung und interessante Figuren, die dem Leser nahe kommen. Es sind Texte, die in Erinnerung bleiben", begründet Birgit Müller-Bardorff die Auswahl der Jury.

Maya Alou: Herbstspaziergänge

Aus der Jurybegründung (Dr. Tobias Kurwinkel):

"Es ist eine kurze Geschichte, die Maya Alou erzählt: Sie handelt von einer kleinen Frau und einem ebenso großen Herrn, von zwei Menschen, die sich 'so lieb hatten, dass sie sich morgens zusammen die Zähne putzten'. Die Bilderbucherzählung ist ein Märchen, beginnt mit der bekannten Formel des Es-war-einmal und hält sich daran, in der gattungsgeschuldeten Neutralität des Nicht-Festgelegten zu bleiben: Keine zeitliche Einordnung nennt der Erzähler, keinen Ort. Damit wird, was den Kern dieser kleinen Kunde ausmacht, allgemeingültig – wenn es das nicht sowieso schon wäre: Herbstspaziergänge berichtet von der Liebe.

Die Zuneigung zwischen den beiden Menschen wächst, während sie limonadetrinkend im alten Kastanienbaum schaukeln oder sich im Wassermelonenkernenweitspucken messen; irgendwann, inmitten der vielen Crescendi, die einer Liebe zu Beginn bestimmend eingeschrieben sind – fragt der kleine Herr die ihm Zugetane, ob sie auch ihre Nachnamen teilen wollen. Die kleine Frau stimmt vergnügt zu. Fortan verstreichen Tage, Wochen und Jahre, bis es zum vielleicht obligatorischen Unwetter kommt.
Es donnert, rumpelt und kracht; symbolisch wird der große und treue Kastanienbaum, der über die beiden wie 'ein riesiger, grüner Sonnenschirm' wacht, vom Blitz zerschlagen: 'Ohne nachzudenken und ohne sich zu entschuldigen. Einfach so.' Die kleine Frau verkriecht sich, kämpft gegen die 'Gewitterriesen in ihrem Kopf' und beginnt 'schwermütig nach Zimt zu duften'. Der kleine Herr sucht verzweifelt nach einer Lösung und wird sie, so viel sei verraten, finden.

Maya Alou ist ein Märchen gelungen, das Kinder wie Erwachsene durch seine Bildsprache und Lautbilder ebenso 'dringlich an die Hand nimmt', wie es an einer Stelle die kleine Frau mit ihrem Mann tut; Herbstspaziergänge erzählt lebensklug und -weise auf eine ganz besondere, eigene Art von der Liebe."

Michèle Minelli mit Passiert es heute? Passiert es jetzt?

Aus der Jurybegründung (Christine Paxmann):

"Schnell wird in Michèle Minellis Roman klar, dass eine Familie aus den Fugen geraten ist. Der Leser steigt ein in ein Blitzlicht aus Kurzsätzen und Szenen. Das Kriseninterventionsteam kümmert sich um die kleine Schwester, die Mutter wird von der Polizei verhört, der nahezu 16-jährige Ich-Erzähler Wolfgang wird in eine Einrichtung für traumatisierte Jugendliche gebracht. Die Verwirrung kommt in Fragmenten durch. Eine Katastrophe hat sich ereignet. Später wird sich ein Bild daraus formen, wenn der jugendliche Ich-Erzähler in Gesprächen mit Psychologen immer wieder rückblendet. Im Laufe der Dialoge wird das jahrelange Martyrium offenbart. Der Vater, der in der Familie nahezu jeden seelisch gebrochen hat. Ein Tyrann. Tatsächlich finden sich im Buch noch weitere gebrochene Seelen zusammen. Unser Protagonist wird in der Einrichtung Teil einer Gruppe, in der jeder seine ganz eigene Unschärfe hat – das Trauma bleibt keine Sache des Individuums mehr – es wird zum Bindeglied zwischen den Versehrten. Die Gründe für die Störungen bleiben bei allen anderen unbekannt. Es ist eine Schicksalsgemeinschaft.

Immer wieder werden die Erzählungen des Jungen von den Ich-Wahrnehmungen einer Mitpatientin zergliedert. Sie gibt dem Leser sozusagen die Fremdsicht wieder. Erzählt wie sie ihn wahrnimmt. Dadurch entsteht eine weitere, eine zarte Zusatzebene, die ganz allmählich zur Liebesgeschichte mutiert.

Die dritte Ebene bilden Einschübe. Die Gruppe spielt das Rollenspiel 'Wehrwölfe'. Immer wieder werden Szenen geschildert, die symbolisch das aufgreifen, was jeder an Familiengeheimnissen mit sich herumträgt. Zentrale Figur des Rollenspiels ist die Hexe, die töten und heilen kann. Als sich im Finale die weibliche Ich-Erzählerin auf die Suche nach einem Beweisstück macht, wird klar. Wolfgang hat den Vater erschossen, um die Familie zu retten. Die utilitaristisch motivierte Rechtssprechung verurteilt ihn deswegen nicht. Michele Minelli inszeniert sprachlich und dramaturgisch ein Drama mit großer poetischer Wucht. Die Verbindung von literarischer Form, Ethik und Psychologie sind eine sehr eigene und gekonnte Form des Coming of Age-Romans."

Stephanie Quitterer: Weltverbessern für Anfänger

Aus der Jurybegründung (Birgit Müller-Bardorff):

Stephanie Quitterer widmet sich in ihrem Jugendroman Weltverbessern für Anfänger einem Thema, das in der Jugendliteratur bisher wenig Beachtung fand: dem Umgang mit alten Menschen, insbesondere ihrer Situation in Pflegeheimen.

"An Minnas Schule wird ein Wettbewerb ausgeschrieben: Weltverbessern für Amateure. Die Klasse, die einen Bereich aus dem täglichen Leben entscheidend verbessert, gewinnt eine Reise nach Tallinn. Mit Aktionen wie der Begrünung der Schulaula, einer Tausch-Bar, bei der man die Dinge, die man nicht mehr braucht, abgeben kann, oder einer Offensive für mehr Freundlichkeit im Umgang miteinander versuchen sich die Schüler gegenseitig zu übertrumpfen, doch Minna fehlt noch die zündende Idee. Als ihre Oma mit einem Hirngerinsel plötzlich im Pflegeheim liegt, ist Minna entsetzt über die Atmosphäre und unwürdige Behandlung, die die alten Menschen dort erfahren, und sie weiß jetzt, wie sie die Welt verbessern will: mit einem Besuchsdienst im Pflegeheim. Ihren besten Freund Basti und ihren Schwarm Pawel kann sie überzeugen, und auch der Schnösel Christoph macht mit. So lernen sie Frau Klever kennen, die in ihrem Bett nur an die Decke starren kann, die demente Frau Perlinger, die eine ausgezeichnete Lateinnachhilfelehrerin ist, und Herrn Schnedelbach, einen ehemaligen Soldaten, der zwar sehr fidel zu Likör und Zigarren einlädt, aber durch den Krieg traumatisiert ist. Und sie sehen, wie die Pfleger überfordert sind, wie sie ungeduldig und unfreundlich reagieren, wie sie Schlafmittel verteilen, um die Pflegeheimbewohner ruhig zu halten. Nach einigen Schwierigkeiten gelingt es sogar, die ganze Klasse für die Pflegeheimbesuche zu gewinnen. Als dann aber eine Perlenkette verschwindet und Herr Greulich beim Tanztee zusammenbricht, droht der Weltverbesserung das Ende.

Stephanie Quitterer erzählt diese ungewöhnliche Geschichte aus der Perspektive Minnas amüsant, flott und flapsig, ohne dabei den ernsten Blick auf das Thema zu verlieren. Sie beobachtet genau und zeichnet dabei interessante Charaktere: Jugendliche, die in typischen Pubertätskonflikten gefangen sind und dabei aber Verantwortlichkeit und soziales Bewusstsein entwickeln; alte Menschen, deren Lebensleistungen Bestand haben, auch wenn sie hilfsbedürftig geworden sind. Außerordentlich ist die Sprache des Romans, die einen süddeutschen Klang hat , durch Neologismen große Originalität besitzt und der Geschichte einen speziellen Charme verleiht. Stephanie Quitterer zeigt, wie sich die Generationen gegenseitig bereichern und regt zum Nachdenken darüber an, welchen Platz alte Menschen in unserer Gesellschaft haben. Dass sich Weltverbessern für Anfänger dabei flüssig und unterhaltsam liest, öffnet Jugendlichen den Zugang zu diesem Thema."

Die Preisträgerin

Letztendlich entschied sich die Jury für Michèle Minelli als Preisträgerin: "Michèle Minelli inszeniert sprachlich und dramaturgisch eine Tragödie mit großer poetischer Wucht. Die Verbindung von literarischer Form, Ethik und Psychologie sind eine sehr eigene und gekonnte Form des Coming of Age- Romans. Das Genre 'Problembuch' wird in dieser Form sprachlich und szenisch in völlig neues Licht gerückt. Zwar sind die geschilderten Charaktere nicht frei von Klischees, aber dennoch entwickelt jeder einen eigenen Sound. Der Text lässt Welten entstehen, die berühren und abstoßen. Man kann für den Protagonisten Sympathie entwickeln und muss ihn doch im nächsten Augenblick hinterfragen: Damit ist ein unglaublich emotionaler und komplexer Roman entstanden, der junge Leser fordert, aber sie gleichermaßen unterhält. Dass dabei auch noch eine literarische Höhe gehalten wird, die bestechend facettenreich ist, macht den Roman zu einem preiswürdigen Werk. Da klingt eine neue literarische Stimme, die kraftvoll und zart zugleich ist. Diese Art Entwicklungsroman ist eine Bereicherung für das Genre Jugendbuch/All Age", begründet Jurorin Christine Paxmann.

Die Preisrede auf Passiert es heute? Passiert es jetzt? von Michèle Minelli hielt der Autor Nils Mohl, der 2011 mit Es war einmal Indianerland selbst den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis entgegennehmen durfte und im Jahr darauf mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde.

"Michèle Minelli hat sich dafür entschieden, diesem Jungen mit allem Können zur Sprache zu verhelfen. So muss es sein, oder nicht? Es gehört zu den vornehmsten Aufgaben von uns allen, denen ohne Worte eine Stimme zu geben und sie darin zu bestärken, sie mutig zu gebrauchen. Wolfgang wäre verloren, ein kaputter Typ, wenn er sich nicht artikulieren könnte, wie die Autorin es ihn tun lässt. Darin besteht Wolfgangs Heldenmut, nicht in dem Akt der Notwehr. Dafür bewundere ich diesen Roman zutiefst: Für den Mut, im Erzählen einen Schlüssel zum Erwachsenwerden zu erkennen."

[Quelle: Pressemitteilung]


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