Das Metrum/Versmaß ist ein Begriff aus der Verslehre, der beschreibt, inwiefern die einzelnen Silben im Vers betont oder unbetont sind. Einfluss nimmt das jeweilige Metrum somit nicht nur auf Rhythmus und Struktur des Gedichts, sondern auch auf dessen Stimmung und die Wahrnehmung des Lesenden. 

Explikat 

Stephen Fry betont die Bedeutung des Metrums für die Lyrik mit dem Bild des Herzschlags:

THE LIFE OF A POEM IS MEASURED IN REGULAR HEARTBEATS. THE NAME FOR THOSE HEARTBEATS IS METRE. (Fry 2010, S. 6)

Damit unterstreicht er den Aspekt der Regelmäßigkeit, der regelmäßigen Abfolge von Hebungen und Senkungen, die das Gedicht von der gesprochenen Sprache unterscheidet. Zudem verdeutlicht er an dieser Stelle die Verbindung von Metrum und Wirkung auf den Lesenden bzw. – im Falle einer Rezitation – Zuhörenden. Nach Gero von Wilpert lässt sich das Metrum in zweifacher Hinsicht bestimmen: 

als kleinste rhythmische Einheit, die sich in die verschiedenen Versfüße wie Jambus, Trochäus, Daktylus, Anapäst, Spondeus aufteilen lässt und deren Wiederholung wiederum eine feste messbare Einheit – eben das Metrum oder Versmaß – entstehen lässt, die sich in Monometer, Dimeter, Trimeter, Tetrameter, Pentameter und Hexameter aufteilen lässt.  (von Wilpert,  S. 517)

Im Rahmen des Fachlexikons soll sich dieser zweiseitigen Ausrichtung angeschlossen und sich sowohl den Versmaßen als auch den sie konstituierenden Versfüßen zugewendet werden. 

Zu den häufigen Versmaßen gehören

 

Der Blankvers

Der Blankvers stammt aus der englischsprachigen Tradition. Er besteht aus fünf jambischen Versfüßen und ist ungereimt.

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Eingesetzt wird der Blankvers vornehmlich im versifizierten Drama, findet sich jedoch auch in Sarah Crossans preisgekrönten Versroman One. So erzählen die beiden siamesischen Schwestern Tipi und Grace jeweils in Blankversen:

Sisters
Here 
We Are. 
And we are living. 
Isn't that amazing? 
How we manage 
to be 
at all. 

(Crossan 2015, Pos. 52)

 

Der Knittelvers 

Der Knittelvers ist ein vierhebiger Vers, der stets paargereimt ist. 

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Zu unterscheiden sind zum einen der freie Knittelvers, bei dem die Silbenzahl frei ist. So ist das titelgebende Kapitel in Heinrich Hoffmanns Der Struwwelpeter durch einen freien Knittelvers gekennzeichnet: 

Sieh einmal, hier steht er,
Pfui! der Struwwelpeter!
An den Händen beiden
Ließ er sich nicht schneiden

(Hoffmann 1846)

Der strenge Knittelvers zum anderen ist durch eine feste Silbenzahl – acht oder neun – Silben gekennzeichnet, der sich im ebenfalls im Struwelpeter findet, und zwar in Die Geschichte vom bösen Friederich

Der Friederich, der Friederich,
Das war ein arger Wüterich!
Er fing die Fliegen in dem Haus
Und riss ihnen die Flügel aus.

(ebd.)

 

Der Trimeter 

Der Trimeter ist ein antikes Versmaß, welches sich aus jeweils aus drei Versfüßen mit freier Zäsur zusammensetzt, wobei diese häufig nach der fünften oder siebten Silbe gesetzt wird. 

Explikat 

Der (jambische) Trimeter findet sich bspw. – beständig alternierend mit dem Tetrameter – in The Walross and the Carpenter in Lewis Carolls Through the Looking Glass

'The sun was shining on the sea, 
Shining with all his might: 
[…]
The billows smooth and bright—

(Caroll 1991) 

Eduard Mörikes Auf eine Lampe ist ebenfalls durch dieses Versmaß gekennzeichnet: 

Noch unverrückt, o schöne Lampe, schmückest du,
An leichten Ketten zierlich aufgehangen hier,
Die Decke des nun fast vergessnen Lustgemachs. 

(Mörike)

Der Tetrameter 

Der Tetrameter ist ein antikes Versmaß, welches sich aus jeweils vier Versfüßen zusammensetzt.

Explikat

Der (jambische) Tetrameter findet sich bspw. – beständig alternierend mit dem Trimeter – in The Walross and the Carpenter in Lewis Carolls Through the Looking Glass

The sun was shining on the sea, 
Shining with all his might: 
He did his very best to make
The billows smooth and bright—

(Caroll 1991)

Darüber hinaus ist auch A Visit from St. Nicholas von Clement Clarke Moore durch – in diesem Fall – anapästische Tetrameter gekennzeichnet: 

'Twas the night before Christmas, when all through the house 
Not a creature was stirring, not even a mouse; 
The stockings were hung by the chimney with care, 
In hopes that St. Nicholas soon would be there; 

[…]

He sprang to his sleigh, to his team gave a whistle, 
And away they all flew like the down of a thistle. 
But I heard him exclaim, ere he drove out of sight— 
"Happy Christmas to all, and to all a good night!"

(Moore 1823)

 Zudem spricht auch Helena in Johann Wolfgang von Goethes Faust. Der Tragödie zweiter Teil in (antiken) trochäischen Tetrametern:

Tret' ich schwankend aus der Öde, die im Schwindel mich umgab,
Pflegt' ich gern der Ruhe wieder, denn so müd' ist mein Gebein:

(Goethe 1833)

Der Alexandriner 

Versmaß französischer Herkunft, welches durch einen sechsfüßigen Jambus und eine festen Zäsur nach der sechsten Silbe gekennzeichnet ist. 

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Der Versschluss des Alexandriners kann männlich oder weiblich sein, falls klingende – also weibliche – Kadenzen auftreten, alternieren diese meist regelmäßig mit männlichen.  

In Jean Baptiste Molières Der Misanthrop lässt dieser den Menschenfeind Alcest in Alexandrinern seine vernichtenden Worte über die zeitgenössische Lyrik sprechen und damit ironisieren: 

Alcest. Das sag' ich nicht. 
Doch jenem sagt' ich, daß ein frostiges Gedicht 
Den guten Ruf verdirbt und lästig fällt, 
Und daß man durch zur Schau getragne Schwächen 
All seine Tugenden in Schatten stellt. 

Alcest. Das sag' ich nicht. Doch jenem sagt' ich frei: 
Wer zwingt Sie denn zur Reimerei? 
Und wer, beim Teufel, gar zum Druckenlassen? 
Verzeihlich ist nur dann ein schlechtes Buch, 
Wenn der Verfasser nagt am Hungertuch. 

(Molière 1746)

Und auch bis in ein mehr als bekanntes kleines gallisches Dorf verschlägt es in Asterix und Kleopatra die Alexandriner und dies im doppelten – d. h. demonymischen und metrischen – Sinne:  

Alexandriner

(Goscinny und Uderzo 1969)

 

Der Pentameter 

Der Pentameter ist ein sechsfüßiges Versmaß, das ähnlich wie der Hexameter vornehmlich daktylisch aufgebaut ist. 

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Metrisch definiert wird der Pentameter zudem durch den sogenannten Hebungsprall, der als deutliche Zäsur spürbar ist. Dieser entsteht durch den Wegfall der Senkungen nach der dritten und sechsten Hebung, wodurch die dritte und vierte Hebung unmittelbar aufeinanderfolgen. Spürbar ist der Hebungsprall auch in der zweiten Zeile in Friedrich Schillers (Merk-)Vers Das Distichon:  

Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule,
Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab.

(Schiller 1943, S. 234)

 

Der Hexameter 

Der Hexameter ist ein Versmaß, das aus sechs Versfüßen besteht. Dies könne wahlweise sechs Daktylen mit katalektischem Schluss sein oder zwei Daktylen mit vier weiteren Versfüßen, Spondeen oder (im deutschen Hexameter) Trochäen. 

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Aufgrund der verschiedenen Variationsmöglichkeiten stellt der Hexameter ein sehr vielseitiges Versmaß dar. In seinem mit Das Distichon überschriebenen Vers verdeutlicht Friedrich Schiller nicht nur den Hexa- sondern auch den Pentameter:  

Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule,
Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab.

(Schiller 1943, S. 234)

 


Bibliografie

Primärliteratur

  Sekundärliteratur

  • Fry, Stephen: The Ode Less Travelled: Unlocking the Poet Within. Calgary: Cornerstone Digital, 2010.
  • Wilpert, Gero: Metrum. In: Ders. (Hrsg.): Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 2013.

 Erstveröffentlichung: 12.01.2017

 

 


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