von Mirijam Steinhauser

Eine humorvolle Urwaldgeschichte in expressiven Farben und großem Format – so verbinden sich Rudyard Kiplings Text und die Bildwerke der Künstlerin Ulrike Möltgen zu einem berauschenden Spektakel, das zum wiederholten Betrachten und Anhören einlädt.

Inhalt

Möltgen, Ulrike (Bild); Kipling, Rudyard (Text):
Die Entstehung der Gürteltiere.
Wuppertal, Peter Hammer Verlag, 2014.
32 S., 19,90 €
ISBN 978-3-7795-0483-2

Ein stachelig-kratziger Igel und eine träg-starre Schildkröte leben in längst vergangenen Zeiten als Freunde im Amazonasgebiet. Dort begegnet ihnen der kleine gefleckte Jaguar, der von seiner Mutter angeleitet wurde, wie er diese beiden schwierigen Beutetiere erledigen soll. Zum Glück sind aber Igel und Schildkröte ziemlich schlau und die junge Raubkatze naiv und vergesslich. So verwirren Igel und Schildkröte ihn erst mit Sprachverdrehungen und Witz und erlernen vor ihrer zweiten Begegnung mit dem Fressfeind die jeweiligen Eigenschaften des anderen: Der Igel übt fleißig das Schwimmen, die Schildkröte lernt, sich zusammenzurollen. Am Ende haben sich beide in eine ganz neue Tierart verwandelt: in schuppige Wesen, die schwimmen und sich zusammenrollen können. Die Jaguarmutter nennt dieses Tier nach den Beschreibungen ihres Sohnes Gürteltier – und genau so heißt es bis heute.

Kritik

Die Entstehung der Gürteltiere stammt aus einer Erzählsammlung des berühmten Dschungelbuch-Autors, die Rudyard Kipling für seine kleine Tochter schrieb und 1902 veröffentlichte. Unter dem Titel Geschichten für den allerliebsten Liebling wurden diese Erzählungen, die von einer noch jungen Welt erzählen, in Deutschland bekannt. Mit ihrem Witz und Einfallsreichtum sind sie ein großes Vorlesevergnügen und wollen nicht belehren, sondern unterhalten. Besonders die häufigen Ansprachen an das zuhörende Kind, den allerliebsten Liebling eben, und die ausgedehnten dialogischen Passagen machen den Text über die Gürteltiere lebendig. Das Kind wird in dieser Geschichte gerne die Position der klugen Tiere einnehmen und sich an der Einfalt des kleinen Jaguars freuen. Dies wird gerade dann erfolgen, wenn es sich selbst sonst häufiger in der Lage des unwissenden Kindes befindet, die die kleine Raubkatze repräsentiert.

Die Künstlerin Ulrike Möltgen hat Kiplings Geschichte kraftvoll in Szene gesetzt. Ihre Illustrationen – großformatige expressive Papier- und Materialcollagen, die um malerische Elemente ergänzt werden – entstehen in aufwändiger Handarbeit. Die wilden Scherenschnittelemente erinnern an Matisses Spätwerk. Die Bilder werden anschließend vom Verlag abfotografiert und am Computer gelayoutet. An den Bildern zu Die Entstehung der Gürteltiere hat Möltgen ein halbes Jahr lang gearbeitet (Siehe den Fernsehbericht des WDR über die Illustratorin unter www.youtube.com/watch?v=TjAEf2xDm_k [Stand: 02.04.2015]).

Diesen langwierigen aber lustvollen Entstehungsprozess sieht man den Reproduktionen an, die sich Plastizität und Verspieltheit erhalten haben. Die Bilder fordern den Leser heraus, indem sie ihn nach den aus einzelnen Elementen zusammengesetzten Tieren suchen lassen. Zugleich sind sie voller Kraft, jedes Bild für sich ist ein Kunstwerk, das mehrere Ebenen und Einzelszenen beinhaltet. Glücklicherweise hat der Peter Hammer Verlag diesen Bildern durch die Wahl eines übergroßen Formats genügend Raum verschafft und sie in einer hervorragenden Druckqualität wiedergegeben. Niedlichkeit, wie sie sich sonst häufig als Möglichkeit der Identifikation und Sympathieentwicklung im Bilderbuch zeigt, wird hier eher als Sinnbild für die Leichtgläubigkeit und Dummheit des kleinen Jaguars verwendet, der mit großen Kulleraugen im Kindchenschema dargestellt wird. Schildkröte und Igel treten auch in den Bildern als gewitzte Akteure auf, die häufig im Hintergrund handeln. Am Ende des Buches steht dann die fröhlich-farbige Inszenierung der beiden Gürteltiere, die das Jaguarkind verwirren und dem Betrachter als neue Spezies vorgestellt werden.

Fazit

Rudyard Kiplings klassisch-zeitloser Text erhält in diesem Bilderbuch durch die Arbeiten Ulrike Möltgens eine gleichwertige Ergänzung. Der kindliche Rezipient wird ihn sich immer wieder vorlesen lassen und dabei oder auf eigene Faust in die farbstarken Bildwelten eintauchen. Der lange Erzähltext kann erst ab etwa sechs Jahren aufgenommen werden, wenn die kindliche Konzentrationsspanne der ausgedehnten Vorlesezeit entspricht. Die Bilder erlauben bereits frühere Zugänge zu der Geschichte. Auch für den erwachsenen Mit- und Vorleser ist dieses Bilderbuch eine Bereicherung, wenn er sich auf die ungewohnte Augenreise einlässt.

Erstveröffentlichung: 08.04.2015


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