von Almuth Noosten

Wie lebt es sich in einer mittelalterlichen Stadt? Der junge Kaufmannssohn Endres schaut gerne mit seinem Freund Jos, dem Sohn eines Schmieds, dem Treiben in seiner Heimatstadt Lübeck zu. Doch dann heißt es für Endres Abschied nehmen.

Bär, Anke: Endres, der Kaufmannssohn. Vom Leben in einer mittelalterlichen Hansestadt.
Gerstenberg, Hildesheim, 2014.
64 Seiten. 14,95 €
ISBN 9783-8369-5774-8.
Empfohlen ab 8 Jahren.

Inhalt
Wir befinden uns im Jahr 1398 in der Hansestadt Lübeck. Hier lebt der 12-jährige Kaufmannssohn Endres mit seiner Familie. Sein Vater ist ein bedeutender Fernhandelskaufmann und oft unterwegs auf Handelsreisen in andere Hansestädte. Endres liebt es, mit seinem Freund Jos durch die Straßen zu streifen und im Hafen beim Löschen der Waren zuzusehen. Nach Beendigung seiner sechsjährigen Schulzeit ist für Endres der Weg von seinem Vater vorbestimmt – an Bord der Maria Magdalena fährt Endres ins ferne Riga, um dort bei seinem Onkel in die Lehre als Kaufmann zu gehen.

Kritik
Aus der Sicht des 12-jährigen Endres führt Anke Bär in das mittelalterliche Lübeck ein. In dem erzählenden Sachbuch erfährt der Leser in kurzen, zweiseitigen Kapiteln zum einen durch die interne Fokalisierung viel Wissenswertes über das Alltagsleben im Mittelalter abseits von Burgen und Rittern. Was isst Endres zu Mittag? Wie sehen sein Unterricht und sein Zuhause aus? Welche Bedeutung hat die Arbeit des Vaters für ihn?
Zum anderen liefert die Geschichte um Endres zahlreiche Stichwörter zur Hanse und dem Leben im Mittelalter, die als kleine Erklärtexte und Illustrationen näher erläutert werden. Die Infotexte klären einzelne Begriffe wie "Koggen" oder "Vitalienbrüder" und erläutern den Umgang mit Tod und Krankheit oder dem Zeitbegriff im Mittelalter. Wir erfahren neben vielen Details über den Warenhandel etwas über die Ständegesellschaft, die Rolle der Frau und die Gründung von Städten.
Gelungen sind dabei die von der Autorin stammenden Illustrationen, die der mittelalterlichen Buchmalerei nachempfunden sind und die vielen interessanten Informationen auf kindgerechte Weise veranschaulichen. So zeichnet sie auf einer Seite zu den im Mittelalter bekannten Lebensmitteln beispielsweise auch Kartoffeln und eine Tomate, die mit dem Kommentar "gab es noch nicht" durchgestrichen sind.
Die verwendeten Überschriften im Stil mittelalterlicher Handschriften und die durch nachgeahmte Stockflecken und feine Risse altertümlich wirkenden Papierseiten tragen ebenso zur außergewöhnlich ästhetischen Aufmachung des Buches bei.
Zur Deutschen Hanse sind eine mit unbekannten Meeresbewohnern illustrierte Karte mit den wichtigsten Hansestädten und eine kleine Chronik beigefügt. Spannend ist zudem der leider sehr klein gedruckte Anhang, in dem die Autorin über den Entstehungsprozess ihres Buches erzählt und einen kleinen Einblick in das Forschen gibt. Fachkundig beraten wurde sie von Dr. Rolf Hammel-Kiesow, der im Lübecker Stadtarchiv die Geschichte der Hanse erforscht und die wissenschaftliche Konzeption für das Europäische Hansemuseum in Lübeck erstellte. Zusätzlich führt Anke Bär interessante Buch-, Film- und Museumstipps auf für diejenigen, die sich mit der Hansezeit weiter beschäftigen möchten. 

Fazit
Das sowohl für den Deutsch-Französischen Jugendliteraturpreis wie für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2015 in der Kategorie Sachbuch nominierte Kinderbuch beleuchtet die Hanse und das Leben im Mittelalter auf sehr informative und reizvolle Weise. Das Leben zur Hansezeit wird Kindern ab acht Jahren durch die Geschichte von Endres und seiner Familie anschaulich und einfühlsam nahegebracht. Für Schulkinder ist es spannend zu erleben und zu vergleichen, wie Endres Schultag ablief oder eine Stadt ohne Autos und Straßenbahn aussah. Die einzelnen Kapitel sind kurz und gut lesbar, während die Infotexte und der Anhang leider etwas klein gedruckt sind. Die Erklärtexte sowie die detailreichen Illustrationen machen das Buch auch für ältere Leser interessant, die mehr über das Leben im Mittelalter erfahren möchten.


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