von Alina Wanzek

Wer ist Coco? Was ist ein "Kleines Schwarzes"? Das sind nur zwei von vielen Fragen, die den kindlichen Lesern vor der Rezeption des vorliegenden Bilderbuches im Kopf herumschwirren. Coco Chanel ist keine Persönlichkeit, die bereits jüngeren Kindern geläufig ist. Annemarie van Haeringen bereitet trotzdem (oder gerade deshalb) die Geschichte der berühmten Frau für Kinder nachvollziehbar auf.

van Haeringen, Annemarie: Coco und das Kleine Schwarze.
Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart, 2014.
32 Seiten. 14,90 €
ISBN: 978-3-7725-2883-5.
Empfohlen ab 6 Jahren.

Inhalt
Im Bilderbuch wird die Lebensgeschichte der Französin Coco Chanel - insbesondere ihr Werdegang als Modedesignerin - in Bild und Text skizziert. Coco wächst unter ärmlichen Bedingungen im Waisenhaus auf, obwohl ihr Vater noch lebt. Unter der Obhut der strengen Nonnen erlernt sie das Nähen, das ihr einen Ausweg aus der Armut eröffnet. Das Mädchen strebt jedoch nach mehr, als nur für sich sorgen zu können: "Coco bekommt eine Anstellung als Näherin. [...] Sie will nie wieder arm sein. Doch um reich und berühmt zu werden, ist mehr nötig." Um dieses Ziel zu verwirklichen, zieht sie zu einem "steinreichen Freund" und erlangt auf diese Weise die Eintrittskarte in die Gesellschaft der Reichen und Schönen. Coco tut alles, um dazuzugehören. Mit der Damenmode ihrer Zeit vermag sie sich jedoch nicht zu identifizieren. Sie trägt beim Reiten Hosen und weigert sich, ein Korsett anzuziehen. Stattdessen näht sie sich ein Kleid, "mit dem man tanzen und Fahrrad fahren kann." Coco hat den Mut, anders zu sein. Das wird belohnt: "Sie erregt Aufsehen in ihrer Reithose und darf gemeinsam mit den Männern ausreiten." Es zeigt sich, dass ihre revolutionäre Mode auch gesellschaftliche Grenzen überwindet.

Ihre Kundinnen bewundern ihren schlichten, aber eleganten Stil und die Freiheiten, die sich aus diesem ergeben. Aus den Einnahmen des Verkaufs einer von ihr selbst entworfenen Hutkollektion eröffnet Coco ihren ersten eigenen Laden. Sie entwirft Kleidung, die auf die Bedürfnisse der Damenwelt eingeht und emanzipatorische Kräfte freisetzt. Schließlich kreiert sie ein Modestück, das sie weltweit berühmt macht: ein schlichtes zeitloses schwarzes Kleid für verschiedene Anlässe - das  "Kleine Schwarze". 

"Jetzt hat jede ihr 'Kleines Schwarzes'. Und Coco? Sie ist alles andere als ein Niemand!"

Kritik

Annemarie van Haeringen verarbeitet in diesem Werk nicht nur die Biografie der weltberühmten Modeschöpferin, sie erzählt insbesondere eine Geschichte über das Anderssein und das Streben nach der Verwirklichung der eigenen Lebensträume. Coco Chanel wird zu einer Persönlichkeit stilisiert, die behutsam und charmant mit bestehenden Traditionen bricht. Ihre Mode bietet den Frauen ihrer Zeit neue Freiheiten und Perspektiven dar und stärkt ihr Selbstbewusstsein - auch gegenüber dem männlichen Geschlecht.  

Auf dem Cover ist auf schwarzem Hintergrund ein gelb gefülltes Flakon zu sehen, das nur der erwachsene, modebewusste Lesende als das berühmte Parfüm Chanel No 5 erkennen wird. Darin zu sehen ist die Gestalt der jungen Coco, die den Boden schrubbt und dabei den Leser freundlich lächelnd und einladend anblickt. In der Synthese des arbeitenden Waisenkindes und der Parfümflasche wird ihre Erfolgsgeschichte vorausgedeutet.


Ein außenstehender Erzähler mit Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt der Protagonistin führt den Leser durch die Geschichte. Der Sprachstil ist lebendig. So reihen sich elliptische und einfach strukturierte Sätze aneinander. Die Erzählmodi reichen von kurzen Erzählberichten über (zahlreiche) direkte Rede. Ferner werden ausschmückende Adjektive verwendet. Für den Leser bietet diese sprachliche Gestaltung ein abwechslungsreiches Leseerlebnis.

In den Illustrationen, die parallel zum Text erzählen, wird der Bezug zur Modewelt durch die Übernahme von Stilelementen aus Modezeichnungen signifikant. Insbesondere die abgebildeten Frauenfiguren, die verschiedene Kostüme der Designerin tragen, erinnern an skizzenhafte Figuren aus Modeentwürfen. Der visuelle Prolog, der sich zwischen Buchdeckel und Innentitel befindet, zeigt ein Schnittmuster für ein Kleid. Im visuellen Epilog am Ende des Buches ist kein Schnittmuster mehr zu sehen, sondern das vollendete Kleine Schwarze. Dieses wird nicht nur zum Markenzeichen der Modeschöpferin, sondern fungiert auch als Symbol für die Lebensträume der jungen Frau. Zu Beginn ihres Lebens existiert nur eine Vorstellung, ein Entwurf, von ihrer Zukunft. Am Ende wird diese Vision in der Kreation des Kleides lebendig.

In den Illustrationen entfaltet sich über das Spiel mit räumlichen Perspektiven ein besonderes Wirkungspotenzial, zum Beispiel das doppelseitige Bild vor grünem Hintergrund, das die zierliche Coco am unteren rechten Rand zeigt. Am oberen linken Rand der Doppelseite sind einige "vornehme Damen" mit auffälligem Hutschmuck abgebildet. Die räumliche Distanz markiert die Einzigartigkeit Coco Chanels, die trotz aller Bemühungen nicht in die neuen, reichen Kreise hineinzupassen scheint. 

Die Persönlichkeit der Protagonistin wird als schillernd und vielfältig beschrieben. Coco Chanel ist ein verletzliches Mädchen, "zerbrechlich wie eine Eierschale", verträumt und einsam. Gleichzeitig hat sie Talente, ist ehrgeizig und zielstrebig. Die junge Frau bleibt sich selbst treu und rebelliert auf stille, aber bestimmte Weise gegen vorhandene Strukturen und Gepflogenheiten. Dem Leser wird somit keine übermächtige Persönlichkeit vorgesetzt, sondern ein authentisches Individuum mit Identifikationspotenzial.

Fazit

Im vorliegenden Bilderbuch gelingt, was zunächst befremdlich anmutet: Die Lebensgeschichte einer Frau, die kaum anschlussfähig an die kindliche Lebenswelt zu sein scheint, wird auf kindgerechte Weise im Medium Bilderbuch dargestellt. Vor dem Hintergrund der weiblichen Protagonistin und dem Modethema mag so mancher Zweifel aufkommen, ob dieses Bilderbuch auch für Jungen ansprechend ist. Dieses Bedenken ist jedoch nach einer umfassenden Betrachtung des Werkes zu relativieren.

Das Bilderbuch regt Mädchen und Jungen ab dem Grundschulalter gleichermaßen dazu an, über die eigenen Träume nachzudenken und diese trotz aller Hindernisse auch zu verfolgen und zu verwirklichen. Dieser den Kindern doch sehr fremde Lebensentwurf bietet zudem die Möglichkeit, den eigenen Erfahrungshorizont zu erweitern. Diese Erfahrungserweiterung vollzieht sich nicht "auf der Ebene der Bewunderung für besondere Begabungen oder herausragende Lebensleistungen […], sondern vielmehr auf der Ebene der Bewunderung menschlicher Stärke-, Tat-, und Durchsetzungskraft" (vgl. Hesse-Hoerstrup 2011, 9f.).

Das Bilderbuch Coco und das Kleine Schwarze ist im Jahr 2015 zu Recht für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2015 in der Sparte Bilderbuch nominiert worden.

Literaturangabe
Hesse-Hoerstrup, Dorothee: Leben auf Probe. In: JuLit 37 (2011) H. 3. S. 3-10.  



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