von Lisa Grundmann

Blütentapete, Pullunder und Kachelmuster. Der Kleine Vati entspringt stilecht den 1970er Jahren – 1970 ist es im Buch- und Kunstverlag Leipzig in der damaligen DDR erschienen. Das Bilderbuch beschreibt einen Tag im Leben der kleinen Monika und ihres Vaters. Ein Rollentausch zwischen ihnen kennzeichnet die Geschichte. Getextet wurde von Nils Werner im Paarreim-Stil, illustriert von Inge Gürtzig.


Inhalt

Werner, Nils/Guertzig, Inge: Der kleine Vati.
Buch- und Kunstverlag, Leipzig 1970.
20 Seiten. Antiquarisch erhältlich.                                           Empfohlen ab 3 Jahren.


Die circa fünfjährige Protagonistin Monika begleitet den Leser ruhig durch die realistische Geschichte. Der Rollentausch zwischen Vater und Tochter ist der wesentliche Inhalt der Story: "Ich bin groß und du bist klein, Vati muß ein Baby sein!", sagt Monika, als sie an einem Sonntagmorgen aufwacht. An Püppchen, Ball und Hampelmann ist sie vorbei gegangen. Heute will sie nur mit ihrem Papa spielen. Dem Vater gefällt ihre Idee und er lässt sich auf den Spaß ein. Er wird zum kleinen Kind und Tochter Monika schlüpft in die Rolle des Erwachsenen.

Zuerst will Monika den kleinen Vati frisch machen. Sie holt einen nassen Schwamm. Der Vater versucht der Katzenwäsche zu entgehen, doch Monika lässt sich nicht beirren, schließlich trägt sie jetzt die Verantwortung: "Wäscht man Augen, Hals und Ohren, fühlt man sich wie neugeboren!", spricht sie pflichtbewusst und zieht ihn danach an. Ein frisches Hemd und den Pullunder, dann werden die Haare gekämmt. Der Vati ist beeindruckt und lobt sie. Auf den nächsten Doppelseiten spielen sie: "Pferd und Reiter", Kasperletheater, Hund, Hahn und Ringelreihen. Nach dem Mittagsschlaf im großen Bett des Vaters taucht auch die Mutter auf. Sie gehen alle spazieren. Als sie an eine Straße kommen, bleibt die Tochter am Straßenrand stehen und erklärt wie ein verantwortungsvoller Erwachsener: "An der Straße bleibst du stehn, um den Kopf nach rechts zu drehn. Ist auch rechts nichts mehr zu sehn, darfst du rasch hinüber gehen." Die Mutter ist stolz und lobt das Mädchen.

Im Stadtpark angekommen, sehen sie Kettenkarussell und Fressbuden – ein Rummel ist aufgebaut. An der Zuckerbäckerei essen der kleine Vati und die Mutter süße Krapfen; Monika nimmt keine. Ein Tränchen rollt. An einem Kreiskarussell blickt Monika sehnsüchtig zu den anderen Kindern. Auf Pferd und Schwan, Omnibus und Straßenbahn fahren sie im Kreis herum. Nun hat Monika keine Lust mehr, ein Erwachsener zu sein, und bittet den Vati, die Rollen wieder zu tauschen. Jetzt kann sie mit leuchtenden Augen das Karussell besteigen.
Am Abend trägt der Vater seine Tochter in ihr Zimmer und wünscht ihr eine gute Nacht. Moni ist glücklich "… und es ist ihr anzusehn: dieser Tag war wunderschön!"

Kritik

In seiner Gesamtheit wirkt das Buch wie ein durchgeplanter Tag einer ehemaligen DDR-Kita: fester Tagesablauf mit Regeln zum Miteinander und kaum Platz für Fantasie. Beim Lesen der Paarreime verfällt der Leser und Zuhörer in einen Rhythmus, welcher ein Gefühl von Sicherheit, Struktur und Ordnung vermittelt. Der Reim bleibt leicht im Gedächtnis, ist gut wiederholbar und verbreitet eine fröhliche Stimmung. Für ein Bilderbuch also eine durchaus passende Wahl der Erzählform.

Der kleine Vati entstand 1970, weshalb nicht betont Wert auf typische Stilelemente der 70er gelegt wird. Die schwingen ganz von selbst mit. Hier und da entdeckt man auf Cover und Doppelseiten Blümchentapete, verschiedene Muster auf Übertöpfen und Gardinen, flache Sessel mit Blumen und Blättern, bunte Teppiche und Fliesen. Ein Badeofen zum Aufheizen von Duschwasser steht im Badezimmer der Familie. Punkte und Streifen sind auf Bettwäsche und Kleidung zu sehen. Der Vater trägt Tweed-Sakko, Schlips und Hut. Die Mutter hat eine Lederjacke zum roten Minirock an und ein Tuch klassisch um den Kopf gebunden. Monika ist im kurzen Kleidchen illustriert, mit zwei Zöpfen und Schleifen im Haar. Sehr mädchenhaft. Schön, dass Autor und Illustratorin als Darstellung der Bezugsperson den Vater gewählt haben, wodurch diese perfekt geschlechtertypische Darstellung, ganz im Sinne der damaligen Zeit, etwas aufgelockert wird.

Die realistischen Illustrationen wurden mit Hilfe von Schnipsel-Klebetechnik für Haushaltsgegenstände und Möbel, Pinsel und Farbe für die gemalten Personen und Kartoffeldrucken für Blüten und Blättern an z. B. Bäumen gestaltet. Durch den großen nicht bemalten Weißanteil auf den Seiten konzentriert sich der Blick auf wesentliche Stilelemente. Auch dadurch wird ein Gefühl der Struktur und Ordnung hergestellt, so wie es für die sozialistische DDR-Erziehung typisch war.

Die DDR-Kinderbücher waren zwar international anerkannt, doch blieben sie nicht frei von ideologischen und politischen Motiven. Herausstechend ist dabei die Idee des radikalen Realismus. Typisch für die Zeit der Entstehung des Buches ist der Grundgedanke, Kindern keine Scheinwelt vorzuleben, sondern sie mit der realen Welt, ungeschönt, zu konfrontieren. Das Bilderbuch versteckt Lernsprüche (wie man richtig wäscht oder die Straße überquert), welche unscheinbar einen Lerneffekt im Kind erzeugen sollen. Moni soll dabei als Vorbild dienen. Der Vater und die Mutter loben ihr "richtiges" Verhalten und drücken somit ihre Anerkennung für sie aus und dass die Tochter schon ein "großes" – dem Erwachsenen ähnliches – Mädchen sei. Dafür schlüpft der Vati sogar kurz aus der Rolle des Kindes in die des Vaters, nur um sein Lob und seine Wertschätzung auszusprechen.

Die pädagogische Wertvorstellung der Geschichte bebildert damit zwei ungleiche Erziehungsstile: den suggerierenden, autoritären Stil von der Vermittlung von Verhaltensrichtlinien - wie ein Kind sein sollte. Und die antiautoritäre Grundhaltung von grenzenloser Freiheit und Selbstständigkeit - gegeben durch die Macht des Rollentausches. Beide Extreme sind typisch für die 1970er Jahre.

Fazit

Der kleine Vati erzählt von einem Tag einer gutbürgerlichen DDR-Kleinfamilie aus den 70ern, an welchem der Rollentausch zwischen Vater und Tochter im Mittelpunkt steht und der jedes Kind zum Schmunzeln bringt. Die Altersempfehlung auf der Rückseite des Covers ist vier bis sechs Jahre – Vorschulalter.  Es sollen ein geregelter Tagesablauf und Gebote vermittelt werden, wie z. B. die Verkehrsregeln. Die weibliche Protagonistin kann Jungen wie Mädchen gefallen, die sich für Themen im Familienalltag interessieren und am Rollentausch Spaß haben. Aus heutiger Sicht ist die Altersempfehlung zu eng gefasst: Jung wie alt kann sich an diesem Bilderbuch aus den 70ern erfreuen. Es ist durch seine klaren Abläufe in der Erzählung und die Reimform gut zum Vorlesen (0-6) und ebenso für Erstleser (6-8) geeignet; das Buch kann allerdings nur antiquarisch erworben werden. Eltern sowie Großeltern werden durch den typischen 70er-Jahre-Stil in Erinnerungen schwelgen.

Der kleine Vati gibt außerdem Einblicke in die pädagogische Kultur der DDR. Oder wie Caroline Führer es in "Die andere deutsche Erinnerung: Tendenzen literarischen und kulturellen Lernens" (2016, S. 264) formuliert, erlauben die Überlieferungen, "sich im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild zu machen von damaligen Denkmustern und Vorstellungen über Kindheit, Freundschaft, Familie". Das wiederum kann eine Basis für interessante Gespräche zwischen den Generationen bieten.


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