von Philipp Schmerheim

Gebärdensprache nutzen, um mit Kindern zu kommunizieren, bevor sie sich lautsprachlich äußern können: Auf dieser Grundidee beruhen die liebevoll gestalteten Bilderbücher Otto spielt und Otto geht spazieren. Sie sind empfehlenswert für alle, die ihre Kinder bereits früh zu ganzheitlicher Kommunikation anregen wollen – und ganz nebenbei tragen sie dazu bei, eventuell bestehende Vorurteile gegen Gebärdensprachen abzubauen.

Butz, Birgit und Anna-Kristina Mohos (Text), Kata Pap (Ill.): Otto spielt.
Kindergebärden, Potsdam 2015.
10 Seiten. 8,95 €
ISBN 978-3-00-049298-3.
Empfohlen ab 8 Monaten.

 

Butz, Birgit und Anna-Kristina Mohos (Text), Kata Pap (Ill.): Otto geht spazieren.
Kindergebärden, Potsdam 2016.
10 Seiten. 8,95 €
ISBN 978-3-00-049298-3.
Empfohlen ab 8 Monaten.

Inhalt

Als voll ausgeprägte visuell-manuelle Sprache mit eigener Grammatik ist die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ein zentraler sprachlicher und kultureller Ankerpunkt für gehörlose und auch schwerhörige Menschen. Die Gebärdensprachdolmetscherin Anna-Kristina Mohos und Birgit Butz setzen sich dafür ein, dass Kindergebärden für die Sprachförderung von Kindern im Säuglings- bis Grundschulalter genutzt werden: Kindergebärden sind aus der DGS entlehnte Gebärden, die schon die Kommunikation mit sechs bis acht Monate alten Kleinkindern ermöglichen sollen, sobald sie in der Lage sind, Gesten nachzuahmen und grundsätzlich zu verstehen. Kindergebärden fungieren somit als Brückensprache, um sich mit ihnen zu unterhalten, bevor diese sich aktiv lautsprachlich äußern können. Zugleich dienen sie dazu, Feinmotorik, Kognition und Sprachentwicklung frühzeitig zu fördern. Die Kindergebärden werden z. B. begleitend zu lautsprachlichen Äußerungen genutzt, um Gegenstände, Worte oder Vorgänge zu bezeichnen.

Die von Butz und Mohos geschriebenen und von der Ungarin Kata Pap (www.papkata.hu) illustrierten Bilderbücher Otto spielt (2015) und Otto geht spazieren (2016) veranschaulichen einzelne Kindergebärden anhand von graphisch dargestellten Spielsituationen eines kleinen Jungen namens Otto. Es wird keine zusammenhängende Geschichte erzählt; stattdessen werden episodisch auf jeweils einer Doppelseite Vorgänge und Gegenstände aus der kindlichen Erlebniswelt beschrieben und dargestellt. Während sich Otto spielt dem Erlebnisraum des kindlichen Spielzimmers widmet, thematisiert Otto geht spazieren Vorgänge und Gegenstände aus der kindlichen Umwelt unter freiem Himmel, etwa Baustellen und Parks. Narrativ gerahmt wird Otto geht spazieren dabei insofern, als der Junge im ersten Doppelbild mit seinem Vater zu einem Spaziergang aufbricht und im letzten Doppelbild abends wieder heimkehrt.

Jedes Bilderbuch besteht aus fünf Doppelseiten, die nach dem gleichen Muster aufgebaut sind: Ein die Doppelseite umfassendes Bild visualisiert die jeweilige (Spiel-)Situation Ottos, ergänzt durch jeweils vier parataktisch konstruierte Sätze (drei Aussagesätze sowie um einen nachgestellten Begleitsatz ergänzte wörtliche Rede), mit denen die Situation schriftsprachlich beschrieben wird. So heißt es z. B.: "Otto und Mama tanzen. Mama singt dazu. Das macht Spaß. ‚Noch mal, noch mal!‘, ruft Otto." (in: Otto spielt, S. 9-10) Am rechten Rand der Doppelseite werden anhand von klar abgegrenzten Illustrationen, die wiederum die Figur Otto zeigen, jeweils drei passende Kindergebärden vorgestellt, wobei auf Bewegungslinien zurückgegriffen wird (im eben genannten Beispiel sind das "tanzen", "singen" und "noch mal"). Die ausgewählten Gebärden sind bewusst einfach und können in den meisten Fällen einfach nachgebärdet werden – dennoch dürften zumindest ungeübte VorleserInnen vorsichtshalber auf die Beispielvideos zurückgreifen, die sich auf der Internetpräsenz der Autorinnen finden: www.kindergebärden.de. Dort gibt es neben schön aufbereiteten weiterführenden Informationen auch eine Übersetzung von Otto spielt ins Arabische.

 Kritik

"Baby sign language" ist im angelsächsischen Raum schon sehr beliebt, in Deutschland aber noch weniger bekannt. Die Grundidee ist großartig, im Rahmen der frühkindlichen Sprachförderung die Gebärdensprache zu nutzen, der ansonsten im kulturellen Mainstream eher eine Nischenfunktion zukommt. Das fördert im Normalfall die kindlichen Ausdrucksfähigkeiten, im besten Fall legt es auch die Grundlagen, um weiterhin bestehende Vorurteile gegenüber Gebärdensprachen und der Gehörlosenkultur abzubauen. (Immerhin ist die Deutsche Gebärdensprache [DGS] in der Bundesrepublik Deutschland erst seit 2002 rechtlich überhaupt als Sprache anerkannt.)

Die mit Liebe zum Detail gezeichneten Illustrationen sind klar konturiert und in bunten, gesättigten Deckfarben koloriert. Dass sich – an Wimmelbücher erinnernd – jeweils viele kleine Details und unterschiedliche Gegenstände entdecken lassen, fördert das wiederholte gemeinsame Vorlesen mit dem Kind. Und zum wiederholten Vorlesen sind die auf stabiler Pappe gedruckten Bücher gedacht, denn die hier vorgestellten Kindergebärden prägen sich üblicherweise erst nach mehrfachen Wiederholungen ein. Dabei handelt es sich offensichtlich nicht um reine Vorlesebücher, vielmehr müssen die Situationen und Gebärden zusammen mit dem Kind geradezu inszeniert werden, um einen Lerneffekt zu erzielen.

Wenngleich die Otto-Bücher sich grob an einem jeweils einheitlichen kindlichen Lebensraum orientieren, wirken die auf den Doppelseiten präsentierten Situationen zumindest in Otto spielt auf den ersten Blick etwas willkürlich zusammengestellt – allerdings werden für den jeweiligen Bereich wichtige Gebärden präsentiert und illustriert, etwa Verben wie spielen, schlafen, trinken und essen oder Gegenstandsbezeichnungen wie Auto, Ball, Hund oder Teddy.

Fazit

Otto spielt und Otto geht spazieren sind liebevoll umgesetzte Bilderbücher, die vor allem für Kinder bis drei Jahren interessant sind und einen bisher kaum beachteten Bereich der kindlichen Sprachförderung im Bilderbuchrahmen abdecken. Mit ihnen können Eltern und ErzieherInnen neue Sprachförderungsinstrumente finden, die sich zudem spielerisch einsetzen lassen. Schade ist, dass die Autorinnen sich nicht trauen, die Episoden im Rahmen einer zusammenhängenden Geschichte zu erzählen – das wäre vielleicht ein Projekt für die nächste Buchpublikation.


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