von Erkan Osmanovic

Als einziges weißes Häschen ist Milli Hasenfuß dem Spott der anderen Hasen ausgeliefert. Ihre Flucht vor dem vermeintlichen Makel bringt sie vom Wald über die Stadt bis ins kahle Gebirge – und schließlich zu sich selbst.

Stavarič, Michael (Text); Möltgen, Ulrike (Bild); Walther, Franziska (Buchgestaltung): Milli Hasenfuß.
Kunstanstifter, Mannheim, 2016.
24 Seiten, 19,80 €
ISBN 9783-942-795-401.
Empfohlen ab 6 bis 8 Jahren.

Inhalt

Die Geschichte handelt vom schüchternen weißen Häschen Milli Hasenfuß. Milli hat Angst vor Adlern, Jägern und Füchsen. Doch mehr als diese fürchtet sie die Blicke der anderen Häschen. Denn alle anderen haben ein schwarzes Fell, und so ist es ein Leichtes für sie, sich vor den Gefahren des Waldes zu verstecken. Und Milli? Die hat weniger Glück: Sie fällt auf. So beschließt Milli in die weite Welt aufzubrechen, nach einer Zuflucht suchend. Die ersten Schritte führen sie in ein Blumenfeld. Doch die Blumen wollen ihre Gesellschaft nicht. Auch die Schmetterlinge möchten Milli nicht unter sich haben. Selbst die Baumkronen gewähren ihr keinen Unterschlupf. Millis Odyssee bringt sie gar in die Großstadt, wo sie aber nicht lange verweilt und auch die einsamen Berge entpuppen sich als unpassend. Nach all diesen Enttäuschungen fällt Milli in einen tiefen Schlaf und wird erst durch die ersten Schneeflocken des Jahres geweckt: Es ist Winter. Die Blumenfelder, die Wälder, die Berge, die Hausdächer, einfach alles ist bedeckt vom schönen Weiß. Milli kann jetzt überall hin, ohne Furcht. Wird ihr vermeintlicher Makel nun zum Vorteil?

 

Kritik

Das Buch besticht bereits auf den ersten Blick und Griff. Ulrike Möltgen macht den Buchumschlag zum visuellen Erlebnis und Franziska Walthers, die für die Buchgestaltung verantwortlich ist, bewirkt durch den geschickten Einsatz von Halbleinen mit Metallicprägung, dass auch der haptische Ersteindruck überzeugt. Die Illustrationen von Ulrike Möltgen, die unter anderem auch Rudyard Kiplings Die Entstehung der Gürteltiere (2014) illustrierte, bezaubern durch farbenreiche Collagen, in denen jede Farbnuance ihren notwendigen Raum einnimmt. Alle Bilder zeigen Milli, das titelgebende Häschen. Millis Andersartigkeit wird durch die Bildkompositionen sichtbar gemacht: Auf dem ersten Bild nehmen zwei schwarze Hasen – ausgehend vom linken Bildrand – beinahe die gesamte Fläche der Doppelseite in Anspruch. Sie befinden sich vor einem rot-grünen Hintergrund. Gedrängt in der rechten unteren Ecke findet sich die schneeweiße Milli Hasenfuß. Sie flieht vor den Worten der beiden: "Was bist du denn für ein Hasenfuß? Warte doch ….". (sic!) Das Leitmotiv wird eingeführt: Die empfundene Unzulänglichkeit. Auf dem zweiten Bild zeigt sich diese Problematik erneut. Beim Versuch, es den anderen gleich zu tun und sich hinter einem Gebüsch zu verstecken, scheitert Milli. Hohn und Spott sind ihr Lohn: "Ätsch, ätsch, uns sieht keiner und dich jeder, jeder Adler, jeder Jäger, jeder Fuchs, ätsch, ätsch, ätsch!". Der Autor Michael Stavarič treibt die Narration mittels direkter Rede voran und verzichtet beinahe vollkommen auf den Einsatz einer Erzählfigur. Der Sprachduktus ist angelehnt an die Sprachwelt der empfohlenen LeserInnengruppe – konkret bedeutet dies beispielsweise den präzisen Einsatz von Interjektionen ("ätsch") und Umgangssprache. Der Einsatz dieser Sprachmittel ermöglicht es den LeserInnen, sich unmittelbar mit Millis Situation zu identifizieren. Anderssein ist hier keine geschätzte Besonderheit, es ist vielmehr eine lebensbedrohliche Eigenschaft. Millis Versuche, in diversen Umgebungen unterzutauchen, werden zur Flucht vor sich selbst. Die Illustratorin Ulrike Möltgen setzt dabei auf eine Klimax der Farben. Nach der ersten ungeordneten Komposition des Waldes auf der ersten Seite dominieren sanfte Rot-, Grün- und Gelbtöne, deren Flächen eine gewisse Ordnung aufzeigen. Diese Ordnung löst Möltgens Großstadtbild abermals auf. Ihre Materialmontage findet hier ihren Höhepunkt und lässt Milli in einem Farbenmeer geradezu untergehen. Stavarič gelingt es, diese Situation durch Worte auf das Blatt zu bannen: "'Ach Milli', blinken wild die Ampeln, 'wir leuchten rot, orange und grün, hier darfst du nicht verweilen. All die Straßen, Autos, Menschen, es wäre bald dein Ende, hops lieber mal schnell weiter!'" So fungieren die verschiedenen Landschaften zugleich als Stimmungsträger der Protagonistin. Auch die Einstreuung intertextueller Anspielungen sei erwähnt. Mehrmals fühlt man sich an Hans Christian Andersens Das hässliche Entlein erinnert. Allerdings geschieht dies auf eine dezente Art und Weise.

Fazit

Milli Hasenfuß ist ein gestalterisch und künstlerisch anspruchsvolles Buch, das die Thematik rund um die vermeintliche Unzulänglichkeit und Selbstakzeptanz präsentiert. Stavarič gelingt es, die ernste Thematik in einem lockeren Ton zu präsentieren – das ist vor allem der Nutzung der direkten Rede geschuldet –, während Möltgen Millis Innenwelt mit ihren Collagen illustriert: So können die Leserinnen und Leser ab sechs bis acht Jahren miterleben, wie Milli allmählich die Leichtigkeit des Seins zu fühlen beginnt.

 


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