von Adienne Karsten

In Martha erzählt der deutsche Autor-Illustrator ATAK auf bildgewaltige Weise die Geschichte der letzten Wandertaube Nordamerikas. Das für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 in der Sparte Sachbuch nominierte Bilderbuch zeigt, warum diese Vogelart vor rund einhundert Jahren ausgestorben ist.
 
ATAK: Martha.
Aladin, Hamburg, 2016.
32 Seiten, 19,95 €
ISBN 978-3-848-90077-0.
Empfohlen ab 6 Jahren.

Inhalt

Martha starb am 1. September 1914 im Zoo von Cincinnati, Ohio. Sie wurde nach der Frau des ersten amerikanischen Präsidenten, Martha Washington, benannt und stolze 29 Jahre alt. Ihr Präparat befindet sich heute im naturhistorischen Smithsonian-Museum in Washington D.C.

Marthas Gattung, die Wandertaube oder Ectopistus migratorius, wurde im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts komplett ausgerottet. Wandertauben tauchten zuvor in riesigen Populationen auf und waren die häufigste Vogelart Nordamerikas. Im Text heißt es: "Wie ein Sturm verdunkeln wir den Himmel zu einer Sonnenfinsternis" (S. 6) und "Als Schneeflocken prasselt der Kot auf die Erde herab." (S. 8) Ganz ähnlich wurde es auch von Zeitgenossen beschrieben, die die Vogelschwärme beobachtet hatten. Mit dem Abholzen der Wälder und der Nutzbarmachung der Flächen für die Landwirtschaft mussten die Vögel den SiedlerInnen weichen. Ihre Nahrungsgrundlagen wurden vernichtet, weshalb sie sich über das neu angebaute Getreide hermachten. Daraufhin begann die flächendeckende Jagd, bei der die SiedlerInnen immer grausamere Methoden entwickelten, die Vögel zu töten und zu verkaufen. Auf den Märkten wurden sie schließlich zu Schleuderpreisen von einem Cent angeboten.

Als Martha in den Zoo von Cincinnati gelangte, wurde sie dort hofiert und von den BesucherInnen begafft. Nach einer vergleichsweise leeren und fast weißen Doppelseite, auf der rechts der Hinweis auf Marthas Tod zu finden ist, zeigt das letzte Bild das Paradies. Es ist ein Ausschnitt aus Hieronymus Boschs Der Garten der Lüste, und zwar der linke Teil des Triptychons mit dem Titel Der Garten Eden. Im Unterschied zu Boschs Gemälde fehlen in ATAKs Ausschnitt die menschlichen Figuren – Gott, Adam und Eva.

Kritik

ATAK erzählt Marthas Geschichte aus deren Perspektive, in drastischen und beeindruckenden Szenen und mit poetischen Worten. Er dokumentiert damit den Niedergang einer Art, der exemplarisch für so viele ausgestorbene Arten und die Zerstörung der Natur durch den Menschen stehen kann.

In Martha wimmelt es von Zitaten berühmter Gemälde, wie zum Beispiel des Wanderers im Nebelmeer von Caspar David Friedrich. Oft denkt man beim Betrachten an Otto Dix, James Ensor, Henri Rousseau, Edvard Munch, an die großen Arts & Crafts-Illustratoren, wie John Henry Dearle, und natürlich Hieronymus Bosch.

Es findet sich im Buch zudem eine geniale Bild-im-Bild-Anspielung auf John James Audubons Passenger Pigeon/Columba migratoria aus dem Jahr 1824. Dieses Bild, das eine männliche und weibliche Wandertaube in inniger Zärtlichkeit zeigt, ist in Audubons Monumentalwerk über die nordamerikanische Vogelwelt The Birds of America erschienen. Diesem herausragenden Ornithologen und Maler ist das Bilderbuch von ATAK auch gewidmet. Audubon hatte die Lebenswelt der Wandertaube beschrieben, ihre Schönheit und Schnelligkeit, aber auch den immensen Anstieg ihrer Population. Ein weiteres Zitat ist das Gemälde Passenger pigeon flock being hunted in Louisiana von Smith Bennett (1875), das sehr anschaulich zeigt, wie die Wandertaube mit großem Geschoss von den Menschen vernichtet wurde.

Die Bilder sind oft laut, erschreckend und grausam, die unglaubliche Farbgewalt und Bildkraft machen den Betrachter atemlos. Es ist die besondere Farbigkeit, die man eher von französischen oder spanischen Bilderbüchern kennt, und in deutschen Illustratoren-Gefilden etwa von Olaf Hajek und aus Zeitschriften-Editorials.

ATAK, der als Hans-Georg Barber in Frankfurt/Oder 1967 geboren wurde, ist gelernter Schrift- und Grafikmaler. Er lebt heute in Berlin und ist Professor für Kommunikationsdesign und Illustration an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Sein Künstlername, eine Anspielung auf seine Punkband in der DDR der 80er-Jahre, ist programmatisch für seine Kunst – die opulenten, lauten Bilder wirken wie eine Attacke auf die Betrachter.

Als Kind zeichnete er eigene Comic-Geschichten, da diese in der DDR Mangelware waren. Zitate bekannter Comic-Helden finden sich in ATAKs gesamtem Bilderbuch-Oeuvre. In Martha sind es vor allem Tintin, Mickey Mouse oder Popeye, aber auch Tscheburaschka, Spejbl und Hurvínek, die ihm aus seiner Kindheit in der DDR bekannt sein dürften. Bei den letzten Bildern in Martha fühlt man sich zum Beispiel als BetrachterIn selbst von populärkulturellen Figuren wie Homer Simpson, Beavis oder ATAKs Interpretation der "Alice" angestarrt. Es macht Spaß, diese Figuren und Anspielungen auf bekannte Werke der Kunstgeschichte zu entdecken.

Abgerundet wird dieses besondere Bilderbuch durch die hochwertige Ausstattung, den gelben Leinenrücken, sowie das große Format von 30,6 x 26,7 cm; dies alles rechtfertigt auch den gehobenen Preis von € 19,95.

Fazit

Das Bilderbuch bietet für LeserInnen ab sechs Jahren einen spannenden, teils jedoch auch recht grausamen Einblick in die Leidensgeschichte der Wandertauben. Es macht dadurch auf die menschenbedingte Zerstörung von Lebensräumen aufmerksam und sensibilisiert für das Artensterben. Gleichzeitig ist es ein großartiges Kunstwerk, dessen Panoramen und ungewohnten Farbspektren LeserInnen jeden Alters beeindrucken.

 

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