von Mirijam Steinhauser

Von der Kraft der Worte erzählt Malala Yousafzai (*1997) in diesem Buch: Es ist die Geschichte der pakistanischen Kinderrechtsaktivistin, die 2014 zur jüngsten Friedensnobelpreisträgerin wurde. Die autobiografische Erzählung wird ergänzt durch mehrschichtige Bilder, die sowohl dokumentarische, als auch emotionale und kalligraphische Elemente enthalten.

Yousafzai, Malala (Text); Kerascoet (Bild): Malalas magischer Stift.
A. d. Englischen von Elisa Martins
NordSüd, Zürich, 2018.
48 Seiten, 16 €
ISBN 978-3-314-10441-1.
Empfohlen ab 7 Jahren.

Inhalt

Malala Yousafzais außergewöhnliche Lebensgeschichte ist weithin bekannt. In diesem Bilderbuch erzählt sie sie selbst, unterstützt von den Bildern des Künstlerehepaars Kerascoët (alias Sébastien Cosset und Marie Pommepuy). Malala berichtet davon, wie sie die Kraft fand, ihre Meinung kundzutun und damit das Leben vieler Menschen veränderte. Inspiriert durch eine fantastische Fernsehserie entwickelte sie den Wunsch nach einem magischen Stift, um das Leben für sich und ihre Umgebung zu erleichtern. Zudem beobachtete sie, die in behüteten familiären Verhältnissen aufwuchs, unmittelbar in ihrer Nähe Armut und Kinderarbeit. Im Gespräch mit dem Vater erfuhr sie, dass nicht alle Kinder das Glück haben, in die Schule gehen zu können. Wieder dachte Malala an den magischen Stift, den sie nun für ernsthaftere Ziele verwendet hätte: "Als Erstes würde ich Krieg, Armut und Hunger ausradieren. Dann würde ich Mädchen und Jungen zusammen als Gleichberechtigte zeichnen." (o.S.) In Ermangelung des fantastischen Hilfsmittels strengte sich Malala in der Schule an. Doch bald verboten die Taliban es den Mädchen in Pakistan, eine Schule zu besuchen. Malala beschloss, dass es ihre Aufgabe sei, den Menschen in anderen Ländern mitzuteilen, welches Unrecht gerade in ihrem Heimatland geschah. Sie gab den Mädchen ihrer Umgebung eine Stimme und wurde zu einer vielgefragten Rednerin. Obwohl die Taliban versuchten, sie zum Schweigen zu bringen, gelang es Malala, unterstützt durch viele andere Menschen, weltweit Gehör zu finden: "Ich hatte endlich die Magie gefunden, die ich gesucht hatte – in meinen Worten und in meiner Arbeit." (o.S.)

Kritik

Malalas Biografie hat viele Menschen inspiriert, ihnen Hoffnung geschenkt und gezeigt, dass schon ein Kind die Fähigkeit haben kann, mit allen Konsequenzen für seine Meinung einzustehen und sich gegen Unrecht einzusetzen. Dafür wurde ihr im Jahr 2014 gemeinsam mit dem indischen Kinderrechtler Kailash Satyarthi der Friedensnobelpreis verliehen. Bereits 2013 und 2014 veröffentlichte sie, jeweils unterstützt durch Autorinnen, zwei Autobiografien: Mit Malala. Meine Geschichte und Ich bin Malala. Das Mädchen, das die Taliban erschießen wollten, weil es für das Recht auf Bildung kämpft wandte sie sich an Jugendliche und Erwachsene. Nun ergänzt sie diese Werke um ein Bilderbuch, in dem sie Kinder als Zielgruppe gleich zu Beginn direkt anspricht: "Glaubst du an Magie?" (o.S.) Am Ende ihrer Geschichte wiederholt sie die Frage: "Glaubst du noch immer an Magie? Ich schon." (o.S.) Nun hat sie jedoch herausgefunden, dass Magie nichts mit fantastischen Zaubermitteln zu tun hat, sondern die Kraft dafür in uns selbst liegt.

Um ihre Autobiografie für Kinder zu erzählen, enthebt Malala Yousafzai sie der konkreten räumlichen und zeitlichen Situation: In der Geschichte wird weder das Land Pakistan, noch der Zeitraum der Handlung erwähnt. Die Taliban etwa werden hier nur als "mächtige, gefährliche Männer" bezeichnet. Allerdings verorten die Bilder die Geschichte für den wissenden Rezipienten deutlich, indem sie Medienbilder aus der Region zitieren. Insgesamt steht hier aber der didaktische Impetus im Vordergrund, weniger die genaue Information über Malalas Herkunftssituation. Dies unterscheidet Malalas magischer Stift von dem bereits 2017 im Knesebeck Verlag erschienenen Bilderbuch Malala. Für die Rechte der Mädchen von Raphaële Frier (Text) und Aurélia Fronty (Bild), worin der Leser gleich zu Beginn über den Handlungsort und die familiäre Vorgeschichte Malalas aufgeklärt wird. Beide Vorgehensweisen erscheinen berechtigt. Im Falle des vorliegenden Bilderbuches wird dem erwachsenen Begleiter die Aufgabe zukommen, über die genaueren Zusammenhänge zu informieren.

Sehr gut nachvollziehbar, auch durch die realistischen Bilder des französischen Künstlerpaars Kerascoët, die Malalas Lebenssituation genauso veranschaulichen wie ihre Träume, ist der Reifungsprozess des Mädchens: Hat sie zunächst noch kindliche Wünsche, die durch den von ihr bewunderten Fernsehhelden Sanju aus der Serie Shaka Laka Boom Boom angestoßen werden, so weitet sich ihr Blick schließlich – unterstützt durch den Vater – für die gravierenden Probleme in ihrer Umgebung. Beides, sowohl die kindlichen Wünsche als auch die Sehnsucht nach einer Veränderung ihrer Umwelt, werden illustratorisch mithilfe goldener kalligraphischer Bild-Elemente inszeniert: In die farbigen Zeichnungen hinein werden, wie bereits auf dem Cover ersichtlich, ausgehend von Malalas goldenem Fantasie-Stift die Gegenstände eingefügt, die sie sich erträumt. Zunächst sind das etwa ein Schloss für ihre Zimmertür, schöne Kleider für ihre Mutter und ein Ball für die Geschwister, später ergänzen die goldfarbenen Bildteile jedoch auch kriegszerstörte Häuser und statten Mädchen und Jungen mit Schultaschen und Büchern aus. Die massiven Eingriffe der Taliban in das Leben der Menschen bringen Malala schließlich dazu, sich trotz der damit verbundenen Lebensgefahr öffentlich zu äußern. Die Illustrationen zeigen, wie Malalas Worte, dargestellt als goldene Schriftstücke, aus ihrem Zimmer zu Menschen unterschiedlichster Herkunft gelangen. Die grausame Konsequenz – das Attentat auf die Fünfzehnjährige im Jahr 2012, das sie fast das Leben kostete – wird in diesem Bilderbuch nur angedeutet. Auf schwarzem Grund findet sich hierzu folgender Text: "Meine Stimme wurde so mächtig, dass die gefährlichen Männer versuchten, mich verstummen zu lassen. Aber es ist ihnen nicht gelungen." (o.S.) Die entsprechende Illustration zeigt Malala in Krankenhauskleidung vor einem Fenster stehend, vor dem sich ein freundlicher, heller Anblick bietet. So überwiegt selbst hier das Moment der Hoffnung. Es bleibt dem erwachsenen Begleiter überlassen, inwiefern er mit dem lesenden Kind auch die schreckliche Gewalt anspricht, auf die angespielt wird.

Am Ende des Buches wird die weltweite Verbreitung von Malalas Arbeit gewürdigt: Die Bilder zeigen, wie Malala von Menschen aller Nationen unterstützt und bewundert wird. Die letzte Doppelseite setzt ihre Rede vor den Vereinten Nationen im Juli 2013 in Szene: Hier erscheinen auch die berühmten Worte, die in Zusammenhang mit dem Buchtitel zu bringen sind: "Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern."

Im Anhang findet sich neben einem Brief Malalas an den Leser, in dem sie diesen dazu ermutigt, auf die Magie in seinem Inneren zurückzugreifen, ergänzend ein kurzer biographischer Text mit Fotografien aus Malalas Leben. Dies wäre nicht unbedingt notwendig, da die enthaltenen Informationen ohnehin medial sehr präsent sind, kann aber möglicherweise für didaktische Zusammenhänge genutzt werden.

Insgesamt ist Malalas magischer Stift ein weiterer Baustein innerhalb der gewaltigen medialen Selbst- und Fremdinszenierung zu Malala Yousafzis jungem Leben. Es eignet sich dazu, Kinder mit der außergewöhnlichen Geschichte des Mädchens in Berührung zu bringen, ist aber auch kritisch zu betrachten: So zeigt eine Gegenüberstellung mit dem bereits erwähnten Bilderbuch Malala. Für die Rechte der Mädchen, dass im selben Medium gerade bildkünstlerisch auch mutigere Wege gefunden werden können, diese Biografie zu erzählen. Während Malalas magischer Stift auf Bilder zurückgreift, die uns aus den visuellen Medien sehr gewohnt erscheinen, dabei zwar arabische Elemente aufnimmt, letztlich aber für europäische Augen eher gefällig bleibt, findet Aurélia Fronty in ihrer Bildversion symbolkräftigere und ungewohntere Sichtweisen. In didaktischen Settings wäre es daher interessant, Malalas Leben im Vergleich beider Bücher zu behandeln und dabei auch die darin enthaltenen Inszenierungstechniken zu besprechen.

Fazit

Malalas magischer Stift ist ein Hoffnung spendendes Bilderbuch. Es macht die außergewöhnliche autobiografische Erzählung des berühmten Mädchens schon Kindern ab ca. sieben Jahren zugänglich. Dabei regt das Buch zum Gespräch über Unrecht und die Kraft des Einzelnen an, sich dagegen einzusetzen. Die genaue raumzeitliche Verortung sowie ein kritischer Blick auf die Selbstinszenierung Yousafzais bleiben dabei dem erwachsenen Begleiter überlassen.


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