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von Scarlett Saurat
 
Eines Nachts werden die Figuren aus Phillips Buch lebendig und plötzlich toben ein Ritter und ein Drache durch sein Zimmer. Ein fantastisches Abenteuer beginnt. In der neuen Ausgabe als Bilderbuch entführen die Illustrationen von Annette Swoboda und die Worte der beliebten Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke nun auch Kinder im Vorlesealter in eine Geschichte voller Magie, Freundschaft und Mut.
 
Funke, Cornelia (Text); Swoboda, Annette (Bild): Der Mondscheindrache.
Loewe, Bindlach, 2015.
48 Seiten, 12,95 €
ISBN 978-3-7855-7646-5.
Empfohlen ab 4 Jahren.
 
Inhalt

Der kleine Phillip liegt nachts in seinem Bett und kann nicht einschlafen. Da steigt aus dem Buch, in dem er zuvor gelesen hatte, plötzlich ein Drache heraus. Ein sehr kleiner zwar – kaum größer als ein Marmeladenglas – aber ein waschechter, sprechender Drache. Dieser ist auf der Flucht vor einem ebenso kleinen Ritter, der ihm wenig später aus den Seiten heraus folgt.
Der Ritter nimmt sofort die Verfolgung auf und der Drache flüchtet sich durch Phillips Kinderzimmer in die Spielzeugburg des Jungen. Als der Drache in Gefahr gerät, schreitet Phillip ein. Doch just in dem Moment, in dem er den Ritter berührt, schrumpft er auf dessen Größe. Diese Szene erinnert den geneigten (Vor-)Leser sicherlich an die entsprechenden Seiten aus Lewis Carolls Alice im Wunderland. Nun muss auch Phillip um sein Leben fürchten und rettet sich zu seinem neuen geflügelten Freund in die Spielzeugburg. Mit vereinten Kräften und mithilfe des eisernen Drachen (Phillips Spielzeugbagger) verfrachten die beiden den bösen Ritter zurück in seine Geschichte.
Damit der Drache nicht in dieselbe gefährliche Buchwelt zurückkehren muss, blättert Phillip solange in seinem Buch, bis er eine Geschichte ohne Ritter findet, in die sein neuer Freund prompt verschwindet. Phillip erwacht am nächsten Morgen wieder in seiner ursprünglichen Größe. Allerdings beweisen die Kampfspuren, die sich noch immer in seinem Zimmer finden, dass dieses Abenteuer kein Traum war…
 
 
 
 
Kritik

Dieses Bilderbuch über Abenteuer, fantastische Wesen und die Bedeutung von Freundschaft dürfte sowohl bei männlichen wie auch bei weiblichen Lesern auf Begeisterung stoßen. Der männliche Protagonist sowie die spannende Handlung werden allerdings besonders erstere ansprechen. Die Leseförderungsforschung hat Jungen bereits als Problemzielgruppe identifiziert, die gezielt gefördert werden muss. (Vgl. Ehmig 2015, S. 579–581) Daher ist es umso mehr zu begrüßen, dass Cornelia Funke mit Der Mondscheindrache eine Geschichte vorlegt, die für Jungen wie Mädchen gleichermaßen reizvoll ist.   
Cornelia Funke, die bei Lesern aller Altersgruppen sehr beliebt ist, verwendet hier erneut die Elemente des "Buches im Buch" sowie der lebendig werdenden Buchcharaktere, die sich auch in ihrer Tintenwelt-Trilogie wiederfinden. Im Gegensatz zu den All-Age-Titeln aus der Tintenwelt ist dieses Thema in Der Mondscheindrache auch für Kinder ab etwa vier Jahren aufgearbeitet. Das vorliegende Bilderbuch erschien als Neuauflage der Erstleseausgabe desselben Titels, die ebenfalls vom Loewe Verlag herausgegeben wurde.  Da Der Mondscheindrache für ein Bilderbuch verhältnismäßig viel Text beinhaltet – teils ist etwa ein Drittel einer Doppelseite mit Text gefüllt – kann es beinahe als ein illustriertes Kinderbuch bezeichnet werden.
Annette Swoboda erweitert mit ihren Illustrationen die Geschichte um zusätzliche Ebenen, wie Phillips offensichtliche Begeisterung für das Fabelwesen Drache, das in zahlreichen Manifestationen in seinem Kinderzimmer zu finden ist. Auf manchen Seiten haben die Illustrationen beinahe etwas Wimmelbildartiges. Die vielen Details laden Vorleser und Zuhörer dazu ein, über alle Einzelheiten der Bilder zu sprechen und nach besonderen Bildelementen zu suchen. Gerade die Interaktion kann ein Vorleseerlebnis bereichern und auch bei wiederholter Lektüre abwechslungsreich gestalten. Kreative Ideen, wie der Ritter, der einen umherliegenden Bleistift als Lanze benutzt oder die Aufschrift "Drachenstark Kleber" auf einer Klebertube sind ein zusätzliches Vergnügen. Gerade die besonderen Größenverhältnisse der Protagonisten kommen in den Bildern sehr gut zur Geltung und unterstützen die Vorstellungskraft der kleinen und großen Leser.
Zudem bilden die immer wieder auftauchenden, aufgeschlagenen Buchseiten eine Metaebene, die womöglich nur der vorlesende Erwachsene versteht. Auf den Seiten findet sich zum Teil der exakt gleiche Text, der gerade die Handlung beschreibt, oder im Falle der Geschichte, in die der Drache am Ende verschwindet, der Anfang des Textes von Der Mondscheindrache allerdings mit der Überschrift "Ein Drache und KEIN Ritter".
Was die Illustratorin hiermit zum Ausdruck bringen will, bleibt offen für die Interpretation der Leser. Ist womöglich das Ende der Erzählung, als der Drache in den Seiten verschwindet, auf denen Phillips Geschichte beginnt, gleichzeitig ihr Anfang?

Fazit

Der Mondscheindrache eignet sich in der vorliegenden Bilderbuchausgabe bestens zum Vorlesen für Kinder ab vier Jahren. Die detailreichen Bilder liefern viele Anregungen für ein interaktives Vorleseerlebnis. Die Aufteilung in Kapitel kann zudem helfen, den recht umfangreichen Text auf mehrere Lesegelegenheiten aufzuteilen. Ein äußerst gelungenes, fantasiereiches und spannendes (Vorlese-)Buch.
 
Literatur
 
Ehmig, Simone: Außerschulische Leseförderung. In: Lesen. Ein interdisziplinäres Handbuch. Hrsg. von Ursula Rautenberg und Ute Schneider. Berlin/Boston: De Gruyter 2015. S. 567–596.