von Christoph Jantzen

Torseter erzählt ein neues Märchen, ganz traditionell und doch ganz anders, als wir es gewohnt sind. Denn einerseits kommt diese Erzählung als Graphic Novel daher, andererseits spielt der Autor mit traditionellen Elementen auf sprachlicher und inhaltlicher Ebene. So entsteht durch die Bild- und Textebene eine ganz eigene, innovative Märchenerzählung, die für Kinder und Erwachsene interessant ist.

Torseter, Øyvind (Text und Illustration): Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladenglas.
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries.
Gerstenberg, Hildesheim, 2017.
120 Seiten, 26,00 €
ISBN 978-3-8369-5900-1.
Empfohlen ab 8 Jahren.

Inhalt

"Es war einmal ein König, der hatte sieben Söhne. Die liebte er so sehr, dass er keinen von ihnen missen wollte." (o.S.) So beginnen traditionelle Märchen und so beginnt auch Der siebente Bruder. Ebenso traditionell geht es weiter: Die sechs älteren Brüder werden in die Welt geschickt, um für den Jüngsten (und sich selbst) Prinzessinnen zu suchen. Die sechs Brüder finden sechs Prinzessinnen, werden von einem Troll jedoch in Stein verwandelt. Da muss der jüngste Bruder, Hans, auch in die Welt ziehen. Auf dem Weg zum Troll findet er ein Saxophon und steckt es ein. Er befreit einen Elefanten, der ihm dadurch zu Dank verpflichtet ist. Und Hans begegnet einem hungrigen Wolf, der ihm ein Geheimnis verrät: Wer den Troll besiegen will, muss dessen Herz zerstören. Schließlich muss der jüngste Bruder ohne sein Pferd weitergehen.

So kommt er zur Trollhöhle, vor der seine versteinerten Brüder mitsamt sechs versteinerten Prinzessinnen stehen. Darin trifft er auf eine gefangene Prinzessin, die ihm erklärt, dass es nicht einfach ist, das Trollherz zu vernichten, denn dieser trägt das Herz nicht in seinem Körper. Und es ist nicht leicht zu finden, denn der Troll lässt sich auch mit List nicht das richtige Versteck entlocken. Das Herz ist nicht unter der Türschwelle, nicht im Wohnzimmerschrank, sondern tief unterm Keller, eingesperrt in ein Marmeladenglas, gut bewacht von einem Kraken. Mit Hilfe seiner Helfer, dem Elefant, dem Saxophon und seinem Pferd, gelangt der jüngste Bruder an das Herz des Trolls und hat ihn damit wortwörtlich in der Hand. So kann Hans die Prinzessin, seine Brüder und deren Prinzessinnen befreien. Aus dem zerquetschten Trollherz wächst eine seltsame Pflanze. Da reiten Hans und die Prinzessin weit, weit weg. "Und so lebten die Prinzessin und Hans mehr oder weniger glücklich bis ans Ende ihrer Tage." (o.S.)

Kritik

Die Erzählung strotzt vor sprachlichen, strukturellen und inhaltlichen Anknüpfungen an die "Gattung Grimm": Eingangs- und Ausgangsformel, Zahlensymbolik (sieben Brüder, drei Helfer, drei "Aufgaben" etc.), weitgehende Namenlosigkeit - nur der Held hat den in deutschen Märchen typischen Namen Hans (im norwegischen Original: Mulegutten: Maultierjunge). Der Aufbau folgt auch typischen Mustern, so gibt es eine knappe Exposition, der die ausführliche Bewährung des Helden folgt und am Ende eine Auflösung mit "gutem" Ende. Die Rollen der Guten und Böse sind gattungsgemäß verteilt: Hans und seine Familie und alle Prinzessinnen sind gut, der Troll ist böse.

Und trotz all dieser Traditionalismen geht die Erzählung spielerisch mit diesen Elementen um: Weder Saxophon noch Elefant sind traditionelle Helfer. Die wörtliche Rede – in der Regel in Sprechblasen in die Bilderzählung gesetzt – kommt oft frisch daher: "Keine Panik, schöne Prinzessin, ich rette dich vor dem Troll." (o.S.) oder "Nein, vergiss es, keine Chance!" (o.S.) sind Äußerungen, die in Volksmärchen kaum zu finden sind.

Und dann bietet natürlich die Erzählweise als Graphic Novel ganz eigene Möglichkeiten. Bis auf den in Textform gestalteten Anfang wird alles Weitere in Text-Bild-Kombinationen oder nur in Bildern erzählt. Diese sind variabel: Mal sind es Doppel- oder Einzelseiten, mal sind es drei oder vier Bilder auf einer Seite, die Handlungssequenzen darstellen. Die groben Zeichnungen sind zurückhaltend in Gelb-, Rot- und Brauntönen koloriert. Die Figuration erinnert ein wenig an Tove Janssons Mumins, ein Stil, der wenig märchenhaft wirkt. In den Bildern wird weitgehend auf nebensächliche Details verzichtet, so dass zentrale Erzählinhalte in den Mittelpunkt rücken. Teilweise bleiben die Darstellungen skizzenhaft. Gespielt wird auch mit den Perspektiven. Mal sind wir als Betrachtende nah am Geschehen oder den Figuren, mal haben wir einen Überblick über das raffinierte Gängesystem der Trollhöhle mit wackeligen Brücken und einem an einem Faden hängenden Aufzug. Die in den Bildern geschaffene Welt bietet einerseits Orientierung, regt andererseits aber auch eigene Vorstellungen an, indem wir Bildausschnitte erweitern, Erzählzwischenschritte ergänzen oder die Zeichnungen auf eigene Weise interpretieren können. Der garstige auf den meisten Abbildungen überpräsente Troll ist in den Bildern nicht nur böse, sondern auch hässlich. Und natürlich spielt zur Gestaltung auch die Sprachdarstellung eine Rolle: Neben Sprechblasen und Soundwords wie "SLAM" (o.S.) oder "UÄÄÄHHH" (o. S.) fällt vor allem das Handlettering auf, dessen Gestaltung immer wieder das Gesagte charakterisiert. So nehmen beispielsweise die Worte des Trolls "Nie im Leben" eine ganze Doppelseite ein, riesengroß und seitenfüllend, weiße Kritzeldruckschrift auf schwarzem Grund, umgeben nur von Knochen und Totenschädeln: Der Troll spricht eine klare Sprache…

Der Originaltitel Mulegutten (2015 bei Cappelen Damm, Oslo erschienen) gibt dem Buch eine etwas andere Richtung. Wörtlich übersetzt heißt das Wort in etwa "Maultierjunge". Torseter verweist damit nicht nur auf eigene andere Bücher, in denen ein Mulegutten vorkommt (etwa Hullet, 2012 – zu Deutsch: Das Loch, 2014 oder Mulyssis, 2017), sondern gibt der Hauptfigur einen sprechenden und titelgebenden Namen, der sicher auch die Vorstellung von der Figur leitet. Maike Dörries wird als Übersetzerin sorgfältig abgewogen haben, inwieweit eine wörtliche Übersetzung für den deutschen Buchmarkt nicht sinnvoll gewesen ist. Ein wenig schade ist es jedoch schon, dass nicht nur der Titel, sondern auch die Namensaussage geändert wurde. Ansonsten ist die Übersetzung hervorragend gelungen. Dies zeigt sich vor allem auch in den Sprachdarstellungen in den Bildern, denn das Handlettering setzt voraus, dass die Übersetzung ähnlich lang wie das Original ist.

Fazit

Der siebente Bruder ist ein wunderbares neues Märchen, das auf innovative Weise traditionelle Elemente verarbeitet und mit ihnen spielt. Dabei werden die Erzählmöglichkeiten der Graphic Novel anspruchsvoll genutzt. Da es aufgrund der Erzählform wenig erbaulich ist, das Buch vorzulesen, werden Kinder ab etwa acht Jahren eine große Freude an Text und Bildern haben. Die Mehrdeutigkeit vieler Situationen in Text und Bild machen das Buch aber sicher auch für Erwachsene interessant, wodurch innerfamiliäre Gespräche über verschiedene Deutungen und Entdeckungen angeregt werden. Zu Recht ist dieses Buch 2015 mit dem "Kritikerprisen for årets beste barne- eller ungdomsbok" ausgezeichnet und 2018 als bestes Bilderbuch im Rahmen des Deutschen Jugendliteraturpreises 2018 ausgezeichnet worden.

 

Weitere Rezensionen zu den Büchern, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 nominiert wurden, finden Sie hier.


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

November 2018
Mo Di Mi Do Fr Sa So
29 30 31 1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 30 1 2