von Corinna Norrick-Rühl

Frau Asperilla sitzt auf einer Parkbank und spielt Tetris auf ihrem Smartphone. Da kommt Juri mit einem Paket an, das sie gehörig durcheinanderbringt: ein Bilderbuch. Oje. Wie nutzen? Wozu? Warum gehen im Buch Dinge, die im echten Leben nicht möglich sind? In diesem unscheinbaren Buch steckt zwischen den Zeilen vieles, was Buchliebhaber, Buch- und Literaturwissenschaftler und andere Lesefans zum Schmunzeln und Nachdenken bringen wird.

Pauli, Lorenz (Text)/Zedelius, Miriam (Bild): Oje, ein Buch!
atlantis, Zürich, 2018.
32 Seiten, 14,95 €
ISBN 9783715207426.
Empfohlen ab 4 Jahren.

Inhalt

Der Inhalt gliedert sich in zwei Erzählstränge: Einerseits gibt es die Handlung zwischen Frau Asperilla und Juri. Andererseits spielt sich in dem Buch, das vorgelesen wird, eine recht simple Geschichte ab.

Doch zunächst zur Rahmenhandlung: Juri zeigt Frau Asperilla sein Geschenk. Sie packt es unaufgefordert aus und stellt fest, dass es sich um ein Bilderbuch handelt. Mit Unterstützung von Juri kommt sie auf die Idee, hineinzuschauen und ihm das Buch vorzulesen. Innerhalb der Rahmenhandlung wird verarbeitet, wozu Lesen/Vorlesen gut ist, was Literatur kann/darf und wo die Unterschiede zwischen dem digitalen und dem nicht-digitalen Lesen zu sehen sind.

Die Binnenerzählung beginnt mit einem häslichen Wellblechhaus, das deutlich gezeichnete TV-Antennen und einen TV-Satellit aufweist. An der Tü dieses Blechhauses klingelt eine Maus, die sich verlaufen hat und Obhut sucht. Hinter der Tür wohnt aber leider ein Monster (mit Fernbedienung in der Hand), das gerne Mäuse frisst. Als deutlich wird, dass das Monster die Maus nicht hereinlassen wird, und dass das Monster auch ohne schlechtes Gewissen die Maus fressen würde, dreht die Maus den Spieß um und frisst kurzerhand das Monster. Danach macht sie sich im nun leeren Monsterhaus auf der Couch breit und schlummert unter einem großen Buch ein. Unverhofft klopft es an der Tür: Dahinter steht ein dreiköpfiger Drache, der das Monster sucht und sich nach Mäusen zum Frühstück erkundigt - sein Vorrat sei aufgebraucht. Die Sache sieht für die Maus gefährlich aus, aber sie wirft mit einem Buch nach dem Drachen - und speit danach selber Feuer, bis das ganze Monsterhaus und der Drache verbrannt sind. Dann macht sie sich fröhlich pfeifend auf den Weg zurück zu ihrer Familie. Im Gespräch mit ihren Mäusekindern betont sie, dass sie wohl links und rechts vertauscht hat und deswegen verspätet zurückgekommen ist.

Kritik

Es gibt verschiedene verbindende Elemente zwischen der Rahmenhandlung und der Binnenerzählung. Als Moral von der Geschichte bzw. beider Geschichten wird unterstrichen, dass viele Fragen nicht eindeutig zu beantworten sind. Ist es OK, dass die Maus das Monster frisst? "Das kommt darauf an, von welcher Seite man es anschaut." (o.S.) Dieses Thema wird wiederholt, als die Maus sich fragt, wo links und wo rechts sind - auch das ist eine Frage der Ausgangsposition.

Mit links und rechts wird auf vielfältige Weise gespielt: dass von links nach rechts gelesen wird, muss Juri der nicht-buchaffinen Frau Asperilla immer wieder erklären. Und nicht zuletzt die politische Dimension von links und rechts kommt zur Sprache - das allerdings nur im Impressum, wo es heißt, "Autor und Illustratorin kennen den Unterschied zwischen Politik und Büchern: In Büchern geht es rechts weiter." (o.S.)

Oje, ein Buch! kann dem Subgenre der "Bücher über Bücher" zugeordnet werden. Andere Beispiele sind Der unglaubliche kleine Bücherfresser und Wo die Geschichten wohnen von Oliver Jeffers. Ein Paradebeispiel ist Das ist ein Buch von Lane Smith (engl. Original: It's a Book!, 2010; dt. Erstausgabe sanssouci 2011), das charmant und mit Leichtigkeit die Unterschiede zwischen Lesen mit dem Tablet und Lesen eines gedruckten Buches vermittelt. Eine solche Leichtigkeit fehlt bei Oje, ein Buch! Die Medienkritik ist an manchen Stellen eher klischeehaft. Das Monster ist ein hässliches TV-Tier in einer Wellblechhütte; die Mäuse hingegen leben naturnah im hübschen Häuschen in Waldrandlage mit Fahrrad vor der Tür. Frau Asperilla ist überwiegend planlos und smartphone-fixiert; Juri kann kaum glauben, dass sie nicht weiß, wie man mit Büchern umgeht. Er wirkt hingegen als Kind sehr geduldig bei der Erklärung, wie Literatur funktioniert ("Im Buch geht das. Da ist alles möglich." [o.S.]) und wie Bücher zu verwenden sind ("'Umblättern, bitte! Blättern, nicht wischen', sagt Juri." [o.S.]).

Die Abbildungen von Miriam Zedelius passen nichtsdestotrotz gut zum Text und gestalten das Wechselspiel zwischen Rahmen- und Binnenhandlung geschickt mit. Juri und Frau Asperilla sind in Schwarz-Weiß gehalten mit wenigen Strichen; dabei wirken sie sympathisch. Auch andere Bilddetails wie die zwei Vögel und die Katze, die im Bild über die Buchverpackung streiten oder mit dem abgelegten Smartphone spielen, sind gelungen und laden zu Gesprächen mit kleinen Rezipienten und Rezipientinnen ein. Das ausdrucksstarke, bunte Monster geht laut Impressum auf "Monsterstudien" der siebenjährigen Liselotte Zedelius zurück, was wiederum als Inspiration für Bastel- und Zeichenaktionen in Kindergärten wie zu Hause dienen kann.

Miriam Zedelius zeichnet auch für die Buchtypografie verantwortlich. Konsequent ist die Binnenerzählung fett gedruckt; die Rahmenhandlung nicht. Das Layout ist stringent durchdacht: Der Text der Rahmenhandlung beginnt auf dem Vorsatzpapier, was Sinn macht, da das Buch an sich dann die Titelseite voll ausfüllt. Auf dem Nachsatz schließt die Binnenerzählung auf der linken Seite; rechts wird noch ein letztes Mal gezeigt, wie Frau Asperilla und Juri gemeinsam das Bilderbuch anschauen. Dies ist eine klare Stärke des Buches: Ein offener, unkomplizierter und durch Typografie und Bild gut strukturierter Umgang mit der Metaebene des Buches wird durch die Rahmenhandlung möglich. "Darüber würde Juri gerne noch nachdenken. Aber er entdeckt [im Buch] etwas [...]." (o.S.)

Fazit

Dieses Buch bietet eine Fülle von Gesprächsanlässen, über Bücher und das Lesen, Mediennutzung und über Perspektivwechsel. Gespräche zu einem differenzierteren Bild der Mediennutzung sind möglich und nötig: schließlich gucken nicht nur Monster mal Fernsehen! Für Kinder ab vier Jahren ist es empfehlenswert und wird sicher trotz der genannten wenigen Monita viele kleine und größere Lesefans erfreuen.


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