von Marvin Madeheim

Pünktlich zu ihrem 90. Geburtstag beschenkt uns Květa Pacovská mit einem farbgewaltigen Bilderbuch. In Die Nimmtes-Nimmtes Frau (2018) präsentiert sie Erinnerungen an ihre Kindheit und erzählt von einer diebischen alten Frau.

Pacovská, Květa: Die Nimmtes-Nimmtes Frau.
minedition, Richtenberg, 2018.
64 Seiten, 45 €
ISBN 978-3-865663313.
Empfohlen ab 3 Jahren.

Inhalt

Die Geschichte ist schnell erzählt und wirkt vertraut. Die Nimmtes-Nimmtes Frau ist klein, alt und nimmt sich mit Vorliebe Dinge, die ihr nicht gehören. Sie bricht in das Haus dreier Bären ein, dort löffelt sie die Suppenschüsseln leer, danach schläft sie im Bärenbett. Als die tierischen Bewohner heimkommen, flüchtet sie durch das Fenster.

© minedition, Květa Pacovská


Kritik

Pacovská ist Illustratorin, Künstlerin, Bilderbuchautorin und Preisträgerin des Deutschen Jugendliteraturpreises sowie des Hans Christian Andersen Preises. Zuletzt war sie Gastprofessorin an der Universität der Künste in Berlin. Dabei gehört die bildende Kunst ebenso zu ihrem Metier wie die Gestaltung von Kinderbüchern. Auch in ihrer jüngsten Bucherscheinung bleibt sie ihrem markanten Illustrationsstil treu. Die Darstellungen erinnern an frühere Bilderbücher wie eins, fünf, viele (1990), Alphabet (1996) oder Die Einladung (2013) – aber auch an die Malereien ihrer letzten großen Ausstellung Maximum Contrast, die 2008 im Museum für angewandte Kunst in Frankfurt zu sehen gewesen ist. [1] Flächige, vorwiegend geometrische Farbfelder schließen sich zu teils grotesken Figuren zusammen und eröffnen weit angelegte Erzählräume. Stets dominiert die Farbe Rot gepaart mit statischen Kontrasten, vereinzelt kommen glänzend-silberne Spiegelflächen hinzu. Einfache Pop-Up-Elemente stellen Teile der flachen Buchseiten in den dreidimensionalen Raum und erinnern wiederum an die skulpturalen Papierobjekte der Künstlerin.
Pacovská führt in der Nimmtes-Nimmtes Frau ihre unkonventionelle Bild- und Formensprache fort, dabei greift sie vor allem zurück auf das Mittel der Collage. Die Buchseiten sind aus vielfältigen Text- und Bildfragmenten zusammengefügt. Beschriftete Fetzen von Collageblockseiten stehen gleichberechtigt neben umfangreich gestalteten Bildfiguren, daneben vollgekritzelte Notizzettel oder der übermalte Ausdruck einer Email-Korrespondenz.


Abb. 1: © minedition, Květa Pacovská, S. 13/14


Nichts ist hier Illustration. Alles ist eigenständiges Bild. Kaum etwas stellt dar, was Text zuvor beschrieben hat. Dabei verfügen auch die Textelemente zumeist über eine bildliche Funktion. Teilweise sind sie in englischer Sprache verfasst, teilweise sind sie unleserlich. Ein Nebeneinander, Über- und Untereinander der Bild- und Textelemente entsteht, die von Leserin und Leser in eine sinnvolle und kohärente Reihenfolge gebracht werden wollen. Jede Doppelseite wird dabei zu einem eigenen Kunstwerk und brilliert durch ein konsequentes Kontrastprogramm. So wird etwa einer graphischen Ordnung ein Chaos aus Schrift, Strich und Farbe gegenübergestellt (Abb. 1). Oder aber eine klare Symmetrie teilt linke und rechte Buchseite und verbindet zugleich die jeweiligen Bildelemente miteinander (Abb. 2).

 


Abb. 2: © minedition, Květa Pacovská, S. 17/18


Jede Seite wirkt auf ihre Weise vertraut. Bildteile wiederholen, reimen sich. Auf der letzten Seite des Bilderbuches heißt es: "Květa Pacovská erzählt aus der Erinnerung an ihre Kindheit." – Der Erinnerungstopos findet sich auch in der Gestaltung der Buchseiten wieder. Bild- und Textelemente liegen verstreut und müssen geordnet werden. Bekanntes mischt sich mit Unbekanntem. Erinnerungsfragmente wie Notizzettel und übermalte Briefe werden mit frischen Bildelementen zu einer Geschichte zusammengesetzt. Dabei beschränkt sich die Collage nicht nur auf die Bilder. Auch die Handlung wird montiert: Die Geschichte einer kleinen, alten, diebischen Frau wird verschränkt mit der Märchenerzählung von Goldlöckchen und den drei Bären. Das sonst so naive und unschuldige Goldlöckchen wird ersetzt, nun schläft die Nimmtes-Nimmtes-Frau in den Betten und isst die Suppenschüsseln leer. Die Montagetechnik der Bilderbuchseiten steht damit analog zum Montageprinzip der Handlung. Bildliche und textuelle Versatzstücke von Neuem und Erinnertem werden zu einer stimmigen Bild-Text-Erzählung zusammengeführt.

Fazit

Pacovskás Bilderbuch ist komplex. Das künstlerische Prinzip der Collage wird mit dem literarischen Prinzip der Intertextualität in Form einer produktiven Erinnerung zusammengeführt. Das Resultat dieser Medienmontage ist ein Bilderbuch, welches unterschiedliche Formen textuellen und bildlichen Erzählens zu einem vielfältigen Erzählraum kombiniert. Die Komplexität macht Die Nimmtes-Nimmtes Frau jedoch nicht weniger zu einem Kinderbuch, sie macht es zusätzlich zu guter Kunst. "Ein Bilderbuch ist die erste Galerie, die ein Kind besucht", stellt die Autorin dem Buch voran. Mit der unkonventionellen, künstlerischen Erzählweise bricht Die Nimmtes-Nimmtes Frau mit gewohnten Erzählmustern und hinterfragt gleichzeitig gängige Formen märchenhafter Darstellungsweisen. Aber können Kleinkinder eine solche Kunst überhaupt begreifen? Werner Thuswaldner antwortet im Vorwort auf diese Frage treffend: "So ängstlich können nur Erwachsene fragen."

 

Fußnote

[1] Unter gleichem Titel fand 2015 in der Galerie hlavního města Prahy eine Retrospektive der Künstlerin statt. Der Katalog zur Frankfurter Ausstellung: Eva Linhart: Květa Pacovská – Maximum Contrast. Frankfurt: Museum für Angewandte Kunst 2007.

Erstveröffentlichung: 13.02.2019


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