von Simone Anna Stefan

Zur Überraschung der Eltern landet Willi bei seiner Geburt als Außerirdischer auf dem Planeten Erde. Diese Metapher steht für ein Kind mit Down-Syndrom. Willi geht es hier zunächst so schlecht, dass er beinahe wieder mit seiner Rakete zurückgeflogen wäre. Zum Glück ist er geblieben.

Müller, Birte: Planet Willi.
Beltz & Gelberg MINIMAX, Weinheim, 2015 (EA: Klett Kinderbuch, Leipzig, 2012, vergriffen).
40 Seiten, 6,50 €
ISBN 978-3-407-76160-6.
Empfohlen ab 4 Jahren.

Inhalt

Willi kommt von einem anderen Planeten. Dort gibt es fast andauernd Kuscheleinheiten, viele fröhliche dickköpfige Menschen und eigentlich immer Musik. Es gibt keine Krankheiten, kein Essen und keine gesprochene Sprache. Kein Wunder also, dass Willi und seine Familie manchmal vor großen Herausforderungen stehen. Willi muss viel lernen: Das Essen und Sprechen mit Händen, denn nur mit Schreien oder Weinen verstehen ihn die anderen oft nicht. Obwohl das Leben auf der Erde sowohl für Willi als auch für seine Familie ziemlich anstrengend sein kann, gefällt es Willi hier inzwischen sehr gut. Er liebt Tiere – vor allem Kühe – , Autos, Musik, Kekse, seine Eltern, seine jüngere Schwester Olivia, die Omas und den Opa. Trotzdem hat Willi manchmal Heimweh nach seinem Planeten. "Jeder will dort mit ihm spielen und kuscheln, und niemand lacht ihn jemals aus oder dreht sich weg, wenn er kommt." (o. S.) Für manche wird Willi immer ein Außerirdischer bleiben, doch die haben ihn noch nicht richtig kennengelernt. Und da seine Familie auf der Erde lebt und es auf Willis Planeten keine Kekse gibt, bleibt er natürlich hier.

Kritik

Die Autorin, Kolumnistin und Illustratorin Birte Müller hat dieses Buch über und für ihren Sohn Willi geschrieben und gestaltet. Die ganzseitigen naiv-fröhlichen flächigen Bilder zeigen Szenen aus dem familiären Alltag von Willi und verzichten auf Perspektive. Birte Müller hat auf jedem Bild mindestens eine Kuh platziert – Willis Lieblingstier. Die bunten leuchtenden Farben unterstreichen die positiv warmherzige Stimmung. Das Buch ist sowohl liebevoll als auch lehrreich. So finden sich auf den Vorsatzseiten Gebärdenzeichnungen von für Willi wichtigen Wörtern, die sich an den Gebärden der unterstützten Kommunikation GuK von Etta Wilken orientieren.
Die Sprache ist klar und prägnant. Mittels einfacher Haupt- und Nebensatzkonstruktionen gelingt es Birte Müller, Willis Welt dem kindlichen und erwachsenen Lesepublikum verständlich und vor allem humorvoll nahe zu bringen.
Planet Willi ist außerdem ein weiteres Beispiel für Medienverbünde in der Kinder- und Jugendliteratur (vgl. z.B. die Rezension zum Hörbuch Die Vorstadtkrokodile). Die Sendung mit dem Elefanten – Planet Willi (WDR vom 27.11.2017 abrufbar unter: www.youtube.com/watch?v=KfpdtfOC9Yo) zeigt Birte Müllers Lachgeschichte, angelehnt an das Buch und erzählt aus der Perspektive von Olivia. Es handelt sich dabei um einen Kurzanimationsfilm von Sören Wendt, in dem zusätzlich zur Geschichte Kinder mit und ohne Behinderung singen und gefilmte Alltagsszenen mit Willi gezeigt werden. Material zum Bilderbuch (ab Klasse 3) findet sich auch auf Antolin.de.

In Zeiten von Inklusion scheint die literarische Darstellung eines Kindes mit Trisomie 21 als Außerirdischer nicht unproblematisch. Willi ist so anders, dass er nur von einem fernen Planeten stammen kann. Dieses Anders-Sein wird eigentlich durchgehend betont. Birte Müller erklärt in ihren Kolumnen immer wieder, dass sie gerne "Klartext" redet und Behinderung nicht hinter Floskeln verstecken möchte. Denn man versuche "eine Realität zu kaschieren, die sich aber nicht kaschieren lässt – und meiner Meinung nach auch nicht kaschiert werden muss." (Müller, 2017, S. 15) Gleichzeitig wird das Bild des Außerirdischen aber auch durchaus positiv bewertet. So heißt es in der Jurybegründung zur Nominierung für den deutschen Jugendliteraturpreis im Bereich Sachbuch im Jahre 2013: "Die Metapher vom 'anderen Planeten' drückt vor allem Wertschätzung und Respekt aus und die Weigerung, das Kind durch pathologisierende Begriffe klein zu reden." (www.jugendliteratur.org/buch/planet-willi-3880-9783941411647/?page_id=1)

Junge LeserInnen bringen den Protagonisten nicht unbedingt  mit einem Kind mit Behinderung in Verbindung, was sehr begrüßenswert ist. Vermutlich fühlen sich die meisten Kinder und Erwachsenen manchmal oder häufiger wie Außerirdische. Die Geschichte birgt somit sicherlich Identifikationspotenzial. Wichtig ist, Kinder mit dem Buch nicht alleine zu lassen, sondern im Anschluss mit ihnen darüber zu sprechen. Aber da bildet Planet Willi ja keinen Sonderfall.

Fazit

Birte Müller ist ein berührendes Buch gelungen, das für Kinder ab vier Jahren eine Bereicherung darstellt. Nicht zuletzt handelt es sich dabei um "ein künstlerisch überzeugendes Dokument der Verarbeitung einer persönlichen Erfahrung." (Jurybegründung zur Nominierung für den Jugendbuchpreis 2013).

Literatur


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