von Sarah Aßmann

Der Titel Fühlinchen strahlt auf dem Cover des Bilderbuches in leuchtendem Gelb vor türkisblauem Hintergrund entgegen. Darunter ist ein bezauberndes kleines Schäfchen zu sehen, das sich neugierig umblickt. Doch was genau hat es mit dem kleinen "Fühlinchen" auf sich?               

Neßhöver, Nanna (Text)/Swoboda, Annette (Bild): Fühlinchen.
Carlsen, Hamburg, 2019.
32 Seiten, 12,00 €
ISBN 978-3-551-51448-6.
Empfohlen ab 3 Jahren.

Inhalt

Das Schaf Fühlinchen steht mit vielen anderen Schafen, die in dem Buch alle als "Linchen" bezeichnet werden, auf einer schönen Wiese. Doch während alle anderen gleich aussehen, sticht Fühlinchen aus der Herde hervor. Denn das kleine Schäfchen ändert seine Wollfarbe je nach Gefühlslage. So färbt es sich pink, wenn es vergnügt ist. Ist es hingegen stolz, dann zeigt es dies mit einem leuchtenden orangefarbenen Ton. Aber die Tatsache, dass es mit seinen farbintensiven Gefühlslagen scheinbar allein ist, macht Fühlinchen schwer zu schaffen. So beschließt es, die Herde zu verlassen, um sich auf die Suche nach anderen Fühlinchen zu machen, da es denkt, es sei mit seinen Gefühlen ansonsten ganz allein.

Zwar findet das Schäfchen in der großen weiten Tierwelt kein Gegenstück, begegnet auf seiner Suche jedoch allerlei anderen Tieren, die auch Gefühle haben. So trifft es ein mutiges Stachelschwein, findet einen fröhlichen Schmetterling und sieht einen verdatterten Flamingo. Am Ende begreift Fühlinchen: Mit seinen Gefühlen ist es nicht allein. Jeder hat Gefühle, in allen Lebenslagen, auch wenn nicht alle es so deutlich zeigen wie es selbst.

Kritik

Inhaltlich werden die verschiedenen Gefühle und die Botschaft, dass jeder solche hat, schön vermittelt. Durch die kurzen Sätze, in angemessener Schriftgröße, bleibt der gedankliche Fokus auf den genannten Gefühlen und die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer oder Leserinnen und Leser werden nicht abgelenkt. So heißt es beim Gefühl "Neugierde" schlicht: "Als Nächstes begegnet es einem neugierigen Erdmännchen." (o. S.) Zudem werden die Gefühle auch im Text farblich hervorgehoben, sodass das Augenmerk auf diesen liegt. So fliegt ein fröhlicher, gelber Schmetterling hoch oben in der Luft, wobei sich das Wort "fröhlich" in einem Gelbton von der ansonsten schwarzen Schrift abhebt. Und nicht nur das Tier und das Gefühl bekommen somit eine engere Konnotation, auch Fühlinchens Wollfarbe passt sich farblich ihren neuen Bekannten an.

Natürlich begegnen Fühlinchen nicht alle Gefühle, die es gibt. Doch es lernt eine Bandbreite der wichtigsten Gefühlslagen kennen und somit werden diese auch den Rezipienten nähergebracht. Ein wenig schade ist, dass die Gefühle im Text nicht weiter beschrieben werden und die Leserinnen und Leser somit auf sich gestellt sind, zu erahnen, was es mit diesen auf sich hat. Ein wenig wird diese Kürze in textlicher Hinsicht jedoch durch die Bilder kompensiert, die versuchen die Gefühle zu illustrieren. So balanciert das mutige Stachelschwein über einen Ast und der wütende Stier senkt bedrohlich seinen Kopf. Doch andere Gefühle, wie die "Verwunderung" des Flamingos, sind trotzdem nur schwer zu erkennen. Hier wäre eine textliche Erläuterung wünschenswert gewesen. Gerade für Kinder, die die verschiedenen Gefühlslagen erst noch kennenlernen sollen, reichen die Zeichnungen nicht aus und es wird eine Beschreibung dieser über das Buch hinaus benötigt. Mit jedem neuen Gefühl und Tier, das Fühlinchen trifft, bildet sich eine kleine Anhängerschaft, die es auf den folgenden Seiten begleitet. Das Ganze ist klug durchdacht, denn auf der letzten Seite sind schließlich alle Tiere beisammen und Fühlinchens Fell ist kunterbunt gefleckt. Dies unterstreicht gestalterisch die Schlussaussage, dass man manches Mal auch alle Gefühle gleichzeitig fühlen kann. Eine sehr schöne Idee. Die eigentliche Kernbotschaft findet man eine Seite vor Schluss. Denn da begreift Fühlinchen, dass jeder fühlt. Versteckt und unausgesprochen bleibt jedoch die Tatsache, dass nicht jeder die Gefühle so deutlich nach außen zeigt, wie das Fühlinchen selbst und dass das trotzdem vollkommen in Ordnung ist. Hier könnte ein Missverständnis auftreten, bei dem die Kinder glauben könnten, sie müssten ihre Gefühle auch immer aller Welt offen zeigen. Dies sollte mit den Kindern unbedingt näher besprochen werden, denn natürlich ist es völlig in Ordnung, seine Gefühle auch für sich zu behalten. Daher sollte man bei diesem Punkt keine Zweifel offenlassen. 

Im Vergleich zu anderen Büchern über Gefühle, wie zum Beispiel Heute bin ich von Mies van Hout (2012, nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2013), werden jedoch nur sehr wenig verschiedene Gefühle geschildert. Auch hinsichtlich der Darstellung der Gefühlslagen und somit dem Erklärungsgehalt liegt es hinter anderen Büchern zurück. So sind die zwanzig verschiedenen behandelten Gefühle in dem Buch Heute bin ich viel deutlicher zu erkennen.

Vor allem durch die wunderbaren Illustrationen wird das Buch zu einem richtigen Hingucker. Annette Swoboda setzt auf ruhige, satte Farben, wobei die meisten Bilder mit einer Blaunote versehen sind. Dies wirkt beruhigend und eignet sich daher perfekt als Gute-Nacht-Geschichte vor dem zu Bett gehen. Das Thema jedoch verlangt nach einer ausführlicheren Besprechung: Was hat es mit den verschiedenen Gefühlen auf sich? Fühlt wirklich jeder? Und fühlen alle gleich? Auch weitere Gefühle könnten ergänzend besprochen werde. Die Tiere sind zwar verniedlicht dargestellt, jedoch gut zu erkennen und somit perfekt für die junge Zielgruppe geeignet. Dass man den Illustrationen noch den Pinselstrich ansieht, lässt diese nicht so platt wirken. Im Gegenteil, sie wirken stattdessen umso liebevoller und dies rundet das Gesamtbild des Buches harmonisch ab.

Fazit

Ein wirklich zauberhaft gestaltetes Bilderbuch, das mit seinen wunderbaren Illustrationen besticht. Die Kernbotschaft wird nicht nur durch die kurzen Sätze, sondern schwerpunktmäßig durch die liebevollen Bilder nachvollziehbar vermittelt. Für Kinder ab drei Jahren bildet dies eine gelungene Mischung aus Text- und Bildkomposition. Ein kleiner Wermutstropfen ist, dass nicht deutlich hervorgeht, dass nicht jeder seine Gefühle so offen nach außen trägt, wie Fühlinchen dies tut und dass auch dies nicht weiter schlimm ist. Im Gegenteil, manches Mal kann dies ja durchaus auch von Vorteil sein. Da es hinsichtlich des Themas "Gefühle" durchaus gelungenere Titel gibt, ist dieses Bilderbuch vor allem für diejenigen zu empfehlen, die eine besonders schön illustrierte Geschichte suchen.

Wir verlosen dieses Bilderbuch: Schreiben Sie uns zur Teilnahme an der Verlosung einfach eine eMail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! mit dem Titel des Bilderbuchs, Ihrem Namen und Ihrer Adresse an dem Tag, an dem wir das Bilderbuch vorstellen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Sarah Aßmann und die Redaktion wünschen Ihnen viel Glück und drücken alle Daumen!

Die Adventskalenderaktion 2019 im Überblick


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

November 2020
Mo Di Mi Do Fr Sa So
26 27 28 29 30 31 1
2 3 4 5 6 7 8
9 10 11 12 13 14 15
16 17 18 19 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30 1 2 3 4 5 6