von Melanie Lieberknecht

Kaum eine Geschichte hat international so viel Bekanntheit erlangt wie die 1943 erschienene Erzählung Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry (19001944). Das bekannte Autorin-Illustratorin-Duo von Die große Wörterfabrik und Die Schneiderin des Nebels greift diesen Stoff nun für ein Bilderbuch auf. Während die Illustrationen gut zur Zielgruppe (Kinder ab drei Jahre) passen, richtet sich der Inhalt doch wie das Original an Erwachsene.

de Lestrade, Agnès (Nacherzählung)/Docampo, Valeria (Illustration): Der kleine Prinz. Aus dem Französischen von Anna Taube.
Mixtvision, München, 2019.
56 Seiten, 15,00 €
ISBN 978-3-95854-141-2.
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

Die Handlung des berühmten Werkes dürfte weithin bekannt sein: Wie im Original wird auch im Bilderbuch zunächst der Ich-Erzähler vorgestellt, der als Kind eigentlich Maler werden wollte, jedoch am Unverständnis der Erwachsenen scheiterte und deshalb Pilot wurde. Um sein kaputtes Flugzeug zu reparieren, muss er mitten in der Wüste Sahara landen. Hier trifft er den kleinen Prinzen, einen "außergewöhnlichen kleinen Kerl", der ihn bittet, ihm ein Schaf zu zeichnen. Die beiden lernen sich besser kennen und der Prinz erzählt von seinem winzigen Planeten: "Er ist ganz klein, nicht größer als ein Haus" (o. S.). Auch von seiner Blume erzählt er und befürchtet, dass das gezeichnete Schaf diese aufessen könnte, doch der Pilot beruhigt ihn: Er wird dem Schaf einen Maulkorb zeichnen.

Wie im Original erzählt der kleine Prinz, wie die anspruchsvolle Blume ihn dazu brachte, dass er seinen Planeten verließ. Es wird von der Reise und den erstaunlichen Bewohnern der verschiedenen Planeten berichtet: von dem König, dem Eitlen und dem Trinker. Auch der Geschäftsmann, der sich einbildete, die Sterne zu besitzen und der Laternenanzünder sowie der Geograf bleiben nicht unerwähnt. Sie alle machen einen lächerlichen Eindruck auf den kleinen Jungen. Schließlich erreicht der Prinz die Erde, findet zunächst unzählige Rosen und macht außerdem die Bekanntschaft eines Fuchses, der gezähmt werden will:

"Ich werde für dich auf der Welt einzigartig sein. Und du wirst für mich auf der Welt einzigartig sein. Weil wir dann Freunde sind." (o.S.)

Durch den Fuchs versteht der kleine Prinz, was Freundschaft ist, bevor er sich wieder auf den Weg macht. Zum Abschied verrät der Fuchs ihm:

"Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." (o.S.)

So versteht der Prinz, dass er verantwortlich ist für seine Rose, und will zu seinem Planeten zurückkehren. Er verabschiedet sich von dem Piloten, der mittlerweile sein Flugzeug repariert hat.

Eine Giftschlange erscheint als gelber Blitz an seinem Knöchel und bringt den Prinzen zu Fall. Da sein Körper am nächsten Morgen verschwunden ist, ist sich der Pilot sicher, dass er zu seinem Planeten zurückgekehrt ist. Ihm fällt noch ein, dass er vergessen hat, einen Maulkorb für das Schaf zu zeichnen. Doch er beruhigt sich mit dem Gedanken, dass der Prinz immer gut auf seine Rose achtet.

Kritik

Da das Buch kein Vorwort oder Nachwort enthält, ist über die Entstehungsgeschichte nichts bekannt. De Lestrade gibt die berühmte Erzählung von Saint-Exupéry vereinfacht wieder, bleibt jedoch nah am Original: So wird das Leben des kleinen Prinzen auf seinem Planeten weniger ausführlich beschrieben als in der Vorlage. Nur das Abdecken der Blume mit einer Glasglocke wird erwähnt. Sie übernimmt die bekanntesten Zitate und konzentriert sich auf die wichtigsten Aspekte der Geschichte, sodass die Grundaussagen des Werkes erhalten bleiben: Bereits die erste Begegnung zwischen dem Jungen und dem Piloten zeigt, dass es nicht wirklich auf das Sichtbare ankommt, sondern mehr auf Fantasie und Herz. Ein gezeichnetes Schaf kann nämlich nicht an das Schaf heranreichen, das er sich vorstellt.

Die Geschichte des kleinen Prinzen ist ein Aufruf zu Menschlichkeit und Freundschaft. Die Beziehung zwischen dem kleinen Jungen und seiner Rose symbolisiert offenbar den Wert eines verantwortungsvollen, achtsamen Umgangs mit uns und unserer Umgebung. Die skurrilen Gestalten auf den verschiedenen Planeten verkörpern die Auswüchse einer falschen Lebensweise, nämlich sinnentleerte Arbeit, Vereinzelung und das Streben nach den falschen Zielen. So sind auch ihre Laster alle typisch für die heutige Zeit: Eitelkeit, Gewinn- und Machtstreben, die Betäubung mit Rauschmitteln und nicht zuletzt der Fokus auf Äußerlichkeiten und Belanglosigkeiten. Allein der Laternenanzünder hinterlässt einen positiveren Eindruck, da er sich nicht nur um sich selbst kümmert. Eindrucksvoll wird hier gezeigt, wie bedeutungslos ein Leben ist, wenn wir nicht unserem Herzen folgen. Was ein Leben erst mit Sinn erfüllt, ist die Freundschaft. Auch Abschiede sind nichts Schlimmes, denn Freunde bleiben einander auch über große räumliche Distanz innerlich verbunden.

Die Darstellung der Figuren entfernt sich ein Stück weit vom Original: Der Prinz ist ein Junge mit wirrem blonden Haar und einem Schal, statt einem Mantel trägt er jedoch ein Cape, die Haare sind länger und seine Kleidung ist türkisfarben statt grün. Die Fliege wurde ausgelassen, sie wäre auch nicht mehr zeitgemäß. Die Aufmachung des neuen Prinzen passt zu seinen Abenteuern und nähert ihn optisch Superhelden an. Die restlichen Figuren im Werk sind deutlich überspitzt, mit übertriebenen Proportionen gemalt. Der tyrannische König thront als Frosch auf einem Hügel, während der Trinker einen umgedrehten Trichter auf dem Kopf trägt. Und der Ich-Erzähler erweckt mit seiner großen runden Figur einen väterlichen, beschützenden Eindruck.

Die Illustrationen bei Antoine de Saint-Exupéry sind sehr einfach gehalten und haben oft keine Hintergründe, teilweise auch keine Farbe. Dies passt zu der Botschaft des Werks, man solle mit dem Herzen sehen. In dieser Nacherzählung hingegen wird – abgesehen von der ersten Doppelseite – mit vollflächiger Farbe und emotionalen Motiven gearbeitet. Insgesamt dominieren goldene Erdtöne für die Landschaft und Blau für Himmel und All; die Rose ist hingegen tiefrot. An der berühmtesten Stelle des Buches – "Man sieht nur mit dem Herzen gut" – sind Fuchs und Prinz in einer engen Umarmung an einen Baum gelehnt zu sehen, inmitten eines Blumenfeldes den Horizont betrachtend. Der Sonnenuntergang in Rosa und warmem Gelb unterstreicht perfekt die Botschaft.

Die einfache Sprache und Länge des Buches sind kindgerecht. Besonders die Figuren auf dem Planeten sind so überspitzt beschrieben und so interessant gezeichnet, dass diese Stellen ein Spaß für Groß und Klein sind. Um die enthaltene Gesellschaftskritik verstehen zu können, ist sicherlich etwas mehr Lebenserfahrung nötig.

Absolut problematisch für Kinder ist allerdings das Ende des Buches. Es wird zwar nur angedeutet, aber nichtsdestotrotz vergiftet die Schlange den kleinen Prinzen. Die Szene stellt wie im Original quasi einen Selbstmord dar, der mit der Rückkehr des Prinzen zu seinem Planeten gleichgesetzt wird – eine klare Anspielung auf Sündenfall und Auferstehung. Es ist ein trauriges, melancholisches Ende, wenn die Hauptfigur beschließt, aus der Welt zu scheiden. Dies dürfte für Kinder nicht verständlich und auch bei Teenagern noch erklärungsbedürftig sein. Schließlich erschien bereits die erste deutsche Ausgabe des Kleinen Prinzen mit dem Hinweis: "Das ist kein Kinderbuch" (vgl. Müller 2018). In der Fassung von Isabel Pin (Kinder, wenn Euch ein kleiner Prinz begegnet) kehrt der Prinz am Ende fliegend zu seinem Planeten zurück, anstatt sich von einer Schlange beißen zu lassen – ein weitaus kindgerechteres Ende. Dadurch verändert sich die Botschaft natürlich. Wenn der Prinz lebend zu seinem Planeten zurückkehrt, ist er keine tragische Gestalt mehr, die auf der Erde nicht überleben kann. Dies schwächt jedoch die vorangegangene Gesellschaftskritik ab.

Fazit

Jugendliche und auch Erwachsene werden sicher ihre Freude haben an den wunderschönen vollflächigen Illustrationen von Valeria Docampo. Die Botschaft von Fantasie, Freundschaft und Verantwortung wird durch die liebevollen Bilder und die simple Sprache sehr gut in Szene gesetzt. Auch hier wird daran erinnert, sich mehr an das Wesen der Kinder zu halten.

Der Verlag empfiehlt das Bilderbuch für Kinder ab drei Jahre. Diese dürften zwar ihren Spaß an den ulkigen Erwachsenen haben, allerdings ist das Buch thematisch und auch in Hinblick auf das Ende für diese Zielgruppe – genauso wie die Urfassung – kaum geeignet.

Literatur

Müller, Christine Xuân: Mit zeitlos gültiger Botschaft. In: NWZ Online. 05.04.2018. https://www.nwzonline.de/kultur/duesseldorf-literatur-mit-zeitlos-gueltiger-botschaft_a_50,1,1173522750.html [20.11.2019].

Wir verlosen ein Exemplar von Der kleine Prinz: Schreiben Sie uns zur Teilnahme an der Verlosung einfach eine E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! mit dem Titel des Buchs, Ihrem Namen und Ihrer Adresse an dem Tag, an dem wir das Buch vorstellen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Melanie Lieberknecht und die Redaktion wünschen Ihnen viel Glück und drücken alle Daumen!

Die Adventskalender-Aktion im Überblick

 


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