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von Sindy Hildebrand

Papas Mittagessen schmeckt lecker, nur die kleinen grünen Kugeln nicht. "Erbsen!", schrillt es bedrohlich in den Ohren von Valdemar und sicher auch in jenen einiger kleiner Rezipienten, die kein Gemüse mögen. Möglicherweise löst sich ihr Problem genauso leicht und einfach wie in Erbsenalarm.

Jönsson, Maria: Erbsenalarm.
A. d. Schwedischen von Ruth Nikolay.
Carl Hanser, München, 2018.
30 Seiten, 12 €
ISBN 978-3-446-25867-9.
Empfohlen ab 3 Jahren.

Inhalt

Hungrig und gierig verschlingen Valdemar und seine kleine Schwester Linn ihre Fischstäbchen am Mittagstisch. Die Erbsen aber hasst der Junge. "Die schmecken so grün und rund und komisch." (S. 11), schreit er aufgebracht, während Linn alle aufisst, die Papa ihr auf dem Löffel in den Mund schiebt. Dieser ermahnt Valdemar, seine Erbsen zu essen, doch er entgegnet, dass er schon schöne große Ohren habe, wozu also noch Gemüse. "'Die Erbsen müssen in den Bauch. Vorher gibt es kein Eis!', sagt Papa streng." (S. 11) '''Blöde Erbsen. Blöder Papa. Blödes Eis', knurrt Valdemar." (S. 15) Doch Valdemar liebt Eis.
Nicht lange und ihm kommt eine Idee. Rasch schlüpft er unter den Tisch und legt seine Erbsen vor Linn aus, die auf dem Fußboden sitzend schon vergnügt ihr Schokoladeneis schmatzt …

Kritik

Im Bilderbuch Erbsenalarm spricht die schwedische Autorin und Illustratorin Maria Jönsson typische Verhaltensweisen im Alltag von kleinen Kindern und Eltern an. Wie schon in Schnulleralarm (dt. Ersterscheinung 2017), dem ersten Band der Buchreihe rundum den Wolfsjungen Valdemar, zeigt sie Vorlieben und Angewohnheiten auf, denen erzieherisch womöglich nicht leicht beizukommen ist. In Erbsenalarm ist es die Abneigung gegen besagte Hülsenfrüchte. Als Kleinste ist Linn von Beginn an konditioniert, Gemüse zu essen. Indem sie eine Erbse hochhält, unterstützt sie in einer Szene sogar die Aussage ihres Vaters, dass Erbsen gegessen werden müssen. Dass er von diesem Gemüse schöne große Ohren bekommt, überzeugt Valdemar aber nicht mehr. Er befindet sich in dem Alter, in dem er anfängt, Dinge zu hinterfragen. Doch sein Papa gibt ihm keine ausreichende Antwort. Er könnte befürchten, dass sein Sohn ohne Gemüse zu wenige Vitamine und Mineralstoffe zu sich nimmt, die für das Immunsystem sowie die Gehirn- und Nervenfunktion wichtig sind, so dass Valdemar gesund bleibt, besser spielen und toben kann. Diese Sorge gibt sein Vater jedoch nicht zu verstehen. Er ermahnt nur streng, aufzuessen, sodass sich für Valdemar ein Esszwang aufbauen könnte. Das geht gleich gar nicht gut. Möglicherweise ist Papas Verhalten ein viel verbreitetes von Eltern, die einen unbequemen Sachverhalt schnell aus dem Weg räumen und Nerven schonen wollen. Oder Unwissenheit hält sie davon ab, mit ihrem Nachwuchs kurz und kindgemäß in Ruhe zu reden, Aufforderungen, vor allem Verbote, fundiert zu begründen und ihre Schützlinge von erwünschtem Verhalten zu überzeugen. Hier könnte sich Valdemars Wortlaut Blöder Papa sogar als gerechtfertigt erweisen. Letztlich überlistet er seinen Vater zwar, die Wahrheit verschweigt er ihm jedoch nicht. Mit seiner Handlung, die Erbsen in Linns Bauch landen zu lassen, benutzt Valdemar seine kleine Schwester, um sein Ziel doch noch zu erreichen. Aber das spielt keine Rolle mehr, denn wie seine hängenden Schultern und der gebeugte Rücken zeigen, ist der Vater überfordert. Er hat keine Geduld und keine Durchsetzungskraft mehr: Er gibt auf und Valdemar bekommt sein Eis.

Die beschriebene Erbsenszenerie stellt Jönsson in überwiegend schwarzweißen Bildern mit witzigen Details dar. In einer sehr einfach gehaltenen Küchenkulisse vor weißem Hintergrund liegt der Fokus ganz auf den mit schwarzer Schraffur plastisch gestalteten Figuren. Diese wirken nicht nur durch ihre großen Augen, die auch niedergeschlagen, zusammengedrückt und erstaunt sein können, sondern ebenso durch ihre Körperhaltungen sehr lebendig, wie das Windelkind Linn, das vor Freude auf das Essen die Arme hochreißt. Begleitet wird das Agieren und Empfinden der Familie von kurzen Erzähler- oder Figurenreden, die in angemessener Schriftgröße und gerader Leselinie dargeboten werden. Die zeichnerische Vermittlung der Geschichte wird durch einzelne farbige Objekte aufgelockert, die sich entweder mit Genuss und Abneigung verbinden oder für das eine oder andere Schmunzeln sorgen, wie die Halbschürze des Papas, deren Saum rot gepunktet ist. Zeichnerisch gut getroffen ist, wie vor lauter Appetit und Genuss das Wasser aus Valdemars Mund tropft, als er die geliebten gelb-braunen Fischstäbchen gierig verschlingt, eines gleich ohne Gabel.

© Maria Jönsson/Carl Hanser: Erbsenalarm, S. 7/8

Dann schiebt er schnell seinen Teller voller grüner Erbsen von sich und klettert vom Stuhl, während Linn noch gefüttert wird. Auch dieses Verhalten, gemeinsame Mahlzeiten durch selbstentschiedenes Aufstehen und Verlassen des Tisches vorzeitig aufzulösen, scheint für einige Kinder nicht ungewöhnlich zu sein und manche Eltern ebenso in Rage zu bringen. Papas Erbsen-Appell und bestimmender Blick lassen Valdemar nur widerwillig an den Tisch zurückkehren, finster schaut er seinen Vater von der Seite an. Als Linn, die alle ihre Erbsen aufgegessen hat, ein braunes Schokoladeneis bekommt, beklagt der Junge diese Ungerechtigkeit und fordert mit auf dem Tisch aufgestützten Armen zornig schreiend "SOFORT!" (S. 16) sein Eis ein. Dieses durch Großbuchstaben auch graphisch vermittelte Anspruchsdenken ist nicht nur unter heranwachsenden Geschwisterkindern typisch, es macht viele Eltern noch aufgebrachter, aber manche scheinen dagegen machtlos zu sein. Als Valdemar endlich das Eis in der Hand hält – die Verpackung hat er achtlos zu Boden geworfen –, gibt es auf der Einzelseite vor weißem Hintergrund nur ihn und sein Eis, das ihn förmlich anzustrahlen scheint. Wieder tropft dem Jungen voller Genuss das Wasser aus dem Mund, denn wie die Bildüberschrift in Großbuchstaben betont: "Valdemar LIEBT Eis." (S. 24) Die vorletzte Buchseite zeigt, wie er zufrieden lächelnd mit großer roter Zunge sein Eis leckt. Der in grünen Großbuchstaben gedruckte Kommentar SCHMATZ (S. 25), welcher neben einem NAMNAMNAM (S. 20) auch an zwei anderen Stellen im Bilderbuch zur Beschreibung der Gaumenfreude der Geschwister auftaucht, verdeutlicht lautmalerisch Valdemars Genuss ohne Reue. Davon spricht ebenso die letzte Einzelseite: Grüne Erbsen rollen aus dem Bild heraus – wie etwa nach dem Sprichwort: Aus dem Auge, aus dem Sinn. Erbsen dominieren auch den in Schwarz-, Grün- und Gelbtönen gehaltenen festen Kartoneinband, der neben der Windel tragenden Linn einen pikiert schauenden Valdemar zeigt, der vor einem Teller Erbsen am Tisch sitzt. In den inneren Umschlagseiten rollt das grüne Gemüse ebenfalls herum, auf der hinteren rechten taucht jedoch neben diesem noch einmal ein zerlaufenes Eis auf, das Linn im Laufe der Geschichte fallen gelassen hatte, um die Erbsenkette ihres Bruder vom Boden aufessen zu können.
Begrüßenswert ist, dass Erbsenalarm einen Papa beim Kochen, Füttern und Aufwaschen zeigt und diese elterlichen Funktionen als ganz normaler Bestandteil der Vaterrolle präsentiert werden. Sicherlich lässt sich diese Darstellung auch durch den skandinavischen Entstehungskontext des Bilderbuchs begründen. Gleichsam wird deutlich, dass auch Väter nicht immer konsequent in der Erziehung ihrer Kinder durchgreifen und gegenüber deren Verhaltensweisen wie Angewohnheiten nachgeben. Urkomisch und witzig erscheint vor allem, dass alle Figuren Wölfe sind, die ja bevorzugt lieben, Fleisch zu fressen.

Fazit

Maria Jönsson schließt Erbsenalarm nicht mit einer pädagogischen Lösung ab, sie lässt sie offen, was ungewohnt und gewagt ist. Anhand einer anthropomorphisierten Wolfsfamilie verdeutlicht sie, dass Kinder nicht nur gesund ernährt und emotional umsorgt werden sollten. Vor allem muss ein bestimmtes Verhalten, das für das Wohl des Individuums, aber auch der Gesellschaft wichtig ist, anerzogen werden. Diese Aufgabe ist in erster Linie eine primäre und notwendige der Eltern. Sie sollten ein Mindestmaß an Kenntnissen besitzen oder sich aneignen, um überzeugend gegenüber Verhaltensweisen auftreten zu können, die nicht nur der angemessenen Entwicklung ihrer Kinder schaden, sondern auch gegenüber anderen Lebewesen und ihrer Lebenswelt abträglich sind. Erbsenalarm ist daher nicht allein für Kinder zum Betrachten ab drei Jahren geeignet, es wird ebenso Eltern empfohlen, da die Geschichte mit wenigen Worten und Bildern zum Nachdenken über eigene Verhaltensweisen gegenüber dem Nachwuchs anzuregen vermag. Das Vorlesen und Anschauen des Bilderbuchs ermöglicht, in der Familie darüber zu reden.

Erstveröffentlichung: 27.01.2020