von Alexandra Gogolin & Alexander Ernst

Ein brennendes Schiff kurz vor seinem Ziel und ein Steuermann, der immer weiter die Stellung hält: Theodor Fontanes John Maynard mit der gleichnamigen Hauptfigur zählt zu seinen bekanntesten Werken und erzählt die traurige, aber auch schöne und heldenhafte Geschichte eines Passagierschiffs und die des Mannes, der versucht, es zu retten.

Fontane, Theodor (Text) und Krejtschi, Tobias (Ill.): John Maynard.
Kindermann Verlag, Berlin, 2008.
24 Seiten. 18,00 €
ISBN 978-3934029316.
Empfohlen ab 8 Jahren.

Inhalt

In Form einer Ballade wird die Geschichte eines anfangs gewöhnlichen Steuermannes erzählt, welcher zur zentralen Figur wird: John Maynard ist der Steuermann der "Schwalbe", eines Schiffes, welche die Passagiere über den Eriesee von Detroit nach Buffalo bringen soll. Die Reise verläuft zunächst reibungslos – doch dann bricht ein Feuer aus. So beginnt der Wettlauf gegen die Zeit, welcher mehrmals durch Zeitangaben im Text verdeutlicht wird. Das Schiff schafft es bis an die Küste, aber nicht alle überleben: eingerahmt wird der Text durch eine Würdigung John Maynards, aus der bereits zu Beginn hervorgeht, dass er für die Rettung der Passagiere sein Leben lässt.

Kritik

Gleich zu Beginn der Geschichte ist eine Zeichnung zu sehen, welche den Grabstein John Maynards zeigt. Die Erzählung verläuft also nicht anhand des weit verbreiteten Spannungsbogens, bei dem der Ausgang der Geschichte bis zu ihrem Ende unklar ist; das Ende wird hier durch die Bebilderung vorweggenommen. Herauszufinden bleibt also, wie es dazu gekommen ist.

Fontanes Ballade beginnt mit poetischer und auch bildhafter Sprache: das Schiff, die "Schwalbe", "von Detroit fliegt sie nach Buffalo, die Herzen aber sind frei und froh". Letzteres wird, in leicht abgewandelter Form, noch einmal wiederholt. Untermalt werden diese schönen sprachlichen Bilder durch die bunten und ausdrucksstarken Illustrationen; auch hier findet sich mehrmals das Abbild einer Schwalbe, unter anderem auch noch einmal am Ende des Buches.

Dieser Anfang bildet einen starken Kontrast zu der Sprache und den Bildern, die im Folgenden benutzt werden, um das Unglück zu schildern, welches den Großteil der Geschichte einnimmt: mit nüchterner Wortwahl wird das Feuer beschrieben, das auf dem Schiff ausbricht. Von Vers zu Vers wird die Zeit knapper ("und noch zwanzig Minuten bis Buffalo", "und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo") und John Maynard immer schwächer ("mit ersterbender Stimme"), was durch den einsträngigen Erzählungsstil noch intensiviert wird. Das sich anbahnende Unglück gewinnt zusätzlich an Dramatik durch die detaillierte Beschreibung der Zusammensetzung der Passagiere in der Exposition ("und die Passagiere mit Kindern und Fraun"). Es ist außerdem bereits durch die Illustration auf dem vorderen Buchdeckel zu erahnen. Diese wirkt zuerst auf die Leserinnen und Leser und vermittelt bereits einen ersten Eindruck des Geschehens. Sie zählt zu den Elementen des Paratexts. In diesem Fall stehen das Cover und der Inhalt des Buches in direkter Beziehung zueinander: es zeigt einen Mann, welcher sich als John Maynard herausstellt, am Steuer eines brennenden Schiffes.

Das Chaos und der Ernst der Lage werden deutlich beschrieben, und auch dies wird durch die dazugehörigen Illustrationen verstärkt: die hellen, farbenfrohen Bilder gehen, analog zu der ihren Lauf nehmenden Katastrophe, in dunkle und kräftige Töne über und verlieren schlagartig ihre Leichtigkeit. Zudem sind sie nicht nur zweidimensional und begleitend zum Text, sondern komplex und vielschichtig; es lassen sich verschiedene Aspekte der Geschichte darin erkennen und interpretieren, wie beispielsweise das Motiv der Schwalbe. Zudem passieren auf einigen Bildern mehrere Dinge gleichzeitig, welche im Text nacheinander erzählt werden. Allgemein stellen Tobias Krejtschis Bilder einen zentralen Teil des Werkes dar und sind nicht etwa nur in der Begleitfunktion zum Text zu verorten. Es wirkt sogar eher beinahe andersherum: die Essenz der Geschichte steckt in den Zeichnungen, wird durch Fontanes Lyrik jedoch noch vertieft.

Die Stile Fontanes und Krejtschis passen sehr gut zueinander, besonders aufgrund ihrer Mischung aus Schlichtheit und Tiefe. Krejtschi benötigt nicht zwingend Text, um eine gute Geschichte darzustellen, während Fontane auch ohne die Illustrationen in lebhaften Bildern schreibt, jedoch viel Raum für eine solche Interpretation wie diese lässt. Durch dieses gelungene Zusammenspiel wirkt John Maynard so, als wäre es aus nur einer Hand entstanden, und nicht aus zwei verschiedenen, die durch mehr als ein Jahrhundert voneinander getrennt sind.

Des Weiteren ist zu erwähnen, dass das Schiff größtenteils den Raum für die Erzählung darstellt. Zwar wird auch deutlich gemacht, wo die Reise hingeht und wie lange diese noch dauern soll, doch das zentrale Geschehen spielt sich an Bord der "Schwalbe" ab. Es handelt sich hierbei um einen erzählten Raum; er ist die Umgebung für die in der Erzählung vorkommenden Figuren, doch diese werden durch ihn nicht charakterisiert: die einzige dynamische Figur, die des John Maynard, wird durch ihre Taten und durch ihren damit verbundenen Mut charakterisiert, das Schiff und die darauf passierende Katastrophe bilden den Rahmen dafür, könnten aber auch in ihren Details verändert werden, ohne die Charakterisierung John Maynards zu verzerren.

Die realistische, wenig beschönigte Schilderung der Ereignisse ist eines der Merkmale, welche John Maynard als Werk des Realismus kennzeichnen (ursprünglich erschienen 1886). Texte aus dieser Epoche bieten meist ein wahrheitsgetreues, höchstens leicht verschönertes Bild der Wirklichkeit und beschäftigen sich häufig mit dem Leben einer bestimmten Person. Beides trifft auf Fontanes Ballade zu, denn ein derartiges Unglück hat im Jahre 1841 tatsächlich stattgefunden. Am Steuer stand in diesem Fall Luther Fuller, dem die Hauptfigur des Werkes nachempfunden ist. Im Unterschied zum Ausgang der Erzählung konnte Fuller die Passagiere nicht retten, was den beschönigten Teil der Geschichte darstellt. Das Merkmal des Historismus trifft also auf Fontanes Text ebenfalls zu. John Maynard lässt sich dem Realismus also gut zuordnen, welcher besonders in Deutschland zu dieser Zeit vorherrschend war (auch: bürgerlicher oder poetischer Realismus).

Interessant ist in diesem Zusammenhang zudem, dass Deutschland unter der Führung Otto von Bismarcks in den Jahren vor der Erscheinung des Werkes überseeisch aktiver wurde und es in der Gesellschaft generell einen grundlegenden Wandel gab, welcher unter anderem rapides Bevölkerungswachstum sowie Binnenwanderung mit sich brachte, welche auch in John Maynard eine Rolle spielt, da sie die Basis für die Handlung bildet. Passend zur Hochindustrialisierung, welche ebenfalls zu dieser Zeit stattfand, handelt es sich bei der "Schwalbe" um ein maschinenbetriebenes Schiff, was auch in den Illustrationen deutlich zu sehen ist, als das Feuer ausbricht.

Textintern fällt auf, dass die Hauptfigur John Maynard die einzige Figur in der Geschichte ist, welche namentlich genannt wird; somit wird sie deutlich als Protagonist hervorgehoben und lediglich durch einige typisierte Figuren begleitet ("die Passagiere mit Kindern und Fraun", "der Kapitän"), die jedoch lediglich eine dramaturgische Funktion haben. Der Kapitän ist in den Illustrationen zur Geschichte zu sehen, bevor er erwähnt wird, und der Matrose, der die Besatzung über das Feuer in Kenntnis setzt, wird im Text nicht gesondert erwähnt. Das in den Illustrationen Dargestellte geht also stellenweise über den Inhalt des Textes hinaus und vertieft diesen wie erwähnt.

John Maynard dagegen ist nicht nur eine individualisierte, sondern auch eine dynamische Figur: im Laufe der Erzählung entwickelt er sich vom souveränen, aber nicht allzu sehr im Fokus stehenden Steuermann, zum Helden der Geschichte. Seine Entwicklung wird sowohl im Text (zuerst "der schaut nach vorn und schaut in die Rund: 'Noch dreißig Minuten…halbe Stund'", später "'Noch da, John Maynard?' Und Antwort schallt's mit ersterbender Stimme: 'Ja, Herr, ich halt’s!'") als auch in den Zeichnungen deutlich: zu Beginn ist er zuversichtlich und lächelnd am Steuer zu sehen, wie er mit dem Kapitän plaudert; später wird er erschöpft, inmitten von Rauchschwaden über dem Steuerrad hängend, dargestellt.

Es werden also im Verlauf der Geschichte mehrere Ebenen der Figur des John Maynard offenbart. Sie wird explizit-auktorial charakterisiert, indem der Erzähler seine Taten schildert. Durch diese und durch seine erwähnte Rolle und Entwicklung erfüllt John Maynard das Motiv des tapferen Helden; er ist zwar 'nur' ein Steuermann, entpuppt sich aber als Retter.

Nicht umsonst ist dieses Buch eines der Werke aus der Reihe Poesie für Kinder des Kindermann Verlags, in der sich neben Fontane auch Namen wie Rilke, Goethe und sogar Shakespeare finden. Wie bereits am Beispiel des Werkes John Maynard dargelegt, werden Texte wie Die Brück‘ am Tay (ebenfalls Fontane, ursprünglich 1880 in einer Zeitung erschienen) oder Nis Randers (Otto Ernst, ursprünglich erschienen 1901 als Teil eines Gedichtbandes) durch eine Neuinterpretation deutlich kinderfreundlicher und bieten reichlich Inspiration für Unterrichtsstoff. Interessant bei den eben genannten Werken ist, dass ihre Illustrationen ebenfalls von Tobias Krejtschi stammen, der somit in Poesie für Kinder dreimal vertreten ist. Besonders anhand des Covers von Nis Randers ist sein einzigartiger Stil gut auszumachen, weshalb eventuelle Leserinnen und Leser diesen dort sicher wiedererkennen werden. Krejtschi stellt sein Talent für schlichte, aber ausdrucksstarke Bilder also nicht nur in seiner Interpretation von Fontanes John Maynard unter Beweis.

Fazit

Fontanes Werk ist eine Geschichte voller Trauer, welche aber von Hoffnung und Freiheit eingerahmt wird. Die heldenhafte Geschichte John Maynards sendet eine schöne Botschaft, die durch wenige, aber gut gewählte Symbole noch unterstrichen wird; vor allem aber durch die sehr gut gelungenen Bebilderungen Tobias Krejtschis, die die Ballade ein Stück weit zum Leben erwecken und sie für Kinder noch attraktiver machen. Schließlich beinhaltet sie auch die Auseinandersetzung mit dem Tod, eine heikle Sache, die aber in John Maynard gut umgesetzt wird. Der Tod wird gleich zu Beginn angesprochen und auch nicht beschönigt, jedoch wird im Folgenden das Leben der Hauptfigur thematisiert, in diesem Fall eher ihre Taten. So wirkt die Erzählung nicht so traurig, wie sie von außen betrachtet zu sein scheint, und hinterlässt ein melancholisches, aber schönes Gefühl.

Aufgrund all dieser Kriterien eignet sich die Ballade sehr gut für junge Leserinnen und Leser und auch für den Unterricht, da allein über die Illustrationen sehr viel gesagt werden kann, wie auch über die Lyrik Fontanes und das Zusammenspiel der beiden Komponenten.  Es wird zwar einige Unterstützung notwendig sein, um analytisch wirklich tief in die Struktur und Komposition des Werkes einzutauchen, jedoch lässt sich dies mit Engagement und gegebenenfalls mit zusätzlicher Literatur gut bewältigen. Aus diesen Gründen ist der Text, wenngleich er als Kinderbuch konzipiert ist, durchaus eine Lektüre, der sich Jugendliche und Erwachsene widmen können, ohne das Gefühl zu bekommen, etwas Albernes oder Unterforderndes zu lesen. Allgemein ist es für Kinder ab acht Jahren geeignet, jedoch wahrscheinlich eher für Kinder ab 10 Jahren aufwärts, um die gewünschte Verständnisebene zu erreichen. John Maynard ist ein sehr gutes Werk mit viel Tiefgang, welches nicht umsonst zu Fontanes bekanntesten Werken zählt und auf die Lesenden eine prägende Wirkung hat, sowohl in der Zeit seines ursprünglichen Erscheinens gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als auch in der heutigen Zeit.

Erstveröffentlichung am 25.06.2020


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