von Stephan Goldschmidt

New York in den 50er Jahren. Eine kleine Maus findet auf dem Dachboden ein Teleskop und beginnt den Mond zu studieren. Dabei fehlt es nicht an Wissenschaftlichkeit. Akribisch schreibt sie ihre Beobachtungen auf. Doch als sie soweit ist, den anderen Mäusen ihre Erkenntnisse mitzuteilen, hören diese nicht zu. So fasst die Maus den Entschluss, einen Beweis zu erbringen und selbst zum Mond zu fliegen.

Kuhlmann, Torben: Armstrong. Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond.
NordSüd Verlag, Zürich, 2016.
128 Seiten. 22,00 €
ISBN 978-3314103483.
Empfohlen ab 5 Jahren.

Inhalt

Armstrong ist ein intelligentes Bilderbuch mit einer Nähe zur Wissenschaftlichkeit. Die abenteuerliche Reise der Maus hat Höhen und Tiefen, erzählt von einem ehrgeizigen Plan und dem Willen diesen auch in die Tat umzusetzen. Schafft es die Maus mit Hilfe ihres Willens und ihrer Sorgfalt die anderen Mäuse zu überzeugen? Kann sie der Außenseiterrolle entfliehen und als Held zurückzukehren? Um diese und andere Fragen zu beantworten skizziert sie ihre Beobachtungen, hört Universitätsprofessoren zu und legt weite Strecken zurück, um mit einem ganz besonderen Flugpionier zu sprechen. Zwischen Zweifel und Zuversicht besteht die Maus Gefahren und Abenteuer. Von den Mäusen verlacht, von den Menschen verfolgt gelingt der Maus gerade noch rechtzeitig der Start zum Mond.

Kritik

Torben Kuhlmann gelingt mit Armstrong der Kunstgriff eine Geschichte dramaturgisch punktiert an den Bildern entlang zu erzählen. Eine Identifikation mit dem namenlosen Hauptcharakter ist auch ohne überzeichnete, "disneyeske" Eigenschaften und vermenschlichte Physiognomie problemlos möglich. Die Mondmaus als Hauptcharakter ist ein Außenseiter, der die Wissenschaftlichkeit vor die Religion stellt. Während die Mondmaus wissen will, genügt es den anderen Mäusen zu glauben. Die Charakterentwicklung ist durch Versuch, Irrtum und am-Misslingen-wachsen sehr schön inszeniert. In Zeiten großer Unsicherheit lernt die Maus eine Mentor-Figur kennen, die sich intertextuell an Lindbergh (2014) anlehnt. Dieses minimale Charaktersetting – zwei namenlose Charaktere – genügt Kuhlmann, um eine beeindruckende Geschichte zu entwickeln, die zwischen Spannung, Hoffnung und Erfolg mäandert.

Der thematische Bezug zur realen Mondlandung ist einerseits durch einen wissenschaftlichen Anhang und anderseits durch das Auftreten Neil Armstrongs geschaffen. Durch das spannende Thema Raumfahrt entstehen viele Redeimpulse zwischen Mit- und Vorlesenden.

Armstrong zählt zu den fantastischen Bilderbüchern. Nach dem Zwei-Welten-Modell (vgl. Nikolajeva 1988) spielt die Geschichte in der Primärwelt, in welcher die Sekundärwelt implizit ist. Diese Implikation beider Welten spielt auch in der Handlung eine wichtige Rolle, da die zeitliche Verknappung und dadurch entstehende Hektik von Menschen der Primärwelt verursacht wird. Somit hat die Maus aus der Sekundärwelt Einfluss auf die Menschen in der Primärwelt. Die Perspektive aus der heraus erzählt wird, ist die der Maus und somit eine Untersicht (ugs. Froschperspektive). Dieser Sichtwinkel vereinfacht die Identifikation von Kindern mit dem Hauptcharakter, da sie sich die Untersicht auf die Welt mit der Maus teilen. Die Erzählebene der Rahmenhandlung ist extradiegetisch, wobei aus der Perspektive der Maus erzählt wird (Blick über die Schulter).

Der Text ist im Präteritum geschrieben und somit leicht für Kinder zugänglich. Die Erzählstruktur ist chronologisch (lineares Erzählen) und parallel (Text-Bild-Interdependenz), wobei der Schwerpunkt bei den Illustrationen liegt. Der Satzbau ist größtenteils parataktisch und somit zielgruppenorientiert geschrieben. Kleinere Abschnitte direkter Rede betten sich in größere, deskriptive Abschnitte ein. Die Schriftart und -größe lädt Kinder zum Mitlesen ein. Ein Hinweis auf die Intention des Autors, ein Mitlesen zu inszenieren, ist die Verwendung initialer Übergroßbuchstaben, welche lineares Lesen unterstützen soll. Die Zeilenlänge überschreitet 15 Wörter nicht. Dies ist ebenfalls ein Hinweis auf zielgruppengerichtetes Schreiben. Die Textabschnitte sind meistens in die Bilder integriert und wechseln die Schriftfarbe, wenn der Kontrast droht unleserlich zu werden.

Die Illustrationen nehmen einen großen Raum im Bilderbuch ein und sind fotorealistisch gezeichnet. Doppelseitige Panoramablicke stellen einen Kontrast dar zu vielen kleinteiligen Einzelbilder, die den Verlauf der Geschichte erzählen.

Während die Panoramabilder sehr gut eine Momentaufnahme darstellen, erzählen die Einzelbilder die Geschichte weiter. Dies steuert das Lesetempo, da die Panoramabilder zum Verweilen und teilweise – durch die Fülle eines Wimmelbildes – zum Suchen und Finden einladen. Die Farbgebung der Gegenstände entspricht denen der Realität. Licht und Schatten sind pointiert gesetzt und unterstützen stimmungsvoll die Handlung. Im Laufe der Geschichte sehen die Rezipierenden immer wieder handschriftliche Skizzen, welche die Maus angefertigt hat. Dies dient dem Feinschliff des Hauptcharakters. Denn auf Basis der Notizen und der ungeplanten Skizzen erwächst die Idee, den Mond wissenschaftlich zu untersuchen. Diese Methode ist autobiografischer Natur, da Kuhlmann in Zeiten der Recherche selbst ähnlich arbeitet (vgl. Linden 2016). Der Prozess des Verstehens und der Wiedergabe wird mit den handschriftlichen Skizzen der Maus sehr ansprechend illustriert.

Das Cover des Buches wirkt abgegriffen. Es hat Ecken, in denen die Farbe bereits abblättert, und der Buchrücken sieht alt aus. Dies, gepaart mit den zeitlosen Illustrationen und der nüchternen Schriftart wirkt, als sei das Buch aus den 50er Jahren, womit ein schöner Bogen zur Erzählzeit gespannt wird. Dies unterstützt die Fantasie der Kinder und lässt die Geschichte noch realistischer wirken.

Fazit

Kuhlmanns Armstrong ist sehr lesens- und empfehlenswert. Durch das Hardcover und das große Format eignet es sich besonders als Vorlesebuch. Doch auch die Thematisierung in der Schule ist möglich, denn im Lesen geübte Kinder können dieses Buch auch selbstständig lesen. Armstrong überzeugt mit einer komplexen Geschichte, die mühelos erzählt wird.

Der Autor empfiehlt dieses Bilderbuch für Kindergartenkinder und ältere. Ich empfehle dieses Buch für Kinder zwischen 4 und 10 Jahren, entweder als Vorlesebilderbuch im familiären Umfeld oder als Klassenlektüre in der Schuleingangsphase.

Thematisch ist Raumfahrt ein für Kinder interessanter und spannender Bereich. Das Buch liefert viele Frageanlässe für Kinder, die einen Bezug zur außertextuellen Wirklichkeit ermöglichen. Erwachsenen Leserinnen und Lesern mag auffallen, dass TTorben Kuhlmann sehr intensiv im Themenbereich Raumfahrt recherchiert hat. Eine Kenntnis dieser Zusammenhänge ist jedoch nicht notwendig, um der Geschichte folgen zu können. Nach Lindbergh (2014) und der Maulwurfstadt (2016) liefert Kuhlmann mit Armstrong ein weiteres herausragendes Bilderbuch für nahezu jedes Alter, an dessen Erfolg sich auch sein neuestes Werk Edison (2018) anschließt.

Literatur

  • Kurwinkel, Tobias: Bilderbuchanalyse. Narrativik - Ästhetik - Didaktik. Tübingen: A. Francke Verlag, 2017.
  • Linden, Thomas: Die Mondfahrt aus der Perspektive einer Maus. https://www.deutschlandfunk.de/bilderbuch- armstrong-die-mondfahrt-aus-der-perspektive.1202.de.html?dram:article_id=361668 (12.01.2020).
  • Nikolajeva, Maria: The Magic Code. The Use of Magic Patterns in Fantasy for Children. Stockholm: Almqvist & Wiksell, 1988.

Erstveröffentlichung: 22.07.2020


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