Erstveröffentlichung: 01.09.2020

rezensiert von Dr. Philipp Schmerheim

Sébastien Perez und Benjamin Lacombe erzählen die Abenteuer von Dorothy Gale und ihren Gefährten im Zauberland Oz neu, und zwar aus Perspektive der Vogelscheuche. Das Resultat ist ein prachtvoll ausgestattetes, überzeugend erzähltes und elegant illustriertes Lesevergnügen vor allem für ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Perez, Sébastien (Autor)/Lacombe, Benjamin (Ill.):
Der Zauberer von Oz.
Jacoby & Stuart, Berlin, 2019.
120 Seiten. 29,00 €
ISBN 3-96428-026-8.
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

Auf einem Maisfeld im Wunderland Oz bauen Farmarbeiter eine Vogelscheuche zusammen. Was sie nicht ahnen: Der „Strohkerl“ erwacht gleichzeitig zum Leben und bekommt alles mit. Während er noch über die seltsame Welt staunt, in der er als Krähenschreck für die Sicherheit des Maisfeldes sorgen soll, rastet zufällig ein junges Mädchen namens Dorothy in seiner Nähe. Das Mädchen hat es mitsamt ihrem kleinen Hund Toto durch einen Wirbelsturm aus Kansas in das Zaubererland Oz verschlagen, und nun versucht sie, wieder nach Hause zu finden. Helfen kann ihr dabei angeblich der allmächtige Zauberer von Oz, der in der Smaragdstadt residiert. Der Strohkerl freundet sich mit Dorothy an und begleitet sie auf ihrem Weg, in der Hoffnung, vom Zauberer ein Gehirn spendiert zu bekommen, das ihn endlich zu einem vollwertigen Menschen machen würde. Unterwegs schließen sich noch ein Blechmann ohne Herz und ein Löwe ohne Mut der ungewöhnlichen Reisegruppe an, die manche gefährliche Abenteuer bestehen muss.

Kritik

Frank Baums Romanreihe um Dorothy Gale, die mit Hilfe ihrer ungewöhnlichen Freunde aus der Wunderwelt Oz wieder in ihre Heimat Kansas zurückfinden will, gehört zu den beliebtesten Geschichten der Kinder- und Jugendliteraturgeschichte, insbesondere im US-amerikanischen Kulturraum. Dort genießen Dorothys Abenteuer einen Status wie hierzulande die Grimm’schen Märchen. In Deutschland ist vor allem der Filmklassiker mit Judy Garland bekannt, während die Bücher eher ein Nischendasein fristen.

Baums Erstling The Wonderful Wizard of Oz erschien erstmals 1900, mit Illustrationen von W.W. Denslow. Insgesamt schrieb Baum bis 1920 14 Oz-Romane, die sich meistens um weitere Abenteuer von Dorothy, dem Zauberer oder auch der Hexe Glinda drehen. Zudem gibt es bis heute zahlreiche weitere Oz-Bücher von anderen Autorinnen und Autoren, wiederum vor allem im englischsprachigen Raum. Hinzu kommen unzählige Adaptionen, Bearbeitungen und Neuerzählungen für Theater, Fernsehen, Kino, Bilderbuch etc.

Mit ihrer 2019 erschienenen Bildgeschichte Le Magicien d’Oz, so der französische Originaltitel, reihen sich Sébastien Perez und Benjamin Lacombe somit in eine umfangreiche Publikationstradition ein, zugleich versuchen sie sich an einem frischen Blick auf eine eigentlich erschöpfend auserzählte Geschichte: Erzählt wird das Abenteuer von Dorothy und ihren Freunden in 14 kurzen, meist vierseitigen Kapiteln autodiegetisch aus der Perspektive der Vogelscheuche. Das ist ein in den letzten Jahren immer häufiger angewandter Kniff, um altvertraute Geschichten neu zu erzählen – und in diesem Fall funktioniert er auch, gerade für diejenigen Lesenden, die bereits mit dem Oz-Erzähluniversum vertraut sind. Die Geschichte beginnt damit, dass die Vogelscheuche nach und nach zum Leben erwacht, während ihre menschlichen Schöpfer sie aus Stroh, alten Klamotten und Knöpfen inmitten eines Maisfelds zusammenbauen. Schon bald darauf lernt sie Dorothy kennen, die sie von ihrem Holzpfahl befreit und auf ihrem Weg in die Smaragdstadt, wo der Zauberer von Oz wohnt, mitnimmt.

Die Geschichte rekapituliert die wichtigsten Handlungsstationen der Originalgeschichte, dreht sich aber vor allem um den Lernprozess von Mais – so der Name, den die Vogelscheuche sich später selbst gibt. Die meiste Zeit denkt die Vogelscheuche, dass ihr ein Gehirn fehlt, um wirklich intelligent wie ein Mensch zu sein, doch – das wird uns Lesenden früh bewusst – eigentlich ist es Mais, der durch sein ständiges Reflektieren und Hinterfragen die pfiffigsten Lösungen für die Probleme der Gefährten aufstöbert, und der auf der Reise erkennt, dass seine Gefährten eigentlich bereits haben, was sie sich wünschen: Der Blechmann ist einfühlsam und hat somit eigentlich schon ein Herz, und auch der Löwe hat mehr Mut, als er sich selbst eingestehen will. Kein Wunder bei so viel Intelligenz und Empathie, dass es am Ende der Geschichte Mais ist, der zum Verwalter der Smaragdstadt wird, nachdem der Zauberer von Oz sich kurzerhand mit einem Luftballon abgesetzt hat.

Lacombe, eines der sichtbarsten jungen Gesichter der französischen Illustrationsszene, erzählt seit Jahren Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur neu – oft in Zusammenarbeit mit Perez, aber auch mit anderen Autorinnen und Autoren. So gibt es illustrierte Neufassungen von Alice im Wunderland, der Golem-Sage, von Schneewittchen und Undine, aber auch von Geschichten aus dem Umfeld der schwarzen Romantik bzw. des gothic horror, etwa von Edgar Allan Poe und Prosper Merimée.

Sein Stil ist dabei recht unverwechselbar: Lacombes Illustrationen sind zwischen Romantik und art nouveau/Jugendstil angesiedelt und erinnern an die Illustrationen eines Alfons Mucha. Sie spielen mit kräftigen, saturierten Farben, die gerne metallisch glänzen, und mit einem realistischen Zeichenstil, der durch extreme Perspektivierungen und extrem nah an die Figuren heranrückende Bildausschnitte zugleich für Verfremdungseffekte sorgt. Zu letzterem trägt in dem vorliegenden Band auch bei, dass die Bilder umso mehr wie in einen Grünfilter getaucht wirken, desto näher Dorothy und ihre Freunde sich der Smaragdstadt nähern.

In dem Buch wechseln sich Textpassagen und zumeist ein- oder doppelseitige Illustrationen ab. Ergänzt werden diese jugendstilhaften Bilder durch Initialen am Anfang eines Kapitels und durch gelegentliche Illustrationen, die mit einem feinen Kohlestift gezeichnet sind und deren Flächen lediglich mit einer smaragdgrünen Farbe verziert oder gefüllt werden. Dieser Grünton bildet gleichsam die Leitfarbe des Bandes, denn sie findet sich auch bei den Ornamenten und Farbflächen der peritextuellen Buchbestandteile, etwa die Titelseite, Kapitelseiten und das Vorsatzpapier.

Fazit

So ist Lacombes und Perez’ Version von Der Zauberer von Oz vor allem ein ästhetisches Erlebnis, das der Verlag Jacoby & Stuart als großformatige, prachtvoll ausgestattete Hardcover-Ausgabe auf den Markt gebracht hat. Für Kinder auch im Vor- und Grundschulalter als Abenteuergeschichte eine faszinierende  (Vorlese-)Lektüre mit üppigen Bildern, wenngleich sie natürlich nicht alle intertextuellen Ebenen erfassen dürften.


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