von Michael Stierstorfer

Wozu ein weiteres Sachbuch über die Welt der Alten Griechen? Eine prompte Antwort auf diese Frage liefert der vorliegende Prachtband. Dieser ragt in Gestalt und Gehalt aus der Masse verwandter Produkte heraus: Mit seinem A3-Format und einem göttlich schmucken Cover würde es ein stilvolles Coffee Table Book abgeben. Zudem verführt es seine jugendlichen und junggebliebenen Leser und Leserinnen zum Eintauchen in eine vielschichtige Klapp- und Pop-Up-Welt, die ihnen bildgewaltig die kulturellen Errungenschaften der Alten Griechen erschließt.

Carole Saturno (Text); Giulani, Emma (Illustrationen): Griechenland.
Aus dem Französischen von Sarah Pasquay.
Gerstenberg, Hildesheim, 2020.
20 Seiten, 29,00 €
ISBN 978-3-8369-6078-6.
Empfohlen ab 8 Jahren.

Inhalt

Das Buch lädt auf eine Exkursion zu Kultur und Mythos der Alten Griechen ein. Knappe und eingängige Texte über den Ur-Streit um die Namensgebung von Athen zwischen Poseidon und Athene bekommt zu lesen, wer die einzigartige Silhouette der Akropolis und deren bunt bemalte Tempel als Pop-Up-Element betrachtet. Mit viel Liebe zum Detail ist die Fassade des Tempels mit dem filigranen Fries an der Spitze, der Darstellung über den Sieg der Athene und den monumentalen Säulen zeichnerisch nachgestaltet, an denen Mäandermuster fließend verlaufen. Der Name der Stadt verrät natürlich bereits die Siegerin im Streit der Götter, die sich selbst unwissenden Lesern dann offenbart, wenn ein paar Seiten weiter der Parthenon-Tempel in Großansicht als wichtigster sakraler Ort der Akropolis aufzuklappen ist. Öffnet man die monumentalen Türen, so begrüßt und bannt einen die in Gold erstrahlende Athene-Figur, die eine Nike-Statue als Symbol ihres Sieges in der Hand hält. Die Innenseiten der Flügeltüren zieren u.a. Informationen darüber, dass die über zwölf Meter hohe Kolossalstatue der Weisheits- und Kriegsgöttin aus Edelmetallen, Elfenbein und Edelsteinen heute verschollen ist und von dem Künstler Phidias, einem der berühmtesten Bildhauer der Antike, im Auftrag des Strategen Perikles in der Blütezeit Athens im fünften Jahrhundert v. Chr. geschaffen wurde. Wer weiterforschend den Sockel des Tempels aufklappt, entdeckt dahinter einen farbenprächtigen Fries mit der Darstellung einer Opferzeremonie anlässlich der Panathenäen, des größten attischen Festes zu Ehren des Geburtstages der Athene, bei dem auch Wettkämpfe stattfanden.

Kritik

Der Band liefert mit haptischen Mitteln einen profunden Einblick in die griechische Kultur. So bildet ein besonderes Highlight die Doppelseite über die Agora, den Hauptplatz Athens, und deren politische Versammlungsorte wie das Strategeion als Verwaltungsgebäude der zehn von der Ekklesia (Volksversammlung) gewählten Strategen als Zentrum und Wiege der Demokratie. Die kriegerische Seite der attischen Macht ruft eindringlich die Synopse an Furcht einflößenden Schilden zur Abwehr der Feinde in Erinnerung: Dort verkörpern etwa grimmige Stier- oder Löwenköpfe, vielarmige Oktopusse, wild gewordene Eber oder die Fratze einer grünäugigen Medusa aus archaischer Zeit die Schrecken des Kampfes. Klappt man diese kachelähnlichen Elemente – der eine oder andere wird sich ein wenig an das Kacheldesign von Windows 10 erinnert fühlen – auf, so sind sachlich knappe Texte und Darstellungen von archäologisch korrekt abgebildeten Waffen und Kriegsrüstungen vorzufinden. Auch die Ausbildung eines kriegerischen Hopliten (eines schwer bewaffneten Fußsoldaten) und dessen Treueeid sind durch bunte Friesfiguren bildlich vergegenwärtigt. In der Mitte der Doppelseite lässt sich durch das Umblättern einer Inszenierung der Hoplomachie (Kampf unter bewaffneten Soldaten) der Aufbau eines Kriegsschiffes, genannt Triere, und deren Auge am Bug, das das Böse fernhalten soll, erkunden.

Eine wichtige kulturhistorische Abrundung erhält das Thema durch die vielschichtige Umsetzung von Homers Heldenepen Ilias und Odyssee, die an der Wiege der europäischen Literatur stehen. Troja prangt in der Mitte einer Doppelseite mit seinen scheinbar unüberwindbaren Mauern als Pop-Up-Element, doch schon eine Ebene dahinter lauert das Trojanische Pferd bedrohlich in der Stadt und überragt deren Mauern. Anhand bekannter Vasendarstellungen in neuem Design, die hier weder rot- noch schwarzfigurig inszeniert werden, sondern erfrischend farbig reanimiert sind, folgt der Leser zentralen Stationen der beiden weltbekannten Epen durch das Wenden und Drehen zahlreicher Papierelemente. So steigen wie aus dem Nichts die griechischen Krieger und die Trojaner mit ihren Rundschilden hervor und kämpfen miteinander. Knappe Sätze informieren auf diversen Flächen nicht nur über die Reisestationen des Odysseus, sondern auch über wunderliche (Meeres-)ungeheuer wie die Skylla, ein Frau-Hund-Seeschlange-Hybridwesen.

Um auch die zentrale Frage des "Quid ad nos?" nicht unbeantwortet zu lassen, führt die abschließende Doppelseite in drangvoller, aber gleichwohl übersichtlicher Enge von Schrift und Bild vor, dass das griechische Erbe in alle Bereiche unserer Gegenwartskultur einfließt: Das Alphabet als Grundlage zur Beschreibung wissenschaftlicher Phänomene, die dramatischen Stoffe der Tragiker Aischylos, Sophokles, Euripides und des Komikers Aristophanes als Ursprung des Theaters und Films, der Schlangenstab des prominenten Heilers Hippokrates, dessen Eid die Ärzte auch heutzutage noch vielfach schwören, als Symbol für die Medizin, die Olympischen Spiele als Archetyp von internationalen Sportwettbewerben und die Philosophie als Grundlage eines solidarisch geprägten und reflektierten Miteinanders.

Fazit

Dieses polyvalente Buch für Jung und Alt bietet viel Potenzial für Leser und Leserinnen ab acht Jahren mit Entdeckerdrang, sodass es auch bei mehrfachen Relektüren seinen Reiz nicht verliert. Denn immer wieder sind neue "Klappentexte" oder Effekte aufzuspüren. Das Füllhorn an profunden Informationen, die man beim ersten Lesen voller Staunen wegen der Effekte und der prachtvollen archäologischen Darstellungen von Gebäuden, Friesen und Göttern gar nicht alle auf einmal aufnehmen kann und muss, laden zum vertiefenden Schmökern ein. Ein Glanzlicht der Antikenrezeption.

Erstveröffentlichung am 10. September 2020 in der Süddeutschen Zeitung.

Erstveröffentlichungsdatum KinderundJugendmedien.de: 12. Oktober 2020

 


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