Von Isa Lange

Das Weihnachtsmärchen als Phänomen zwischen Kultur und Politik: Die Universität Hildesheim lädt ein zur Weihnachtsvorlesung am Mittwoch, 17. Dezember 2014, um 18:00 Uhr auf dem Kulturcampus Domäne Marienburg der Universität (in der Aula/Hohes Haus, Domänenstraße 1, 31141 Hildesheim). Prof. Dr. Wolfgang Schneider vom Institut für Kulturpolitik spricht über "Das Weihnachtsmärchen als Phänomen zwischen Kultur und Politik". Die Veranstaltung ist öffentlich und kostenfrei.

"Nehmt die Kinder ernst. Geschiedene Eltern, wenig Geld – das gehört auch zur Welt der Kinder. Die auf der Bühne sollten mit denen da im Publikum etwas zu tun haben", sagt Wolfgang Schneider. Der Kulturpolitikprofessor der Uni Hildesheim fordert Theaterhäuser auf, eine dramatische Kunst für junges Publikum zu entwickeln, die nicht nur eine heile Welt vorgaukelt. Weihnachtstheater könne eine Brücke schlagen, um Kinder für Bühnenkunst zu interessieren. Dafür sollten Theaterhäuser sich anstrengen und mit "den besten Regisseuren zusammenarbeiten". An der Uni Hildesheim gehören Theaterformen für Kinder und Jugendliche zum Lehrangebot. Absolventen sind bundesweit als Theaterpädagogen tätig.

Eine Muh, eine Mäh, eine Täterätätä, eine Tute, eine Rute, eine Hopp-hopp-hopp-hopp, eine Diedeldadeldum, eine Wau-wau-wau, ratatsching-daderatabum.

Diese Zeilen eines Weihnachtsklassikers sind genau 100 Jahre alt.

Im Lied "Der Weihnachtsmann kommt" – besser bekannt als "Eine Muh, eine Mäh" – geht es heiter zu, und die Wünsche nach Geschenken klingen lautmalerisch hervor. Da bringt der Weihnachtsmann eine Kuh, eine Trompete, ein Pferd, einen Hund und die Glocke macht "bim-bam". "Da geht es lustig zu. Bei anderen deutschsprachigen Weihnachtsliedern möchte man beinahe gleich in den Himmel einfahren. Dieses Lied aber umschreibt die Freude der Kinder auf die Weihnachtszeit", sagt Wolfgang Schneider, Professor für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim. Er spricht in dieser Woche in einer Weihnachtsvorlesung an der Universität Hildesheim über das Lied, das ein Schlagerkomponist namens Wilhelm Lindemann 1914 produzierte – also vor genau 100 Jahren. "Das Lied passt in die Zeit der Kindertümlichkeit, in der den Jüngsten eine heile Welt vorgegaukelt wird, wie sie auch auf den Bühnen der deutschen Stadttheater immer wieder vor Weihnachten Einzug hält", sagt Schneider.

Wolfgang Schneider blickt auch auf die Spielpläne der Theater. In diesen Wintertagen laufen landauf landab wieder "Kinderstücke zur Weihnachtszeit". Sie seien ein Wirtschaftsfaktor für Stadt- und Staatstheater, in drei Dutzend Opernhäusern wird noch immer Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel" gespielt. Unter anderem in Stendal, Rudolstadt, Detmold, Baden-Baden und Heilbronn läuft Gerdt von Bassewitz` "Peterchens Mondfahrt", beobachtet Schneider.

Der Kulturpolitikprofessor entdeckt aber auch in einigen Häusern Mut und Ideenreichtum, eine dramatische Kunst für junges Publikum zu entwickeln. Statt "Hänsel und Gretel", "Peterchens Mondfahrt" und "Der Räuber Hotzenplotz" stehen zum Beispiel im Thalia Theater Halle, am Jungen Ensemble Stuttgart und im Theaterhaus Frankfurt am Main das Stück "Ein Schaf für’s Leben" nach einem Bilderbuch von Marittgen Matter auf dem Spielplan. Im Comedia Theater Köln, im Theater Marienbad Freiburg und im Theater Lüneburg wird "An der Arche um Acht" von Ulrich Hub inszeniert. Dabei kommt zeitgemäßes Kinder- und Jugendtheater beim jungen Publikum bestens an. Manche zeigen sich allerdings empört, vermissen das traditionelle Stück. Wolfgang Schneider erinnert an einen Eklat in Hildesheim: Vor einigen Jahren zeigte das Stadttheater "Das besondere Leben der Hilletje Jans", über ein Amsterdamer Mädchen, das ohne Familie aufwächst, in einem Gasthof schuftet und flüchtet. "Das klassische Weihnachtsmärchen fand nicht statt, entgegen der Erwartungshaltung vieler Bürger. Das sorgte wochenlang für Aufruhr in der Stadtgesellschaft und führte zu sogar zu einer Morddrohung gegen den Intendanten."

"Nehmt die Kinder ernst. Theater für Kinder bedarf der besonderen Pflege, was Produktion und Rezeption betrifft. Es ist höchste Zeit, dem Alltagsgeschäft ein Kindertheater gegenüberzustellen, das durch soziale und künstlerische Ansprüche geprägt und Spiegel der Zeit ist, das Kommunikation in Gang setzt und Mut zum Leben macht. Wenn das Licht im Theater angeht, erwarte ich im Kindertheater Gesellschaftskritik, eine Auseinandersetzung mit der Institution Schule, mit der Familie, mit den Nachrichten", sagt Wolfgang Schneider. Kulturpolitische Forderungen zum Kindertheater skizziert er auf 500 Seiten im Band "Theater für Kinder und Jugendliche" (Olms Verlag). Schneider ist Gründungsdirektor des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland, das vor 25 Jahren durch das Bundesjugendministerium eingerichtet wurde. "Theater würden es nicht wagen, manch eine Kindertheaterproduktion dieser Tage auf Erwachsene loszulassen. Warum inszenieren so viele Häuser eine heile Welt oder bringen Kinderbücher hölzern auf die Bühne? Geschiedene Eltern, wenig Geld – das gehört auch zur Welt der Kinder. Die da auf der Bühne sollten mit denen da im Publikum etwas zu tun haben."

"Weihnachten ist die Gelegenheit ins Theater zu gehen", heißt es auf der Internetseite des Theaters für Niedersachsen (TfN). Wenn es dabei bleibt, einmal im Jahr im Theaterhaus aufzutauchen, verspielen die Theater viel Potential. Weihnachtstheater könnte eine Brücke schlagen, um Kinder und Jugendliche für Bühnenkunst zu interessieren. Dafür sollten Theaterhäuser sich anstrengen und für Kinder und Jugendliche das Allerbeste auffahren, mit "den besten Schauspielern, den besten Lichttechnikern und Bühnenbildnern, den größten Regisseuren und Autoren zusammenarbeiten", so der Professor.

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