von Ina Henke

Die Leseförderung von Jungen steht spätestens seit der ersten PISA-Studie im Jahr 2000, die gezeigt hat, "dass in allen 65 Teilnehmerländern Mädchen signifikant höhere Leseleistungen erzielen als Jungen" (Garbe, S. 1), im Fokus deutschdidaktischer Diskussionen und ist Gegenstand unterschiedlicher Leseförderprojekte geworden. Eines dieser Projekte ist die Internetplattform boys & books – Empfehlungen zur Leseförderung von Jungen, die von Christine Garbe und Frank Maria Reifenberg im Jahr 2012 ins Leben gerufen wurde und dessen konzeptionelle Grundlagen, Empfehlungen und Beispielanalysen nun in dem Band Attraktive Lesestoffe (nicht nur) für Jungen. Erzählmuster und Beispielanalysen zu populärer Kinder- und Jugendliteratur versammelt wurden. Neben einem theoretischen Input zur gender-sensiblen Leseförderung und zum literarischen Genre- bzw. Erzählmusterbegriff bieten die Beiträge einen Überblick über Textgruppen, Themen und Erzählformen, denen eine besondere Relevanz für die Leseförderung von Jungen zugeschrieben wird. 

Garbe, Christine/Gürth, Christina, Hoydis, Julia u.a. (Hgg.): Attraktive Lesestoffe (nicht nur) für Jungen.
Erzählmuster und Beispielanalysen zu populärer Kinder- und Jugendliteratur.
Schneider Verlag, Baltmannsweiler, 2018
319 S., 24,00 Euro
ISBN  978-3-8340-1886-1                      

Inhalt     

Den aus dem Projekt boys & books hervorgegangenen Sammelband eröffnet ein Beitrag von Christine Garbe. Darin werden auf Basis von Erkenntnissen der empirischen Lese- und Medienforschung zu Geschlechterunterschieden im Lesen zunächst Genrepräferenzen von insbesondere männlichen Heranwachsenden herausgearbeitet und anschließend die Grundlagen einer gender-sensiblen Leseförderung dargestellt. In diesem Kontext erfolgt auch eine Revision der 2007 von Garbe und Philipp benannten "fünf Achsen der Differenz" (Garbe, S. 5). Im Anschluss daran widmet sich Julia Hoydis in ihrem ebenfalls eher theoretisch ausgerichteten Beitrag vertiefend dem Genre- sowie dem damit eng verschränkten Erzählmusterbegriff. Dabei arbeitet sie heraus, welche Genres in der Kinder- und Jugendliteratur zu finden sind und welcher besondere Wert gerade populären Genres und Erzählmustern für die Leseförderung von Jungen zukommen kann.

Die Forschungsergebnisse aufgreifend versammelt der zweite Teil des Bandes Beiträge, in denen die Erzählmuster populärer Genres vorgestellt werden, die von Jungen – wie unter anderem die Studie von Pronold-Günthner (2010) belegt – in besonderem Maße rezipiert werden. So finden sich hier unter anderem Beiträge zu Abenteuerliteratur, zu Science-Fiction, zu fantastischer Kinder- und Jugendliteratur, zu Horror- bzw. Gruselliteratur und zu Kriminalliteratur, die Handbuchartikeln ähneln, da sie alle folgenden nahezu einheitlichen Aufbau aufweisen: 1. Faszination, Reputation und Legitimation des Genres; 2. Wirkungs- und rezeptionsästhetische Aspekte; 3. Ursprünge des Genres; 4. Beziehungen zu angrenzenden Genres; 5. Handlungsmuster; 6. Figuren; 7. Raum und Zeit; 8. Besonderheiten des Genres. Abgerundet wird jeder Beitrag durch Beispielanalysen von kinder- sowie jugendliterarischen Texten des jeweiligen Genres. Neben den Beiträgen zu den Genres bzw. ihren Erzählmustern werden im zweiten Teil des Bandes darüber hinaus einige weitere Formen und Themen, deren besondere Anziehungskraft auf Jungen empirisch nachgewiesen werden konnte, betrachtet und einem ähnlichen Schema folgend aufbereitet: Comics, Sachbücher, Sport und Humor/Komik. Dabei wird immer wieder betont, dass diese Genres, Themen und Formen für Jungen zwar besonders attraktiv seien, Mädchen jedoch nicht grundsätzlich ausschlössen (vgl. Garbe, S. 20).

Im dritten und letzten Teil des Bandes wird schließlich das Projekt boys & books noch einmal detailliert vorgestellt (Beitrag von Frank Münschke) und es werden einige allgemeine Empfehlungen zur Praxis einer gender-übergreifenden sowie gender-sensiblen Leseförderung (Beitrag von Christina Gürth) gegeben. Während Frank Münschke vor allem deutlich macht, an wen das Projekt mit der Webseite www.boysandbooks.de adressiert ist (Eltern, Lehrkräfte, Bibliothekarinnen und Bibliothekare, Pädagoginnen und Pädagogen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter) und welche Rolle die drei zentralen Säulen Buchempfehlungen, Leseförderung und Leseforschung für die Grundausrichtung des Projekts spielen, zeigt Christina Gürth zunächst – auf Grundlage des Mehrebenenmodells des Lesens von Rosebrock/Nix – zentrale (sowohl gender-übergreifende als auch gender-sensible) Fördermaßnahmen einer allgemeinen systematischen Leseförderung auf. Anschließend fokussiert sie das Konzept des eigenständigen Lesens, um die Relevanz eines umfassenden und systematischen Vorgehens in der (gender-sensiblen) Leseförderung herauszustellen. 

 

Kritik

Die Beiträge des Bandes bieten insbesondere für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren im Bereich der Leseförderung, d. h. für Lehrkräfte, Leiterinnen und Leiter von Fortbildungen, Eltern, Bibliothekarinnen und Bibliothekare etc., einen guten ersten Überblick über unterschiedliche populäre Erzählmuster, Themen und Formen, die in der empirischen Leseforschung als für Jungen besonders geeignet bestimmt werden. Durch den einheitlichen Aufbau der Beiträge (abgesehen von den theoretischen Beiträgen zu Beginn und am Ende) weist der Band eine klare Systematik auf, die den Leserinnen und Lesern die Orientierung erleichtert und ihnen ermöglicht, schnell Informationen zu Figuren, Raum, Handlung etc. eines bestimmten Genres zu finden. Die theoretischen Beiträge von Christine Garbe, Julia Hoydis und Christina Hürth geben den Beiträgen zu Erzählmustern, Themen und Formen eine wissenschaftliche Rahmung und arbeiten zentrale Forschungsergebnisse gut nachvollziehbar auf. Zudem halten die Beispielanalysen hilfreiche Anhaltspunkte für die Auswahl von Texten für die Lektüre (zu Hause oder im unterrichtlichen Kontext) bereit. Hierbei hätten mitunter allerdings die analytischen Anteile (vor allem die Analyse von Gestaltungselementen) gegenüber der inhaltlichen Darstellung und Wertung ein stärkeres Gewicht erhalten können.

Darüber hinaus ist das Anliegen des Bandes sowie der Plattform boys & books, die im Beitrag von Frank Münschke in übersichtlicher Weise vorgestellt wird, hochrelevant. So soll die Kategorie Gender und insbesondere das Leseverhalten von Jungen auch im Bereich der Leseförderung mitberücksichtigt werden. Dennoch ist hier zumindest fraglich, ob die Fokussierung auf Themen und Erzählmuster, die gegenwärtig – wie die aufgeführten empirischen Untersuchungen zeigen – von Jungen präferiert werden und identifikatorisches Potential bieten, nicht zu einer Festschreibung und somit Essentialisierung von in Teilen durchaus problematischen Männlichkeitsrollen und -vorstellungen beiträgt. Gerade die Beispielanalysen der von dem Verfasser als "Sportliteratur" bezeichneten Texte zeigen, dass sie tradierte Männlichkeitsbilder, wie das Bild des willensstarken und disziplinierten Mannes, eher weiterführen als hinterfragen. Dass ein Bewusstsein für dieses Problem besteht, wird in den Beiträgen von Christine Garbe und Julia Hoydis deutlich. So spricht sich Garbe durchaus selbstkritisch dafür aus, dass "mit der Kategorie Geschlecht im Hinblick auf die Zuschreibung oder die Erklärung von Differenzen in der Lesekompetenz oder -motivation vorsichtiger [umgegangen werden müsse], als dies in der Vergangenheit vielfach geschah, auch gelegentlich in meinen eigenen Publikationen" (Garbe, S. 3). Überdies verweist sie auf das nachvollziehbare Dilemma in der Leseförderung, dass Kinder und insbesondere Jungen vor allem durch Texte mit einem hohen Identifikationspotential, was oft eindeutige Rollenzuschreibungen mit sich bringt, zum Lesen motiviert würden. Ob man Garbes "Haltung der heiteren Gelassenheit und des Vertrauens, dass in der weiteren Entwicklung [von Kindern] differenziertere Figuren und Vorbilder gesucht werden, wenn entsprechende Reifungsprozesse erfolgt sind" (Garbe, S. 24), diesbezüglich teilen muss, kann jedoch zumindest in Frage gestellt werden. Schließlich wäre es wünschenswert gewesen, wenn die Kategorie Gender in einigen Beiträgen zu Erzählmustern, Formen und Themen noch stärker berücksichtigt und diskutiert worden wäre (Positiv hervorzuheben ist hier der Beitrag von Heinz Gierlich, der die affektiven Momente der Sachbuchlektüre vor allem für Jungen betont.), insbesondere weil ihr in den theoretischen Beiträgen aus nachvollziehbaren Gründen ein so großes Gewicht zukommt. 

Fazit

Der Sammelband Attraktive Lesestoffe (nicht nur) für Jungen vermittelt systematisch Überblickswissen zu unterschiedlichen Erzählmustern, Formen und Themen, die – so die Annahme – den Leseinteressen von Jungen entsprechen. Die Texte (auch die theoretischen) sind anschaulich aufbereitet und richten sich vor allem an Multiplikatorinnen und Multiplikatoren im Bereich der Leseförderung von Jungen. Leider werden die eigenen (zu großen Teilen aus der empirischen Leseforschung gewonnenen) Annahmen zum Leseverhalten von Jungen bzw. zu Geschlechterunterschieden im Lesen nicht immer hinreichend kritisch diskutiert und es wird ein – womöglich eher kontraproduktiver – Gegensatz aufgemacht zwischen dem Lesen als "Nahrung für die Fantasie" (Garbe, S. 23), bei dem vor allem auf populäre Genres zurückgegriffen wird, und dem Lesen 'anspruchsvollerer' Literatur, das vornehmlich im Deutschunterricht erfolgt.

Erstveröffentlichung: 07.02.2019


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