von Nicole Filbrandt

Obwohl sich Manga auch hierzulande ungebrochener Beliebtheit erfreuen, findet eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den japanischen Comics kaum statt. Noch immer scheint dieses Teilgebiet wenig Beachtung in der deutschen Comicforschung zu finden. Umso willkommener ist es, dass Kristin Eckstein ihr Augenmerk in ihrer Dissertation genau auf diesen Bereich legt und so einen wichtigen Beitrag zum Forschungsdiskurs leistet. Sie führt nicht nur eine umfassende Analyse der Text-Bild-Ebene von japanischen Manga für Mädchen im Allgemeinen durch, sondern arbeitet außerdem heraus, ob und in welcher Form sich die Shojo Manga deutscher Zeichnerinnen und Zeichner von ihren japanischen Vorbildern emanzipiert haben. 

Eckstein, Kristin: Shojo Manga. Text-Bild-Verhältnisse und Narrationsstrategien im japanischen und deutschen Manga für Mädchen.
(= Studien zur europäischen Kinder- und Jugendliteratur/Studies in European Children's and Young Adult Literature. Bd. 2)
Universitätsverlag WINTER, Heidelberg, 2016
272 S., 35,00 Euro
ISBN 978-3-8253-6538-7

Inhalt

In ihrem Ursprungsland gehören Manga längst zum Alltag. Aber auch in Deutschland zählen sie spätestens seit der Ausstrahlung der Anime-Serien Sailor Moon, Pokémon und Dragonball Mitte der 90er Jahre zum festen Bestandteil der hiesigen Comickultur. Mit einem seit Jahren stabilen Marktanteil im Comicsegment beanspruchen sie einen Großteil der hierzulande publizierten Comics. Trotzdem hat sich eine Mangawissenschaft in Deutschland bisher nicht etablieren können. Sekundärliteratur findet sich kaum und wenn, dann liegt der Fokus mehr auf den sozio-kulturellen, pädagogischen oder historischen Aspekten und weniger auf den formal-ästhetische oder narrative Gesichtspunkten.

Laut Kristin Eckstein herrscht innerhalb der deutschen Comicforschung ferner ein auffallender Mangel an Studien, die das Frauen- und Männerbild im modernen Manga diskutieren (Ausnahme: Studien zum sexistischen Gehalt). Auch rezeptionsorientierte Ansätze, die sich mit den Ursachen für die Begeisterung adoleszenter Mädchen für das Genre Boys Love beschäftigen, sind selten. 

Ist also die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit japanischen Manga im deutschen Sprachraum schon unzureichend, so ist die kritische Beschäftigung mit den Germanga nahezu nicht vorhanden. Germanga sind Comics von deutschen Comickünstlern, die im Manga-Stil gezeichnet sind. Als erster deutscher Manga gilt Dragic Master von Robert Labs, der 2001 im Carlsen Verlag erschienen ist. Eine der bekanntesten Manga-Reihen aus den Anfangsjahren ist Yonen Buzz von Christina Plaka.

Dieses oben genannte akademische Vakuum will Kristin Eckstein mit der vorliegenden Dissertation füllen, indem sie ergründet, ob Shojo Manga deutscher Herkunft 'nur' Simulakren der japanischen Vorbilder sind oder darüber hinaus eigenständige Merkmale in Gestaltung oder Themenwahl aufweisen (auch mit Hinblick auf den (fe)male gaze und gender bending). Dabei liegt ihr Fokus auf den Manga für Mädchen. Manga für Jungen oder für Erwachsene sowie Sachmanga bleiben nahezu unberücksichtigt.

Beginnend mit einer kurzen Einleitung über den Forschungsgegenstand, ihre Zielsetzung und die Struktur der Arbeit steigt die Autorin im zweiten Kapitel mit einem Blick auf die Geschichte des japanischen und deutschen Shojo Manga direkt in das Thema ein. Ausgehend von den japanischen Anfängen um 1900 über die Gruppe der 24er bis zu CLAMP und den modernen Shojo Manga liefert sie so eine gemeinsame Wissensgrundlage für einen leichten Einstieg. Die wichtigsten Shojo Manga Motive werden im Anschluss exemplarisch vorgestellt. Neben Drama und Romance ist auch Fantasy relevant und innerhalb der Fantasy ist insbesondere das Subgenre Magical Girl hervorzuheben. Zudem hat sich das Motiv der Boys Love einen festen Platz im Shojo Manga erobert. Von den Motiven wechselt Kristin Eckstein zu der Geschichte der Manga in Deutschland, beginnend im Jahr 1983 mit Barfuß durch Hiroshima von Keiji Nakazawa. 
 
Das dritte Kapitel bildet den eigentlichen Kern der Arbeit: die Analyse der Text-Bild-Verhältnisse und Erzählstrategien mit Hinblick auf die Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede der japanischen und deutschen Manga im Vergleich. Comics und Manga werden in dieser Arbeit als ein Medium mit einer eigenen Sprache verstanden, "deren Spezifika gerade in der Symbiose aus Bildern und Texten liegen, und für das beide Komponenten gleichermaßen elementar sind". (Eckstein, Seite 73).

Davon ausgehend gliedert sich das Kapitel in drei Schwerpunkte: in die visuellen und die verbalen Informationsträger sowie in das Text-Bild-Verhältnis. Bei den visuellen Informationsträgern handelt es sich um Informationen, die auf der Bildebene vermittelt werden. So enthält bereits die Größe oder Form eines Panels (Einzelbild innerhalb einer Sequenz) bzw. der Panelrahmen und auch die Anordnung der Panels auf einer Seite Informationen. Auch Piktogramme, also visuelle Metaphern, gehören in diese Gruppe (z. B. die Blumensymbolik).

Mit verbalen Informationsträgern sind die zusätzlichen Informationen gemeint, die über den Text vermittelt werden. Beispielsweise lädt sich die Schrift durch eine unterschiedliche Typografie mit weiterer Bedeutung auf. Auch Geräuschwörter (Onomatopoetika) wie KRACK oder TSCHOFF zählen zu den verbalen Informationsträgern. Im dritten Unterkapitel wird das Text-Bild-Verhältnis dezidierter untersucht: Wie wird das Verstreichen von Zeit im Manga dargestellt? Wie sind die Übergänge zwischen den Panels gestaltet (Induktion)? Wer erzählt und wer nimmt wahr? 

Übersichtlich strukturiert, mit der Möglichkeit des punktuellen Quereinstiegs, wird nun jeder einzelne Informationsträger auf die Verwendung im Shojo Manga hin untersucht. In dem Unterpunkt "Perspektiven und Bildeinstellungen" stellt Kristin Eckstein zunächst die unterschiedlichen Perspektiven wie die Totale oder auch amerikanische Einstellung vor. In einem weiteren Schritt zeigt sie anhand von gut ausgewählten Beispielen auf, welche Bildeinstellungen hauptsächlich im japanischen Shojo Manga verwendet werden. Abschließend dokumentiert sie, ebenfalls anhand von Beispielen, wann sich die deutschen Manga-ka an die japanischen 'Vorgaben' halten oder davon abweichen. Auf diese Weise erfährt man bei der Lektüre sehr genau, in welchen Punkten sich die deutschen Shojo Manga weiterentwickelt und zu einer eigenen Form gefunden haben.

Orientierten sie sich anfangs noch sehr an den japanischen Vorlagen, haben die hiesigen Shojo Manga im weiteren Verlauf durchaus die eine oder anderen Veränderung erfahren. So sind inzwischen auch deutsche Städte zentraler Schauplatz einer Geschichte; zudem wird die deutsche (Sub-)Kultur und Musik thematisiert. Belegt werden diese Erkenntnisse anhand von Beispielen aus über 60 Shojo Manga (Einzel - und mehrbändige Werke). 

Interessante Exkurse zur Intertextualität, zur medialen Selbstreferenz oder zum Cross-dressing runden den gelungenen Gesamteindruck ab. Dass die Autorin darüber hinaus auch mit der japanischen Kultur vertraut ist, stellt für diese Untersuchung ein weiteres Qualitätsmerkmal dar. So zeigt sie an einigen Stellen eine tiefere Bedeutungsebene auf, ohne die manche 'Bilder' nicht oder nicht korrekt zu verstehen wären. Beispielsweise steht in Imadoki! von Yuu Watase (Band 1) eine Vase mit weißen Blumen auf dem Schreibtisch eines Mitschülers. Ohne zu wissen, dass dies ein Zeichen für Tod und Trauer ist, wäre die Verwunderung des Klassenkameraden, der sich bester Gesundheit erfreut, nicht zu verstehen. Gerade diese zusätzlichen Informationen machen die Dissertation auch für weniger Manga-affine Leser interessant. Das Skizzieren dessen, was Shojo Manga ausmacht und von Shonen Manga (Manga für Jungen) unterscheidet, ist für den Einstieg in das Thema ebenso hilfreich. Der umfangreiche Bildanhang am Ende des Buches veranschaulicht gut die zitierten Beispiele, auch wenn es für den Lesefluss besser gewesen wäre, die Bilder direkt in den Text einzubinden. 

Kritik

Anzumerken bleibt, dass die Dissertation bereits 2013 an der Universität Tübingen vorgelegt wurde und in ihren Ausführungen zu den Germanga aus diesem Grund nicht aktuell sein kann. Neueste Entwicklungen auf dem Comicmarkt, aktuelle Werke von Altmeisterinnen wie z.B. Christina Plaka sowie die Publikationen junge Manga-ka, die erst jüngst die Bühne betreten haben, ließen möglicherweise andere Rückschlüsse zu oder könnten aufzeigen, ob sich der Emanzipationsprozess der deutschen Shojo Manga fortgesetzt hat. Somit bleibt bei aller Begeisterung der Wunsch nach einer aktualisierten Fassung, die den jüngsten Entwicklungen auf dem deutschen Manga-Markt Rechnung trägt. 

Fazit

Shojo Manga. Text-Bild-Verhältnisse und Narrationsstrategien im japanischen und deutschen Manga für Mädchen schließt eine Lücke in der deutschen Comicforschung und leistet damit einen wertvollen Beitrag zum Forschungsdiskurs. Die gewonnenen Erkenntnisse über die Entwicklung der Germanga, die nicht mehr nur Simulakren der japanischen Comics sind, bieten zahlreiche Anregungen, sich mit dem Forschungsfeld Manga weiter auseinanderzusetzten. Darüber hinaus können die Ausführungen auch zum Einstieg in das Thema dienen.

 


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