von Natalie Busche

Die Fokussierung sprachlicher Fähigkeiten im Kindergartenalter ist unbestritten, wesentliche Schritte der Sprachentwicklung finden in diesem Zeitraum statt. Mit der Sammlung von Duderstadt, Tegeler und Hasselmann soll allen, "die beruflich mit drei- bis sechsjährigen Kindern zu tun und Lust haben, das Vergnügen in den Mittelpunkt des Spracherwerbs der Kinder zu stellen" (Klappentext) mit dem Buch geholfen werden, einen spielerischen Einstieg in die Förderung des Spracherwerbs zu finden. So wollen die Autorinnen und Autoren über die Sammlung "witziger, komischer und vergnüglicher Texte" (Duderstadt 2018, S. 6), die sowohl aus Klassikern (z. B. Auf der Mauer, auf der Lauer) als auch weniger bekannten Reimen und Liedern besteht, Ideen und Impulse für die alltägliche Sprachförderung geben.

Duderstadt, Matthias/Tegeler, Alexa u.a.: Wortschätze – Frühe Sprachbildung mit Witz und Vergnügen
Verlag das netz, Kiliansroda, 2019
96 S., 14,90 Euro
ISBN 978-3-86892-135-9

Inhalt

Das Buch gliedert sich in das erläuternde Vorwort und zehn Kapitel, die humorvolle Anregungen für die Förderung des Spracherwerbs geben sollen. Jedem Kapitel ist ein kurzer Text vorangestellt, in dem Vorschläge zur Nutzung der Reime, Lieder und Spiele gegeben werden. Des Weiteren wird innerhalb der Sammlung eine Symbiose aus Bild und Text angestrebt, so dass das Buch bunt und ansprechend illustriert wurde.

Sowohl die Kapitel als auch die Texte innerhalb der Kapitel sind in ihrer Komplexität ansteigend. So ist im ersten Kapitel "Singen und sich bewegen" als erstes Lied der Klassiker Alle meine Entchen zu finden, über Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad bis hin zu weniger bekannten Liedern Was macht die Maus im Sommer?. Einige der Kapitel enden mit englischsprachigen Beispielen. Das zweite Kapitel "Spielen" beinhaltet allgemeine Spielideen und Reime mit Bewegungsunterstützung, bei denen z.B. Fingerspiele integriert werden. Auch in dem Kapitel "Hören, sprechen und betonen", in welchem Reime aufgeführt sind, werden zunächst bekannte Klassiker aufgelistet: z. B. Punkt, Punkt, Komma, Strich; Das ist der Daumen, der schüttelt die Pflaumen. Daraufhin folgt eine Vielzahl weniger bekannter Reime. Die anschließenden Kapitel "Hören und Sprechen" fokussieren zunächst die Vokale und nachfolgend die Konsonanten. Beide Kapitel beinhalten Reime, die laut Autorinnen und Autoren insbesondere für die Vorbereitung auf die Schule geeignet sind. Hierbei steht die Arbeit mit Minimalpaaren im Vordergrund. Im zweiseitigen Kapitel zu den Interjektionen finden sich Wortgedichte mit unterschiedlichen Ausrufen, in denen die "Wörter – auch gemeinsam – mit unterschiedlicher Lautstärke und Gefühlslage" (ebd. S. 66ff.) gesprochen werden sollen. Das ebenfalls zweiseitige Kapitel zu den Zungenbrechern rückt die komplexere Artikulation in den Mittelpunkt. Neben den Klassikern ("der Flugplatzspatz nahm auf dem Flugplatz Platz") finden sich auch hier leicht verwendbare, eher unbekannte und englischsprachige Zungenbrecher ("She sells sea shells down by the seashore").

Das Kapitel "Verkehrte Welt" umfasst kurze Reimgeschichten, in denen etwas semantisch Unpassendes passiert, welche zum Lachen und Sprechen über die Geschichte anregen sollen. Ebenfalls sind im Kapitel "Präpositionen" Fehler eingebaut, in denen erkannt werden soll, dass Präpositionen teilweise richtig und teilweise falsch verwendet wurden. Im letzten Kapitel "mit Buchstaben spielen" regen die Autorinnen und Autoren an, das bereits bestehende Interesse von Kindern an Buchstaben zu nutzen. Sie schlagen zum Beispiel vor, die Buchstaben des eigenen Vornamens für die lexikalische Wortgenerierung zu nutzen. Das Mädchen namens Martina soll zu jedem Graphem weitere Wörter finden, die auch mit "m", "a", "r", usw. beginnen (vgl. ebd. S. 90).

Kritik

In der kurzen Einleitung zu den jeweiligen Kapiteln stehen Anregungen zur Nutzung der Texte. Hierbei ist die Anleitung häufig jedoch so knapp, dass der Umgang mit den Texten zunächst nicht ganz klar ist. Die Anordnung der Texte innerhalb der Kapitel von bekannten zu unbekannten Texten ist logisch und durchdacht, da man über die ersten Texte eine implizite Anleitung zur Weiterverwendung der darauffolgenden weniger bekannten Texte bekommt. Anzumerken ist jedoch, dass nicht gesondert gekennzeichnet ist, ob es sich um ein Gedicht oder ein Lied handelt. Es gibt keine Noten, die Melodien der unbekannten Lieder müssen demnach selbstständig (z. B. über das Internet) erschlossen werden.

Da das Niveau der Kapitel in der Komplexität ansteigend ist, muss beachtet werden, dass die letzten Kapitel aufgrund des hohen Schwierigkeitsgrades mit vielen Kindern evtl. gar nicht genutzt werden können. Andererseits können diese Übungen für Kinder genutzt werden, die im Spracherwerb und beginnenden Schriftspracherwerb fortgeschritten sind. Im Kapitel "Präpositionen" wird ein bereits gefestigtes grammatikalisches Wissen der Kinder gefordert, das aus der Eingangsbeschreibung des Kapitels nicht ersichtlich ist. Kinder sollen hier erkennen, an welcher Stelle Präpositionen falsch verwendet wurden. Auch hier ist es hilfreich für die Erzieherinnen und Erzieher, sich die einzelnen Sätze bereits vorher anzuschauen, weil es sonst schnell zu Verwirrungen kommen kann.

Im Klappentext wird die phonologische Bewusstheit mit den Vorläuferfähigkeiten zum Schriftspracherwerb gleichgesetzt. Nachgewiesen ist jedoch, dass die phonologische Bewusstheit sich auch erst im Rahmen des Schriftspracherwerbs entwickelt und nur mit Vorsicht als klassische Vorläuferfähigkeit zu betrachten ist. Die Komplexität der Lautstrukturen wird häufig erst mit dem Erwerb der Schriftsprache in ihrer Gänze durchdrungen und sollte deshalb bei Kindergartenkindern nicht für den Schuleinstieg vorausgesetzt werden (vgl. Schnitzler 2015, S. 38).

Im Vorwort findet sich ein irreführender Gebrauch des Begriffs "Phonetik", da dieser im Kontext ausschließlich mit dem Hinhören gleichsetzt wird. Die Autorinnen und Autoren schreiben hier: "Beiläufig werden hier das Sprechen (Artikulation), das Hinhören (Phonetik), die stimmlichen Möglichkeiten und die sprachlichen Fähigkeiten entwickelt." Die Phonetik umfasst jedoch alle Bereiche der aufgeführten Fähigkeiten: sie unterteilt sich in artikulatorische, akustische und auditive Phonetik (Vgl. Meibauer u. a. 2007), womit sowohl das Sprechen, das Hinhören als auch die stimmlichen Fertigkeiten abgebildet werden. Insbesondere da im Kontext des Spracherwerbs vorwiegend die artikulatorische Phonetik, also die Lautbildung im Verlauf der phonetisch-phonologischen Entwicklung, im Fokus steht, ist der Begriff an dieser Stelle unpassend gewählt.

Fazit

Das Buch stellt eine ansprechend illustrierte Sammlung an Texten dar, die für den alltäglichen Gebrauch innerhalb der Sprachförderung geeignet sind. Möchte man mit dem Band arbeiten, ist dennoch eine Einarbeitung – insbesondere bei den unbekannten Texten, Liedern und Spielen – von Nöten. Diejenigen, die das Buch nutzen, können es als Anregung zur Ideengenerierung verwenden. Man kann jedoch keinen konkreten Leitfaden zur Nutzung erwarten, was selbstverständlich auch eine Flexibilität im Umgang ermöglicht.

Literatur

 


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