von Dr. Joachim Schulze-Bergmann

Mit dem Sammelband "Fremde Räume" werden Erzählstrukturen phantastischer Narrationen beschrieben.  Lehrende, die Kinder- und Jugendliteratur in der Sekundarstufe einsetzen wollen, finden in zahlreichen  Beiträgen Hinweise, die die entwicklungsbedingten Rezeptionsvoraussetzungen erhellen. Damit wird einerseits die Lesemotivation dieser Altersstufen für diese Textsorte verständlicher,  als andererseits die die unterrichtliche Planung zum Erwerb narrativer Strukturen erleichtert.

Schenk, Klaus / Zeisberger, Ingold (Hrsg.): Fremde Räume. Interkulturalität und Semiotik des Phantastischen, Königshausen & Neumann, Würzburg 2017. 279 Seiten. 39,80 €. ISBN: 978-3-8260-5446-4

Inhalt

Die hier zusammengestellten Beiträge versuchen auf eine Reihe von interessanten Fragen Antworten zu geben: In welcher Beziehung stehen Fremdes und Phantasie? Im Ergebnis der Untersuchungen zeigt sich, dass die Narrationen Raumvorstellungen verwenden, die sowohl im Kontrast zur jeweiligen historischen Realität des Autors fremd wirkende Gegenwelten entwerfen als auch innerpsychische bzw. körperliche Raumbilder nutzen. Die Funktion dieser Gegenwelten ergibt sich aus der Wirkungsabsicht des jeweiligen Textes, die sich zwischen Utopie und Dystopie, märchenhaft Wunderlichem und Horror bewegen können. Obwohl im Titel angekündigt wird, diesen Fragestellungen auch im interkulturellen Zusammenhang nachzugehen, finden sich dazu keine Ausführungen. In einem gesonderten Kapitel wird die Fragestellung auf Kinder- und Jugendliteratur angewendet und dabei auch die Funktion der Raumvorstellungen in eine Beziehung zu den Entwicklungsaufgaben der Altersphase gesetzt.

 

Kritik      

Im Kapitel 1 wird von Monika Schmitz-Emans rekapituliert, was mit dem Begriff Phantastik bezeichnet werden kann und im Fachdiskurs der Literaturwissenschaft gegenwärtig Gültigkeit hat. Vergleichbare Texte finden sich im Rahmen zahlreicher Dissertationen zur fantastischen Kinder- und Jugendliteratur und sind als Einführung notwendig, aber nicht weiter erhellend. (Vgl. dazu Nix 2002, Stoyan 2004 und Pohlmann 2004.) Der Hinweis von Stefan Neuhaus auf den Zusammenhang von Raum, Zeit und Identität richtet den Blick auf das Wirkungspotential des fantastischen Textes, hier im Besonderen auf den Wirkungszusammenhang zwischen Text und jugendlichem Leser. Neuhaus ist zuzustimmen, wenn er auf die in westlichen Gesellschaften zahlreich beschriebene Brüchigkeit der Konventionen und Rollenmerkmale verweist, wodurch eine traditionell verstandene Identität sich häufig nicht mehr erwerben lässt. Um so mehr, so folgert Neuhaus, könnten die literarischen 'Möglichkeitsräume', in denen die literarischen Figuren ihre Identitäten suchen und finden, dem Lesenden eine Anregung für eigene Entwicklungsoptionen sein. Deshalb ist der Hinweis auf die Erzählstruktur, mit der zwei Ebenen des Phantastischen erzeugt werden, durchaus wertvoll, denn auch ein jugendlicher Leser könnte durch diese Anordnung der fantastischen Räume dazu gebracht werden, sich nicht nur in den Räumen des Möglichen zu verlieren und ggf. zu genießen, sondern eine Rezeptionshaltung einzunehmen, mit der gedanklich zwischen der eigenen und den nur erzählten Optionen wertende Bezüge hergestellt werden. Leider nimmt Neuhaus seine eingangs gestellte Frage nach den Möglichkeiten der Identitätsentwicklung nicht wieder auf, so dass sein Beitrag ohne einen tiefergehenden Bezug zur Kinder- und Jugendliteratur und deren Wirkungspotential abbricht.

Es folgen zwei literaturwissenschaftlich interessante Aufsätze zum Themenfeld fantastischer Erzählstrukturen und der zeitgleichen Entdeckung des Innerseelischen. Tobias Lachmann und Ingold Zeisberger betonen, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts für die Erklärung psychischer und halluzinierender Prozesse keine neurobiologische Erklärung vorliegt, die spekulativen Ausdeutungen solcher Erlebnisse aufblühen und in der Folge auch narrative Formungen erhalten. Die beiden Autoren, Tobias Lachmann und Ingold Zeisberger erläutern ihre Beobachtungen an Texten der Romantik, so dass von dort wenig für die Erläuterung des Wirkungszusammenhangs von Raum und Fantastik im Bezug zu jugendlichen Lesenden geschöpft werden kann. Allerdings ist die von Zeisberger offengelegte Erzählstruktur, wonach Raumkulissen immer dann gewechselt werden, wenn die literarischen Figuren Entwicklungsschritte machen oder Entwicklungsaufgaben zu bewältigen haben, durchaus verallgemeinerbar und reicht in den literaturdidaktischen Fachdiskurs hinein. Entwicklungspsychologische Aspekte, die als Voraussetzung des historischen Hintergrunds der behandelten Texte beim Leser unterstellt werden müssen, fehlen in diesem Text ebenso wie Erwägungen, welche Lesergruppe sich auch nur annähernd dem Niveau der hier vorgelegten Ausarbeitungen annähern könnte bzw. sollte.

Die Gestaltung und Bedeutung der Raumkulisse ändert sich im Verlauf der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und gesellschaftlichen Entwicklungen. Diese These betont Marianne Wünsch in ihrem Beitrag, mit dem sie herausarbeitet, dass bei Autoren des 20. Jahrhunderts, wie zum Beispiel Lovekraft, Raumvorstellungen, die nicht mehr den dreidimensionalen Vorstellungen folgen, eine unausgesprochene Verbindung zu Einsteins Relativitätstheorie hergestellt wird. Andererseits verweist Hans Richard Brittnacher auf einen Zusammenhang, der überrascht: Die Gestaltung und semantische Aufladung von Sumpfgebieten findet erst zu dem Zeitpunkt in den fantastischen Narrationen Verwendung, als die Sümpfe der west- und nordeuropäischen Gebiete durch eine erfolgreiche Trockenlegung ihren Ruf der Unbewohnbarkeit verloren haben. Der literarischen Sumpfkulisse werden nicht nur entgrenzte Vegetationen und Tierwelten zugesprochen, sondern auch Absonderlichkeiten menschlicher Lebensformen bis hin zu regellosem Verhalten. Da solche Sumpf-Räume in mehreren aktuellen dystopischen Texten verwendet werden, die eine jugendliche Leserschaft erreichen, ist dieser Beitrag ein wertvoller Hinweis für unterrichtliche Planungen. Die starke Kontrastierung zwischen einer noch beherrschbaren Lebenswelt und einer zurückliegend verlorenen oder bedrohenden zukünftigen anderen lässt sich eindrücklich in der Sumpf-Raumkulisse fassen. Die Bibliothek erweist sich als ein weiterer Raum, in dem fantastische Ereignisse stattfinden können, und der sogar ein Lebensraum für absonderliche Wesen sein kann, wie Maren Bonacker in ihrem Beitrag darstellt. Sie arbeitet ebenfalls mit der These, dass ein realer gesellschaftlich bedingter Bedeutungswandel an dem Raum und Inhalt 'Bibliothek' zu erkennen sei. Die schwindende Bedeutung des Buches für eine große Anzahl der Kinder und Jugendlichen führt zu einer verringerten Nutzung von Bibliotheken und lässt die dort traditionell eingeübten Verhaltensregeln und Arbeitsbedingungen 'veralten'. Wie bereits an dem Beispiel des 'Sumpfes' erläutert werden konnte, ist damit die Möglichkeit gegeben, dem Raum der Bibliothek neue Eigenschaften zu geben, die für die narrative Gestaltung einer Gegenwelt nutzbar zu machen sind. Bonacker zeigt an zahlreichen Beispielen auf, dass solche Bibliotheken unterirdisch, auf Bergspitzen oder versteckt eingerichtet sind, bewacht und gepflegt werden von seltsamen Wesen und in ihrem räumlichen Aufbau nicht selten unübersichtlich gestaltet sind. Die Arbeit in solchen Räumen und die Funktion solcher Räume werden häufig in eine Zeit verlegt, in der es keinen elektrischen Strom gibt, so dass weder Licht noch Arbeitsabläufe in der für die Leserschaft gewohnten Weise vorzufinden sind. Diese Raumkulissen eignen sich gut für eine unterrichtliche Behandlung, weil sie durch ihre Merkmale Spannung erzeugen, welche ihrerseits Lesemotivation auslösen können, die die geplante Auseinandersetzung mit dem Textaufbau erleichtern können.

Schließlich kommt mit dem Beitrag von Ulf Abraham ein Literaturdidaktiker zu Wort, der in der fantastischen Kinder- und Jugendliteratur zwei grundlegende Raumkonzepte nachweist: Einmal die Raumkulisse einer ländlicher Idylle, in der es keine Bedrohungen und Krisen gibt, die beschriebene Zeit scheint stillzustehen. In dieser bewegen sich die Protagonisten sorglos und empfinden Geborgenheit. Abraham zieht eine Parallele zur Phase der Kindheit. Zweitens gibt es außerhalb dieser Idylle liegende ferne Welten, die erkundet, erobert oder befreit werden müssen. Die Protagonisten müssen ihren heimatlichen Hintergrund verlassen und sehen sich ungewohnten Raumbedingungen ausgesetzt, die sie bewältigen müssen. Zeigen sich bereits in diesen Herausforderungen Entwicklungsaufgaben, die typisch für das jugendliche Alter sind, so stellt die Reise durch diese fremden Räume auf dem Weg zu dem fernen Ziel weitere Aufgaben. Einmal kann die Reise nur mit einem technischen Hilfsmittel bewältigt werden, das kompetent bedient werden muss, ein anderes Mal wird der Umgang mit Tieren oder tierischen Wesen wichtig, mit deren Hilfe die Distanzen zwischen den Räumen bewältigt werden können. Die Protagonisten zeigen oder erwerben die notwendigen Kompetenzen, um die Reisen und die ihnen gestellten Aufgaben zu bestehen. Abraham verweist in diesem Zusammenhang auf z. B. die Texte von "Harry Potter".  In dieser narrativen Struktur erkennt Abraham eine Parallele zu der alters- und entwicklungsbedingten Situation des jugendlichen Adoleszenten. Er nimmt damit die Begrifflichkeit der 'Entwicklungsaufgaben' von Fend (vgl. 1990, 125 ff.) auf und stimmt unausgesprochen auch W. Meissner (vgl. 1989) zu, der schon vor 30 Jahren davon spricht, dass die fantastische Jugendliteratur wohl eine akkommodierende Funktion für den jugendlichen Leser habe. Mit diesen Hinweisen auf die Funktion fantastischer Texte für den Aufbau einer gelingenden Identität betont Abraham ihren pädagogischen Wert, auch für den schulischen Unterricht.

Fazit

Diese Aufsatzsammlung wendet sich vorrangig an den literaturwissenschaftlich geschulten Leser, sie gibt mit einzelnen Beiträgen aber auch wertvolle Hinweise für den Literaturunterricht in den Sekundarstufen  I und II. Als ein Defizit ist anzumerken, dass bei der erfolgreichen Typisierung fiktionaler Raumkulissen und der Beschreibung ihrer zahlreichen und wechselnden Eigenschaften die Diskussion der mit den Räumen vermachten Normativität, die mit denjenigen sozialen Regeln zum Ausdruck kommen, die die Handlungsmotive der fiktionalen Figuren bestimmen,  fehlt.  Deshalb wird selbst bei Abraham eine moralische Orientierung oder Entwicklung der Protagonisten entlang ihrer Reise durch die gegebenen Raumkulissen nicht zum Thema (Zu verweisen ist in diesem Kontext jedoch auf die Arbeit von Kulik 2005, mit der ein erster Aufschlag gemacht wurde.).
    
Literaturhinweise

  • Fend, Helmut: Vom Kind zum Jugendlichen. Entwicklungspsychologie der Adoleszenz in der Moderne. Band 1. Bern: Hans Huber Verlag, 1990.
  • Meissner, Wolfgang: Phantastik in der Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Würzburg: Königshausen & Neumann, 1989. 
  • Nils, Kulik: Das Gute und das Böse in der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. Frankfurt a. M. Peter Lang, 2005. 
  • Nix, Angelika: Das Kind des Jahrhunderts im Jahrhundert des Kindes. Freiburg: Rombach Verlag, 2002.
  • Pohlmann, Sanna: Phantastisches und Phantastik in der Literatur. Wettenberg: J&J Verlag, 2004.  
  • Stoyan, Hajna: Die phantastischen Kinderbücher von Michael Ende. Frankfurt a. M.: Peter Lang, 2004.
                                                                                                 

catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

August 2019
Mo Di Mi Do Fr Sa So
29 30 31 1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 30 31 1