von Kirsten Kumschlies

Britta C. Jung promoviert in Groningen und Limerick mit einer Studie zur zeitgeschichtlichen Jugendliteratur, die auf der These basiert, dass sich die fortschreitende Transnationalisierung der Erinnerung massiv auf die Darstellungsmuster deutschsprachiger jugendliterarischer Texte auswirkt. Sie gliedert das Feld neu, legt überzeugende und spannende Analysen von bekannten und weniger bekannten Jugendbüchern zum Dritten Reich vor und liefert der KJL-Forschung damit neue und wichtige Impulse. 

Jung, Britta C.: Komplexe Lebenswelten - multidirektionale Erinnerungsdiskurse.
Göttingen: V&R unipress 2018.
310 Seiten, 45,00 Euro
ISBN 978-3847-108665

Inhalt

Mit der fortschreitenden Digitalisierung und Globalisierung verändert sich auch die Erinnerungskultur. Sie löst sich zunehmend von national konnotierten Deutungsmustern und entwickelt sich hin zu einer Transnationalisierung der Erinnerung und entwirft unter anderem, auch im Bereich der Jugendliteratur, neue narrative Strategien, die Britta C. Jung in ihrer Studie als "neue diskursive Multidirektionalität" (S. 10) akzentuiert. Dies ist der Ausgangspunkt ihrer Dissertation, die in der von Carsten Gansel und Hermann Korte herausgegebenen Reihe Deutschsprachige Gegenwartsliteratur und Medien im Jahr 2018 erschienen ist. Einleitend formuliert die Autorin als Ziel der Arbeit, "die Transnationalisierung der Erinnerung und die narrativen Strategien postmemorialer Erinnerungsgemeinschaften anhand der deutschen Erinnerungskultur nachzuzeichnen; zu fragen, wie sich Multidirektionalität und Anthropolisierung (also die Grundphänomene menschlichen Lebens im zeitlichen Wandel, K.K.) kulturell manifestieren und in welcher Form sie in narrativen Inszenierungen zum Ausdruck kommen" (ebd.). Der Fokus liegt dabei spezifisch auf jugendliterarischen narrativen Inszenierungen des Dritten Reichs. Den literatursoziologischen Terminus des Interdiskurses von Jürgen Link aufgreifend versteht Jung Jugendliteratur hier als "ein eigenständiges Symbol- und Sozialsystem, das durch seine gleichzeitige Nähe sowohl zum literarischen als auch zum pädagogischen System einen eigenen jugendliterarischen Interdiskurs bezüglich des 'Dritten Reichs' entwickelt, der sich zwar dem literarischen Interdiskurs durchaus annähern, aber sich auch davon entfernen kann" (S. 15). 

 Jung nimmt in ihrer Arbeit sowohl eine historisch-erinnerungskulturelle als auch eine literaturwissenschaftlich-systemtheoretische Perspektive ein und versucht, beide miteinander zu verbinden. Die Studie gliedert sich demnach in vier Kapitel: Im ersten Kapitel zeichnet Jung nationale und internationale Entwicklungen erinnerungskultureller Ausformungen und Muster zum Dritten Reich und zum Holocaust nach und fragt, wie sich transnationale und nationale Erinnerung zueinander verhalten. Dabei stellt sie Korrelationen zwischen deutscher und europäischer Erinnerung heraus, die sie unter anderem in den Kontext der aktuellen Migrationsbewegung stellt, wenn sie schreibt: "Die Zahl derer, die über einen Migrationshintergrund verfügt, wächst stetig und damit auch die Zahl der Familiengedächtnisse, die keine oder alternative Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg enthalten, wodurch zwangsläufig auch andere Perspektiven in die Erinnerungskultur eingeschrieben werden" (S. 91). Gerade hier zeigt sich eine Scharnierstelle, an der literarästhetische jugendliterarische Vermittlungsformen ins Spiel kommen, die in Zeiten der aussterbenden Zeitzeugenschaft eine zentrale Funktion in Sachen Erinnerungskultur und Überlieferung einnehmen. Diesen Texten ist das zweite Kapitel in Jungs Arbeit gewidmet, das einen dezidiert literaturwissenschaftlichen Blick einnimmt: Hier geht es um die narrative Inszenierung der NS-Vergangenheit, zunächst in der Allgemeinliteratur und auf dieser Folie im zweiten Schritt um jugendliterarische Texte. Hier macht die Autorin eine zunehmende Anthropolisierung aus, die den Menschen als sinnliches Erfahrungswesen zeigt (so auch der Titel des Unterkapitels) und konstatiert, dass jüngere Texte sich vor allem auf die menschliche Erfahrungswirklichkeit fokussieren und "die früheren, vor allem auf die größeren historischen Abläufe und Zusammenhänge fokussierenden Darstellungen ergänzen, perspektivieren und modifizieren" (S. 122). Das dritte Kapitel widmet sich dann dem spezifischen Gegenstand der Jugendliteratur zum Dritten Reich, die einerseits schlaglichtartig spezielle Texte in den Blick nimmt, andererseits intendiert, einen großen Überblick zu leisten, gerade auch über die Neuerscheinungen. Die zentrale Fragestellung lautet an dieser Stelle: "Welche Vergangenheitsbilder und -diskurse zirkulieren in den jugendliterarischen Texten zwischen Kriegsende und deutscher Wiedervereinigung? Was wurde wie erzählt und warum?" (S. 128) Als Meilenstein und Wendepunkt kristallisiert sich hier vor allem Gudrun Pausewangs Reise im August aus dem Jahr 1992 heraus, denn: "Pausewang verabschiedet sich in dieser Holocaustinszenierung endgültig von einem deutlich spürbaren geschichtsdidaktischen Gestus und konzentriert sich stattdessen auf die narrative Inszenierung des 'Unsägliche(n)' und 'Unerklärbare(n)' des Nationalsozialismus." (S. 146). Jung arbeitet in diesem Kapitel heraus, dass die jugendliterarischen Texte die stereotypen Täter- und Opfernarrative zunehmend überwinden und sich hinwenden zu differenzierteren Bildern, die sich meist an die Perspektive und den Wahrnehmungshorizont einzelner Figuren binden. Wichtig ist das 4. Kapitel, in dem Jung acht detaillierte Einzelanalysen literarischer Werke vorlegt, die sie nach folgenden vier Themenbereichen gliedert: 

  • Verfolgung und Deportation (Gudrun Pausewangs Reise im August, Mirjam Presslers Ein Buch für Hannah)
  • Deutscher Alltag und NS-Erziehung (Josef Holubs Lausige Zeiten, Dagmar Chidolues Flugzeiten)
  • Bombenkrieg und Flucht (Waltraud Lewins Marek und Maria, Gina Mayers Die verlorenen Schuhe)
  • Generationskonflikt und Spurensuche (Gudrun Pausewangs Ein wunderbarer Vater, Mirjam Presslers Die Zeit der schlafenden Hunde

Im Ergebnis hält Jung fest, dass sich alle von ihr analysierten Texte "durch eine intern fokalisierte Erzählstimme" auszeichnen, "die die subjektiven Wahrnehmungs- Gefühls- und Seelenwelten der Protagonisten in den konzeptuellen Mittelpunkt rückt" (S.272). Auf dieser Basis wird den jugendlichen Rezipienten eine empathische Lesart abverlangt, die aber kein breites historisches Kontextwissen voraussetzt. Dieses wird, so ein Ergebnis der Studie, zwar durch die Texte vermittelt, aber eher nebenbei und weniger systematisch als punktuell. Zudem setzen sich die literarischen Inszenierungen "konsequent über die Konventionen und traditionellen Darstellungsgrenzen der Jugendliteratur hinweg und verweigern sich jedweder Beschönigung, Trivialisierung oder Mystifizierung des Gewesenen" (S. 274). Darüber hinaus konstatiert Jung den Wegfall einiger zentraler Topoi wie etwa des "religiösen Erlösermotivs" sowie das des „antifaschistischen Helden" (S. 275), während andere Topoi wie Fluchterlebnisse sowie das Leben im Ghetto und/oder Konzentrationslager weiterhin existent sind. Als den zentralen Topos schlechthin identifiziert die Autorin die Initiationsreise, die "sich in gleich sechs der besprochenen Werke wiederfindet und die jugendlich-adoleszente Identitätsfindung und Integration in die Welt der Erwachsenen und – in Verbindung mit dem Indoktrinationstopos – die gesellschaftlichen Strukturen thematisiert" (S. 276). Diesen Befund deutet Jung im Fazit als "Ausdruck der erinnerungskulturellen Hinwendung zum menschlichen Erfahrungswesen und der damit verbundenen Subjektivität der narrativen Inszenierung, die im scharfen Gegensatz zu der geschichtsdidaktischen Absicht der 1960er bis 1980er Jahre steht, primär historisches und politisches Sachwissen zu vermitteln" (ebd.). 

Kritik

Gerade im Ergebnis überzeugt die Studie von Jung, ebenso wie in ihren feinsinnigen Einzeltextanalysen, bei denen sie sich in erzähltheoretischer Hinsicht ganz klassisch auf Genette stützt. Mit der These der Transnationalisierung, die multidirektionale Erinnerungsdiskurse erzeugt, liefert sie einen neuen Ansatz zur Erschließung des jugendliterarischen Feldes der zeitgeschichtlichen Texte, die von der NS-Zeit erzählen und setzt ganz eigene, innovative Impulse, auf die die zukünftige Forschung zum Thema kaum mehr verzichten können wird. Das gilt insbesondere für die von Jung ausgemachten Topoi, aber auch schon für die Themenbereiche, mithilfe derer sie ihre Analysen strukturiert (Verfolgung und Deportation, Deutscher Alltag und NS-Erziehung, Bombenkrieg und Flucht, Generationskonflikt und Spurensuche). Auch die acht Einzeltextanalysen liefern wichtige Ergebnisse für die Forschung zur zeitgeschichtlichen Jugendliteratur, so zum Beispiel, dass Gina Mayer in den Verlorenen Schuhen stärker an tradierte Erzählmuster anknüpft als es Waltraud Lewin in ihrem Dresdenroman Marek und Maria tut und an einem "pädagogischen Gestus" festhält, "das (sic!) sich in den eindeutigen Rollenzuschreibungen manifestiert" (S. 231). Das ist für Jung "nicht verwunderlich in einer Erinnerungskultur, in der die eigene 'Tätervergangenheit' als negativer 'Gründungsmythos' fungiert und einen integralen Bestandteil der kollektiven Identität darstellt" (ebd.).

Nicht überraschend ist indes, dass sich die Bücher von Gudrun Pausewang und Mirjam Pressler in der Studie als besonders innovative Schlüsseltexte herausstellen, die der Entwicklung der zeitgeschichtlichen Jugendliteratur in besonderer Weise Impulse geliefert haben und dennoch ein weiterer wichtiger Beleg für die Bedeutung der beiden namhaften Autorinnen sind.

Für ein Fachpublikum erweist sich die Arbeit von Jung als ausgesprochen lesenswert und erhellend, während der Zugang für Laien durch eine sehr umständliche Ausdrucksweise und schwere Lesbarkeit kaum möglich zu sein scheint. Schon in der Einleitung hätte man sich ein kürzeres und prägnanteres Kapitel gewünscht, das in das Thema, die Zielsetzung und die Fragestellung einführt. Das Einleitungskapitel reicht hier bis Seite 45, in Aufbau und Methode erhält der Leser erst ab Seite 41 einen Einblick.

Die in Teilen mangelnde Leserfreundlichkeit zieht sich durch, bleibt aber der einzige Kritikpunkt in einer insgesamt spannenden und im Ansatz recht eigenwilligen Studie.

Fazit

Eine lesenswerte Studie mit Innovationspotenzial, die bestehende Forschungsergebnisse bestätigt und andere in Frage stellt. Aufgrund der schweren Lesbarkeit eignet sie sich kaum für überfliegendes Lesen, sondern braucht aufmerksame Rezipienten, die die Ergebnisse Jungs auf den Prüfstand stellen und weiterentwickeln. Das Feld der zeitgeschichtlichen Jugendliteratur wird hier neu abgesteckt und sorgsam vor dem Hintergrund einer sich verändernden Erinnerungskultur vermessen: Pausewang und Pressler bleiben aber auch hier die Ikonen und Pionierinnen der deutschsprachigen Jugendliteratur zum Dritten Reich.

 

 

 


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