von Dr. Joachim Schulze-Bergmann

Mit dem Sammelband Canon Constitution and Canon Change werden interessante Entwicklungen der literarischen Kanones in mehreren Ländern im Zeitraum der letzten 100 Jahre vorgestellt. Dabei kann nachgewiesen werden, dass die historisch-politischen Hintergründe ebenso Einfluss auf die Kanonisierung nehmen wie die jeweils aktuellen Vorstellungen von Kindheit und Jugend. Die hier zusammengeführten Texte sind unter dem Gesichtspunkt interkultureller  Literaturdidaktik von großem Interesse für Lehrende wie für Fachdidaktiker.

Kümmerling-Meibauer, Bettina / Müller, Anja (Hrsg.):
Canon Constitution and Canon Change in Children's Literature,
Routledge: London and New York 2017. 254 Seiten. 46,69 €.
ISBN: 978-1-138-93054-4.

Inhalt

Die vorliegenden Beiträge des Sammelbands beschreiben übereinstimmend  gesellschaftliche Entwicklungsschübe, durch die sich die jeweiligen nationalen Kanones der Kinder- und Jugendliteratur etabliert haben. Eine Reihe von gut belegbaren Einflüssen, die sich in den westeuropäischen und europäisch-industriell geprägten Ländern wenn auch nicht zeitgleich, so doch vergleichbar ereigneten, sind dabei hervorzuheben. Die politischen Übergänge von monarchistischen Herrschaftssystemen zu demokratisch organisierten Strukturen verändern die jeweiligen Sozialrollen, dazu gehört auch die gesellschaftliche Wahrnehmung der Kinder- und Jugendphase. Diese Prozesse beginnen zum Ende des 18. Jahrhunderts, setzen sich im 19. Jahrhundert fort und sind selbst im 20. Jahrhundert noch nicht stabil. Im Verlauf dieser politischen und psycho-sozialen Prozesse setzen die konservativen ebenso wie die fortschrittlichen Kräfte auf die Kinder- und Jugendliteratur, mit der die Einstellungen der jeweils nachrückenden Generationen beeinflusst werden sollen. Diese Entwicklungen und gegenseitigen Einflüsse werden mit den Beiträgen aus dem Kapitel 1 'Canons, Cultural Capital and Policies of Community Building‘ behandelt.

Im Rückgriff auf Charles Taylors Schriften, hier besonders seine Texte Modern Social Imaginaries (2004) und A Secular Age (2007), versuchen die Herausgeberinnen den Übergang vom konventionellen zum postkonventionellen Kanon im Rahmen ihrer Einleitung 'Canon Studies and Children’s Literature' zu fassen. Dieser Ansatz mag für die Beschreibung der sich verändernden sozialen Einstellungen angemessen sein, er kann veränderte Machtverhältnisse und revolutionäre Situationen beschreiben, ihm fehlt aber eine Vorstellung von den strukturellen Veränderungen der psycho-sozialen Qualitäten. Damit bleibt zunächst einmal unklar, ob es sich bei den herangezogenen sozialen Veränderungen wie zum Beispiel der russischen Revolution und  der Historie der polnischen Besetzungen und Republiken, allein um eine der vielen möglichen Varianten sozialer Lebensformen handelt oder ob eine qualitative Weiterentwicklung eingetreten ist. Diese Beiträge finden sich in dem Kapitel 2 'The Challenge of the Canon: Genre, Gender, Avant-Garde'. Insofern stehen die hier zusammengestellten Beiträge in einer Reihe mit denjenigen Texten, mit denen die Entwicklung des deutsch-nationalen  Literaturkanons rekonstruiert werden (Vgl. z. B. Frank 1973, Schulze-Bergmann 2006 und Kämper-van den Boogaart 2010).

Neben diesen eher allgemein gehaltenen Darstellungen der jeweiligen nationalen Entwicklungsprozesse auf dem Weg zur Kanonisierung der KJL finden sich im Kapitel 3 'Keeping the Gate-agents in Canon Formation' auch solche Beiträge, die die Entwicklung von Textreihen in der Kinder- und Jugendliteratur außerhalb der anerkannten Kanones rekonstruieren. Am Beispiel einiger ausgesuchter Autoren wird deren Aufnahme in den KJL-Kanon dargestellt, in diesem Fall dürfte der Beitrag erhellend sein, der sich der Akzeptanz von Astrid Lindgrens Werken in Belgien widmet. Hier fehlen allerdings Hinweise auf die kulturell bedingten Anpassungen, die schon Formen der Zensierungen annehmen können, wie es am Beispiel des Textes Pippi Langstrumpf in Frankreich von Svenja Blume (vgl. 2001) gut belegt werden kann.

Nicht zuletzt wird auf die Tatsache verwiesen, dass die Grenzen zwischen Texten, die sich an erwachsene Leserinnen wenden, und solchen, die der KJL zugerechnet werden, aktuell fließend werden. Eine ähnliche Erscheinung lässt sich für einige Texte der KJL und ihren narrativen Strukturen nachweisen, da sie die nationalen Grenzen überspringen und in benachbarten Kulturräumen gleichermaßen anerkannt und verwendet werden.



Kritik
Im Fachdiskurs der Literaturdidaktik wird für interkulturelle und transnationale Vorgehensweisen plädiert (vgl. z. B. Wintersteiner 2006 und Dawidowski 2006). Ohne auf diese Positionen hier näher einzugehen, kann dennoch gesagt werden, dass der hier von Kümmerling-Meibauer und Müller vorgelegte Band große Aufmerksamkeit verdient. Denn in der Regel sind die Leseerfahrungen migrantischer Kinder und Jugendlicher, die in Deutschland beschult und zur Textarbeit geführt werden sollen, bei deutschen Lehrkräften nicht bekannt. Dies gilt im Besonderen auch für die türkisch-kurdische und russlanddeutsche Gruppe, zu deren literale Traditionen der KJL fast keine deutschsprachigen Untersuchungen vorliegen.  

Irene Pieper (vgl. 2014) hat mit ihrer Arbeit an einem europäischen literarischen Referenzrahmen einen Vorschlag für einen neuen Kanon der EU vorgelegt. Dieser Vorschlag stützt sich bei seiner Vorstellung von einer Lesekompetenzprogression entlang der Sekundarstufen I und II auf Aussagen niederländischer Lehrkräfte und deren Erfahrungen im Literaturunterricht. Im Ergebnis äußert sich dieser Kanon zu dem Entwicklungsstand der Schüler z. B. zu Beginn der Sekundarstufe I, nennt Textvorschläge und schließt mit didaktischen Hinweisen. Die Leseentwicklung soll mit vier Entwicklungsstufenbeschrieben werden, zum Beispiel:

Schüler(-innen) Niveau 1
Leseerfahrungen: …haben zumindest durch die Schule Erfahrungen mit fiktionaler Literatur.
Interessen: …interessieren sich für Bezüge zum eigenen Umfeld, auch für fantastische Welten.

Diesen personalen Merkmalen werden narrative Merkmale der Texte genannt, die in ihrer Komplexität ebenfalls ansteigen. Schließlich folgt für jedes der vier Niveaus eine Bücherliste. Auf diese Weise entsteht eine Beschreibung der Entwicklung der literarischen Kompetenz, der Progression narrativer Strukturen und ein konkreter literarischer Kanon. Ohne auf die Plausibilität der hier vorgestellten Progressionsreihen und der unterstellten Passung von Leser und Text einzugehen, muss darauf verwiesen werden, dass diese Annahmen  nicht die Leseerfahrungen der migrantischen Kinder und Jugendlichen berücksichtigen, die an dem allgemeinen Unterricht teilnehmen. Die Beschreibung der für sie geeigneten Entwicklungsreihen dürfte diesem idealtypischen Muster des LiFT2 nicht gleichen. Deshalb sind die Beiträge in der Textsammlung von Kümmerling-Meibauer und Müller wertvolle Ergänzung. Sie eröffnen ein Verständnis für einige ausgewählte, z. T. westeuropäische Kanones der dortigen  KJL, wodurch Lehrkräfte eine Vorstellung von den literarischen Erfahrungen der migrantischen Kinder und Jugendlichen, soweit diese überhaupt eine solche literarische Sozialisation erfahren haben, erhalten. Ergänzend zu dem hier besprochenen Text darf darauf hingewiesen werden, dass z. B. die türkische Kinder- und Jugendliteratur ebenfalls eine von dem deutschen Hintergrund deutlich sich abhebende Entwicklung durchlaufen hat und aktuell kaum Gegenstand schulischer Leseförderung ist.

Fazit

Die Aufsatzsammlung wendet sich an Fachdidaktiker und Lehrkräfte des Literaturunterrichts und bietet einen versierten und erhellenden Einstieg in die Auseinandersetzung mit fremden Kanones der KJL. Aus dieser Perspektive kann die Beobachtung des literarischen Lernens migrantischer Kinder und Jugendlicher mit ihren Schwierigkeiten, Verweigerungen und Erfolgen an Tiefe gewinnen. Bei der Planung einer literarischen Unterrichtseinheit − wie der Auswahl einer Klassenlektüre und ihrer Behandlung − sollten die konkreten Leseerfahrungen einbezogen, die aktuelle Lesekompetenzen erfragt und bei der Zielsetzung des Unterrichts berücksichtigt werden. Man darf hoffen, dass die Forschung sich auch solchen literalen Erfahrungen und unterrichtlichen Voraussetzungen migrantischer Schülerinnen zuwendet, bei denen eher nur mündlich tradierte Texte bekannt sind, wie sie noch heute im ostanatolischen Raum praktiziert werden.

Literaturhinweise

  • Arkiliç-Songören, Sevgi: Familienleben in Deutschland und in der Türkei im Spiegel der Kinder- und Jugendliteratur. Vergleichende Analyse ausgewählter deutschsprachiger und türkischer Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Frankfurt a.M.: Peter Lang, 2006.
  • Blume, Svenja: Pippi Långstrumps Verwandlung zur "dame-bien-élevée". Die Anpassung eines Kinderbuches an ein fremdes kulturelles System. Hamburg: Dr. Kovac, 2001.
  • Dawidowski, Christian: Theoretische  Entwürfe zur interkulturellen Literaturdidaktik. Zur Verbindung pädagogischer und deutschdidaktischer Interkulturalitätskonzepte. In: Interkultureller Deutschunterricht. Hrsg.von Christian Dawidowski und Dieter Wrobel. Baltmannsweiler: Schneider Verlag, 2006, S. 18-36.
  • Frank, Jochim: Geschichte des Deutschunterrichts. Von den Anfängen bis 1945. München: Carl Hanser, 1973.
  • Kämper-van den Boogaart, Michael: Geschichte des Lese- und Literaturunterrichts. In: Deutschunterricht in Theorie und Praxis. Hrsg. v. Winfried Ulrich. Band 11/1. Baltmannsweiler: Schneider Verlag, 2010, S. 3-83. 
  • Pieper, Irene: Den Schüler vor Augen, den Anspruch im Sinn. Der internationale Referenzrahmen LiFT-2 zu Progression und Textauswahl für den Literaturunterricht in der Sekundarstufe. In: Taschenbuch des Deutschunterrichts. Hrsg. v. Volker Frederking, Axel Kromme und Christel Meier. Band 3. Baltmannsweiler: Schneider, 2014, S. 586-609.
    LiFT-2. http://de.literaryframework.eu/ (Zugriff am 30.06.2019)
  • Schulze-Bergmann, Joachim: Geschichte des Deutschunterrichts im 20. Jahrhundert. In: Lexikon  Deutschdidaktik. Hrsg. v. Hans-Jürgen Kliewer und Inge Pohl. Band 1. Baltmannsweiler: Schneider, 2006, S. 177-218.
  • Wintersteiner, Werner: Transkulturelle literarische Bildung. ide extra. Innsbruck: Studienverlag, 2006.

Erstveröffentlichung: 20.07.2019


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