von Simone Depner

Die zunehmende Digitalisierung beeinflusst nicht nur das gesellschaftliche Alltagsleben, sondern sorgt auch für Veränderungen im kulturellen Bereich. Vor diesem Hintergrund beleuchten die Beiträge in dem von Anne-Rose Meyer herausgegebenen Sammelband, inwieweit die medienwissenschaftlichen und -historischen Aspekte Perspektiven eröffnen, um einen reflexiven Umgang mit der Omnipräsenz digitaler Medien im Deutschunterricht zu implementieren. 

Meyer, Anne-Rose (Hrsg.): Internet – Literatur – Twitteratur. Erzählen und Lesen im Medienzeitalter. Perspektiven für Forschung und Unterricht
Peter Lang, Berlin, 2019
278 S., 59,95 €
ISBN 978-3-631-76751-1

Inhalt

Der Umgang mit neuen Medien und den stetig wachsenden technischen Möglichkeiten bringen sowohl vielfältigere Inhalte als auch eine mannigfaltige Formenvielfalt neuer Dimensionen literarischen Erzählens hervor. Damit einher gehen kreative Innovationen im Bereich der didaktisch-methodischen Realisierungsmöglichkeiten. Diese werden in den zusammengestellten Aufsätzen aufgegriffen und auf verschiedenen Ebenen diskutiert. Da besonders die sogenannten "Digital Natives" (Marc Prensky 2001) mit Computer, Tablets, Smartphone sowie damit verbundenen Technologien aufwachsen und in der Regel selbstverständlich mit ihnen agieren, eröffnen sich interessante Chancen für die Fachdidaktik. Durch die diversen Gestaltungs- und Publikationsmöglichkeiten literarischer Texte verändern sich neben Schreibprozessen auch die Möglichkeiten im Rezeptionsverhalten. Verschiedenen Formen von Interaktivität und Intermedialität bringen zusätzlich einen Komplexitätsgewinn mit sich, der ein breites Spektrum von Erzählformen und Themen liefert. Dieses Potenzial in seiner vielschichtigen Gestalt kann im schulischen Unterricht noch wirksamer genutzt werden. Genau hier setzen die Beiträge an: Sie kontextualisieren neue Formen des Erzählens, schlagen medienspezifische Aspekte digitaler Literatur für den Deutschunterricht vor und präsentieren konkrete Schlussfolgerungen für Gestaltungsmomente in der Unterrichtspraxis.

"Was als Literatur oder literarisch gilt, ist historisch variabel und Ergebnis gesellschaftlicher Vereinbarung, die u.a. in Kanones, Curricula und Literaturkritik ihren Ausdruck finden. Der Literaturbegriff hat durch digitale Literatur neuerlich eine Ausweitung erfahren" (Meyer 2019, S. 20). Mit dieser Feststellung verweist die Herausgeberin bereits in ihrem einleitenden Kapitel auf den noch fehlenden theoretischen Rahmen, um aktuelle Formate des Erzählens in der sich dynamisch digitalisierenden Welt konzeptuell zu bestimmen. Mit einem sich anschließenden Verweis auf exemplarische Titel zeitgenössischer Literatur, die einerseits das inhaltliche Themenspektrum der digitalen Welt behandeln und andererseits unter dem Terminus 'digitale Literatur' gefasst werden, erweitert sie den Inhaltsüberblick der folgenden Kapitel um eine theoretisch fundierte Einführung in das Thema und stellt neben einer differenzierten literarhistorischen Perspektivierung ein Tableau an möglichen Analysezugängen vor. Dazu zieht sie als literaturwissenschaftliche Grundlagen die erzähltextanalytischen Erkenntnisse von Mathias Martinez und Jan Christoph Meister heran und verweist darauf, dass bereits die Auseinandersetzung mit den Merkmalen des Erzählens vielschichtig ist und sich durch die intermedialen Dimensionen noch weiter spezialisieren wird. Sodann betont sie ihr Anliegen, anhand von Einzelfällen für Rezeptions- und Beschreibungsmodalitäten digitaler Literatur sensibilisieren zu wollen. Letzteres vor allem deshalb, um die Schülerinnen und Schüler im unterrichtlichen Kontext auf die Voraussetzungen und Möglichkeiten im Umgang mit medienwissenschaftlichen Aspekten im Deutschunterricht vorzubereiten bzw. sie für einen kritischen Medienumgang zu sensibilisieren.

Auf diese Einführung folgen drei Schwerpunktkapitel mit je unterschiedlichen Foki: Zunächst steht die Thematisierung des digitalen Raumes sowohl im gedruckten Medium Buch als auch in sozialen Netzwerken im Mittelpunkt der Betrachtung. Danach werden Möglichkeiten der Einbeziehung faktischer Digitalisierungsprozesse im Deutschunterricht im Zusammenhang mit den verschiedenen Kompetenzbereichen besprochen. Hier geht es zum einen um Augmented Reality, zum anderen um den Transfer von interaktiven Praktiken, die bisher vornehmlich im Internet üblich sind, auf unterrichtliche Schreib-, Lese- und Erzählprozesse. Abschließend werden die Chancen und Grenzen von Gestaltungsmodellen der Twitteratur vorgestellt.

Kritik

Die Herausgeberin erweitert also die Übersicht der versammelten Aufsätze um eine zielführende Diskussion, die ein bisher noch relativ junges Forschungsfeld betrifft, und bündelt die im Zusammenhang mit Internet – Literatur – Twitteratur stehenden Themen sinnvoll hinsichtlich einer literaturhistorischen Perspektivierung. Mit den dafür exemplarisch angeführten Werken Im Krebsgang von Günter Grass (2002), Neid. Privatroman von Elfriede Jelinek (2007-2008), Abfall für alle. Roman eines Jahres von Reinhald Goetz (1999), Gut gegen Nordwind von Daniel Glattauer (2006) und Ruhm von Daniel Kehlmann benennt sie qualitätsreiche Titel der Gegenwartsliteratur, die inhaltlich, inszenatorisch und gestalterisch die neuen Medien einbeziehen. Obwohl sie auf den damit verbundenen innovativen Charakter verweist, behält sie sich jedoch vor, dass diese Texte lediglich in gedruckter Form veröffentlicht wurden und deutet damit berechtigterweise noch ausstehende Entwicklungen der Erzählmodifikationen an. Allerdings verwendet sie die genannten Titel für ihre Auseinandersetzung mit erzähltheoretischen Beobachtungen, in denen sie die literarischen Gestaltungsmotive anhand bewährter Konzepte erläutert. So schafft sie auch für Leserinnen und Leser, die im digitalen Raum noch Orientierungspunkte suchen, logische Anknüpfungspunkte an traditionelle Analysemodelle und arrangiert eine denkbare Beziehungsoffensive zur klassischen Fachdidaktik. Das minimiert Hemmschwellen und betont die Lernchancen aller Akteure im Deutschunterricht, Intermedialität als Lerngegenstand wahrzunehmen. Formal kann an dieser Einführung lediglich kritisiert werden, dass sie von den sich anschließenden drei Kapiteln in der Nummerierung von vorn beginnt, obwohl mit diesem Beitrag bereits das erste Kapitel gestaltet ist.

Das zweite Kapitel trägt den Titel "Von neuen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten erzählen – Die digitale Welt und das 'alte‘ Medium Buch" und beinhaltet vier Aufsätze, die inhaltlich sehr unterschiedlich ausgerichtet sind, ihren gemeinsamen Nenner aber in der Beschäftigung mit jeweils konkreten literarischen Werken finden: Sie thematisieren Emanzipationsprozesse von Figuren in digitalen Räumen und verlocken in ihren individuellen Erscheinungsformen alle zur Lektüre (nicht nur) im Literaturunterricht.

Ann-Marie Riesner eröffnet dieses Quartett mit der "Aushandlung einer 'Schreibszene in Sozialen Medien'" anhand Stefanie Sargnagels Statusmeldungen (2017), die aus sukzessiv entstandenen Statements auf Facebook schließlich als gedrucktes Werk erschienen sind. Überzeugend und gründlich analysiert sie die veränderte Kulturtechnik des Lesens und Schreibens als quasi kollaborativen Prozess in einem multimedialen Raum. Dabei begründet sie zum einen die Darbietung von immer kürzeren Darstellungseinheiten zugunsten einer schnellen Rezeption, zum anderen betont sie das Spiel mit den Identitäten auch durch den inszenierten Authentizitätsdruck der mobilen Publikationswege, z.B. mittels Mobiltelefone. Was in den Schlussbetrachtungen zu kurz kommt, sind die Nutzungsmöglichkeiten der Erkenntnisse im Deutschunterricht. Der alleinige Hinweis auf das Potenzial der literalen Transformationsprozesse bleibt dünn und könnte konkreter entfaltet werden.

Dieses Defizit gleicht Elias Kreuzmair mit seinem Beitrag "Drahtlose Netzwerke. Reflexionen der 'Kultur der Digitalität' in Terézia Moras Roman Das Ungeheuer und ihr Potential für den Deutschunterricht" schon durch seine Ankündigung vielversprechend aus. Anhand Stalders 'Kultur der Digitalität' untersucht Kreuzmair kenntnisreich und kundig sowohl die (digitale) Netzstruktur im Roman als auch die Herausforderungen, die sich im Leseprozess durch die komplexe Erzählweise ergeben können. Die Verquickung von erzählten Motiven in digitalen Medien mit den figurenbezogenen Konfliktpotenzialen ergibt eine schlüssige Lesart. Konkret nachweisen lässt sich dies z.B. an dem Protagonisten Kopp, der als IT-Ingenieur beruflich auf die Verfügbarkeit digitaler Netze angewiesen ist und gleichzeitig daran scheitert, sich persönlich sowohl in virtuellen als auch in sozialen Netzwerken nachhaltig zu verorten. Die zahlreichen und vielschichtigen Anregungen für die unterrichtliche Einbindung reichen von der Thematisierungsvorschlägen zur Intertextualität, zur Intermedialität oder zu Mediendifferenzen über Reflexionen der eigenen Mediennutzung hin zu Werturteilen über Digitalisierungsprozesse. Auch Rechercheaufgaben zu dem Begriff "Netzwerk" können dazu beitragen, das poetologische Motiv zu durchdringen.

Julia Boog beeindruckt mit ihren Darstellungen in "'raufladen, was man will' – Gebloggte Metanarrativität in Flurin Jeckers Jugendroman Lanz (2017)" durch eine kohärente Werkanalyse, die sie in Analogie zum Web-Vokabular anschaulich gliedert. Anhand des ausgewählten Adoleszenzromans verdeutlicht sie, wie Methoden des sich schriftlichen Einbringens in die virtuelle Welt Sozialisationsprozesse beeinflussen können. Indem sie den ausgewählten Roman als klassische Adoleszenzliteratur beschreibt, zeigt sie, dass sich die Ausdrucksformen aktueller Titel dieses Genres zwar an die moderne Technik anpassen, die Inhalte menschlicher Entwicklungsprozesse aber stabil bleiben. In diesem Zusammenhang betont Boog, dass eine Orientierung an Online-Schreibtechniken ohne die Kenntnis literarischer Konventionen nicht gelingen kann. Leider fehlt am Ende ein sinnstiftender Hinweis, wie der Roman den Literaturunterricht bereichern kann.

In ihrem Beitrag "Von bösen Computern und virtuellen Welten – Inszenierungen digitaler Medien in zeitgenössischer Jugendliteratur" verdeutlicht Stefanie Jakobi das bereits eingangs erwähnte Bedürfnis, Lektüren mit intermedialen Bezügen stärker als literästhetische Kunstwerke wahrzunehmen. Am Beispiel von Ursula Poznanskis Erebos (2011) und Frank M. Reifenbergs Unsichtbare Blicke (2012) arbeitet sie besonders anschaulich die Inszenierungselemente des Internets heraus und stellt vor, wie die Computerwelt in das Medium Buch integriert wird. Überzeugend ist ihre Herangehensweise, in beiden Romanen die Verbindung der histoire- mit der discours-Ebene herzustellen, indem sie neben der Thematisierung der Medienwelt auch auf die Darstellungsart referiert und damit klassisches Analysewerkzeug mit medienreflexiver Textauseinandersetzung koppelt.

Das dritte Kapitel beinhaltet fünf Aufsätze und konzentriert sich auf "Medienspezifische und technische Aspekte digitaler Literatur für den Deutschunterricht". Julia Knopf beginnt hier mit ihrem Beitrag "Augmented Reality im Literaturunterricht der Primarstufe" und thematisiert damit ein Feld, das für literarische Lernprozesse aktuell (auch in den curricularen Vorgaben) noch kaum Beachtung findet, zugleich aber durch die individuellen Modifikationsmöglichkeiten zahlreiche Vorschläge für differenzierte Lernarrangements bei der Rezeption von Literatur anbietet. Nach einer definitorischen Abgrenzung der Augmented Reality- von Virtual Reality-Technologien werden zunächst zielführend die Hard- und Software Komponenten erläutert und damit einhergehend auch mögliche Kritikpunkte z.B. durch den finanziellen Beschaffungsaufwand oder die noch häufig fehleranfällige Software benannt. Anhand konkreter Apps – LeYo, My Story School eBook Maker, WallaMe – werden Unterrichtsideen angedeutet, die allerdings für die literaturspezifische Realisierung noch stärker konturiert werden müssten, um den fachdidaktischen Mehrwert gegenüber analogen Lernwegen aufzuzeigen. Die Einbettung in zwei ausgewählte Aspekte von Spinners Konzept des literarischen Lernens (nämlich [1] Bei der Rezeption von Literatur Vorstellungen entwickeln und [4] Perspektiven literarischer Figuren nachvollziehen) ist nachvollziehbar, gegenwärtig aber nicht ohne individuell geschaffene Lernräume möglich. Eine spezifische Modellierung durch die Lehrperson ist also immer unabdingbar. Andere erwähnte Apps – Luther virtuell, Quiver oder HP Reveal – haben allgemeinpädagogisch durchaus ihre Berechtigung, der Konnex zum Literaturerwerb bleibt allerdings diffus.

Als Autorenteam schlagen Julia Knopf, Tania Kraft und Ann-Kristin Müller mit "#edgarslife: Erzählen in Schlagwörtern – Kreatives Schreiben im Deutschunterricht der Primarstufe" Schreibideen anhand der Hashtag-Kultur vor und initiieren damit Alternativen zu den klassischen Reizwortgeschichten, indem sie die Potenziale von Bild-Text-Kompositionen im Stil des Schreibduktus' sozialer Netzwerke für die Grundschule nutzen. Aufbauend auf theoretischen Grundlagen entfalten sie eine exemplarische Unterrichtsreihe für die 4. Jahrgangsstufe. Den Zugewinn dieser Unterrichtsanregung beschreiben sie in der Bearbeitung der Irritation, die zwischen Hashtag und Foto liegt: Die Schülerinnen und Schüler müssen in der Zusammenführung von Hashtag und Foto verbal Leerstellen füllen, die auf der ikonografischen Ebene sinnbildlich erfasst werden. Dazu folgt die schreibdidaktische Absicht klassischen Regeln und wird in das Gewand der Nutzungsstrategien neuer Medien gekleidet. Besonders für junge Schülerinnen und Schüler hat dies sicherlich einen hohen Aufforderungscharakter, auch wenn der leibhaftige Zugriff auf Hard- oder Software der digitalen Welt außen vor bleibt. Für den Primarbereich hat das seine Berechtigung und kann gleichzeitig als Vorbereitung für einen selbstbewussten Umgang mit Hashtag-Kommunikation in darauf spezialisierten Netzwerken zielführend sein.

Stefanie Lange stellt in "Da war man viel schneller drin in der Geschichte – Das Potenzial von enhanced E-Books für den Deutschunterricht" die Ergebnisse einer Studie mit Gymnasialschülerinnen und -schüler des 9./10. Jahrgangs vor, um die Chancen der Multimedialität konkret nachweisen zu können. Die Lernenden haben dazu literarische Gespräche zu Texten im Format der Printliteratur und zu enhanced E-Books geführt. Bei der Gesprächsanalyse hat Lange besonders die medialen Erfahrungen und das Spannungserleben betrachtet und zieht verschiedene Schlüsse, aus denen scheinbar keine einheitlichen Ergebnisse über die Wirkung von E-Books abzuleiten sind. Sie resümiert, dass es den Heranwachsenden leichter fällt, über ihre medialen Erfahrungen zu sprechen. Die mit den neuen Medien verbundenen Irritationen zeigen, dass die Anschlusskommunikation intensiv ausfällt. Das dafür notwendige Vokabular bzw. Instrumentarium zur Beschreibung der medialen Effekte fehlt aber noch in vielen Bereichen. Der damit verbundene Ausblick auf fruchtbare Erweiterungen der im Deutschunterricht zu erwerbenden Kompetenzen auf den verschiedenen Ebenen des Erzählens scheint hier Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen. 

Daran schließt Julia Ogrodnik mit "Das ästhetische Potential von Podcasts im Literaturunterricht der Oberstufe" sehr schlüssig an. Sie erörtert überzeugend, inwieweit das auditive Textmedium am Beispiel von Texten Herta Müllers im Bereich des Erzählens Chancen für den metareflexiven Umgang bereithält. Gegenüber der reinen Wissensvermittlung zeigt sie anhand einer vierstündigen Unterrichtseinheit in einem elften Jahrgang, wie die Schülerinnen und Schüler kreative Ausdrucksformen für individuelle Interpretationsspuren entwickeln, indem sie von der bloßen Rezeption eines Podcasts zur aktiven Gestaltung eigener Beiträge gelangen. Die sich dadurch eröffnenden Redebühnen ermutigen nicht nur zu einer bewussten Auseinandersetzung mit Sprache in der Literatur, sondern fördern auch mündliche Kommunikationsprozesse und können schnell adaptiert werden. 

YouTube kann derzeit wohl als eine der populärsten Inszenierungsplattformen im Internet bezeichnet werden. Inwieweit dort veröffentlichte Videos aus dem Bereich der Produktwerbung die Erzählkompetenz steuern, schildern Jannick Eckle, Rebecca Jakobs, Julia Knopf und Sina-Marie Schneider in "Erzählen im Zeitalter von YouTube – Wie Influencer durch ihr Erzählen beeinflussen". Als Aufhänger für das erkenntnisleitende Interesse dient die treffende Feststellung, dass Erzählen scheinbar "stärker denn je als strategisches Element für kommerzielle Interessen und Belange, wie z.B. für Werbung" (S. 193) genutzt wird. Vor diesem Hintergrund wird ein Shopping-Haul-Video einem klassischen H&M-TV-Werbespot gegenübergestellt und die Unterschiede besonders im kommunikativen und performativen Bereich bewertet. Die anschließend formulierten Potenziale für den Deutschunterricht begründet das Autorenteam präzise im Zusammenhang mit ministeriellen Vorgaben. Überzeugend wirken die Darstellungen besonders durch die Authentizität und die Nähe zur Lebenswirklichkeit junger Erwachsener. Der Schluss bleibt allerdings abrupt: Ein reflektiertes Fazit hätte die Chancen und Grenzen dieser Themenfelder noch abrunden können. 

Das vierte Kapitel weicht konzeptuell in dem Maße von der bisherigen Struktur ab, als dass es unter dem Titel "Erzählen in Kürzestformen – Gestaltungsmöglichkeiten und -grenzen von Twitteratur" drei miteinander sehr verwandte Artikel anbietet, die durch ihre inhaltliche Nähe mehr Querverweise und weniger Redundanzen vertragen hätten. Auch wenn durch diese Tatsache die einzelnen Beiträge nicht an Qualität verlieren, so fallen doch die sich wiederholenden Referenzen auf die Genese von Twitteratur unmerklich ins Auge. Silvia Ulrich stellt mit "Twitteratur im Seminarraum. Ein didaktisches Experiment an der Universität Turin" transparent und authentisch vor, wie das Medium Twitter die Auseinandersetzung mit Literatur erweitern kann. Die Beobachtungen aus abwechslungsreichen Zugängen mit klassischen Gegenständen – von der Verkürzung von Kafkas Die Verwandlung in begrenzten Twitterbeiträgen über die Kommentierung von Joseph Roths Hotel Savoy im Twitterformat bis hin zu online-Bewertungen von Thomas Manns Lotte in Weimar – gepaart mit einer kritischen Reflexion – zeigen deutlich, dass die intermediale Beschäftigung mit Literatur in vielen Fällen zwar die Motivation steigert, aber jedoch nicht zwingend einen didaktischen Mehrwert liefert. 

Die angedeutete Kongruenz zwischen den Beiträgen wird bei Sandra Annika Meyers "Von Strom, Zeit und Raum. Digitale Kürze als literarisches Experimentiertfeld" und Roberto Nicolis "Twitteratur unter der Lupe: Florian Meimbergs Tiny Tales (2011) und Claudia Maria Bertolas und Tito Faracis #tWeBook (2013) im Vergleich" am augenscheinlichsten. Beide thematisieren sowohl das gewinnbringende Potenzial der literarischen Kurzformen als auch die didaktischen Perspektiven besonders im Bereich des kreativen Schreibens und führen sogar ein identisches Zitat (S. 238 und S. 263) an. Dies hätte zugunsten weiterer fachdidaktischer Zugänge durch Querverweise umgangen werden können.

Fazit

Insgesamt liefert die Zusammenstellung der Aufsätze einen progressiven Ansatz für die Einbindung digital geprägter Angebote in den Literaturunterricht. Hervorzuheben ist besonders das durchgehende Bedürfnis, einen reflexiven Medienkompetenzerwerb anzubahnen und dabei die eigene Urteilsbildung der Lernenden zu schulen. Anstatt der häufig proklamierten Gefahren des Datenmissbrauchs oder des Suchtpotentials werden vordergründig die Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten für literarische Lernprozesse betont. Im Zusammenhang mit sich aktuell immer weiter differenzierenden Social Reading Phänomenen hätte die Auseinandersetzung mit digitalen Plattformen (z.B. lectory, etherpad oder perusall), in denen literarische Texte online kommentiert werden können, stärkere Berücksichtigung finden können. In Ansätzen werden z.B. bei Ulrich solche Kollaborationsmöglichkeiten als Erweiterung zur passiven Nutzung oder reinen Partizipation an digitalen Welten erwähnt; der didaktische Zugewinn besteht allerdings noch vielmehr darin, zukünftig das Repertoire von digital geprägten Zugängen zu Literatur noch wirksamer zu erweitern, indem Heranwachsende z.B. aktiv digitale Lernumgebungen mitgestalten.

Erstveröffentlichung: 26.03.2020

 

 


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