von Anna Zamolska

Der aufwendig gestaltete Bildband von dem emeritierten Literaturprofessor Peter Hunt (*1945) spürt den kulturellen und historischen Kontext des internationalen Kinderbuchklassikers Alice im Wunderland (1865) auf und ermöglicht es der heutigen Leserschaft, die vielen Bedeutungsschichten aufzudecken und versteckte Anspielungen und Witze, die der Privatwelt des Autors und der zeitgenössischen Literatur entsprungen sind, zum ersten Mal wahrzunehmen. Gleichzeitig bietet diese Studie eine hervorragende Einführung in die viktorianische Welt Lewis Carrolls, die somit jeder – auch ohne literaturwissenschaftliches Vorwissen – betreten und verstehen kann.

Hunt, Peter: Alice im Wunderland. Wie alles begann.
wbg Verlag, 2021.
128 Seiten. 28,00 €
ISBN 978-3-8062-4265-5.

 Inhalt

"Die 'Alice'-Bücher gehören zu den meistzitierten, am häufigsten angeführten, bekanntesten (wenn auch vielleicht nicht immer tatsächlich gelesenen) Büchern in englischer Sprache." (Hunt 2021, S. 9) 

In seinem Buch Die Erfindung von Alice im Wunderland (engl. The Making of Lewis Carroll’s Alice and the Invention of Wonderland, 2020) begibt sich der englische Literaturprofessor Peter Hunt auf Spurensuche und führt alte und neue Entdeckungen zur Entstehungsgeschichte der beiden Alice-Bücher zusammen in einem aufschlussreichen und aufwendig gestalteten Bildband, der die illustrierende Seite der beiden Meisterwerke Alice im Wunderland und Alice hinter den Spiegeln mit einbezieht. 

Hunt untersucht äußerst vorsichtig die Biografie des Autors Lewis Carroll – ein Pseudonym für Charles Lutwidge Dodgson – dessen Lebensumfeld und Interessen, die historischen und kulturellen Begebenheiten, die ihn geprägt haben könnten, denen Carroll aber auch kritisch entgegenstand: "Dodgsons Geist [war] ganz der eines in sich widersprüchlichen Menschen aus der mittleren Periode des Viktorianischen Zeitalters" (Hunt 2021, S. 11). Womit Hunt auch mit vielen stark vereinfachten Porträts dieses Schriftstellers aufräumt, die in den Biografien von Carroll zu finden sind. 

Nach einem kurzen Abriss über die Entstehungsgeschichte von Alice im Wunderland und Alice hinter den Spiegeln stellt Hunt seine Vorgehensweise bei der Analyse vor und begibt sich in den folgenden sechs Kapiteln auf die Suche nach den versteckten Rätseln und Hintergründen der beiden Kinderliteraturklassiker. Hierbei versucht Peter Hunt nicht der Versuchung zu unterliegen, zu viel hinein zu interpretieren oder fragwürdige Hypothesen früherer Literaturwissenschaftler zu nähren, und sammelt sicheres Wissen zum Phänomen Alice zusammen – ohne dabei unnötig auszuschweifen oder Unsicheres festzulegen. Bereits zu Beginn erklärt er seine vorsichtige Herangehensweise: 

"Die Entstehungsgeschichte der Bücher zu enträtseln, ist ein besonders gefährliches Unterfangen: So undurchsichtig sind die Spiele, die der Autor treibt, dass jeder, der nach den Bausteinen der Bücher sucht, mit einem Gewebe aus Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten, Spekulationen und sehr oft auch Dingen zurückbleibt, die auf so geniale Weise psychedelisch sind, dass wir wünschten, sie wären wahr. Diese Bücher sind der Traum eines jeden Verschwörungstheoretikers!" (Hunt 2021, S. 11)

Im Zuge der sechs Kapitel untersucht Hunt u. a. den Bootsausflug, der als Geburtsstunde der Alice-Geschichten propagiert wird und – wie bei so vielen berühmten Geschichten – etwas mythisch geworden ist: "Sie ist so charmant, so angemessen für die Geburt eines Kinderbuchs […], dass es nicht wirklich wichtig ist, wenn das Wetter an jenem Tag weit von einem goldenen Nachmittag entfernt, 'nasskalt' war." (Hunt 2021, S. 20) Abgesehen vom Wetter waren auch vor dem Bootsausflug viele Geschichten für die drei Liddell-Mädchen entstanden und nahmen dieses Mal eine phantastische Form an, in der sie alle und der Erzähler selbst – Lewis Carroll – mitspielten. So ist es besonders interessant zu erfahren, welche Literatur Carroll und seine kindlichen Zuhörerinnen zu ihrer Zeit kannten und wie sie in der Alice-Geschichte verlacht wurde. Zumal Carroll ein sehr belesener Kenner von der damaligen (stark belehrenden und weniger ambitionierten) Kinderliteratur war. 

Auch Gesellschaftsspiele, Theaterstücke, -moden und berühmte Gedichte flossen ungenannt in den Erzählstrang von Alice hinein und wurden parodiert oder kritisiert. Für die heutigen Leserinnen und Leser zwar nicht mehr erkennbar, aber dennoch humorvoll zu lesen – umso witziger ist die Auslese von Peter Hunt, der uns erstmals so viele Anspielungen und ihre Ursprünge aufzeigt. In Alice sind außerdem viele Insiderwitze versteckt, die nur die mit Lewis Carroll befreundete Liddell-Familie verstehen und schätzen konnte, selbst in den Illustrationen John Tenniels sind viele versteckte Hinweise auf das unmittelbare Umfeld von Carroll und die Stadt Oxford enthalten. 

"Dodgson war solch ein unermüdlicher und streitlustiger Satiriker, der Christ Church und Oxford mit witzigen und oft anonymen Pamphleten überzog, dass es kaum Wunder nimmt, wenn er die 'Alice'-Bücher mit skurrilem Material vollgepfropft hat. […] Und wie das bei vielen ironischen Menschen der Fall ist, war es ihm egal, wenn er der Einzige war, der den Witz verstand." (Hunt 2021, S. 70-73) So nahm Carroll auch seine berufliche Umgebung aufs Korn: Bis heute spekuliert die Literaturwissenschaft über die Szene des Fünf-Uhr-Tees beim Hutmacher, in der manche auch eine typische Universitäts-Debatte und die Mitstreiter Carrolls in Oxford erkannt haben wollen. Dennoch arbeitet Peter Hunt zum Schluss heraus, dass Alice trotz aller Skurrilität als wichtigsten Bezugspunkt immer die kindliche Leserschaft hat: "Eines der Hauptmerkmale der 'Alice'-Bücher ist der Respekt, de Dodgson für seine kindliche Leserschaft zeigte. Wie wir gesehen haben, war es für ihn nicht von Belang, ob die Scherze jemals entschlüsselt wurden (was natürlich zu allerhand entsprechenden Versuchen geführt hat), aber wenn es um Schach, Mathematik oder Logik ging, scheint er davon ausgegangen zu sein, dass er ein Publikum auf Augenhöhe ansprach." (Hunt 2021, S. 87) 

Auch über die Karriere, Wirkung und Verbreitung des Alice-Stoffes bis heute sowie über die weitere Biografie von Carroll, der wahren Alice und anderer in den Büchern erwähnten Personen erfahren wir im letzten Kapitel von Peter Hunts Untersuchung, die damit einen Bogen zum Thema Alice schafft und sich nicht in der Form einer Biografie oder Anthologie aller Werke Lewis Carrolls verliert.

Kritik

In England hat die Alice-Forschung schon früh eingesetzt und zahllose Publikationen hervorgebracht. Die umfangreichste scheint sich bis heute ungebrochener Beliebtheit im englischsprachigen Raum zu erfreuen, denn sie erlebte zahlreiche Neuauflagen und stete Verbesserungen, die teilweise auch vom Lesepublikum stammten, und erfuhr 2015 ihre aktuellste Auflage: The annotated Alice (dt. Alles über Alice, 2002). Diese kritische Alice-Ausgabe vereint nicht nur zahlreiche Essays zu Lewis Carroll, den zahlreichen Illustratoren und Medienadaptionen der Alice-Bücher, sondern versetzt den Originaltext mit zahlreichen Fußnoten. Der Lesbarkeit halber werden diese Anmerkungen in einer Spalte neben den Originaltext gestellt. Dieser 344 Seiten umfassende Band wird nun abgelöst von der übersichtlichen Publikation Die Erfindung von Alice im Wunderland von Peter Hunt. 

Dieser Bildband schafft den Spagat zwischen literatur- und populärwissenschaftlicher Literatur so geschickt, dass jeder Leser in das Wissen um den Alice-Kosmos eintauchen kann und dem komplizierten Unterfangen von Peter Hunt folgen kann. Die Erfindung von Alice im Wunderland wurde aus dem Englischen von Gisella M. Vorderobermeier sehr einfühlsam übersetzt, die Alice-Zitate stammen aus der im deutschen Raum renommierten und gängigsten Übersetzung von Christian Enzensberger. 

Zu Alice im Wunderland gibt es heute alle erdenklichen Marketing-Artikel und die Illustrationen von John Tenniel der Originalvorlage werden als nostalgische Dekoration unbegrenzt vermarktet, ob auf Haushaltsartikeln, Schreibwaren oder Taschenzubehör. Sekundärliteratur – wie sie mit dieser Publikation vorliegt – gibt es im deutschsprachigen Raum dagegen sehr wenige. Natürlich wird Alice in literaturwissenschaftlichen Bänden und Einführungen in die Kinderliteratur besprochen, gelten die beiden Bände um das kleine Mädchen schließlich als Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Aber aufwendige gebundene Ausgaben mit zahlreichen Abbildungen und auf hochwertigem Papier gedruckt, die einen einzelnen Autor oder ein einzelnes Werk näher beleuchten und die kulturellen und historischen Hintergründe desselben aufzeigen, zählen zu den Raritäten in der Publikationsgeschichte Deutschlands. 

Während sich in Großbritannien, der Wiege zahlreicher Klassiker der Kinderliteratur, Bildbände und andere Sekundärwerke um Autoren wie Beatrix Potter, A. A. Milne, Kenneth Grahame oder Charles Dickens häufen, sind in Deutschland erst einzelne vorsichtige Publikationsversuche zu verzeichnen, die sich auf internationale Größen der Kinderliteratur beschränken, wie Astrid Lindgren, Janosch, Sven Nordqvist und A. A. Milne. 

Bildbände wie Dreimal hoch für Pu (2003), Sven Nordqvist – Eine Bilderreise (2016) oder Janosch - Leben und Werk (2021) sind Raritäten und keine feste Nische der Verlage, die bekannte Autoren verlegen. Selbst eine Biografie von Ilon Wikland hat in Deutschland keine Chance, obwohl sie sich als die Astrid Lindgren-Illustratorin profiliert hat und ihre Bilder einen internationalen Bekanntheitsgrad haben. Und mindestens ebenso verbunden mit den Original-Werken sind wie John Tenniels Zeichnungen mit Lewis Carrolls Alice

Diese Tendenz scheinen die Verlage in Deutschland nun langsam durchbrechen zu wollen, in den letzten Jahren erscheinen vermehrt Biografien zu bekannten Kinderbuchautoren, viele Klassiker der Kinderliteratur werden neu (und erstmals vollständig) übersetzt und erscheinen als kritische Ausgaben. So kann man nur hoffen, dass diese Tendenz bestehen bleibt und sich diese Lücke im deutschen Buchmarkt endlich schließt – und vor allem, dass der Bedarf nach solchen Publikationen besteht!

Fazit

Man muss es bereits als Erfolg verbuchen, dass dieses Buch überhaupt ins Deutsche übersetzt wurde und erst recht, wenn man sich für den Alice-Kosmos interessiert: Hier liegt ein übersichtliches Bild der literarischen und historischen Einflüsse auf die Ur-Alice vor. Der vorliegende Titel ist eine empfehlenswerte Anschaffung für jeden, der künftig bei der Lektüre von Alice im Wunderland noch mehr lachen will als vorher. Denn neben den üblichen literaturwissenschaftlichen Funden in der zeitgenössischen Theater-, Mode- und Literaturwelt Lewis Carrolls deckt Peter Hunt hier viele Insider-Witze des Autors auf, die mit seinem eigenen Alltag, kindlichen Gefährten und seinem überbordenden Humor verknüpft sind. So ist dieser Bildband selbst eine köstliche Lektüre und schafft trotzdem den Spagat zwischen Literatur- und Populärwissenschaft – damit sollte er eigentlich jeden Alice-Fan ansprechen.

Erstveröffentlichung 19.07.2021


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

September 2021
Mo Di Mi Do Fr Sa So
30 31 1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 1 2 3