von Svenja Thomas

Auf dem Roman Anne auf Green Gables aus dem Jahr 1908 von Lucy Maud Montgomery basierend, erzählt diese kanadische Dramaserie die Geschichte des 13-jährigen Waisenmädchens Anne Shirley, das durch ein Missverständnis auf der Farm "Green Gables" landet und dort mit vielen heiklen Situationen konfrontiert wird. Poetisch, düster und authentisch umgesetzt von Breaking-Bad-Autorin Moira Walley-Beckett, stellt diese Serie eine originelle filmische Adaption des beliebten Kinderbuchklassikers dar.

Inhalt

Es ist das Jahr 1870 und die beiden unverheirateten Geschwister Matthew (R. H. Thomson) und Marilla (Geraldine James) Cuthbert leben in der (fiktiven) Ortschaft Avonlea auf der kanadischen Inselprovinz Prince-Edward-Island. Nach langem Abwägen beschließen sie einen Waisenjungen zu adoptieren, der ihnen bei der Arbeit auf der ländlich gelegenen Farm „Green Gables“ unter die Arme greifen soll. Als Matthew sich mit einer Kutsche auf dem Weg zum Bahnhof macht, ahnt er noch nicht, das dort kein Junge, sondern das Waisenmädchen Anne Shirley (Amybeth McNulty) auf ihn wartet. Bevor er der rothaarigen, fröhlichen und äußerst geschwätzigen Dreizehnjährigen die Situation erklären kann, beginnt Anne auch schon, ihn mit ihrem charmanten Enthusiasmus um den kleinen Finger zu wickeln.

Da er das Mädchen nicht über Nacht am Bahnhof stehen lassen kann, nimmt er sie kurzerhand mit nach Hause, zu der dort wartenden Marilla. Diese wurde in der Zwischenzeit von ihrer misstrauischen und nicht gerade vorurteilsfreien Freundin Rachel (Corinne Koslo) ausdrücklich vor der Adoption von Waisenkindern gewarnt. Auf Green Gables angekommen, nimmt die bereits an ihrer Entscheidung zweifelnde Marilla kein Blatt vor den Mund, klärt das Missverständnis sofort auf und macht unmissverständlich klar, dass Anne die Farm am nächsten Tag wieder verlassen müsse. Für das bis dahin hoffnungsvolle Waisenmädchen bricht eine Welt zusammen, denn das Waisenhaus ist ein schrecklicher, trostloser Ort und die Pflegefamilien, die sie zwar regelmäßig, aber nur aufgrund ihrer Arbeitskraft bei sich aufnehmen, behandeln Anne zumeist sehr schlecht. Demütigungen und Gewalt sind für das junge Mädchen zur Tagesordnung geworden. Als Marilla am nächsten Tag mit Anne zum Waisenhaus zurückfährt, um das Missverständnis mit der Verantwortlichen zu klären, soll Anne prompt wieder an eine Großfamilie abgegeben werden, die nur darauf aus ist, sie als billiges Kindermädchen schuften zu lassen. Entrüstet über diese Zustände, beschließt Marilla, Anne eine Chance zu geben: Eine Woche lang soll Anne ihren Wert beweisen, dann wollen die Cuthberts darüber entscheiden, ob sie bleiben darf oder nicht.

Anne ist überglücklich und verspricht, ihr Bestes zu geben, um sich einer Adaption als würdig zu erweisen, doch das Zusammenleben mit den verschrobenen Cuthberts – insbesondere mit der strengen Marilla – gestaltet sich anfangs als sehr schwierig. Während der stille und eher in sich gekehrte Matthew die Gesellschaft der gesprächigen Anne sichtlich genießt, ist Marilla von der übersprudelnden Fantasie und dem exzentrischen Verhalten des Waisenmädchens nicht besonders angetan. Auch muss sich Anne als Waisenkind so manchen missbilligenden Blick und scharfe Kommentare von den örtlichen Dorfbewohnern gefallen lassen. Zum Glück lernt sie schon bald das gleichaltrige und außergewöhnlich aufgeschlossene Nachbarsmädchen Diana (Dalila Bela) kennen. Die Welt erscheint wieder in einem schönen Licht, als die beiden sich gegenseitig die ewige Freundschaft schwören – doch dann verschwindet plötzlich ein kostbares Erbstück der Cuthberts und Marilla ist felsenfest davon überzeugt, dass Anne dahintersteckt...

Verleih: Northwood Entertainment und CBC

Kritik

Die kanadische Dramaserie Anne with an E (im engl. Original: Anne) basiert auf dem 1908 veröffentlichten Kinderbuchklassiker Anne auf Green Gables der kanadischen Schriftstellerin und Dichterin Lucy Maud Montgomery. Entwickelt wurde sie von der Schauspielerin, Drehbuchautorin und Fernsehproduzentin Moira Walley-Beckett, die schon als Autorin mehrerer Folgen der bekannten Dramaserie Breaking Bad verantwortlich war. Die Produktion gab der kanadische Sender CBC in Auftrag und seit dem 12. Mai 2017 wird die Serie mit 7 Folgen in der ersten Staffel von dem Streaming-Portal Netflix angeboten.

Leider ist diese überraschend gut gelungene und mit überzeugenden Schauspielern besetzte Romanadaption zwischen vielen anderen hochkarätigen Serien, die diesen Sommer erschienen sind, untergegangen. So leistet insbesondere die irisch-kanadische Jungdarstellerin Amybeth McNulty in der Rolle des Waisenmädchens Anne Shirley hervorragende Arbeit und kann selbst die abrupten und geradezu unberechenbaren Gefühlsschwankungen der Hauptfigur äußerst authentisch darstellen. Begleitet von düsteren Rückblenden erzählt Anne with an E die emotionale Achterbahnfahrt eines außergewöhnlichen, jedoch auch stark traumatisierten jungen Mädchens, das mit ihrem exzentrisches Wesen so manches Mal an der Biederkeit der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zu scheitern droht.

Verleih: Northwood Entertainment und CBC

Diese Rückblenden gehen mit dramatischen Farbveränderungen der Kameraaufnahmen einher. So sind sind die Ausschnitte aus Annes verstörender Vergangenheit durch einen bläulichen, dunkleren Farbton gekennzeichnet, der die Tragik der früheren Ereignisse für die Zuschauer beinahe spürbar macht. Positive Situationen wurden hingegen mit einem helleren, orangefarbenen Filter unterlegt, um den Kontrast zwischen den verschiedenen Gefühlswelten der Protagonistin optisch darzustellen. Hier wird der Unterschied zur Romanvorlage deutlich: Während in dem Kinderbuch die traurige Vergangenheit des Waisenmädchens kaum betrachtet wird, schildert die Serie mit kurzen Rückblenden die Gewalt und die Demütigungen, die das junge Mädchen in ihren sogenannten Pflegefamilien erleiden musste und zieht dadurch nachvollziehbare Konsequenzen zur seelischen Verfassung der Hauptfigur und ihrem teils seltsam anmutenden Verhalten.

Denn Anne ist kein gewöhnliches 13-jähriges Kind: Die meiste Zeit verbringt sie mit Tagträumereien und dem Erzählen von selbstausgedachten, fantastischen Geschichten. Dafür nutzt sie ihren umfangreichen Wortschatz, den sie sich während ihrer Zeit im Waisenhaus beim Lesen diverser Büchern angeeignet hat. Ihre Begeisterung für Literatur und ihre beinahe grenzenlose Vorstellungskraft entspringt ihrem freien und hoffnungsvollen, jedoch auch sehr labilen Geist. Enttäuschung, Ablehnung und Beleidigung kann die junge Protagonistin kaum ertragen und so flüchtet sie sich zum Schutz vor Verletzungen in ihre eigens erdachte Welt – spricht nach einer demütigenden Schulstunde sogar mit ihrer imaginierten Freundin „Kathy“, die sie eigentlich in dem verhassten Waisenhaus zurücklassen wollte.

Eine entscheidende Rolle in der Serie spielt ebenso die Figur der Marilla, die von der Schauspielerin Geraldine James überzeugend realisiert wird. Diese überaus streng, unnahbar und beinahe kaltherzig erscheinende Frau verweigert zwar zu Anfang jegliche emotionale Beziehung zu Anne, erkennt jedoch schon bald, dass das Waisenmädchen besonderer Zuwendung bedarf. Statt sie davon zu schicken, beschließt Marilla, Anne nach Kräften zu unterstützen und tritt im Verlauf der ersten Staffel langsam, aber konsequent aus ihrer starren Haltung. Aufgrund der komplexen Figurenentwicklungen, insbesondere in Bezug auf die Figur der Anne, kann die Serie schon fast als Coming-Of-Age-Drama bezeichnet werden – wäre da nicht die traurige Tatsache, dass das Waisenmädchen laut eigener Aussage niemals eine richtige Kindheit hatte und sich deshalb mit Hilfe der Cuthberts zum ersten Mal heimisch und geborgen, vor allem aber geliebt fühlen kann.

Verleih: Northwood Entertainment und CBC

Leider bleibt es bei dieser Serie in keiner Folge bei einem wahren Happy End. Auf jede glückliche Wendung folgt gleich wieder ein unerwartetes Unglück und Anne ist zumeist die Leidtragende. Dadurch kann die Serie zwar die Spannung halten, denn jede Folge endet mit einem dramatischen Cliffhanger, jedoch wirkt es selbst auf den Zuschauer mit der Zeit relativ frustrieren, dass das arme Waisenmädchen einfach immer wieder vom Regen in die Traufe fällt. Gleichzeitig ist es genau dieser Aspekt der Serie, der sie auch so gut macht: Denn Anne with an E verkommt in keiner einzigen Sekunde zu einer klischeebehafteten Nachahmung der Romanvorlage, sondern stellt eine liebevoll inszenierte, realistisch anmutende und mitreißende Interpretation des Originals dar.

Dadurch, dass die Serie den Anspruch verfolgt, kritische Grundsatzdiskussionen über Frauenrechte, Kindesmisshandlung, Selbstverwirklichung und gesellschaftlicher Toleranz in die Haupthandlung mit einfließen zu lassen, hebt sie sich auch deutlich von ihren filmischen Vorgängern ab. So ist die im englischsprachigen Raum beliebte kanadische Miniserie Anne auf Green Gables, deren Erstaustrahlung bereits 1985 erfolgte, zwar weit weniger tiefgründig, dafür aber auch erheblich kindertauglicher als die aktuelle Romanadaption. Verantwortlich für diese Brüche mit der traditionell kinderfreundlicheren Darstellung des Stoffes, wird wohl Moira Walley-Beckett sein, die sich bereits als Autorin der Kultserie Breaking Bad für die Abgründe der menschlichen Seele zu begeistern schien.

Fazit

Aufgrund der Gewaltdarstellungen in den Rückblenden, den teils sehr düsteren Handlungsverläufen und den gesellschaftskritischen Inhalten von Anne with an E, ist die Frage nach einer Altersempfehlung schwer zu beantworten. Kinder ab 11 Jahren und interessierte Erwachsene sollten jedoch ihre Freude an dieser sehr gelungenen Serie finden und Fans dürfen sich schon jetzt auf die von CBC und Netflix für 2018 bestellte zweite Staffel freuen.

 

Titel: Anne with an E
Originaltitel: Anne
Romanvorlage: Anne auf Green Gables
Genre: Coming-Of-Age, Drama
Produktionsland: Kanada
Produktionsjahr: 2016
Dauer: 45 Minuten pro Episode (7 Episoden in der 1. Staffel)
Altersfreigabe (FSK): keine Angabe
Erscheinungsdatum (Deutschland): 12.05.2017 auf Netflix
Verleih: Northwood Entertainment, CBC
Produzenten: Moira Walley-Backett, Patricia Curmi, Miranda de Pencier, Debra Hayward, Susan Murdoch, Alison Owen
Drehbücher: Lucy Maud Montgomery, Antonio Ranieri, Moira Walley-Beckett
Musik: Amin Bhatia, Ari Posner
Hauptdarsteller: Amybeth McNulty (Anne Shirley), Geraldine James (Marilla Cuthbert), R.H. Thomson (Matthew Cuthbert), Lucas Jade Zumann (Gilbert Blythe), Dalila Bela (Diana Barry), Corinne Koslo (Rachel Lynde) und Aymeric Jett Montaz (Jerry Baynard)
Empfohlen ab zwölf Jahren

 

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