von Anna Zamolska

Die Mai 2018 erschienene Erzählung Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete entstand aus einer kurzen Episode, die ursprünglich als fünfseitiges Kasperlspiel im Nachlass Otfried Preußlers von seiner Tochter Susanne Preußler-Bitsch wiederentdeckt wurde und die zwischen den ersten beiden Bänden der Hotzenplotz-Trilogie zu verorten ist. Von John von Düffel für die Bühne adaptiert, feiert das Kinder- und Familienstück im Jungen Schauspiel des Düsseldorfer Schauspielhauses seit der Premiere am 11. November 2018 seine Uraufführung (vgl. Abb. 1) – und ist noch bis zum 21. April 2019 zu sehen.

Abbildung 1: Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete. Inszenierung: Düsseldorfer Schauspielhaus. Pressefoto: David Baltzer

Inhalt

Kurz nach seiner Gefangennahme kann der gefährlichste Räuber des ganzen Landkreises fliehen, denn Wachtmeister Dimpfelmoser (Pirmin Sedlmeir) hat dummerweise und zur großen Schmach von Hotzenplotz (Eduard Lind) vergessen, die Gefängnistür zu verriegeln. Auch Großmutter (Maria Perlick) und ihre beiden Jungen Kasperl (Natalie Hanslik) und Seppel (Bernhard Schmidt-Hackenberg) lesen davon in der Zeitung, gleich neben einer Notiz über die erhöhten Kaffeepreise (vgl. Abb. 4).

Kasperl ersinnt eine ähnliche List wie ehemals mit der Goldkiste: Er baut aus dem Gerümpel in Großmutters Schuppen mit Seppels verständnisloser Hilfe eine Papp-Mondrakete. Diese karren sie in den Wald und schon bald dringt dem auf der Lauer liegenden Räuber das Gezeter der beiden an die Ohren, wer von ihnen zuerst auf den Mond fliegen soll – und wer sich als Erster die Taschen vollstopfen darf, da der Mond ja bekannterweise aus Silber ist.

Hotzenplotz beschließt in seiner Gier, als Erster zu fliegen und wird (sicher im Raumanzug aus Sack und Strick verpackt, vgl. Abb. 3) von den beiden Jungen so unglücklich abgeschossen, dass er bei der Explosion sein Bewusstsein verliert. Während der Räuber in Ohnmacht liegt, bangen Kasperl und Seppel um sein Leben und werden sich darüber klar, dass eine Wirklichkeit ohne Hotzenplotz leer und sinnlos wäre.

Als der Räuber langsam seine Sinne wiederfindet, verkleiden sich die beiden Jungen in Windeseile und verwandeln die Waldlichtung kurzerhand in eine Mondlandschaft. Dem wiedererweckten Räuber gaukeln sie Mondmenschen und Schwerelosigkeit so überzeugend vor, dass sie nicht nur Hotzenplotz, sondern sogar sich selbst und die vorbeischauende Großmutter mit ihrer Phantasie anstecken (vgl. Abb. 2). Mitten im herrlichsten Spiel und schwerelosem Galopp zum Silberschatz findet Kasperl nur mit Mühe wieder in die Realität und sperrt den Räuber in dem als Silbermine getarnten Spritzenhaus aufs Neue ein.

Abb. 2: Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete. Inszenierung: Düsseldorfer Schauspielhaus. Pressefoto: David Baltzer

Kritik

Vor dem himmelblauen Vorhang mit zwei überdimensional groß abgebildeten Kopfbedeckungen (Seppel-Hut und Kasperlmütze) spazieren die Musiker in Waldtierkostümen über die Bühne und sind bis zum Schluss Teil des Bühnenbildes: Von ihrer Baumgruppe her begleiten sie das komplette Stück mit Musik, Geräuschen und Liedern. Damit wird auch der Tenor des gesamten Theaterstücks angesagt, denn der zirkusmäßige Tusch und Mickey Mousing tragen die Handlung und verdeutlichen die Charaktere der Schauspieler und deren Bewegungen.

Neben der pointiert eingesetzten Musik ist den Liedern eine tragende Rolle zuzusprechen. Sie vertuschen die etwas magere Handlung, offenbaren Emotionen und ziehen das Publikum immer wieder in den Bann, wie das Mond-Phantasiespiel die Agierenden in ihren Bann schlägt. Dieses kommt übrigens in der Erzählung nicht vor, sondern wurde von Dramaturg John von Düffel hinzuerfunden – mit großem Feingefühl für Preußlers Magie wird hier die Philosophie des Spiels und der Phantasie thematisiert, und dies gleich auf doppelter Ebene, der Ebene der Geschichte und der der Theaterbühne. Kasperl setzt sich einen hohen silberglänzenden Aluminiumhut auf, Seppel schleudert seinen so weit, dass er auf dem Mond (oder der Erde?) landet und ihn verdeckt, Scheinwerfer tauchen die Waldlandschaft in silbernes Licht, die Jungen reden ein wenig gedrungen und bewegen sich in Zeitlupe – schon glaubt man die Mondlandschaft und Schwerelosigkeit. Beeindruckende Momente, die das Theatererlebnis selbst thematisieren und die Geschichte in philosophische Sphären rücken. Hier wird die Düffelsche Bühnenadaption zum All-Age-Stück.

Abb. 3: Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete. Inszenierung: Düsseldorfer Schauspielhaus. Pressefoto: David Baltzer

Auch in der vorhergehenden Szene wird das Stück zu einem Gedankenspiel über die Figur des Räubers Hotzenplotz: Als Kasperl und Seppel befürchten, Hotzenplotz könnte tot sein, wird ihr wehmütiges Lied über ein Leben ohne den Räuber abermals zum übergreifenden Thema. Hier werden die Sympathien angesprochen, die Hotzenplotz bekannterweise bei der jungen Leserschaft weckt und die von Susanne Preußler-Bitsch wie folgt im Programmheft erklärt werden:

"Er ist ein Großmaul, das polternd durch die Welt läuft und sich eigene Regeln aufstellt. Das mag man. Und mit den sieben Messern und der Pfefferpistole ist er nicht wirklich bedrohlich. Da hatte mein Vater ein sicheres Gespür für komische Situationen und kindliche Anarchie. Und deshalb identifizieren sich Kinder sehr gern mit dem Räuber." (https://www.dhaus.de/programm/a-z/raeuber-hotzenplotz-und-die-mondrakete/interview-hotzenplotz/)

Zitiert wird indirekt ohnehin Einiges, das man aus dem Hotzenplotz-Kanon kennt: Das Bühnenbild erinnert in seiner Aufmachung an die geradlinig gestalteten F. J. Tripp-Zeichnungen der Bücher und die Kostüme erwecken gleichzeitig den Eindruck von zweidimensionalen, bilderbuchähnlichen Kinderzeichnungen, aber auch an die markant und einfach gestalteten Kostüme von Puppentheater-Adaptionen – die der Räuber Hotzenplotz ja auch ursprünglich ist: eine Kasperlgeschichte.

Mit ihrer Körpersprache ordnen sich die Schauspieler ebenfalls in die gezeichneten, puppenhaften Darstellungen der Figuren ein: So läuft Hotzenplotz stets in einer bestimmten räuberhaft-angedeuteten Haltung über die Bühne, Kasperl und Seppel fuchteln graphisch mit den Händen beim Nachdenken in der Luft herum, die Großmutter mahlt fortwährend in ihrer übergroßen Kaffeemühle. Ein durchgängiges Stilmittel ist das Zeitunglesen, bei dem jeder Schauspieler seine eigene Zeitung vor der Nase hält und auf deren Rückseite bis zur Taille abgebildet ist.

Natalie Hanslik als Kasperl ist eindeutig der Star des Stücks, sie glänzt selbst neben Eduard Lind, der mit seinem schmalen Körperbau und jungenhaften Stimme eher an den älteren Bruder der Kinder im Publikum denken lässt, als an den untersetzten, bärtigen und brüllenden Räuber der Tripp-Zeichnungen. Als Erwachsener wundert man sich außerdem vielleicht über das Liebesthema zwischen Großmutter und Wachtmeister Dimpfelmoser, dies sei jedoch den blutjungen Schauspielern des Jungen Schauspiels gezollt.

Fazit

Die Düsseldorfer Bühnen-Adaption vom Räuber Hotzenplotz und der Mondrakete ist dem Topos "Hotzenplotz" gewidmet und versteht es, auf phantasievolle und professionelle Weise diese heißgeliebte Figur der Kinderbuchliteratur lebendig werden zu lassen. Sie zeigt, dass der Räuber selbst nach 45 Jahren Publikationsgeschichte nicht gealtert ist. John von Düffel hat sich in seiner Theaterfassung auf das Wesentliche der Hotzenplotz-Geschichten konzentriert und versteht es, in mitreißenden Liedern und Bühneneffekten die Preußlersche Erzähl-Magie aufkommen zu lassen – das Ergebnis ist ein medienübergreifendes Thema, das sich der Aufgabe der Phantasie widmet.

Weitere Informationen zum Stück

Abbildung 4: Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete. Inszenierung: Düsseldorfer Schauspielhaus. Pressefoto: David Baltzer


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