von Natalia Wiedmann

Als ihr großer Bruder Davin und Nicodemus Ravens, der rechtmäßige Erbe der Burg von Dunark, den Soldaten Drakans in die Hände fallen und auf die Sagisburg verschleppt werden, ist die 15-jährige Dina ausgerechnet auf die Hilfe eines Schwarzmagiers angewiesen, der unvermittelt in ihr Leben tritt und sich als ihr Vater vorstellt. Die Adaption des dritten Bands von Lene Kaaberbøls Jugendbuchreihe über die junge "Beschämerin" Dina schöpft das Potential der Vorlage zwar nicht aus, wartet aber mit einem tollen Cast und einer atmosphärisch dichten Inszenierung auf.

Inhalt

Um die Macht in Dunark an sich zu reißen, hat der gewissenlose Drakan den Burgherrn Fürst Ebeneser, dessen zweite Frau sowie deren gemeinsamen Sohn ermordet und das infame Verbrechen dem anderen Fürstensohn in die Schuhe geschoben. Dina und ihre Mutter sollten die Schuld des 17-jährigen Nicodemus bestätigen und damit sein Todesurteil besiegeln, denn sie besitzen die Gabe, mit einem Blick in die Augen andere Menschen dazu zu bringen, sich der Taten zu erinnern, für die sie sich schämen. Doch die sogenannten "Beschämerinnen" durchschauten die Intrige und wurden dadurch selbst zu einer Bedrohung für Drakan; mit Müh und Not sowie der Hilfe neuer Verbündeter gelang es ihnen, Nicodemus zu befreien und aus der Burg Dunark zu fliehen.

Seitdem sind einige Jahre vergangen. Dinas Familie und Nico (Jakob Oftebro) haben im Hochland Zuflucht gefunden, wo mehrere Clans das Sagen haben und sich dem Einfluss Drakans widersetzen. Mit verschiedenen Listen versucht dieser, die Clans gegeneinander aufzuhetzen und dadurch zu schwächen, doch dank Dinas Mutter kann jeweils die Wahrheit ermittelt und der Frieden gewahrt werden. Als rechtmäßiger Nachfolger des Fürsten wäre Nico wahrscheinlich als einziger dazu imstande, Hoch- und Tiefland zu vereinen und den Kampf gegen Drakan anzuführen, doch Nico ist dazu nicht bereit und flüchtet sich lieber in die Trunkenheit.

Obgleich Drakan Dina und ihrer Mutter nach dem Leben trachtet, ist es nicht seine Stimme, die Dina (ebenso natürlich und überzeugend wie schon im ersten Teil: Rebecca Emilie Sattrup) in einem wiederkehrenden Alptraum vernimmt, der sie nachts hochschrecken lässt. Bei einem großen Markt begegnet sie schließlich dem Mann, zu dem die Stimme gehört: Es ist ihr Vater Sezuan (Dejan Cukic), von dem die 15-Jährige bislang nichts wusste und dem sie nie zuvor begegnet ist. Ihre Mutter warnt sie eindringlich vor Sezuan und seinen Fähigkeiten als "Schwarzer Meister" und lässt Dina schwören, nie seine Art der Magie anzuwenden. Da jedoch Nico und Dinas älterer Bruder Davin (Allan Hyde) nach einem Zwischenfall auf dem Markt von Drakans Soldaten gefangengenommen und zur als besonders schwer einnehmbar geltenden Sagisburg verschleppt werden, sieht Dina in der Inanspruchnahme von Sezuans Hilfe die einzige Möglichkeit, die beiden zu befreien. Heimlich macht sie sich mit ihm auf den Weg zur Burg, nicht ahnend, dass Drakans Mutter (Stina Ekblad) – die als Strippenzieherin im Hintergrund die Intrige gegen das Fürstenhaus geplant hat – den mörderischen Soldaten Sarkan (leider fehlbesetzt oder aufgrund der eindimensionalen Rolle unterfordert: Nicolas Bro) auf Dina und ihre Mutter angesetzt hat.


Drakans Mutter, Dama Lizea, hält die Fäden in der Hand
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Kritik

Mit der Figur der Beschämerin hat die dänische Kinder- und Jugendbuchautorin Lene Kaaberbøl dem Motiv der Hexe eine interessante Variation hinzugefügt. Nur zu gut lässt sich nachvollziehen, dass die Beschämerinnen in Kaaberbøls Fantasy-Tetralogie (Skammerens datter, 2000; Skammertegnet, 2001; Slangens gave, 2001; Skammerkrigen, 2003) sehr geachtet, zugleich jedoch gefürchtet und gemieden, bisweilen sogar verteufelt werden. Kaum jemand wagt es freiwillig, ihnen in die Augen zu sehen, denn wer möchte schon den Blick auf die eigene Scham richten, wer möchte schon an all die eigenen Unzulänglichkeiten erinnert werden, an die Augenblicke kleinerer und größerer moralischer Verfehlungen? Dinas Geschichte erzählt davon, wie schmerzhaft Scham ist – und wie wichtig. Der zentrale Antagonist der Serie ist – auch wenn der Begriff selbst nicht vorkommt, im sprachlichen Kontext der mittelalterlichen Welt auch völlig aus dem Rahmen fallen würde – ein Psychopath, dem die Ermordung mehrerer Menschen keinerlei Gewissensbisse bereitet. Über die vier Bücher hinweg tritt Schamgefühl in verschiedenen Facetten auf: Mal ist es unbegründet und Dina nutzt ihre Gabe, um ihrem Gegenüber das Schamgefühl zu nehmen, mal soll es  davor bewahren, einem anderen Menschen Schaden zuzufügen, oder es treibt Figuren zu positiven Veränderungen an, wird also in seiner positiven sozialen Funktion vorgeführt. Im Einklang mit der zentralen Figur nehmen Darstellungen äußerer Kampfhandlungen einen erzählerisch eher kleinen Raum ein; bedeutender ist die Porträtierung ambivalenter Figurenbeziehungen und innerer Konflikte. Verhandelt werden Selbstzweifel und widerstreitende Gefühle, moralische Zwickmühlen und Fragen nach der Zugehörigkeit, Rollenerwartungen, Perspektivwechsel; auch die Indoktrination von Kindern spielt eine wichtige Rolle. Erzählt wird im ersten Buch aus der Ich-Perspektive Dinas, ab dem zweiten Band tritt die Sicht ihres älteren Bruders Davin hinzu.

Rebecca Emilie Sattrup überzeugt erneut in der Rolle der jungen Beschämerin Dina
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Will man die potentiell distanzierende Nutzung einer Voice Over nicht überstrapazieren, so ist die Darstellung diverser innerer Prozesse im Film natürlich ungleich schwieriger. Dementsprechend nahm bereits die Verfilmung des ersten Bands Die Hüterin der Wahrheit – Dinas Bestimmung (R.: Kenneth Kainz 2015) eine leichte Fokusverschiebung von inneren auf äußere Auseinandersetzungen vor und reduzierte die Komplexität der Figuren und ihrer Beziehungen etwas. Im Kern blieben die Charakterisierungen aber der Vorlage treu, zudem überzeugte die Adaption durch die atmosphärisch dichte Inszenierung, durch Ausstattungsreichtum, tolle Schauplätze und die hervorragende Besetzung. Die Fortsetzung unter der Regie von Ask Hasselbalch (Antboy-Trilogie) weist dieselben Qualitäten auf, setzt jedoch leider auch die Neugewichtung zuungunsten der Figurenzeichnung fort, wodurch zentrale Stärken der Vorlage verspielt werden. Die Ereignisse des zweiten Bands finden in der filmischen Erzählung nicht statt; Die Hüterin der Wahrheit 2 orientiert sich recht lose an Band 3, nimmt aber deutliche Veränderungen in der Figurenzeichnung vor, transportiert andere Botschaften und ersetzt Ambivalenzen durch geradlinige Entwicklungen und Handlungsverläufe: In der Gefangenschaft wird Nico mit seinen Schuldgefühlen konfrontiert, gelangt zu einer inneren Aussöhnung und nimmt die Rolle als Anführer an, während Dina parallel dazu während der Reise zur Sagisburg das Erbe ihres Vaters annimmt und dadurch neue Fähigkeiten erwirbt.

Verglichen mit der differenzierten Gefühlswelt der Bücher ist diese Reduktion etwas enttäuschend; wer die Vorlagen jedoch nicht kennt (bislang ist nur der erste Band der Beschämerinnen-Reihe in deutscher Übersetzung erschienen) oder grundsätzlich darauf bedacht ist, Adaptionen unabhängig von ihrem Ausgangsmaterial zu betrachten, der findet in Die Hüterin der Wahrheit 2 einen in sich stimmigen Fantasyfilm für jüngere Jugendliche, der mit dem Vater-Tochter-Konflikt und Nicos Hadern mit den Erwartungen an ihn anschlussfähige Themen bearbeitet.

Besonders gelungen und berührend sind die Szenen zwischen Dina und ihrem Vater: Von Beginn an stellt sich das Gefühl ein, dass Dina nicht nur aus der Not heraus die Hilfe Sezuans annimmt, sondern auch aus der Neugierde auf den fremden Vater. Aus dem Trotz und der Abwehrhaltung gegenüber seinen Versuchen, ihr etwas über seine Fähigkeiten beizubringen, spricht einerseits der Loyalitätskonflikt in den Dina gerät, vielleicht aber auch ein Teil Wut gegenüber dem so lange abwesenden Elternteil. Mit der Erklärung, nichts sei nur böse oder gut, versucht Sezuan Dina davon zu überzeugen, auszuprobieren, ob sie die "Gabe der Schlangen" besitzt. Doch erst als er sich ihr gegenüber öffnet und Dina versteht, warum ihre Mutter Sezuan hasst, und gleichzeitig erkennt, dass dieser ihre Mutter aufrichtig geliebt hat, ist sie zu diesem Schritt bereit und kann annehmen, dass sie Anteile ihres Vaters in sich trägt, verschiedene Gaben in sich vereint.

Dina ist noch unentschieden, was von der Magie ihres Vaters zu halten ist
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Für die Annäherung der wunderbar gespielten Figuren lässt sich der Film viel Zeit: Bevor die Emotionalität der gemeinsamen Szenen zunimmt, haben diese zunächst noch einen humoristischen Tonfall, verleihen der Gesamterzählung damit eine gewisse Leichtigkeit und bilden durch ihre Stimmung und das Setting einen Kontrapunkt zu den Szenen in der Sagisburg, wo Nico schließlich in der "Höhle der Flüsterer" seinen inneren Dämonen gegenübertreten muss und Stina Ekblad der Mutter Drakans eine exquisite Kaltblütigkeit verleiht, beherrscht und strategisch. Visuelle Effekte werden angenehm zurückhaltend eingesetzt; herausstechend ist hier die Animation eines furchteinflößenden Seemonsters, ansonsten setzt der Film auf analoge Schauwerte, fängt die Schönheit und Erhabenheit des Waldes ein und setzt die Räumlichkeiten der Burg ins rechte Licht. Jeppe Kaas’ Kompositionen stützen die Balance unterschiedlicher Stimmungen: Ein leises, melancholisch anmutendes Klaviermotiv begleitet die Annäherung von Dina und Sezuan, in anderen Szenen ist die Filmmusik orchestral und gerade so dramatisch, wie man sich das für eine Erzählung mit fantastischem Einschlag wünscht.

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Wünsche offen lässt hingegen die Ausstattung der DVD: Zwar ist eine dänische Tonspur vorhanden, leider gibt es aber keinerlei Untertitel, von Bonusmaterial ganz zu schweigen. Da der Film zielgruppenmäßig aber eine schwierige Position einnimmt – für jüngere Kinder ist er zu düster und hat daher zu Recht keine Freigabe ab 6 Jahren erhalten, in der Zielgruppe der ab 12-Jährigen ist er wiederum dem Vergleich (und der Konkurrenz) mit deutlich höher budgetierten, opulenteren Fantasyfilmen ausgesetzt –, darf man sich wohl darüber glücklich schätzen, dass die Fortsetzung hierzulande einen Filmvertrieb gefunden hat und wir Dinas Geschichte weiterverfolgen dürfen.

Fazit

Dinas faszinierende Fähigkeit als Beschämerin kommt in Die Hüterin der Wahrheit 2 zwar selten zum Einsatz, dennoch liefert Regisseur Ask Hasselbalch eine in sich stimmige Fortsetzung der Fantasyerzählung, in der insbesondere Nicos Hadern mit Rollenerwartungen und Dinas skeptische Annäherung an einen fremden Elternteil lebensnahe, für Jugendliche anschlussfähige Themen bilden.

 

Wir verlosen diesen Film: Schreiben Sie uns zur Teilnahme an der Verlosung einfach eine E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! mit dem Titel des Films, Ihrem Namen und Ihrer Adresse an dem Tag, an dem wir das Buch vorstellen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Natalia Wiedmann und die Redaktion wünschen Ihnen viel Glück und drücken alle Daumen!

 

Titel: Die Hüterin der Wahrheit 2: Dina und die schwarze Magie
Originaltitel: Skammerens datter II: Slangens gave
Genre: Fantasy
Produktionsland: Dänemark, Tschechien, Norwegen, Belgien
Produktionsjahr: 2019
Dauer: 103 Minuten
Altersfreigabe: Ab 12 Jahren
Erscheinungsdatum (Deutschland): 29.03.2019
Verleih: Polyband Medien GmbH
Regie: Ask Hasselbalch
Drehbuch: Gunnar Järvstad, Philip LaZebnik, Astrid Øye, Søren Frellesen, Dan Hoffmann
Buchvorlage:  Lene Kaaberbøl
Musik: Jeppe Kaas
Cast: Rebecca Emilie Sattrup (Dina), Dejan Cukic (Sezuan), Jakob Oftebro (Nicodemus), Allan Hyde (Davin), Stina Ekblad (Drakans Mutter), Nicolas Bro (Sarkan) u.a.
Kamera: Niels Reedtz Johansen
Schnitt: Lars Wissing
Produktion: Eva Juel Hammerich, Nina Lyng
Empfohlen ab zwölf Jahren

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Erstveröffentlichung: 24.12.2019


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