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rezensiert von Sandra Steffens

Varieté-Theater Essen: BASE Berlin & GOP showconcept, Aufführung am 21.02.2020

Im Varieté-Theater Essen wurde die Neuinszenierung von Antoine de Saint-Exupérys Werk Der Kleine Prinz aufgeführt. BASE Berlin und das GOP showconcept arbeiten für diese Neuinszenierung, die noch durch verschiedene Städte reisen wird, mit der Stiftung Humor hilft Heilen zusammen. Unter diesem Gesichtspunkt wird deutlich, wieso die Geschichte in ein heutiges Krankenhaus transportiert wurde. Durch den Einsatz von Livekunst, Akrobatik und Musik wird die Geschichte vom kleinen Prinzen zur Varieté-Vorstellung, ohne dabei ihren ursprünglichen Charme zu verlieren.

Pressefoto GOP Variete
Pressefoto GOP Variete

Inhalt

Das Varieté-Theater Der kleine Prinz auf Station 7 handelt von Moritz (Tim Kriegler), welcher auf besagter Station im Krankenhaus behandelt wird. Moritz ist großer Fan des Buches Der Kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry und spielt mit seinen Freunden Szenen aus der Geschichte nach. Seine Freundin Greta (Guilia Reboldi) verkörpert dabei die Rose. Auf der Reise durch die verschiedenen Planeten fungiert der Arzt (Maik Dehnelt) als musikalischer Erzähler. Außerdem gibt es die beiden Klinikclowns Rafael und Sven, auf die sich Moritz verlassen kann (JARNOTH, Denis Klopov). Im Hintergrund wird der Inhalt durch die Live-Zeichnung von Ernesto Lucas H O unterstützt, welche technisch von seinem Zeichentisch auf die Bühnenleinwand übertragen werden.

Erzählt werden zwei Zeitstränge abwechselnd. Es gibt immer kurze Szenen aus dem Krankenhaus, also der aktuellen Zeit. Diese stellen die Rahmenhandlung des Stücks dar. Innerhalb der Binnenhandlung besucht der kleine Prinz in Rückblenden die verschiedenen Planeten.

Insgesamt wird die Erzählung des kleinen Prinzen beibehalten; die Dialoge orientieren sich auch an Saint-Exupérys Prätext. Eingeführt wird die Geschichte mit der Rose des kleinen Prinzen auf dem Asteroid B 612. Danach werden alle sechs Planeten besucht, jedoch in einer veränderten Reihenfolge als bei Saint-Exupéry. Zuerst wird der Planet des Geschäftsmanns (Nathalie Wecker) besucht, auf welchem eine Rechenhilfe zur Equilibristik genutzt wird. Der kleine Prinz wird bei diesen Besuchen der Planeten mithilfe einer kleinen weißen Puppe vom Puppenspieler JARNOTH gespielt. Auf dem Planeten des Königs steht die Ratte (Ihor Yakymenko) mit einer Breakdance-Performance im Fokus. Diese wird im Original jedoch nur kurz erwähnt, als einziger Bewohner des Planeten des Königs. Auf dem dritten Planeten, dem Planeten des Säufers wird der Kreislauf der Alkoholabhängigkeit sehr eindrucksvoll durch Toke Reimanns Cyr Wheel-Performance präsentiert. Der Geograf (Aniko Serfözö) wird mit der Akrobatik des Seiltanzes verknüpft und im Hintergrund zeichnet Ernesto Lucas H O wunderschöne Landschaften. Nach der Pause geht es weiter mit einem kleinen Märchen über einen Prinzen, der einen anderen Prinzen zum Wachküssen sucht. Erst danach kommt der kleine Prinz zum fünften Planeten und trifft dort den Laternenanzünder (Ihor Yakymenko), der die Laterne für seine Chinese Pole-Kunststücke nutzt und nebenbei noch Saxophon spielt. Bevor der Prinz auf die Erde kommt, besucht er noch den Planeten des Eitlen (Niklas Bothe) und kann dessen Hula-Hoop-Show bewundern. Dazu läuft ein Lied mit den Zeilen "Alles dreht sich um mich". Auf der Erde begegnet der kleine Prinz dann dem Fuchs; dieser ist ebenfalls eine Puppe und wird von JARNOTH gespielt. Bei der Begegnung mit dem Fuchs erfährt der Prinz etwas darüber, was es bedeutet, jemanden zu zähmen und sich vertraut zu machen. Als der kleine Prinz dann in den Rosengarten kommt, beschließt er, dass er zu seiner Rose zurückkehren möchte, auch wenn er dafür sterben muss.

Die Krankenhausszenen sind teilweise inhaltlich verknüpft mit der Geschichte des kleinen Prinzen. Der Krankenhausclown (Denis Klopov) fertigt Luftballontiere an oder Greta (Guilia Reboldi) zieht einen Luftballon durch Nase und Mund. Es kommt zu einem Westernduell zwischen den Klinikclowns oder zu einer Spinning Balls-Einlage. Es gibt auch musikalische Beiträge, wie das mit dem Publikum interaktive Glockenläuten oder die Glasharfe (Denis Klopov). Passend zum Krankenhausthema werden Rollstuhl Choreografien gezeigt. In der letzten Szene im Krankenhaus stirbt Moritz, dabei weicht der Clown (Denis Klopov) nicht von seiner Seite. Mit einer letzten Performance von Tim Kriegler an den Strapaten endet das Stück. Es entsteht der Eindruck, dass Moritz sich im Himmel befindet.

Pressefoto GOP VarietePressefoto GOP Variete

Kritik

Es ist sehr deutlich zu erkennen, dass Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry aus dem Jahr 1943 als Vorlage für das Varieté-Theater dient. Die Grundstruktur der Geschichte des kleinen Prinzen wurde beibehalten. Bei Saint-Exupéry besteht die Rahmenhandlung der Erzählung aus Informationen über den Erzähler, beispielsweise seiner Zeichenerfahrungen in der Kindheit. Im Theater tritt an diese Stelle ein Paratext in Form eines Videos von Dr. Eckart von Hirschhausen, der auf die Stiftung Humor Hilft Heilen aufmerksam macht. Danach leitet der Arzt (Maik Dehnelt) als Erzähler in die Geschichte von Moritz (Tim Kriegler) ein. Bei Saint-Exupéry begegnen sich der kleine Prinz und der Pilot in der Wüste und werden für eine gewisse Zeit im Leben des Piloten Freunde. Ebenso geschieht es mit Moritz und dem Klinikclown im Krankenhaus. Die Interpretation, dass der Klinikclown den Piloten darstellt, wird bei der Szene mit den Luftballontieren sehr deutlich. In einer kreativen Umwandlung bittet Moritz den Clown, ihm ein Schaf zu machen. Ebenso wie im Original sieht dieses zunächst jedoch nicht so aus, wie Moritz sich das wünscht.

Durch den Einsatz von vielfältigen Zitaten, darunter auch: "Man sieht nur mit dem Herzen gut." werden die Gedanken von Saint-Exupéry ins Varieté-Theater übertragen. Auch die Charaktere aus dem Buch werden in ihren Grundeigenschaften übernommen.

Ob die Zwischensequenzen von dem Märchen über den küssenden Prinzen unbedingt notwendig wären, erschließt sich mir nicht. Sie haben auf den ersten Blick keinen Mehrwert für die Neuinterpretation des kleinen Prinzen. Da jedoch Homosexualität positiv zum Thema gebracht wird, kommen hier aktuelle Gesellschaftsentwicklungen zum Vorschein.

Besonders gelungen ist die akrobatische Umsetzung. Diese passt teilweise hervorragend zum Charakter der verschiedenen Bewohner der sechs Planeten. Beispielsweise befindet sich der Säufer in einem Teufelskreislauf und Toke Reimann zeigt sein Talent am Cyr Wheel. Durch die Akrobatik im und um den "Ring" wird die Gefangenheit durch die Alkoholsucht repräsentiert. Insgesamt befinden sich alle akrobatischen Leistungen auf einem sehr hohen Niveau und sind mit Erstaunen zu bewundern.

Pressefoto GOP Variete

Fazit

Insgesamt würde ich einen Besuch im Varieté-Theater Der kleiner Prinz auf Station 7 weiterempfehlen. Besonders ansprechend ist die Vorstellung für alle Liebhaber von Saint-Exupérys Werk oder Fans von musikalischen und akrobatischen Darstellungen.

Auch für Kinder ist das Stück geeignet, da auch ohne Vorkenntnisse die Showeinlagen beeindruckend sind. Bezüglich eines konkreten Alters muss individuell abgeschätzt werden, wie die Kinder mit dem Thema Tod umgehen und wie lange ihre Aufmerksamkeit anhält. Schätzungsweise können bereits Kinder ab acht Jahren Freude bei dieser Aufführung erleben. Während der Vorführung gibt es viel zu entdecken, da durch Tanz, Akrobatik, Kunst und Musik die Geschichte des kleinen Prinzen untermalt wird.

Abschließend sollte erneut auf die Zusammenarbeit mit Humor hilft Heilen aufmerksam gemacht werden. In der Show präsentieren die Klinikclowns das Konzept: Sie begleiten Moritz und die anderen jungen Patienten während ihrer Zeit im Krankenhaus und zaubern ihnen oft ein Lachen ins Gesicht. Ebenso wie die Show steht auch die Stiftung dafür, dass "Lachen die beste Medizin ist". Und lachen wird wohl jeder Besucher von Der kleine Prinz auf Station 7 an der ein oder anderen Stelle.

Vorbehaltlich der weiteren Entwicklungen in der Corona-Krise wird Der kleine Prinz auf Station 7 vom 30. August bis zum 3. November 2020 im Varieté-Theater in Münster aufgeführt (https://www.variete.de/muenster); vom 29. Oktober 2020 bis 3. Januar 2021 soll es im GOP Bremen aufgeführt werden.

 

Titel: Der kleine Prinz auf Station 7
Buch: Markus Pabst
Musik: Jack Woodhead, Lukas Thielecke
Regie: Pierre Caesar & Markus Pabst
Choreographie: Alessandro Di Sazio
Bühnenbild, Kostüme: Monica Danielsson Bichsel
Lichtdesign: Pierre Caesar
Ensemble: Guilia Reboldi (Luftakrobatik, Comedy), Tim Kriegler (Strapaten), Aniko Serfözö (Seiltanz), Ihor Yakymenko (Chinese Pole, Breakdance), Nathalie Wecker (Equilibristik, Partnerakrobatik), Ernesto Lucas H O (Diabolo, Zeichenkunst), Niklas Bothe (Vertikaltuch, Hula Hoop), Toke Reimann (Cyr Wheel, Partnerakrobatik), JARNOTH (Puppenspieler, Puppenregie), Maik Dehnelt (Gesang), Denis Klopov (Spinning Balls, Glasharfe, Clown)
Dauer: ca. 2 Stunden inkl. Pause
Altersempfehlung: ab 8 Jahren
Produktionsjahr: 2020
Produktion: BASE Berlin und GOP showconcept

 

 

Erstveröffentlichung: 04.06.2020