von Dr. Andreas Wicke

"So erlebt man, wie sich ein Bilderbuch in ein absolut neues, eigenständiges hörspielartiges Kunstwerk verwandelt!", heißt es in der Jurybegründung zur Nominierung für den Kinderhörbuchpreis BEO 2016. Die Rede ist von Torben Kuhlmanns Bilderbuch Lindbergh – Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus, das 2015 unter der Regie von Marlene Breuer und mit Bastian Pastewka als Sprecher in allen Rollen als Hörspiel vom Hessischen Rundfunk produziert wurde.

Inhalt

Die Handlung orientiert sich eng an Kuhlmanns Bilderbuch, das die Geschichte jener Maus erzählt, die nach Amerika fliegen will, weil es in Hamburg zu viele Mausefallen, Katzen und sonstige Gefahren gibt und weil von ihrer Familie plötzlich niemand mehr dort ist. Mit großer Energie macht sie sich daran, eine Flugmaschine zu konstruieren, mit der es ihr schließlich gelingt, den Atlantik zu überqueren. Von diesem Erfolg hört auch ein kleiner Junge namens Charles Lindbergh, dass dessen Nonstopflug von New York nach Paris 1927 allerdings von einer fliegenden Maus inspiriert war, erfährt man in den Geschichtsbüchern nicht.

Kritik

Zunächst wird man bei einem Kinderhörspiel, das auf einem Bilderbuch basiert, fragen, wo die Bilder bleiben, die Kuhlmanns Werken – neben Lindbergh (2014) sind es bislang Maulwurfstadt (2015) und Armstrong (2016) – ihre Prägung geben. Zum einen verleihen die hörspielspezifischen Mittel Geräusch und Musik der Produktion ihre Lebendigkeit und prägen die Atmosphäre im Künstleratelier, im Hafenviertel oder im Flugzeug. Und wenn die Musik, teilweise von Kuhlmann selbst komponiert bzw. arrangiert, bisweilen an Gustav Holsts "Planeten" erinnert, so zeigt das umso mehr, wie weit Amerika aus Sicht einer Hamburger Maus entfernt ist. Andererseits ist es aber Bastian Pastewka, der alle Rollen dieser Produktion übernimmt und nicht nur der titelgebenden Maus, sondern jeder noch so kleinen Nebenrolle ein ganz individuelles Gepräge gibt. Der knarzige Zeichner wirkt dabei deutlich älter als der heller gesprochene Erzähler; Charly selbst, mit juchzender Kopfresonanz und ruheloser Quirligkeit, ist eine Paraderolle für Bastian Pastewka, der darüber hinaus auch schreiende Frauen, miauende Katzen und Plattdeutsch im Programm hat.

Zu der stimmlichen und akustischen Gestaltung kommt ein narratologischer Kniff, der die Bilder, die dem elektroakustischen Medium nicht zur Verfügung stehen, gleichwohl auf der inneren Bühne erscheinen lässt. Während im Bilderbuch die Geschichte von einem nullfokalisierten Erzähler präsentiert wird, treten im Hörspiel sowohl der Erzähler als auch der Maler als Figuren auf, die sich zunächst über die Entwicklung der Handlung und die Gestaltung der Illustrationen verständigen. Während der anfänglichen Unterhaltung zwischen den beiden hört man deutlich, wie gerade gezeichnet und schraffiert wird. Werden die Ideen des Malers mit musikalischen Klängen unterlegt, die die noch zu schaffende Welt der kleinen Maus mit silbrigen Klangfarben visionieren, so bricht die Musik anfangs abrupt ab, wenn der Erzähler spricht und eine ganz andere Welt zu eröffnen versucht. Erst nach und nach verschmelzen die einzelnen Ideen, Bilder, Klänge und Worte zu einer homogenen Geschichte. Noch einen weiteren Vorteil haben die Figuren des Erzählers und des Zeichners, diese können sich nämlich über die Illustrationen unterhalten und so die Bilder über Sprache transportieren:

Eine Maus hat kleine, schwarze, kluge Augen. Mmh! Unsere sitzt auf einem großen, aufgeschlagenen Buch, auf dem eine alte Nickelbrille liegt. So. Ja, und durch die Gläser der Brille kann die Maus auch besser sehen. So. Unsere Maus betrachtet neugierig die aufgeschlagene Seite. Daneben male ich zwischen all die Bücher noch eine vergilbte Postkarte und auf ihr ist die Freiheitsstatue zu sehen. (Kuhlmann 2015, II/00:56)

Auf diesen Schöpfungsakt hin fängt Charly, der gerade erst gezeichnet wurde, an zu sprechen und orientiert sich langsam in seiner neuen Umgebung. Schließlich greift die Maus selbst in die Erzählung ein: "Bitte, Zeichner, mal noch mehr Bücher um mich herum" (ebd., II/02:18). Wenn Charly dann in den Hamburger Michel will, skizziert der Illustrator schnell den Kirchturm. Und auch bei der Herstellung des Flugzeuges arbeiten die intradiegetische Maus und der extradiegetische Zeichner Hand in Hand: "So, jetzt brauchst du nur noch ein Ruder, und vorne unter die Flügelkonstruktion zeichne ich dir eine kleine Rampe, damit du leichter starten kannst", sagt der Illustrator und Charly erwidert: "Oh, das ist nett von dir" (ebd. V/02:51). Als Charly schließlich in Amerika angekommen ist, streiten Zeichner und Erzähler sogar, wer nun die Hoheit über die Geschichte hat: "Aber der Erzähler bin immer noch ich!" (ebd. XIV/01:59). Durch solche metaleptischen Brüche wird nicht nur die Konstruktion der Flugapparate unterstützt, sondern vor allem die ausgesprochen raffinierte Konstruktion des Hörspiels hervorgehoben, denn fiktionale Welten bestehen eben nicht aus Menschen und Orten, sondern werden aus Strichen und Bildern, aus Wörtern und Stimmen, aus Klängen und Bildern geschaffen.

Apropos Hörspiel, Lindbergh wird auf dem Cover des Hörverlags als 'inszenierte Lesung' rubriziert, in der oben zitierten Jurybegründung ist von einem 'hörspielartigen Kunstwerk' die Rede – vermutlich um die hybride Form zu betonen, die den für Hörbücher typischen einzelnen Sprecher und die darüber hinausgehenden Gestaltungsmittel des Hörspiels miteinander verbindet. Allerdings hat die Produktion an keiner Stelle reinen Lesungscharakter, im Gegenteil würde man vermutlich über weite Strecken gar nicht glauben, dass es nur einen Sprecher gibt. Da die einzelnen Partien getrennt aufgenommen und anschließend abgemischt wurden, kommt es darüber hinaus zu Überlagerungen der verschiedenen Stimmen und Erzählebenen. Berücksichtigt man weiterhin die Bedeutung von Geräusch, Musik und Studiotechnik, kann hier mit Fug und Recht von einem echten Hörspiel gesprochen werden.

Fazit

Lindbergh stand bereits am Anfang der Geschichte des Kinderhörspiels, Bertolt Brechts Der Flug der Lindberghs (Berliner Funkstunde 1929) trägt den Untertitel "Radiolehrstück für Knaben und Mädchen". Bezieht sich dort ein Pionier des Hörspiels auf einen Pionier der Fliegerei, so kann auch das Hörspiel nach Torben Kuhlmanns Bilderbuch als Pionierleistung bezeichnet werden. Carsten Matthäus bringt in der Süddeutschen Zeitung seine Begeisterung darüber zum Ausdruck, dass er als vorlesender Vater mit Lindbergh endlich ein Bilderbuch gefunden habe, das "[n]icht von einer kitschigen Süßmaus mit Kulleraugen" und sonstigem "Hab-dich-nicht-mehr-lieb-Quatsch" handelt. Ganz in diesem Sinne kann man auch dem Hörspiel jede Menge Qualitäten attestieren, die es nicht nur für den geneigten Hörer ab 5 Jahren – so die Altersempfehlung des Verlags, die vielleicht um ein oder zwei Jahre nach oben korrigiert werden sollte – interessant machen: Da sind zunächst die Anspielungen auf die Pioniere der Fliegerei wie Lindbergh und Lilienthal, auf Tüftler und Erfinder wie Leonardo da Vinci und mythologische Abstürze wie der des Ikarus, aber vor allem das komplexe Spiel mit Erzählebenen und erzähllogischen Brüchen bereitet auch einem erwachsenen Hörer respektive Rezensenten großes Vergnügen. Nachdem Kuhlmann 2015 den Deutschen Jugendliteraturpreis für Lindbergh bekam, hat die Hörspiel-Adaption den BEO 2016 unbedingt verdient.

Literatur

Titel: Lindbergh – Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus
Autor: Torben Kuhlmann
Bearbeitung: Gudrun Hartmann
Genre: Abenteuer
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2015
Dauer: 43 Minuten
Altersfreigabe: Ab 7 Jahren
Sprecher: Bastian Pastewka in allen Rollen
Regisseurin: Marlene Breuer
Produktion: hr

 


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