von Lisa-Maria Schelberg

Ein mutiges Kind, ein Drache, eine Königin und ein wunderschöner Garten – für Alice sind das die wichtigsten Zutaten für eine gelungene Geschichte. Kurze Zeit später wird sie selbst zum Mittelpunkt dieses Abenteuers und findet sich wieder in einem Land voller abstruser und verrückter Ereignisse, die in Henrik Albrechts 2010 erschienenem Kinderhörspiel Alice im Wunderland lebendig werden: Riesige Tränen verwandeln sich in reißende Klangwellen, Märzhase und Hutmacher feiern ein Nicht-Geburtstagsständchen und die herrische Herzkönigin droht, allen den Kopf abzuschlagen. Doch das akustische Wunderland wird nicht nur über Sprache lebendig, Henrik Albrecht ist Komponist und hat ein Orchesterhörspiel geschaffen, in dem das Wunderbare vor allem über die Musik erzeugt wird.

Inhalt

Auch in Henrik Albrechts Adaption beginnt die Geschichte an einem heißen Sommertag: Alice, ein achtjähriges Mädchen, döst neben ihrer Schwester ein, als sie plötzlich sieht, wie ein weißes Kaninchen mit Weste und Taschenuhr an ihr vorbeieilt. Neugierig folgt sie dem Kaninchen in seinen Bau, stürzt geradewegs abwärts und landet in einem Raum voller Türen. Alice kann mit einem gefundenen Schlüssel eine dieser Türen öffnen, passt aber auf Grund ihrer Größe nicht hindurch. Mithilfe eines Verkleinerungstranks schrumpft Alice und gelangt so durch die Tür ins wahrhaftige Wunderland. Dort trifft sie auf viele phantastische Wesen wie die Grinsekatze oder den Märzhasen. Sie findet sich in einem Land voller Trubel, Absurditäten, Widersprüche und Sprachspiele wieder. Das Leben im Wunderland wird bestimmt durch Nonsens, und die Regeln, die Alice bislang kannte, gelten hier nicht. Sie verändert durch Essen und Trinken ständig ihre Größe und auch Zeit und Raum haben ihre Gültigkeit verloren. Schließlich gipfelt ihre Reise in einer grotesk-majestätischen Gerichtsverhandlung – als Alice plötzlich in den Armen ihrer Schwester wieder erwacht.

 

Eine Hörprobe können Sie abrufen, wenn Sie auf das Cover klicken.

Kritik

Seit der Veröffentlichung von Alice im Wunderland 1865 hat Lewis Carrolls Werk nichts von seinem Klassiker-Status eingebüßt. Vor allem die sehr einprägsamen und schillernden Figuren, der Wechsel von Traum und Wirklichkeit sowie die komisch-nonsenshaften Elemente sind verantwortlich für die herausragende und faszinierende Stellung dieses Romans, der neben Vertreterinnen und Vertretern aus Kunst und Musik auch Wissenschaftlern aus Mathematik und Psychologie als Inspiration dient. Die Popularität von Alice im Wunderland ist darüber hinaus eng mit den zahlreichen medialen Adaptionen verbunden. Die Filme – von Disney (1951) bis Tim Burton (2010) – sowie zahlreiche Hörbücher und Hörspiele – bereits 1958 hat Marcel Wall-Ophüls ein erstes deutschsprachiges Alice-Hörspiel geschaffen – tragen mit dazu bei, dass die Bekanntheit und der Erfolg von Carrolls Werk bis heute ungebrochen sind.

In Henrik Albrechts Adaption wird die Geschichte von Alice medienspezifisch bearbeitet und präsentiert sich so als facettenreiches Hörspiel im Spannungsfeld textlichen und musikalischen Erzählens, umgesetzt von dem gewaltigen Klangkörper der NDR-Radiophilharmonie sowie Laura Maire als Alice, Stefan Kaminski als Sprecher aller Figuren im Wunderland und Ulrich Noethen als Erzähler.

Die Form des Orchesterhörspiels – eine Kunstform, die Albrecht selbst entwickelt hat – scheint sich besonders gut dafür zu eignen, Klassiker der Kinder-Literatur zu vertonen, was der Komponist bereits eindrucksvoll mit Pinocchio (SWR 2004), Das Gespenst von Canterville (SWR 2006), Krieg der Knöpfe (SWR 2007), Peter Pan (NDR 2008), A Christmas Carol. Eine Weihnachtsgeschichte (NDR 2012), 20.000 Meilen unter dem Meer (SWR 2013), Das kalte Herz (NDR 2015) sowie der kürzlich erschienenen Adaption von Mark Twains Der Prinz und der Bettelknabe (NDR 2016) bewiesen hat.

Musik kann insgesamt als zentrales Gestaltungsmittel eines Hörspiels beschrieben werden und kommt in fast jedem Hörspiel vor. Dass sie in Albrechts Orchesterhörspielen eine ganz besondere Bedeutung hat und – fast wie in Richard Wagners Idee des Gesamtkunstwerks – Text und Musik gleichberechtigt miteinander verzahnt werden, kann ein Blick in die Partitur von Alice im Wunderland zeigen.

So lässt sich das Wechselspiel zwischen textlichem und musikalischem Erzählen gleich zu Beginn des Hörspiels vernehmen, als Alice in die phantastische Welt eintaucht: Sie folgt dem weißen Kaninchen in den Kaninchenbau und erblickt ein dunkles, großes Loch. Gleichzeitig erklingen tiefe, volle Töne in den ebenfalls tiefen Orchesterinstrumenten Bassklarinette, Kontrafagott, Horn, Tuba und Kontrabass, die anschwellen und wieder abnehmen (vgl. III/00:10). Die Atmosphäre lässt sich an dieser Stelle als dunkel und unvorhersehbar charakterisieren. Alice wagt sich weiter in den Kaninchenbau hinein und ihre Bewegung und Neugier werden durch die Verkleinerung der Notenwerte von Achtel- auf Sechzehntelnoten verdeutlicht. Ihr Schrei, als sie in den Kaninchenbau stürzt, wird lautmalerisch durch ein plötzliches Fortepiano und wiederholte Glissandi in der Harfe umgesetzt (vgl. III/00:35).

Zweitaktige Crescendi umrahmen schließlich die Tatsache, dass Alice immer tiefer in den Schacht rutscht, und leiten in ihren Fall über. Dieser Sturz deutet sich zunächst langsam an und zeigt sich vor allem in der Zunahme der Instrumentation, hier kommt sogar eine Windmaschine hinzu. Dann illustrieren die hohen Holzbläser anhand von staccato gespielten Abwärtssprüngen, abwechselnd in forte und piano gespielt, Alice' immer tieferen Fall:

 

NB 1: Abwärts verlaufende, dynamisch kontrastierende Achtelbewegungen

 

Zwischen den einzelnen Fall-Episoden erklingt immer wieder wie aus einer anderen Welt das von der Querflöte gespielte Alice-Motiv (vgl. III/01:18), das seinen lebhaften, unternehmungslustigen Charakter nicht einbüßt, denn Alice verspürt beim Fallen keine Angst.

 

NB 2: Alice-Motiv

Übermäßige Dreiklänge – übrigens eine Anlehnung an die Filmmusik zu Hitchcocks Vertigo –, die jeweils von Flöten und Klarinetten gespielt werden, lassen die Atmosphäre direkt im Anschluss aber weiterhin undurchschaubar erscheinen (III/01:26).

 

NB 3: Übermäßige Dreiklänge

Alice fällt und fällt, was im Hörspiel (III/02:18) nur durch die Musik erkennbar ist. An dieser Stelle verzichtet Albrecht bewusst auf eine ausgedehnte Beschreibung des Fallens und überlässt der Musik die Rolle des Erzählers. Mithilfe von chromatischen Abwärtsbewegungen, die gegen Ende immer schneller werden, wird Alice' Fall anschaulich und bildhaft umgesetzt.

 

NB 4: Chromatische Achtelbewegungen abwärts zur Verdeutlichung des Schrumpfens

Die Arbeit mit Leitmotiven ist ein wichtiger Aspekt in Albrechts Hörspielarbeit, denn nicht nur Alice, sondern auch die Wunderland-Bewohner wie Grinsekatze oder Herzkönigin werden jeweils durch ein für sie typisches Thema charakterisiert. Beispielhaft ist hier die Raupe zu nennen, die ein an fernöstliche, fast schon "Hippie-Musik" erinnerndes Leitmotiv erhält, welches vom Englischhorn in Begleitung des Cellos vorgetragen wird. Dieses kann besonders kontrastreich im Zwiegespräch zwischen Alice und der Raupe herausgehört werden. Alice' Äußerungen werden von der Flöte wiedergegeben, die immer im Wechsel mit dem Englischhorn zu hören ist, so dass man diesem Gespräch fast schon ohne Text folgen kann.

Hat man das Alice-Motiv einmal identifiziert, so kann man im Laufe des Hörspiels alle Transformationen und Strapazen miterleben, denen das Leitmotiv – ebenso wie Alice – unterzogen wird: Wenn Alice mit den Pilzstücken experimentiert, erklingt ihr Motiv wild durcheinander in den verschiedenen Instrumenten des Orchesters (vgl. VIII/00:05). Als sie zu schrumpfen beginnt, wird ihr Motiv vom kleinsten Instrument im Orchester, der Piccoloflöte, vorgetragen (vgl. VIII/00:10). Demgegenüber steht das Motiv in einer pompösen Variante in den Blechbläsern (vgl. VIII/00:27), was zeigt, dass Alice immer größer wird. Wenn Alice die richtige Größe gefunden hat, kann man ihr Motiv in voller Länge und gespielt von der charakteristischen Querflöte hören (vgl. VIII/00:53).

Außerdem arbeitet Albrecht mit musikalischen Zitaten, das ist für ihn, wie er in einem Interview herausstellt, "ein wichtiges Mittel […], um die Bedeutungsebene der Musik auszudehnen". Auf diese Weise kann der Zuhörer bei Alice' Schrumpfen die Melodie von Barbie Girl der Band Aqua (IV/01:55) wiedererkennen, während diametral dazu bei Alice' Größerwerden Ausschnitte aus Richard Strauss' sinfonischer Dichtung Also sprach Zarathustra erklingen (vgl. IV/03:52). Auch die Szene Tränensee hält eine wahre Fülle an versteckten musikalischen Zitaten bereit, die von My Bonnie is over the Ocean bis What shall we do with a drunken sailor reichen. Über die Bedeutungserweiterung hinaus verleihen die musikalischen Zitate den Szenen – wie mit einem musikalischen Augenzwinkern – ein gewisses Maß an Ironie, das zur Absurdität der Geschehnisse beiträgt.

Neben der besonderen musikalischen Faktur sorgen auch die Sprecherinnen und Sprecher für eine lebendige Erzählung von Carolls Roman. Laura Maire verleiht Alice eine fast schon erwachsene Stimme, wenn diese selbstbewusst erwidert: "Ich denke, ich bin hier im Wunderland" (vgl. IV/03:40) oder metaleptisch die Orchestermusiker anspricht, welches Musik-Instrument sie da gerade höre (vgl. XII/01:30). Ebenso gelingt es Stefan Kaminski durch seinen vielfältigen Stimmeinsatz, die unterschiedlichsten Wunderland-Bewohner – von der Raupe bis zur Grinsekatze und Herzkönigin – abwechslungsreich darzustellen. Auffallend ist weiterhin, dass der Erzähler (gesprochen von Ulrich Noethen) Einfluss auf die Geschichte zu haben scheint. Dies ist gut in der bereits oben genannten Szene Tränensee zu erkennen, in der der Erzähler mit folgender Äußerung eingreift und damit die Musik stoppt: "Moment! So geht das hier aber nicht weiter. Sonst ertrinkt Alice noch. Die See sollte sich jetzt ein wenig beruhigen" (vgl. V/02:57).

Fazit

Welche Zutaten für eine gute Geschichte in Alice' Sinn können an dieser Stelle ergänzt werden? Sicherlich ist die Liste um den wichtigen Beitrag einer ausdrucksstarken und gehaltvollen Musik zu ergänzen, die Albrecht für dieses Hörspiel geschaffen hat. Es ist nicht nur eine Musik für das Hörspiel, sondern vielmehr eine Orchestererzählung mit echter Musikerlebnis-Garantie. Auf diese Weise entsteht ein lebhaftes Klangabenteuer, welches Carrolls Stoff auf einprägsame Art und Weise, dabei aber doch immer wieder überraschend unterhaltsam und innovativ arrangiert. Die Kerngeschichte rund um Alice erhält mit dem hier verwendeten dominanten Zeichensystem Musik und der Verzahnung von textlichen und musikalischen Elementen eine interessante kompositorische Färbung. Diese eröffnet weitere Deutungsmöglichkeiten und kann auch dem Verständnis der oftmals etwas sperrig erscheinenden Geschichte zuträglich sein. Dies ist gerade vor dem Hintergrund bedeutsam, dass Alice im Wunderland ein Roman ist, der durchaus komplizierte Fragestellungen und phantastische Motive behandelt. Mithilfe der gelungenen Verknüpfung von Text und Musik lädt Albrechts Hörspiel junge Hörerinnen und Hörer wie Erwachsene gleichermaßen dazu ein, sich gemeinsam mit Alice auf eine vielfältige und erlebnisreiche Reise durch das Hör-Wunderland zu begeben.

Der Abdruck der Notenbeispiele erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Komponisten.

 

Titel: Alice im Wunderland (Hörspiel)
Autorin: Lewis Carroll
Regie: Henrik Albrecht
Musik: Henrik Albrecht
Sprecher_innen: Laura Maire (Alice), Stefan Kaminski (Wunderland-Figuren), Ulrich Noethen (Erzähler)
Produktionsjahr: 2010
Dauer: 57 Minuten
Altersempfehlung: Ab 8 Jahren
Produktion: NDR/Headroom Sound Production

 

 

Erstveröffentlichung: 18.07.2018


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