von Ina Schenker

Seit 1989 zieht der kleine Maulwurf schlecht gelaunt durch die Medienwelt – stets auf der Suche nach dem Übeltäter, der ihm auf den Kopf gemacht hat. Das erfolgreiche Bilderbuch wurde in über 30 Sprachen übersetzt und kann mit einer Auflage von rund drei Millionen verkauften Exemplaren aufwarten. Darüber hinaus wurde die Geschichte als Figurentheater, Zeichentrickfilm und Audioversion adaptiert. 2011 entstand die Antwort als Original-Hörspiel: Die Rache des Hans-Heinerich. Der Maulwurf-Tonie führt beide Erzählungen zusammen und lässt das Tabuthema greifbar werden. Ganz haptisch sitzt das Würstchen obenauf.

(Ein Hörbeispiel finden Sie hier)

Inhalt

Das Hörspiel Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat greift die Handlungsabfolge des Bilderbuchs auf, nuanciert und gestaltet aber weiter aus. Dazu gehört vor allem Charakterschärfe. So werden die Rachegelüste des kleinen Maulwurfs als situativ und impulsiv gerechtfertigt, denn eigentlich ist er ein netter und freundlicher Geselle. Die Wurst, die direkt auf seinem Kopf landet, als er aus der Erde kriecht, bringt das Fass einfach zum Überlaufen. Es reicht, dass immer die Kleinen den Dreck der Großen abbekommen – und so beginnt der Klassenkampf. Die beiden Fliegen wissen längst, dass es Hans-Heinerich der Metzgershund gewesen ist, aber sie erfreuen sich daran, den Rachefeldzug kommentierend zu begleiten. So zieht der Maulwurf zur Taube, dem Pferd, dem Hasen, der Kuh und dem Schwein. Jedes dieser Tiere zeigt ihm, wie es sein Geschäft verrichtet, und noch viel mehr: Tierstereotype werden kritisiert, Westernträume geträumt und vermeintliche Starallüren ausgelebt. Als der Maulwurf schließlich die Fliegen zu Rate zieht, helfen sie ihm gerne und gratulieren zum vollzogenen Racheakt – ein 'Pling' auf dem Kopf des Hans-Heinerich.

Die Rache des Hans-Heinerich zieht einen analogen Handlungsbogen. Hans-Heinerich erwacht aus seinem Mittagsschlaf und ist seinerseits erbost über den Kot auf seinem Kopf. Von Rachegedanken getrieben, macht er sich auf die Suche nach dem Delinquenten. Wieder sind es die Fliegen, die beobachten und beschreiben, wie der Hund von Tier zu Tier zieht. Mehr Exkrement, mehr Lebensgeschichten, unter anderem vom Huhn, vom Erpel, vom Kater, von den Fröschen und Kröten. Gerade Letztere erzählen eine solch traurige Geschichte über ihre Mutter, dass Hans-Heinerich ganz melancholisch wird und sich seinen Vater in Erinnerung ruft. Und so erfahren die Zuhörenden, warum Hans-Heinerich so ist, wie er ist. Tiefenpsychologie: Schon sein Vater war ein Metzgershund, dem Mensch treu ergeben und den anderen Tieren überlegen. Beim Schwein angekommen, schließt sich sodann der Kreis und Hans-Heinerich kommt dem kleinen Maulwurf auf die Spur. Das Aufeinandertreffen der Antagonisten überrascht mit einer List, die David gegen Goliath gewinnen lässt. Und zwar so, dass dieser selbstzufrieden wie nie zuvor sein kann.

Kritik

Mit Pauken und Trompeten, so kommen die beiden Hörspielgeschichten als Musicals daher, die sich aus mehr als fünfzig Jahren Pop-, Rock-, Rap- und Technogeschichte bedienen. Der kleine Maulwurf, dessen entschiedenes Auftreten im Bilderbuch durch energische Schritte und eine keck erhobene Schnauze dargestellt wird, grummel-knurr-brummt sich als Tom Waits über die Wiese. Auf die Melodie von Underground interpretiert Martin Seifert in bestechender Manier das Leid des Unglücklichen. Hans-Heinerich als Antagonist, gesprochen von Ben Becker, steht ihm stimmlich in nichts nach. Bellend und aus tiefster Brust überzeugt, markiert er den König im Revier. Zurückgegriffen wird dabei auf die rockige Grundlage von Block Buster! der Band The Sweet. Der Gang durch die musikalischen Genres trumpft darüber hinaus mit weiteren Referenzen von internationalem Rang und regionalen Schmankerln auf. Sei es, wenn die Ziege auf die leichtfüßige Melodie von I could have danced all night aus My Fair Lady singt:

Ich hab' geträumt mein Freund, so schön geträumt, mein Freund. Du hast mich aufgeweckt. Ich hab' geträumt mein Freund, so schön geträumt, mein Freund. Das Wecken war nicht nett. (1-V)

Oder Insterburg & Co.s Ich liebte ein Mädchen vom Kater umgemünzt wird:

Ich kannte 'nen Dackel aus Oberkochen, der hat furchtbar schlimm aus dem Maul gerochen. Ich kannte 'nen Sennhund, der kam aus Plön und hinter dem roch's auch nicht schön. Ich kannte 'nen Collie aus Aachen, der konnte außer Bellen nichts machen. Ich kannte 'nen Terrier aus Hessen, Mann, war der Kerl verfressen. Ich kannte 'nen Spaniel aus Wuppertal, der trug 'ne Decke und 'n Schal. Ich kannte 'ne Dogge aus Frankfurt/Main, die wollte lieber ein Möpschen sein. … (2-VI)

Die mithörenden erwachsenen Ohren werden auf eine Rate- und Wiedererkennungsreise durch die Musikgeschichte mitgenommen, die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer eingeführt in die Welt bekannter Melodien und verspielter Texte. Dadurch entstehen Abwechslung und eine Unterhaltungsdynamik, die die Musicals mit ihren 72 Minuten Länge zu einem äußerst kurzweiligen Hörerlebnis werden lassen. Die Konzentrationsfähigkeit von Hörerinnen und Hörern ab vier Jahren wird herausgefordert, aber nicht überstrapaziert. Der Fokus auf die einzelnen Gesangsbeiträge gibt den Tieren außerdem die Gelegenheit, zu Figuren zu werden, mit einer eigenen Stimme und einer Geschichte. Multiperspektivisches Erzählen greift eine ganze Palette von Lebenslagen auf – von First World Problems bis zur Diskriminierungskritik. So leidet der Frosch auf der Grundlage von Trios Da da da an einem Überfluss an Entscheidungsmöglichkeiten:

Quak quak quak, quak quak quak. Ach, ist das ein doofer Tag, quak quak. Ich weiß gar nicht, was ich lieber mag. Quak quak. Bleib ich hier, geh ich an Land? Quak quak. Nein, ich glaub, ich bleib auf See – doch was mach ich hier? Oh je! Soll ich jetzt tauchen oder nicht?Quak quak quak. Was mach ich armer Wicht? Nun ja, ich weiß es einfach nicht? (2-V)

Und das Schwein kämpft dagegen an, in eine Schublade gesteckt zu werden als Holzwarth'sches Original:

Heißt du Schwein, denkt jeder du bist 'ne Sau, das ist gemein und das weißt du genau! Wenn ich daran denke, kriege ich einen Stau. Ich bin 'n Schwein für dich und du fühlst dich schlau. Als Kind wurd' ich nur Ferkel genannt, meinst du vielleicht, das war für mich amüsant? Ferkelein sind was, was ein Schwein nie macht. Wenn du das nicht weißt, nimm dich besser in acht. Glaubst du denn, dass alle Füchse schlau sind? Alle Ochsen doof und jedes Huhn dumm und blind? (1-VII)

Auch die Möglichkeit, sich von seinen eigenen Problemen auf Grundlage eines Perspektivwechsels zu distanzieren und damit zu relativieren, wird angeboten. So sieht die Taube die Dinge sprichwörtlich aus der Vogelperspektive und meint:

So ein Würstchen, oh ja, mag für dich ja sehr schlimm sein, aber siehst du' s von oben, ist es nur winzig klein. (1-II)

Die Hingabe der tierischen Sängerinnen und Sänger an den Chanson-Stil einer Edith Piaf oder eines Flamenco-Pops der Gipsy Kings lässt leider jedoch zuweilen die textliche Verständlichkeit verschwimmen. Die der Musik nachgeordnete Artikulation fordert die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer auf, sich inhaltliche Zusammenhänge selbst zu erschließen, was das Mitsingen beim wiederholten Hören in seine Schranken verweist, der emotionalen Wirksamkeit jedoch keinen Abbruch tut.

Großes emotionales Identifikationspotential bietet vor allem die Wut des kleinen Maulwurfs. Über die Nachhaltigkeit der Message "Rache ist süß" lässt sich aus pädagogischer Perspektive wahrlich streiten, aber solche Zeilen stoßen auf Anklang:

Grad grub ich mich raus und dann dieser Graus! Welch gemeine Laus war das bloß? Welcher üble Tropf machte mir auf den Kopf, wer's auch war, er wird von mir verklopft! Ich war lieb, immer nett… Doch mir scheint, dass das heut nicht mehr zählt! Deshalb ist jetzt Schluss mit dem ganzen Schmuß, den Halunken, den mach ich zu Mus. (1-I)

Immerhin wird im Hörspiel zumindest betont, dass der kleine Maulwurf eigentlich ein gutmütiger Zeitgenosse ist, dessen Geduld einfach überstrapaziert wurde. Außerdem müssen die Kleinen auch mal auf die Barrikaden. Die Wut des Hans-Heinerich dagegen repräsentiert eine problematischere Dynamik. Hier wird von oben nach unten getreten. Da relativiert auch keine Innenperspektive das Machtgefälle, selbst wenn sie die großen Themen der Menschheitsgeschichte aufruft. Eine Vater-Sohn-Hierarchie vom Feinsten. Hans-Heinerich muss sich der Staatsräson in der Dynastie der Metzgershunde unterordnen, Kuschen vor dem Herrn und Angst und Schrecken bei den anderen Tieren verbreiten. Das hat er so vom Vater mitbekommen:

Vater: Hör gut zu, was ich dir sag, Hans-Heinerich, denn es geht um deine Zukunft, Sohn: Merke dir, hör immer auf das Herrchen, dann kriegst du auch den gerechten Lohn. Zweifle nie! Folg' einfach den Befehlen, beiß, wenn man's dir sagt, und zögere nicht. So bringst du's garantiert zu 'was im Leben! Ja mach's wie ich, tu einfach deine Pflicht!

Fliege 1: Also kein Wunder, dass Hans-Heinerich so doof ist.

Fliege 2: Bei so 'nem Papa. Immer das zu machen, was einem irgendwer befiehlt!

Vater: Ich bin ein alter Metzgershund aus Frankfurt und geb' dir für die Zukunft diesen Rat: Mit Disziplin, Gehorsam und mit Treue erzielst du's beste Lebensresultat… (2-VIII)

Hans-Heinerich wird in der Fortsetzungsgeschichte so zwar plastisch, aber er bleibt einfach gestrickt, verändern lässt er sich nicht. Der Kampf gegen das System funktioniert nur unter der Tarnkappe. Dann allerdings kann man den Mächtigen schon mal ans Bein pinkeln oder eben auf den Kopf machen und sogar noch ungeschoren davonkommen:

Maulwurf: Das war jemand ganz Großes, der dich da gekrönt hat.

Hans-Heinerich: Ja… Ja, genau, genau so war es! Klar, das ward doch niemals ihr, das ward doch niemals ihr, das war ein hohes Tier! Man wollt mich damit zier'n. (2-XI)

Aber nicht nur der kleine Maulwurf ist clever, sondern auch die Fliegen, und das ist vielleicht der schönste Kniff des Hörspiels. Im Bilderbuch sind sie zwar auch die Experten, die schließlich zur Lösung des Falls beitragen, aber im Hörspiel fungieren sie als allwissende personifizierte Erzählinstanz. Aus ihrer nullfokalisierten Perspektive beobachten sie die Geschicke der Antagonisten und halten die Fäden in der Hand. Kichernd und lästernd kommentieren sie die einzelnen Szenarien, bevor sie schließlich auch ihren großen Rave-Auftritt haben und donnern: "Frag doch einfach die Experten, frag doch einfach die Experten" (1-VII). Auch um einige Wortspielerein bereichern sie die Ebene der Metaerzählung und machen in diesem Sinne ab und zu mal die Fliege oder die Mücke, wenn es brenzlig wird (2-II). Dass die beiden Brummer von einer Eintagsfliege begleitet werden, transformiert sich zu einem dramaturgischen Kommentar auf die Aristotelische Poetik: ein Ort, eine Handlung, eine Zeit. Im Laufe eines Tages wurden die Verbrechen verübt und Rache genommen sowie der Rache entkommen. Ein letztes Surren und alles ist erzählt.

Zur weiteren fantastischen Gestaltung des Hörerlebnisses gehört die klangliche Gestaltung der einzelnen Kotgeräusche. Die im Bilderbuch angelegte Auditivität, die sich durch onomatopoetische Wortkonstrukte in variablem Schriftbild präsentiert, wird im elektroakustisch erfahrbaren Raum versinnlicht durch unterschiedlichste Instrumente und Rhythmen. Kot sieht nicht nur verschieden aus, sondern hört sich auch unterschiedlich an. Während die Taube eine halbgar geblasene Trompete ausscheidet, sind es Paukenschläge beim Pferd oder ein sich entladender Luftballon im Falle des Schweines. Voll Spannung wird das groß angekündigte Geschäft des kleinen Maulwurfs erwartet und entlädt sich dann mit dem sanften 'Pling' einer Triangel. Ob Rache nun süß ist oder nicht, zumindest klingt sie so.

Fazit

Beide Hörspiel-Musicals weisen einen hohen Unterhaltungsfaktor auf. Für die jüngeren Hörerinnen und Hörer liegt der wohl in den ganz unterschiedlichen Emotionalitäten, die über die verschiedenen Musikgenres bedient werden, für die älteren ist es das Spiel mit dem Wiedererkennungswert. Die Stimmvielfalt, von ausgezeichneten Sprecherinnen und Sprechern wie Dirk Bach oder Kathrin Hildebrand erzeugt, sorgt für weitere Abwechslung und vielseitige Perspektiven. Gerade die Multiperspektivik gestaltet die Erzählung im elektroakustischen Genre als eine runde Heldenreise, als ein Musical mit Pomp und Message. Auch weil die Rachesymbolik als das Herzstück der Geschichte fraglich ist, ist es umso reizvoller, dass im Hörspiel ein anderes Motiv in den Vordergrund rückt, und das ist Klugheit. Damit hat die Hörspielfortsetzung zu Recht den Leopold Medienpreis 2005/2006 erhalten. Und der Kot? Sicher, er riecht verschieden, außerdem klingt er verschieden. Was vor allem die Toniefigur gegenüber anderen Hörmedien auszeichnet, ist aber die Haptik des kleinen Maulwurfs. Beachtenswert ist die Begeisterung der Kinder für die tatsächlich anfassbare Wurst auf dem Kopf.

 

Titel: Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat & die Rache des Hans-Heinerich (Hörspiel)
Autorin: Werner Holzwarth
Bearbeitung: Karin Lorenz
Sprecher_innen: Martin Seifert, Ben Becker, Christiane Schneider, Kathrin Hildebrand, Lorenz Wieland, Christin Marquitan, Udo Kroschwald, Bernd Kohlhepp, Ines Füldner, Gitte Müller, Bernd Stempel, Uli Boettcher, Carmen-Maja Antoni, Dirk Bach, Ingo Insterburg, Winnie Böwe, Jeschi Paul, Wolfgang Kühne
Dauer: 72 Minuten
Altersempfehlung: Ab 4 Jahren
Produktionsjahr: 2017
Produktion: sauerländer audio / Bayerische Rundfunk

 


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