von Simone Anna Stefan

Ein kleines, dickes, rothaariges Mädchen – das ist Friederike. Obwohl sie zunächst ein gefundenes Opfer zu sein scheint, beginnt sich die feurige Friederike bald mit Zauberkräften zu wehren, um dann dieser Welt magisch zu entfliehen. Als Hörspiel neu inszeniert trifft Nöstlingers Klassiker immer noch den Nerv der Zeit und ist eine schöne Hommage an die 2018 verstorbene Autorin.

Inhalt

Friederike ist ein besonderes Mädchen und hat es gerade deshalb besonders schwer. Wegen ihrer roten Haare wird sie von anderen Kindern gehänselt, verspottet, gemobbt. Friederike fühlt sich zunächst so hilflos, dass die Erwachsenen mit Strafen, sogar mit Gewalt eingreifen, was aber alles noch viel schlimmer macht. Doch nach und nach lüften die alte Annatante und der uralte Kater, mit denen Friederike zusammen lebt, so manches magische Geheimnis: Friederike kann ihre Haare zum Glühen bringen und sogar fliegen! Als sie dann auch noch einen Brief von ihrem Papa findet, der sie in ein "anderes" Land einlädt, und sie wenig später auch die Sprache mit der Wegbeschreibung im roten Buch entziffern kann, gibt es kein Zurück mehr. Pünktlich nach der Sonntagsmesse startet Friederike im Höhenflug über den Kirchturm, selbstverständlich gemeinsam mit ihren Lieben – Annatante, Kater, Briefträger und dessen Frau –, in eine "bessere neue Welt". Der Bürgermeister sorgt dann dafür, dass es abends alle Zeugen für den ersten Teil einer Zirkusaufführung halten.

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Kritik

Das wohl berühmteste rothaarige Mädchen in der Kinderliteratur ist die unglaublich starke Pippi Langstrumpf, die sich trotz ihres großen Selbstbewusstseins auch nach einem "anderen" Land sehnt. Als 1970 Nöstlingers erster und gleich sehr erfolgreicher Kinderroman erscheint, ist das Motiv der roten Haare auch in der Erwachsenenliteratur nicht neu: Johann Nepomuk Nestroy hat es bereits 1840 in der Posse Der Talisman aufgegriffen, eine Perücke schützt hier den Protagonisten Titus Feuerfuchs vor Übergriffen wegen seines Aus-der-Norm-Fallens. Auch Arik Brauers Songtitel Rostiger, die Feuerwehr kommt macht 1971 die üblichen Kränkungsmuster in Bezug auf rote Haare zum Thema. Neu ist aber bei Nöstlinger der magische Umgang mit diesem Anders-Sein in einem problemorientierten Text für Kinder.

So mancher Erwachsene hebt vielleicht den pädagogischen Zeigefinger, kann man mit Magie doch keine realen Probleme lösen. Und die Beschreibung des Landes, in dem Friederikes Papa nun lebt, lässt manchen vermutlich an religiöse oder sozialistische Lösungsansätze denken. Friederike liest nämlich Folgendes aus dem roten Buch vor:

Es gibt ein Land, da sind alle Menschen glücklich. Alle Kinder werden dort sehr gescheit. Sie gehen in schöne Schulen. Kein Kind wird dort ausgelacht. In diesem Land muss niemand schwer arbeiten und niemand will reicher werden als die anderen. (XIII/01:36)

Doch Generationen von begeisterten kindlichen oder kindlich gebliebenen Leserinnen und Lesern geben Nöstlinger recht: Magie und Zauber scheinen phantastische Problemlöser zu sein.

Die Erzählerstimme von Brigitte Grothum, einem breiteren Publikum bekannt als Frau Sattmann in der Piefke-Saga, führt gekonnt akzentuiert durch die Geschichte. Hervorzuheben ist auch Sandra Schwittau – Synchronstimme von Bart Simpson –, die als sprechender Kater zwar nur selten, dafür sehr eindrucksvoll, in Aktion tritt. Michael Rotschopf bringt als Postdirektor mit einer betont dialektalen Färbung jene Wiener Note ins Hörspiel, die man bei Nöstlinger auch erwartet. Es ist ein wenig erstaunlich bis enttäuschend, dass das Wienerische insgesamt doch etwas zu kurz kommt.

Für die Komposition zeichnet Lutz Glandien verantwortlich. Kontrabass, Posaune und Percussion-Instrumente bleiben meist im Hintergrund, treten aber an exponierten Stellen wie bei den lyrischen Zaubersprüchen in Liedform oder bei rhythmisch-prosaischen Einschüben in einer Art von Rap, der manchmal an die Fantastischen Vier erinnert, gekonnt in den Vordergrund. Befremdlich wirken allerdings die eher nach einem Rauschen klingenden glühenden Haare oder die mehrfach hinterlegten Stimmen Friederikes beim Vorlesen. Die vermutliche Intention der Schaffung einer mystischen Atmosphäre wirkt etwas missglückt.

Fazit

Probleme lösen mit Magie: 'Dumm', sagen vielleicht die einen, 'wundervoll', die anderen. Aber macht nicht genau das – nämlich Grenzen der Realität hinein ins Phantastische zu überschreiten – Literatur aus? Es ist allerdings etwas verwunderlich, dass die Musik trotz der phantastischen literarischen Vorlage, es nicht ganz schafft, diesen Zauber noch zu verstärken. Aber gerade deshalb tritt die Nöstlinger'sche Sprache mehr hervor, wohingegen das typisch Wienerische durch die Sprecherinnen und Sprecher zu kurz kommt.

Ob Friederike mit ihren Lieben jemals im beschriebenen schönen Land ankommen wird, bleibt am Ende offen. Nöstlinger überlässt es den Hörerinnen und Hörern, diese Leerstelle zu füllen. Sechsjährige haben ja sprichwörtlich eine rege Phantasie und vielleicht kann so mancher Erwachsene davon lernen.

 

Titel: Die feuerrote Friederike (Hörspiel)
Autorin: Christine Nöstlinger
Regie: Judith Lorentz
Komposition: Lutz Glandien
Sprecher_innen: Brigitte Grothum (Erzählerin), Toni Lorentz (Friederike), Sandra Schwittau (Kater), Swetlana Schönfeld (Annatante), Heiko Pinkowski (Briefträger Bruno), Michael Rotschopf (Postdirektor/Bürgermeister) u.v.a.
Dauer: 57 Minuten
Altersempfehlung: Ab 6 Jahren
Produktionsjahr: 2018
Produktion: SWR/NDR (Der Audio Verlag)

 

Erstveröffentlichung: 3.12.2019


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