von Sindy Hildebrand

"Schnell schloss er sein kleines Maul wieder und hielt es mit den Pfoten zu. Nichts durfte ihm herausrutschen. Kein Stein, kein Eidechsenschwanz. Vor allem auch kein Wort. Er hatte ja noch so viel Größeres zu verbergen als die kleinen gesammelten Heimlichkeiten" (1/III/02:44). Welche Schätze das sind und welche Abenteuer das Erdhörnchen Habbi mit seinem Geheimnis erlebt, erfahren Neugierige beim Hören von Ein Freund wie kein anderer.

Inhalt

Das Erdhörnchen Habbi lebt mit Mama Hieme, Papa Hogge-Holm und unzähligen Geschwistern in einem unterirdischen Bau und ernährt sich vor allem von Waldfrüchten, während der Wolfsjunge Yaruk mit seinem Rudel oberirdische Höhlen bewohnt und auch Erdhörnchen jagt und verspeist. Habbi wächst im Elternhaus mit Furcht und Vorsicht vor großen gefräßigen Tieren auf, Yaruk hingegen hat von klein auf Mut, Ausdauer und Stärke zu zeigen, sonst taugt er für Seinesgleichen nichts. Doch nach einem Unfall schwerverletzt will Yaruk lieber sterben, aus Angst, auf drei Beinen zu versagen und von seiner Familie abgelehnt zu werden. Habbi dagegen bringt Mut auf und bricht die Regeln seiner Mutter, als er sich dem übelgelaunten Verletzten nähert, mit ihm spricht und nichts unversucht lässt, ihm zu helfen. Sein Mitempfinden und sein Optimismus lassen Habbi an die Stärke des Wolfes glauben, den er rührend umsorgt. Um bei ihm sein zu können, lügt er sogar seine ängstliche, aber auch sorgen- und liebevolle Mama sowie seine neugierigen Geschwister an, die einen fremden Geruch an ihm bemerken.

 

 

Für ein Hörbeispiel klicken Sie bitte auf die Cover-Abbildung

 

Kritik

Mit Ein Freund wie kein anderer präsentiert der Kinderbuchautor Oliver Scherz eine Freundschaft zwischen zwei anthropomorphisierten Tieren, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Not des einen sowie die Neugier und das Mitgefühl des anderen führen beide zusammen. Jede freie Minute verbringt Habbi mit Yaruk und erfährt, dass auch eine Wolfsfamilie fürsorglich ist und Wolfsmamas ihre Kinder ablecken, wie es Hieme mit ihren tut. Dieses Verhalten stellt nicht nur die elterliche Theorie vom bösen Untier in Frage, das Erdhörnchen erkennt ebenso, wie einsam Yaruk ist, und versucht ihn aufzumuntern, bis beide ausgelassen herumtollen. Dank der Hilfe und Motivation Habbis sowie der neugewonnenen Zuversicht Yaruks gelingt es ihnen sogar, gemeinsam die Todesschlucht zu überspringen. Doch als Habbi den Wolf mit blutigem Maul sieht, scheinen sich die schrecklichen Geschichten seiner Familie zu bestätigen, so dass er panisch fliehend in den wilden Fluss stürzt. Die dramatische Szene betont, wie stark über Generationen hinweg aufgebaute und gestärkte Vorurteile gegenüber dem Unbekannten eingeprägt sein können und Ängste schüren, die trotz des direkten Kontakts mit diesem nicht leicht verblassen. Habbi erkennt jedoch schnell, dass Yaruk ihm aus Sorge nachspringt und ihm so das Leben rettet.

Während gemeinsam erlebte gefährliche und lustige Abenteuer beide Tiere trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft und Lebensweisen zusammenschweißen und sie sich bekennen, immer Freunde zu bleiben, reagiert Habbis Umfeld mit Panik und Zorn auf Yaruk, nachdem sein Bruder Hebbe sie beim Spielen entdeckt hat und dies missdeutet. Durch den Erdhörnchen-Vater Hogge-Holm aufgehetzt wollen die Waldbewohner den Wolf verjagen und drängen ihn bis zur Todesschlucht, doch Habbi steht für seinen Freund ein. Indem er sich für Yaruk entscheidet und seine Familie verlässt, zeigt er, dass er in ihrer blinden Wut und verachtenden Angst gegenüber dem Fremden nicht zu ihr stehen kann. Durch die Begegnung mit dem Wolf hat er gelernt, Vertrautes zu hinterfragen, eigene Entscheidungen zu fällen und selbstständiger zu werden. Obwohl darüber geschockt, ist es letztlich die stets vor dem Fremden warnende Mama Hieme, die durch Beobachtungen aus der Ferne erkennt, wie respekt- und liebevoll ihr Sohn und sein andersartiger Freund miteinander umgehen.

Basierend auf der gleichnamigen Printversion (dt. Ersterscheinung 2018) erzählt Oliver Scherz in elf Kapiteln des Hörbuchs nicht nur von einer außergewöhnlichen Freundschaft, gekonnt weiß der Schauspieler seine Stimme so zu modellieren, dass sich alle tierischen Figuren mit ihren Charaktermerkmalen und ihrer Emotionalität überzeugend herauskristallisieren und gut voneinander unterscheiden lassen. So differieren die ungleichen Freunde auch stark in ihrer Stimmenfarbe. Der grundpositive Habbi spricht heller und höher als der stets dunkel knurrende Yaruk, der gerade zu Beginn ihrer Begegnung aufgrund seiner Schmerzen aggressiv auf das neugierige Erdhörnchen reagiert. Dadurch wirkt er zuerst laut und bedrohlich, doch in seiner Stimme schwingen ebenso Erschöpfung und Resignation mit, woraufhin Habbi ihm mit einem aufgeregten, teils hysterischen Stottern Mut zu machen versucht. Je mehr die beiden sich annähern, desto weniger pessimistisch erscheint Yaruk, seine Stimme bleibt weiterhin rau, verliert jedoch ihre abweisende Färbung, wird leiser und sogar ebenso aufgeregt wie die Habbis, als sich beide wiedersehen. Als der Wolf von seiner Familie spricht, die er und das Erdhörnchen von Weitem im Tal beobachten, schwingen in ihr sowohl Stolz als auch Wehmut mit.

Sehr gelungen gestaltet der Autor und Sprecher auch die anderen Erdhörnchen, die trotz ähnlich klingender Namen eindeutig wiedererkennbar sind. So kommentiert seine Schwester Humma quiekend angewidert, dass Habbi fürchterlich stinkt, was Bruder Horpe mit einem "Das riecht ja wie Kojoten-Schiss!" (1/VII/01:42) in frech-feixendem Ton bestätigt. Der stark lispelnde Hebbe lässt durch seine gepresste Stimme Starrsinn erkennen, da er strikt den Regeln seiner Eltern folgt und Habbis Vorschlag, die gemeinsam abzusuchenden Futterpfade zu verlassen, kategorisch ablehnt. Andererseits drückt dieses Gepresste im späteren Handlungsverlauf Misstrauen aus. Kombiniert mit einem vorwurfsvollen Ton vermittelt es auch Enttäuschung darüber, dass er Habbi nie bei seinen Erkundungstouren begleiten darf. Papa Hogge-Holm, der als Revierbeschützer wenig Zeit für seine zahlreichen Nachkommen hat, ist an seiner bellenden Stimme zu erkennen, die besonders angespannt ist, als er zur Jagd auf Yaruk aufruft. Zum Schmunzeln bringt die Hörerinnen und Hörer besonders Mama Hieme, die stimmlich eine ganze Bandbreite an Emotionen zeigt und neben Hebbe als bedeutende Nebenfigur der Erzählung gilt. Auf der Suche nach Habbi rennt sie im Unwetter aufgebracht und hysterisch den Namen ihres Sohnes stotternd durch den Wald. Als sie ihn findet, weicht die ganze Verzweiflung aus ihrer Stimme, die nun große Erleichterung vermittelt. Als stets besorgte Mutter ist ihr teilweise ein belehrend strenger Ton eigen, sie reagiert geschockt, vorwurfsvoll und wütend, als sie die Vorratskammer fast leer bzw. mit Erde aufgefüllt vorfindet. Hieme scheint immer etwas gehetzt und aufgeregt, wenn sie ihre Kinder aber sicher und bei sich weiß, spricht sie als gutmütige Mutter ruhig und liebevoll mit ihnen. Etwas Flehendes liegt in ihrer Stimme, als sie ihren Sohn bittet, für den Winterschlaf zur Familie zurückzukehren, zugleich ist sie voller Verständnis für seine Freundschaft zu Yaruk.  

Neben kleineren lustigen Momenten, in denen Habbi zum Beispiel freudig mit vollen Backentaschen spricht, einige Laute nicht mehr deutlich artikulieren kann und nuschelt, werden auch große dramatische Szenen überzeugend authentisch gestaltet. Bei der Zusammenrottung der Waldtiere gegen Yaruk treten Pfeifhasen mit zitterenden, schrillen Stimmen auf, deren Angst vor dem Wolf die Wildschweine rau bis schnoddrig grunzend kommentieren, während einer der Hirsche mit erhabener und sonorer Stimme gefasst und überlegen die Lage beurteilt. Der Erzähler selbst spricht in solchen sich zuspitzenden Situationen hastig-aufgeregt und kann so Spannung evozieren. Wenn die Figuren Vertrauen und Sicherheit spüren oder nachdenklich sind, wird auch seine Stimme weicher, leiser und ruhiger. Der warme und herzliche Grundton, der das Hörbuch bestimmt, lässt erkennen, mit wie viel Liebe der Autor die Geschichte der Figuren erzählt, die in einem vorhersehbaren guten Ende mündet.

Anschaulich und zum Teil sehr poetisch beschrieben sind auch die Landschaften der verschiedenen Lebensräume der beiden Freunde, die einen integralen Bestandteil der erlebten Abenteuer bilden.

Direkt vor ihm war die Welt wie abgebrochen. Bäume lagen entwurzelt und hinabgerutscht auf einem steilen Geröllhang. Ganze Felsbrocken waren nach unten gefallen und zersprungen. Das Rauschen war zu einem dröhnenden Donnern angewachsen. Der Bach trug Habbis Libellenflügel zu einem großen, reißenden Fluss. Weniger als hundert Schritte entfernt, stürzte der Flügel mitsamt dem großen Fluss in die Tiefe. "Das muss das Ende der Welt sein", dachte Habbi erschrocken. […] Weit unten traf das Flusswasser tosend auf einen See und wurde zu weißem Schaum. Unzählige Tröpfchen schwebten in der Luft darüber und leuchteten in einem bunten Regenbogen auf. Der Wasserfall war zwar beängstigend groß, wie ein Untier sah er jedoch nicht aus. Dafür war er viel zu schön. (1/II/00:41)

Schade ist, dass von einem bunten Regenbogen gesprochen wird, Vielfarbigkeit ist diesem ja eigen. Zu Verwirrungen könnten die Namen Habbi und Hebbe führen, aufmerksames Hören ist deshalb gefragt. Zu dumm, dass in der CD-Hülle von Yurek die Rede ist, während in der Print- wie Audioversion des Buches der Wolf fortlaufend den Namen Yaruk trägt.

Fazit

Das zwei CDs umfassende Hörbuch Ein Freund wie kein anderer, das auch für den BEO 2018 nominiert war, überzeugt, unterhält, übertreibt nichts. Sehr anschaulich zeigt Oliver Scherz anhand der Freundschaft zwischen einem Erdhörnchen und einem Wolf, was es heißt, sich mit dem Fremden vertraut zu machen, Ängste vor diesem abzubauen, vom sozialen Umfeld eingeschärfte Vorurteile zu hinterfragen und zu überwinden, den Anderen so zu akzeptieren und zu respektieren, wie er ist. Auch wenn das Hörbuch u. a. das erste Sich-Abnabeln und Selbstständigwerden von der Familie thematisiert, macht es zugleich bewusst, wie wichtig nicht nur Freunde sind, sondern auch die Familie bleibt, um Halt und Geborgenheit zu erfahren. Nicht zuletzt hat Scherz, der vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Lesekünstler des Jahres 2015 gekürte wurde, mit Erdhörnchen-Mama Hieme eine Figur geschaffen, die auf rührende Weise zeigt, was Mutterliebe bedeutet, die von Sorge, Angst und Loslassenlernen, aber auch Verständnis und Freude bestimmt wird. Das Hörbuch, dem im Frühjahr 2020 ein zweiter Teil folgen soll, wird für Kinder ab 6 Jahren empfohlen.

 

Titel: Ein Freund wie kein anderer (Hörbuch)
Autor: Oliver Scherz
Regie: Sabine Stiepani
Sprecher:

Oliver Scherz

Dauer: 104 Minuten
Altersempfehlung: Ab 6 Jahren
Produktionsjahr: 2018
Produktion: Silberfisch

 

 

Erstveröffentlichung: 13.12.2019


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

August 2020
Mo Di Mi Do Fr Sa So
27 28 29 30 31 1 2
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30
31 1 2 3 4 5 6