von Andreas Wicke

Der DUDEN regelt es zweifelsfrei: Der "Drache" ist ein "geflügeltes, Feuer speiendes, echsenartiges Fabeltier", während ein "Drachen" ein "an einer Schnur oder einem dünnen Draht gehaltenes, mit Papier, Stoff o. Ä. bespanntes Gestell" ist, "das vom Wind nach oben getragen wird und sich in der Luft hält". Damit sind Verwechslungen ausgeschlossen, eigentlich. Denn wer sich einen Drachen wünscht, benutzt nicht den Nominativ, sondern braucht den Akkusativ – und der bietet enormes Potential für fantastische Verwechslungsgeschichten, die Sprachphilosoph Paul Maar in seinem neuesten Sams-Roman raffiniert ausspielt und die auch Monty Arnold als mittlerweile routinierter Vorleser der Sams-Reihe lustvoll umsetzt.

 

Inhalt

"'He, was soll das!', rief das Sams zur Wunschmaschine hoch. 'Ich habe einen Drachen gewünscht, und jetzt sitzt da ein Drache'" (1/VI/01:36). Und der muss natürlich geheim gehalten werden, denn Herr Taschenbier hatte dem Sams ausdrücklich verboten, die Wunschmaschine zu benutzen. Zwar ist es schwierig, einen Drachen zu verstecken, noch schwieriger ist es allerdings, ein solch geflügeltes Fabeltier steigen zu lassen. Trotzdem haben plötzlich alle Glück: Frau Rotkohl gewinnt im Kaufhaus 250 Euro und Herr Taschenbier bekommt eine Gehaltserhöhung. Ist Ralfer – so heißt der Drache, der begeistert ist, endlich ein R sprechen zu können, und sich deswegen einen Namen wünscht, mit dem er das vorn und hinten beweisen kann – vielleicht sogar ein chinesischer Glücksdrache? Die Sympathien sind jedenfalls klar verteilt: Das Sams freundet sich schnell mit Ralfer an, Frau Rotkohl will ihn ebenso schnell wieder loswerden und Herr Taschenbier steht, wo er immer steht: dazwischen.

Für ein Hörbeispiel klicken Sie bitte auf das Cover.

Kritik

Die Orientierung im Sams-Universum wird schwieriger. Einerseits besteht Paul Maar seit 1973, also seit dem Erscheinen von Eine Woche voller Samstage, drakonisch darauf, es werde keinen weiteren Sams-Roman geben, andererseits ist mit Das Sams und der blaue Drache 2020 der zehnte Band erschienen. Nachdem die Geschichte spätestens in Form der Trilogie abgeschlossen und auserzählt schien, holt Maar 1996 den Buddenbrook-Trumpf aus dem Ärmel und erzählt in der nächsten Generation weiter. In Ein Sams für Martin Taschenbier stehen Schulerlebnisse im Vordergrund, vermehrt aber auch Anspielungen auf Erzählungen E.T.A. Hoffmanns. Schließlich werden die Taschenbiers – Stichwort: Buddenbrooks – nicht nur Großeltern, sondern in dem 2011 erschienenen Band Sams im Glück selbst phasenweise zu Samsen.

Die Geschichten vom Sams sind ein Mehrgenerationenprojekt, und das nicht nur auf der Ebene der literarischen Figuren, sondern noch viel mehr auf der Seite der Leserinnen und Leser, die die Erzählungen seit fast fünfzig Jahren verfolgen. Die Eltern und Großeltern, Lehrerinnen und Lehrer, die die Romane heute vorlesen, sind größtenteils selbst mit dem ebenso anarchistischen wie poetischen Sams großgeworden, haben es in der Augsburger Puppenkiste, als Hörspiel, Lesung, Musical, Theaterstück, Computerspiel oder in der filmischen Adaption kennen gelernt, mit Wunschpunkten und Wunschmaschinen gefiebert, über die Sprachkomik der Figuren, die ungenau formulierten Wünsche und ihre Erfüllung, aber natürlich auch über die unermüdlichen Reime des Sams gelacht.

Die letzten drei Bände setzen die Geschichte nicht mehr chronologisch fort, sondern füllen mögliche Lücken. Ein Sams zu viel (2015) bietet den Rückblick auf eine Geschichte, die Frau Rotkohl eigentlich zu peinlich war, um sie zu erzählen, Das Sams feiert Weihnachten (2017) verortet Paul Maar ungefähr in der Zeit des dritten Bandes, Herr Taschenbier und Frau Rotkohl plaudern nun sogar über ihre Kindheit. Und im allerneuesten Band Das Sams und der blaue Drache arbeitet Maar ein schmerzliches Versäumnis auf:

Im Nachhinein hat Paul Maar es manchmal bedauert, dass die Wunschmaschine so schnell kaputt ging. Was hätten das Sams und Herr Taschenbier noch Überraschendes wünschen können! Immer mal wieder hat er sich ausgemalt, was noch alles hätte passieren können, wenn die Maschine nur nicht so schnell geborsten wäre. Und jetzt hat er eine dieser nachträglichen Wunschmaschinen-Fantasien zu Papier gebracht. (1/I/00:49)

Dass Paul Maar die Ideen nicht ausgehen, hat er oft genug bewiesen, noch raffinierter ist, dass er auf der Ebene der Kinderromane immer auch Diskurse austrägt, die man dort kaum erwartet. Er denke, so sagt er in einem Vortrag, "beim Schreiben durchaus an den erwachsenen Mit- und Vorleser, stelle ihn [sich] recht belesen vor und möchte ihn nicht langweilen" (Maar 2007, S. 178). Das merkt man im aktuellen Roman neben Anspielungen auf Drachenkämpfer wie Siegfried oder den Heiligen Georg, aber auch auf Wilhelm Tell. Darüber hinaus wird eine interessante literaturtheoretische Frage diskutiert. Fantastische Literatur geht von zwei Welten aus, in der Taschenbier-Welt hat alles angefangen, ab dem sechsten Band spielt die Geschichte jedoch auch in der fantastischen Sams-Welt. Nun kommt mit dem blauen Drachen ein weiteres Wesen hinzu, das in keiner dieser beiden Welten beheimatet ist. Aber auch Ralfer muss ja irgendwo herkommen.

Zwischenzeitig klingt es, als werde im Roman über die creatio ex nihilo diskutiert. Hat Gott die Welt aus dem Nichts erschaffen oder stimmt, was Aristoteles propagiert: ex nihilo nihil fit? In der Sprache Paul Maars klingt das so:

"Wo kommst du denn her?" "Du hast mich mit dieser Maschine da oben gewünscht, dann gab es mich", sagte der Drache. "Willst du damit sagen, dass es dich vorher gar nicht gegeben hat?" Das Sams dachte nach. (1/IX/03:46)

Doch bringt der Band nicht nur ein weiteres fantastisches Wesen, auch die wirkliche Wirklichkeit schlägt sich im Roman nieder. Peter Hespeler ist mehrfacher deutscher Meister im Kunstdrachenbau und hat zum 80. Geburtstag Paul Maars einen Sams-Drachen entworfen, mittlerweile sind weitere Figuren aus den Romanen hinzugekommen und die beiden haben die Drachen auch gemeinsam steigen lassen. Sozusagen als Dankeschön hat Paul Maar nun einen Sams-Roman geschrieben, in dem Herr Hespeler als Besitzer eines Drachenladens zur literarischen Figur wird – auch wenn er die meiste Zeit im Urlaub ist.

Und noch weitere Neuerungen und Spiegelungen tauchen auf, denn so wie das Sams im ersten Band zu Herrn Taschenbier gelangt und vor der Welt verborgen werden muss, kommt der Drache Ralfer nun zum Sams und muss gleichermaßen versteckt und gegenüber Frau Rotkohl verteidigt werden. Auch der blaue Drache verschwindet wieder, ob er zurückkommt, bleibt abzuwarten. Herr Taschenbier wünscht sich am Ende des ersten Bandes, dass das Sams wiederkehrt, das Sams wünscht sich am Ende der aktuellen Folge den blauen Drachen zurück. Doch während Samse bisweilen im Wochentakt kommen und gehen, könnte es bei Ralfer etwas länger dauern. Herr Mon julesvernisiert, dass eine Reise um die Welt immer genau 80 Tage dauert. Überhaupt ist er nicht nur Tierfreund und Vegetarier, sondern auch in Drachen-Sachen sehr bewandert. Er ist es, der das Sams, und damit die Leserinnen und Leser informiert, indem er Wissenswertes aus dem Buch Alles über Drachen vorliest.

Für Monty Arnold, den Sprecher des gleichzeitig erschienenen Hörbuchs, ist Maars neuer Roman ein Fest, allen Figuren gibt er eine eigene Stimme: Die notorisch pikierte Frau Rotkohl klingt, als sei Loriot in der Rolle des falsettierenden Elefanten Wendelin auferstanden, besonders die betrunkene Frau Rotkohl gelingt ihm grandios. Während Herrn Taschenbiers auffälligste Eigenschaft wie immer seine Unauffälligkeit ist, bekommt der Drache Ralfer einen unflätig-bratzigen Ton. Anfangs kann er, wie gesagt, kein R sprechen und ersetzt es durch ein S, was durchaus problematisch ist, wenn man von Raubrittern mit rostigen Rüstungen erzählen will, aber nachdem das Sams und die Wunschmaschine ihn geheilt haben, wird jedes R gefeiert, indem Ralfer wieder und wieder genüsslich "Kein Prrroblem" schnarrt. Für das Sams hat Monty Arnold ganz unterschiedliche Ausdrucksformen zwischen kleinlaut-nörgelnd und euphorisch-plappernd, außerdem wird übermütig gereimt und lauthals gesungen, sodass das Hörbuch eine unbedingte Empfehlung erhält.

 

Fazit

Die Kinderliteratur hat es wieder einmal geschafft, einen Drachen zu zähmen, mit dem Versuch, ihn gleichzeitig steigen zu lassen, dürfte Paul Maar Neuland betreten. Dass die Überschriften gereimt sind, ist ein weiteres Novum, toll ist außerdem, dass das Sams – sowohl im Roman als auch auf dem Cover des Hörbuchs – in seiner originalen Optik zurück ist. Nach den Neuillustrationen von Nina Dulleck hat nun Paul Maar wieder übernommen, und das ist eine gute Entscheidung: „Alles höchstbestens“ und „oberübergroßartigst“, würde das Sams vermutlich urteilen.

Der aktuelle Band sei empfohlen für Menschen ab 50, weil die seit 1973 auf neue Abenteuer mit der Wunschmaschine warten. Gleichzeitig können Kinder ab 6 Jahren das Hörbuch hören, das Monty Arnold so fulminant vielstimmig liest, dass man zwischenzeitig glauben könnte, ein Hörspiel zu hören.

Und während Paul Maar jahrzehntelang versichert hat, der jeweils aktuelle sei auch der definitiv letzte Band, so wird er nun vorsichtig. "Ich schreibe voraussichtlich kein weiteres Sams-Buch mehr" (Maar 2020), sagt er lachend im Interview mit Katrin Hörnlein. Offensichtlich funktioniert die Wunschmaschine auch im richtigen Leben.

 

Literatur

  • Maar, Paul: Vom Lesen und Schreiben. Reden und Aufsätze zur Kinderliteratur. Hamburg: Oetinger 2007.
  • Maar, Paul: "Der Drache ist meine Rache". Gespräch mit Katrin Hörnlein. In: Die Zeit vom 6. August 2020, S. 40.

 

 

Titel: Das Sams und der blaue Drache (Hörbuch)
Autor: Paul Maar
Sprecher: Monty Arnold
Regie: Frank Gustavus
Dauer: ca. 169 Minuten
Altersempfehlung: Ab 6 Jahren
Produktionsjahr: 2020
Produktion: Oetinger Audio

 

Erstveröffentlichung: 01.09.2020


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