von Julia Schnabel

"Du musst nur los, der Rest ergibt sich von allein" (00:06:52). Diesen Ratschlag gibt die 12-jährige Jolene ihrer neuen Bekanntschaft, dem etwas jüngeren Odysseus, der sich von ihrer Abenteuerlust mitreißen lässt. Denn es gibt, so sagt Jolene, nur einen Weg in die Freiheit, und der führt sie fort von ihren Eltern zu einem Fluss, an dem sie gemeinsam die mondhelle Nacht verbringen. "Ein anspruchsvolles Fantasy-Märchen, das nicht für alles eine Erklärung anbietet, nicht jedes Problem löst, sondern vor allem dazu animiert, die Gedanken fliegen zu lassen", so beschreibt die Süddeutsche Zeitung das zweiteilige Hörspiel Eine Nacht mit Jolene von Kilian Leypold, das 2020 für den Deutschen Kinderhörspielpreis nominiert war.

Inhalt

Am Abend trifft Jolene in ihrer Wohngegend auf einen ihr unbekannten Jungen, der sich zögerlich als Odysseus vorstellt. Während Odysseus am liebsten seinen kleinen Bruder loswerden möchte, ärgert sich Jolene über ihre Mutter, die wegen ihrer Männerjagd keine Zeit mehr für sie findet. Da beide eine Auszeit von ihren Familien brauchen, kann Jolene Odysseus überzeugen, die ganze Nacht mit ihr an der Isar zu bleiben. Während ihres Aufenthalts lernen sie Madleine kennen, die traurig am Ufer musiziert, da ihr Freund Dave wegen eines Streits fortgegangen ist. Die beiden helfen ihr, Dave zu finden und treffen dabei auf einen Angler, der den Mond einfangen möchte, sowie auf eine Gestalt, die sie für einen sprechenden Flusshund halten. Während dieser Nacht nähern sich die ängstlichen Gefährten einander an, philosophieren über die Liebe und wünschen sich, die Nacht würde niemals enden. Dabei befreien sie sich von ihren Ängsten und wachsen über sich hinaus. [Das Hörspiel steht zurzeit auf der Seite des BR zum Download zur Verfügung.]

Kritik

Das Hörspiel beginnt mit einem ungewöhnlichen Einstieg: Man hört eine Ohrfeige, eine Tür wird zugeschlagen, schließlich sind schnelle Schritte vernehmbar, die sich entfernen. "Na, mitbekommen?", fragt eine Stimme. "Nein? Dann nochmal langsam" (00:00:11). Daraufhin wird die Geräusch-Sequenz wiederholt. Anschließend wendet sich Odysseus an die Zuhörerschaft und sagt, dass es ihm gleichgültig sei, ob sie seine Situation durch das wiederholte Abspielen erfassen würden, da er ohnehin von zu Hause abhaue. Als Jolene auf den Jungen trifft, fällt ihr seine geschwollene Wange auf, die er gereizt als Sonnenbrand erklärt. Anders als Jolene wirkt Odysseus in den ersten Szenen verschlossen und ängstlich, sodass schnell klar wird, dass er Schwierigkeiten damit hat, über seine Gefühle zu sprechen.

Jolene lernt man ebenfalls erst ganz allmählich kennen, ihren Namen verbindet man vermutlich mit dem gleichnamigen Song von Dolly Parton, in dem ein Lyrisches Ich sein Schicksal in die Hände einer Rivalin legt und sie anfleht, ihr nicht den Mann zu nehmen. Auch für die Charaktere dieses Kinderhörspiels scheint das Lied eine besondere Bedeutung zu haben, und man muss nicht lange warten, bis der Song zum ersten Mal auf dem Akkordeon ertönt – gesungen von Madleine, einer Musikerin, die Jolene und Odysseus am Ufer treffen.

Jolene liebt das Lied über ihre Namensgenossin, diesen Eindruck könnte man zumindest ab dem Zeitpunkt gewinnen, an dem sie fröhlich mitsingt. Doch unerwartet werden die Beteiligten vom Gegenteil überzeugt, als Jolene lauthals kreischt, Madleine solle sofort aufhören: "Es ist verlogen, soll sie ihn doch zum Teufel schicken, diesen Vollidioten, wenn er diese Jolene lieber hat!" (00:22:30). Es scheint, als würde das Lied eine alte Wunde aufreißen, was in der Zuhörerschaft das Bedürfnis nach Antworten befördert, zugleich aber eine Mehrdimensionalität der Charaktere hörbar macht. Denn hinter ihrer Wut verbirgt sich Jolenes Enttäuschung über ihren leiblichen Vater, der ihr den Song als Gutenachtlied vorgesungen hat, um die Familie schließlich für eine neue Frau mit smaragdgrünen Augen zu verlassen. Deswegen freut sich nur ihre kindliche Seite, die noch an ihren Erinnerungen hängt, über das Lied.

Das Hörspiel fällt vor allem durch seine überwiegend diegetische Musik auf, die zunächst von Madleine durch ein Akkordeon erzeugt wird. Sie sitzt einsam am Ufer und begleitet ihren Liebeskummer mit einer melancholischen Melodie, die Jolene "ans Herz greift". Im Gegensatz zu Odysseus, der keinen Gefallen an der Musik findet, erscheint sie für die Zuhörerinnen und Zuhörer als ein beruhigendes Mittel der Darstellung einer Idylle, die durch das Plätschern der Isar und das Rascheln von Blättern unterstützt wird. Als Odysseus sich verläuft, trifft er zudem auf Dave, der auf dem Banjo ein englisches Liebeslied spielt und dazu seine Liebesgeschichte erzählt, in der er mit einem verrückten Mädchen musiziert. Seine Gefühle sind dabei so stark, dass er vor ihren Augen nur "terrible sounds" erzeugen kann.

Als das Duo Madleine und Dave sich am Ende der Nacht wiederfindet, entsteht ein neuer Song für Jolene – mit Akkordeon und Banjo. Die Musik stellt ein Verbindungselement auf allen Ebenen dar und erweist sich als das, was gute und schlechte Erinnerungen hervorruft, Halt gibt und Liebende zueinander führt. Somit dient sie im Hörspiel nicht nur der Untermalung, sondern bekommt eine zentrale narrative Funktion, über die vor allem die Gefühle der Figuren transportiert werden.

Doch auch Odysseus und Jolene übernehmen einige Erzählmomente. So bekommt man den Eindruck, dass Odysseus durch seine einleitenden Worte in jedes neue Kapitel die Rahmenhandlung erzählt, während Jolene die Rolle der Geschichtenerzählerin in der erzählten Welt übernimmt: Beispielsweise stellt sie eine Begegnung mit der Polizei als Kampf mit dem Zyklopen dar. Es scheint, als würde sie Homers Odyssee aufgreifen, in der die Helden ebenfalls gegen Ungeheuer und Naturgewalten kämpfen. Die Anspielungen auf die Odyssee, die sich während des gesamten Hörspiels wiederfinden, machen deutlich, dass Jolene für Odysseus eine mutige Begleitung darstellt, die ihm eine innere Stärke zutraut. Auch klingt die griechische Mythologie des mehrköpfigen dämonischen Hundes Kerberos an:

Sie hatten überhaupt keine Chance: Odysseus und seine Gefährtin flohen aus der Unterwelt. Ihnen dicht auf den Fersen Kerberos, der fürchterliche, sprechende Höllen-Flusshund. Wie eine große nachtschwarze Gewitterwolke kam er über sie. Schon blitzte sein gewaltiges Gebiss in der Finsternis, um in sie einzuschlagen. Da hielt der listige Odysseus in seinem rasenden Lauf inne und… (01:00:45)

In der Tat stellt die Begegnung mit dem Flusshund, der die Stimme eines Mannes und das Lachen eines Bösewichts besitzt, eine Gefahr für die Freunde dar. Dennoch lässt sich der vermeintliche Flusshund, der vielmehr eine Projektion der Kinder ist, nicht einordnen. Wo er sich noch mit ihnen, leicht emotional verkümmert, über sein Lieblingsbuch Herz der Finsternis sowie sein Weltbild unterhält, hört man ihn im nächsten Moment bissige Hundegeräusche nachahmen, mit denen er die Kinder fortjagt. Nach dieser unheimlichen Begegnung scheint der aus Englisch und Deutsch gemischte Song, der am Schluss für Jolene komponiert wird, passgenau: "Jolene, Jolene, Jolene, Jolene / wild, schlau and brave to the bone" (01:05:00).

Neben der musikalischen Rahmung vermitteln das Laufen auf dem Kies am Ufer und das immer anders klingende Flussrauschen das Gefühl einer authentischen Atmosphäre, die kaum durch Studioaufnahmen verwirklicht werden könnte. Und in der Tat bleibt das Hörspiel dem originalen Schauplatz treu, da es nachts an der Isar aufgenommen worden ist. Gleichzeitig wird die persönliche Entwicklung, die Odysseus in jener Nacht erlebt, vor allem durch geräuschhafte Eindrücke entfaltet. Hört man zu Beginn des Hörspiels die Ohrfeige, nach der er von zu Hause wegrennt, so vernimmt man am Ende der Nacht, wie er Jolene einen Kuss gibt. Der Kuss markiert eine Ablösung von der Familie, welche seinen Reifungsprozess befördert und dazu führt, dass er nach Hause zurückkehrt und sich dem Konflikt mit seinem kleinen Bruder stellt. Man kann den Eindruck gewinnen, dass das eigentliche Abenteuer nebensächlich wird. Vielmehr zielt die Handlung auf eine Krisenbewältigung der beiden Hauptfiguren ab, die durch die Nebenfiguren angestoßen wird und beide zueinander führt. Besonders rührend erscheint dabei ein Gespräch, bei dem Odysseus und Jolene über unterdrückte Gefühle reden.

Fazit

Eine Nacht mit Jolene ist ein Hörspiel, das von der Loslösung zweier Gleichaltriger von ihrem Elternhaus erzählt. Im Fall von Jolene erfolgt ihr Ablöseprozess unfreiwillig, da ihre Eltern sie wegen ihrer fehlenden Zuwendung vernachlässigen. Odysseus ist ebenfalls durch den Konflikt mit seiner Familie auf sich allein gestellt, wenn auch nur für eine Nacht. Zugleich erfahren sie gemeinsam durch ihr nächtliches Abenteuer eine Abwendung von ihrer Kindheit, die sich in einer zunehmenden Selbstständigkeit und kritischen Betrachtung ausdrückt. Die Hörerinnen und Hörer können diesen persönlichen Wandel durch narrative Elemente miterleben, die in Geräuschen und Musik aufgegriffen werden. Ein authentisches und einfühlsames Outdoor-Hörspiel, das für Kinder ab elf Jahren geeignet ist.

Titel: Eine Nacht mit Jolene (Hörspiel)
Autor und Regisseur: Kilian Leypold
Komposition: Magdalena Kriss, Dan Wall
Sprecherinnen und Sprecher: Sabine Bohlmann (Jolene), Xenia Tiling (Odysseus), Gunther Eckes (Mondangler), Thomas Gräßle (Flusshund), Stefan Murr (Polizist 1), Heinz-Josef Braun (Polizist 2), Magdalena Kriss (Madleine), Dan Wall (Dave), Kilian Leypold (Mann)
Dauer: 74 Minuten
Altersempfehlung: Ab 11 Jahren
Produktionsjahr: 2019
Produktion: BR

Erstveröffentlichung: 26.7.2021


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