von Dr. phil. Kirsten Kumschlies

Susanne Krones erzählt die Flucht von Olaf Hintze aus der DDR im August 1989 und schafft damit ein ergreifendes autobiographisches Portrait, das voller intertextueller Bezüge und historischer Dichte ist…

Krones, Susanne/Hintze, Olaf: Tonspur. Wie ich die Welt von gestern verließ.
dtv, München 2014.
327 Seiten, 14,95 Euro
ISBN 978-3-423-65005-2

Inhalt
"Ohne Freiheit ist Gerechtigkeit unmöglich": Das Zitat aus Stefan Zweigs Roman Die Welt von Gestern ist dem Buch Tonspur. Wie ich die Welt von gestern verließ als Motto vorangestellt. Zweigs Roman dient dem Protagonisten als Flucht- und Überlebenshilfe, ein literarisches Lebenselixier in der Extremsituation: Er verließ die DDR, seine Welt von gestern.  
Orientierung beim Weltenwechsel geben ihm Musiktitel von Künstlern wie Bruce Springsteen, David Bowie und vielen anderen, die den  Kapiteln jeweils ihre Namen geben: If you leave me now, Running up that hill…Olaf Hintze inszeniert literarisch mithilfe der Autorin Susanne Krones das eigene Leben als Tonspur. Die Tonspur, die ihn von Ost nach West führt und dem damals 25jährigen die Kraft gibt, seine Ausreisepläne in die Tat umzusetzen.
Ohne jemandem von seinen Plänen zu erzählen, schließt er sich im Sommer 1989 Freunden bei einer  Urlaubsreise nach Bulgarien an. Von dort aus reist er über Rumänien, Ungarn und schließlich Österreich in die Bundesrepublik.  

Der erste Teil des Buches schildert eindringlich die Flucht von Olaf Hintze, wobei der Fokus auf seinem inneren Erleben liegt, seinen Gedanken, seinen Gefühlen, seinen Ängsten – und damit immer wieder auf dem inneren Rekurs auf Stefan Zweig und den Zitaten aus Musiktiteln. Schon in diesen Buchteil mischen sich Kapitel, die von Hintzes Leben in der DDR erzählen, von seinen Motiven, das Land zu verlassen. Die Erinnerungen an das verschwundene Land stehen schließlich im Mittelpunkt der zweiten Buchhälfte, in der Hintze sich mit der Unfreiheit in der DDR auseinandersetzt. Weil er vor dem Eintritt in die NVA im betrunkenen Zustand eine DDR-Fahne vom Mast reißt und später nicht in die Partei eintreten will, ist es ihm verwehrt, bei der NVA eine Karriere als Funker zu beginnen. An ein Studium ist nicht zu denken, das DDR-Regime schränkt ihn massiv ein. 
Doch der erste Versuch, die Grenze zu übertreten, scheitert: Ungarische Grenzsoldaten greifen Olaf Hintze auf und bringen ihn zurück nach Ungarn, schweigend, ohne mit ihm zu sprechen. Hintze gibt nicht auf und versucht es wieder. Diesmal schafft er es und schlägt sich bis nach Wien durch. Sein Weg führt ihn weiter in die Bundesrepublik, wo er zunächst in verschiedenen Auffanglagern unterkommt.

Wenige Monate, nachdem Hintze die DDR verlassen hat, fällt die Mauer, der Erzähler erhält Besuch von seinen Eltern aus Erfurt. Das für diese Zeit geflügelte Wort "Wahnsinn" wird nun auch programmatisch für Hintzes Geschichte. Das Buch endet damit, dass der Protagonist sich seinen Traum erfüllt: Er studiert in München. Dafür muss er seine Beamtenstelle als Nachrichtentechniker im Staatsdienst aufgeben, die er in den ersten Jahren im Westen erlangt hat. Wieder eine Lebensentscheidung – für den eigenen Weg, die Freiheit, die Selbstverwirklichung, die ureigene Tonspur des Lebens…


Kritik
Susanne Krones und Olaf Hintze ist mit Tonspur ein besonderes Stück Wendeliteratur für Jugendliche gelungen, wobei sich der Text vielleicht eher als Zeitzeugendokument für jugendliche und erwachsene Leser einordnen lässt, keinesfalls als reine Jugendliteratur. Gerade Leser, die der Generation des Erzählers angehören, dürften sich von dem Buch in besonderer Weise angesprochen fühlen. Der Text zeichnet sich sowohl durch seine literarische Qualität (die vielen anderen Wenderomanen für junge Leser abgeht) aus, die mit den intertextuellen Bezügen, dem konjunktivistischen Erzählmodus und der Verschränkung der Zeitebenen verbunden ist.

Der Verlagslektorin Susanne Krones und Olaf Hintze, die sich in München beim Studium kennenlernten, haben ein eindrucksvolles Porträt der deutsch-deutschen Wendezeit vorgelegt, das sich durch eine feinsinnige Montagetechnik von Zeitebenen, Stefan-Zweig-Zitaten und Songtextzitaten auszeichnet. Behutsam hat Susanne Krones die literarischen und musikalischen Zitate in die Lebensgeschichte Hintzes eingeflochten. Auf diese Weise mischen sich die Berichte der spannenden und aktionsgeladenen Fluchtgeschichte mit philosophischen Überlegungen zur Freiheit und dokumentierter Historie, die das Leben in der DDR vor der Wende aufzeichnet. Die Tonspur wirkt bei dieser Konstruktion leitmotivisch, mit der sich jeder Leser verbinden kann, indem er sich die Frage nach der eigenen Lebens-Tonspur stellt. Herausgekommen ist dabei eine literarische und historische Suchbewegung, die sich an die Erinnerungen herantastet: die Suche des Protagonisten nach dem eigenen Lebensweg und der Frage nach der Freiheit generell. In der DDR konnte es keine Freiheit geben, das ist für Hintze durchweg klar. Deshalb wehrt er sich am Ende auch strikt gegen die Ostalgie-Welle, die in den 1990er Jahren aufkam.

Erzählt wird in der dritten Person, obwohl der Leser stets ganz nah am Innenleben der Hauptfigur ist, die Erlebnisse aus seiner Perspektive miterlebt. Nur an einigen zentralen Stellen kommt Olaf Hintze in Ich-Form selbst zu Wort: "Der Mauerfall war für mich ein unvorstellbares Ereignis. Wir hatten so lange gelernt, dass die Entwicklung vom Kapitalismus zum Sozialismus gesetzmäßig sei, dass das außerhalb aller Vorstellungen lag." (S.394). Durch diesen Erzählton hat der Leser einmal mehr das Gefühl, als tasteten die Autoren sich vorsichtig an das Erzählte heran, ein Eindruck, der sich durch mutmaßende Kommentare verstärkt: "All das könnte ihm durch den Kopf gegangen sein, als sich der Zug am 13. August 1989 der Grenze von Rumänien nach Ungarn näherte…" (S.34).

Fazit
Mit Tonspur ist dem Autorenduo ein besonderes Stück Wendeliteratur gelungen, das durch Authentizität und hohe Erzählqualität besticht und Mut macht, der eigenen inneren Stimme zu vertrauen und seinen Weg zu gehen. Das Buch, das als Buch des Monats Juni 2014 von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e.V. ausgezeichnet wurde, richtet sich sowohl an jugendliche als auch erwachsene Leser.

 


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