von Sabine Planka

Evening Spiker, genannt Eve, liegt nach einem schweren Unfall in der Klinik ihrer Mutter. Da sie sich langweilt, lässt ihre Mutter sie mit einem Computerprogramm spielen, das die Möglichkeit bietet, aufgrund genetischer Informationen einen Menschen 'zusammenzubauen'. Das hat ungeahnte Folgen für Eve und bringt ihr Weltbild völlig ins Wanken. Ein Roman über die Frage, wie weit genetische Manipulationen und Konstruktionen des Menschen gehen dürfen.

Grant, Michael/Applegate, Katherine: Eve & Adam
Aus d. amerikan. Engl. v. Wolfram Ströle.
253 S., 16,99 €
Ravensburger, Ravensburg 2013
ISBN 978-3-473-40104-8

Inhalt
Eve, Schülerin der elften Klasse, hat einen schweren Autounfall, bei dem ihr ein Bein abgetrennt wird. Kaum im Krankenhaus angekommen und operiert, erscheint ihre Mutter Terra Spiker, eine milliardenschwere Wissenschaftlerin mit eigener Klinik und Forschungseinrichtung, mit ihrem Helfer Solo auf der Bildfläche und verlangt die sofortige Verlegung ihrer Tochter in die eigene Klinik. Widerwillig wird diesem Wunsch entsprochen. Dort langweilt sich Eve, Arme und Beine sind bandagiert, so dass sie sich nicht bewegen und schon gar nicht ihrem Hobby, dem Zeichnen, nachgehen kann.

Um Eves Langeweile entgegenzuwirken, hat Terra ihrer Tochter, die nicht nur im Zeichnen, sondern auch in Genetik ein Ass in der Schule ist, eine zunächst spielerisch anmutende Aufgabe gestellt: Sie darf virtuell mit Hilfe eines Computerprogramms unter Berücksichtigung genetischer Dispositionen einen Menschen zusammenbauen. Langsam macht sie sich an die Arbeit, später wird sie durch ihre Freundin Aislin, die zu Besuch ist, ‚unterstützt‘. Zusammen puzzeln beide schließlich den perfekten Mann zusammen, den sie Adam taufen. Beobachtet werden die beiden dabei von Solo, der sich immer mehr mit Eve anfreundet, weil er sich in sie verliebt hat, der zugleich jedoch auch seine eigenen Ziele verfolgt. Er ist Ziehsohn von Terra, die seine Vormundschaft übernommen hat, da seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen. Er darf in der Klinik wohnen, im Gegenzug hilft er freiwillig in der Klinik aus.

Er ist es auch, der Eve dazu ermuntert, ihren Verband am Bein zu lösen: Zu ihrem Schrecken muss Eve feststellen, dass von der Operationsnarbe an ihrem Bein nichts mehr zu sehen ist. Solo klärt Eve auf: Eve kam mit einem Herzfehler auf die Welt, der trotz Operation tödlich verlaufen wäre. Doch ihre Eltern haben ihr ein Serum gespritzt, das zur umgehenden Heilung geführt hat. "Du bist ein Mod", stellt Solo fest (S. 111). Und führt weiter aus: "Du bist genetisch modifiziert." (ebd.) Doch auch Solo ist genetisch modifiziert. Eves Schockiertheit hat zum einen die Konfrontation mit ihrer Mutter zur Folge, die sich versucht zu erklären, zum anderen stürzt sie sich nun auf das Computerprogramm, an dessen Ende sie Aislin ihren künstlichen Menschen präsentieren kann.

Derweil wird für den Leser immer klarer, was Solo eigentlich beabsichtigt. Statt des Handlangers, der er vorgibt zu sein und der den Wissenschaftlern Getränke, Bagels und Muffins bringt, ist er der Sohn des ums Leben gekommenen Wissenschaftlerehepaares Plissken, die zusammen mit Terra an dem Serum zur genetischen Modifikation gearbeitet haben. Da Solo vermutet, dass Terra weiterhin entsprechende genetische Versuche durchführen lässt, durchsucht er heimlich die PC-Festplatten der Wissenschaftler – und wird fündig: Die Bilder der genetisch veränderten und verstümmelten Tiere will er zusammen mit Eve und Aislin von der Stadt aus ins Internet einspeisen, damit die Weltöffentlichkeit von diesen Versuchen weiß. Nach der Flucht aus der Klinik in der Stadt angekommen, taucht zur Überraschung aller plötzlich Adam als echter Mensch auf. Von Terra hat er den Auftrag erhalten, Eve zurückzubringen. Nach turbulenten Verwicklungen – Solo und Eve verlieben sich ineinander, während sich Aislin und Adam verlieben, bis alle schließlich in die Klinik von Eves Mutter zurückkehren – stellt sich heraus, dass nicht Terra 'die Böse' ist, sondern dass die Wissenschaftler, die in Terras Firma angestellt sind, die eigentlichen Übeltäter sind: Sie sind es, die hinter der Schaffung des künstlichen Menschen stehen und Adam zum Leben erweckt und damit die Arbeit von Solos Eltern fortgeführt haben.

Kritik
Michael Grants und Katherine Applegates Roman Eve & Adam bedient sich mit dem künstlichen Menschen eines Motivs, dessen Wurzeln sich bereits in der Antike finden lassen und das sich über Jahrtausende weiterentwickelt hat. Der Roman lässt sich im Speziellen in die Reihe der Bücher einordnen, die den genetisch modifizierten Menschen in den Fokus rücken und die Auswirkungen auf die eigene Entwicklung zeigen – immerhin befinden sich fast alle Protagonisten dieser Romane in der Pubertät, so auch Eve und Solo, die sich der Erkenntnis ihrer Verbesserung stellen müssen. Und obwohl Eve schockiert ist, so experimentiert sie doch zunächst an ihrem Computer-Kunstmenschen weiter herum, bis er vollendet ist. Eve wird so als Mensch gezeigt, der sein Tun nicht reflektiert, sondern emotional handelt und selten über eigene Handlungen nachdenkt. Denn auch als Adam ad personam vor ihr steht, fühlt sie sich zwar für ihn verantwortlich, überlässt ihn aber auch gerne Aislins Obhut, die nicht unbedingt durch Verantwortungsgefühl und Umsicht auffällt und sich mit Adam einen neuen, verlässlichen und beständigen Partner erhofft. Die Tatsache, dass seine Schöpfungsgeschichte auch Probleme verursachen könnte, blendet Aislin in der Phase der ersten Verliebtheit aus. Auf narrativer Ebene steht somit das Happy End von Eve und Solo sowie Aislin und Adam im Vordergrund. Mehr Profil gewinnt hingegen Solo, dessen Handlungsmotivation sich aus dem Hass auf Terra Spiker speist und auf dem Irrglauben beruht, dass sie für die genetischen Experimente, die er entdeckt hat, verantwortlich ist.

Auf narrativer Ebene greift der Roman auf das Phänomen Multiperspektivität zurück, das sich in vielen gegenwärtigen Jugendbüchern finden lässt – z.B. in Beth Ravis' Goodspeed und Sarah Crossans Breathe – und das verknüpft wird mit unterschiedlichen sprachlichen Modifikationen. Zunächst wird die Geschichte aus zwei Perspektiven erzählt, nämlich denen von Eve und Solo. Später kommt als dritte Perspektive Adam hinzu. An Intensität gewinnt diese Art des Erzählens, als der künstliche Mensch Adam selbst zu Wort kommt und das Geschehen und seine Gefühle selbst schildern kann und damit seiner Schöpferin Eve, aber eben auch Solo kontrastiv gegenübergestellt wird. Es scheint also zunächst eine klassische, in Romanen immer wieder aufgegriffene Dreiecksbeziehung zu sein (wie z.B. in Twilight oder auch Vampire Diaries): ein Mädchen muss sich zwischen zwei Jungen entscheiden. Und obwohl man vermuten könnte, dass Eves Wahl auf den von ihr geschaffenen Adam fällt, ist es schließlich Solo, an den sie ihr Herz verliert – und letztlich zu der Erkenntnis gelangt, dass Perfektion immer im Auge des Betrachters liegt.

Verhandelt wird – und das ist zentral in diesem Werk – die Frage, was ethisch-moralisch vertretbar ist. Terra erscheint ebenso zwiespältig wie ihre Tochter: Sie hat ihrer Tochter ein Medikament gespritzt, um sie heilen zu können, hat aber genetische Modifikationen an ihr in Kauf genommen. Sie hat persönliche Bedürfnisse über Gesetze und den Willen der Allgemeinheit gestellt, die genetischen Bearbeitungen des Menschen kritisch gegenüberstehen, und damit ihre Familie in Gefahr gebracht. Und Eve bastelt, obwohl sie selbst ein 'Mod' ist, an ihrem Adam weiter. Als zentral erweist sich hier auch das Motiv der Macht, das hier ausgespielt wird im Rahmen einer künstlichen, vom Menschen hergestellten Schöpfung, die er kontrollieren kann. So verwundert es kaum, dass Adam zunächst ein 'Spielzeug' von Eve ist und später zu einem Werkzeug Terras wird, die ihn benutzt, um Eve zu sich zurückzuholen. Diese Zwiespältigkeit, die in allen Bereichen zu erkennen ist und bestehen bleibt, da auch Adam weiter existiert, entpuppt sich aber als Vorzug für den Leser, dem so die Möglichkeit geboten wird, sich selbst eine Meinung zu bilden.

Einziger wirklicher, wenn auch winziger Wehrmutstropfen ist das Buchcover: Statt eines jungen Mannes ist eine Frau auf dem als Computerprogramm-Oberfläche gestalteten Cover zu sehen, bei der gerade die Augenfarbe ausgewählt wird. Das verwirrt und führt den Leser auf eine 'falsche Fährte', geht es doch im Roman und die Erschaffung eines Mannes und damit auch um eine Umkehrung der Schöpfungsgeschichte.

Fazit
Im Roman Eve & Adam greift das Autorenduo Grant und Applegate ein Thema auf, dass vor dem Hintergrund aktueller Gen-Debatten kaum an Aktualität einbüßt. Gezielt werden Fragen nach Ethik und Moral im Umgang mit neuen medizinischen Technologien aufgegriffen und umgesetzt. Und auch wenn die Protagonisten und ihre Handlungen stellenweise nicht ganz überzeugen, so ist Grant und Applegate doch ein Buch gelungen, das zum Nachdenken anregt und den Leser auffordert, sich vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Verantwortung und persönlichen Vorteilen zum Thema der genetischen Manipulation zu positionieren und eine eigene Meinung zu finden. Vor diesem Hintergrund der komplexen Thematik richtet sich das Buch an Leser ab ca. 15 Jahren.


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