Lindgren, Astrid: Mio, mein Mio

von Magdalena Steinhagen, B.A.

Unverhofft gelingt es dem neunjährigen Bo Vilhelm Olsson, seinem ungeliebten Stockholmer Alltag als Adoptivkind zu entfliehen. Im "Land der Ferne" kann er endlich seinem leiblichen Vater in die Arme fallen. Lange aber kann der Junge nicht in seiner neuen, heilen Welt verweilen, denn es wartet ein längst festgeschriebenes Schicksal auf ihn.

Lindgren, Astrid: Mio, mein Mio
Aus dem Schwedischen von Karl K. Peters
Oetinger Verlag, Hamburg 2008.
185 S., 12 €
ISBN 978-3789141676

Inhalt

Mit der Ankunft im "Land der Ferne" beginnt für Bo Vilhelm Olsson, dessen tatsächlicher Name Mio lautet, das Leben, das er sich immer erträumt hat: Er spielt im Rosengarten seines Königsvaters, bekommt das Pferd Miramis geschenkt und regelmäßig wird mit einem Strich an der Küchentür gemessen, wie viel er gewachsen ist. Einzig Benka fehlt ihm, sein bester Freund aus der Welt, die er verlassen hat. Immer wieder denkt er aber auch an sein altes, kaltes Zuhause und seine Pflegeeltern zurück:

"Er [mein Vater, der König] hielt mich an der Hand, während wir gingen. Tante Elda und Onkel Sixten hatten mich nie an der Hand gehalten. Niemand hatte mich jemals zuvor an der Hand gehalten. Und deshalb war es so wundervoll, hier zu gehen und meine Hand in der Hand meines Vaters des Königs, zu spüren, obwohl ich ja eigentlich zu groß dafür war."

Die Hauptfigur, die ursprünglich ein tristes und liebloses Leben als Außenseiter führte, erfährt in der neuen Welt Akzeptanz und die Zuneigung seines Vaters. Gemeinsam mit seinem neuen besten Freund Jum-Jum durchstreift er das Königreich und sammelt erste Schätze, die ihn auf den Kampf gegen das Böse vorbereiten. Mio durchläuft einen Wandel hin zum mutigen Helden.

Die Idylle im "Land der Ferne" wird jedoch durch einen Störenfried beeinträchtigt: Ritter Kato. Er raubt Kinder und verwandelt sie in Vögel. Das Nennen seines Namens lässt Schmetterlinge sterben und Felsen bersten:

"Ich sagte: "Ritter Katos Land!" Da zitterte Miramis, als fröre er, und große Felsblöcke lösten sich von der Bergwand und stürzten krachend in das Tal hinunter."

Prinz Mio und Jum-Jum machen sich schließlich auf den Weg, um den Feind zu bezwingen. Immer wieder geraten sie in höchste Gefahr auf der Flucht vor den Spähern des Ritters. Letztendlich tritt Mio seinem Feind entgegen und befreit seine neue Heimat von Ritter Katos Herrschaft.

Kritik

Astrid Lindgren, die Autorin des von Ilon Wikland illustrierten Kinderbuchs Mio, mein Mio, gehört zu den bekanntesten Schriftstellerinnen der Kinder- und Jugendliteratur. Mio, mein Mio (1954) orientiert sich an der von Anna Maria Roos 1908 veröffentlichten Geschichte Prinz Florestan oder die Geschichte vom Riesen Bam-Bam und der Fee Viribunda, die die Autorin bereits als Kind faszinierte. 1956 wurde Mio, mein Mio mit dem Deutschen Jugendpreis ausgezeichnet. Zu den zahlreichen Adaptionen gehört die deutsche Theateruraufführung 1979 am Theater für Kinder in Hamburg und die Filmadaption des russischen Regisseurs Vladimir Grammatikov (1987, mit dem späteren "Batman"-Darsteller Christian Bale in der Rolle des Jum-Jum und Christopher Lee als böser Ritter Kato).

Die Abenteuer Mios werden aus der Sicht des kindlichen Ich-Erzählers erzählt, ähnlich wie in Lindgrens Roman Die Brüder Löwenherz. Die Hauptfigur erzählt in Rückblicken das Erlebte. Die Handlung wird zügig wiedergegeben, ein Abenteuer folgt auf das nächste. Damit kommt der Erzählstil von Mio, mein Mio den Lesebedürfnissen kindlicher Leser entgegen. Besonders eingängig sind beständig wiederholte Beschreibungen und Bezeichnungen, die der Erzähler verwendet: So nennt Mio seinen Vater stets "mein Vater, der König", und er selbst fühlt sich häufig "klein und einsam". Auch die wiederholte, titelgebende Anrede des Vaters "Mio, mein Mio" trägt zur Leitmotivik und zum poetischen Charakter des Erzähltexts bei.

Eine weitere Lindgren-typische Parallele zum Text der Brüder Löwenherz, aber auch zu anderen ihrer Erzählungen, findet sich darin, dass die Kinder ihre Abenteuer weitab von Vätern und Müttern gleichsam im "eltern-fernen” Raum erleben und eigenständig alle Herausforderungen und Gefahren meistern.

Doch Mio, mein Mio erzählt nicht nur davon, wie Kinder ohne Erwachsenenhilfe auch große Herausforderungen meistern können: Zugleich erzählt Lindgren von der kindlichen Sehnsucht, von den eigenen Eltern geliebt und geachtet zu werden. Mio, mein Mio ist ein kindlicher Bildungsroman: Rührend ist der Held, klein und einsam, der die Geborgenheit bei seinem Vater liebt – bald aber fort geht, um gegen den Widersacher Kato zu kämpfen. Erst nachdem die Gefahren gemeistert sind, kann der Junge wieder zurück in die Arme seines Vaters zurückkehren, der ihn liebt und den er liebt.

Fazit

Lindgrens Erzählung ist nicht nur aufgrund der für Kinder attraktiven Abenteuergeschichte empfehlenswert, sondern auch wegen ihrer literarischen Qualitäten: Dank des einfühlsamen und leicht verständlichen Erzählduktus ist das Buch ideal für Kinder ab acht Jahren.

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