von Stefanie Groß

Eine aufgeblasene Tante, ein entflohener Mörder und ein böses Todesomen – Joanne K. Rowlings dritter Harry Potter-Band Harry Potter und der Gefangene von Askaban verspricht wieder spannende Unterhaltung und ein neues Abenteuer des berühmtesten Zauberlehrlings der Welt.

Rowling, Joanne K.: Harry Potter und der Gefangene von Askaban.
Aus dem Englischen von Klaus Fritz.
Carlsen, Hamburg 1999.
448 Seiten. 16,90 €.
ISBN 978-3551551696.

Inhalt

Harry Potter hat es wahrlich nicht leicht. Auch sein drittes Schuljahr in Hogwarts hält allerlei neue Gefahren und Herausforderungen für ihn bereit: Wie soll er sich bloß auf die Pokalmeisterschaft im Quidditch und seine Schuljahresprüfungen konzentrieren, wenn der offensichtlich verrückte Mörder seiner Eltern aus Askaban ausgebrochen und auf der Suche nach ihm ist?

Mit Hilfe von Ron und Hermine entdeckt Harry bald, dass zwischen ihm und dem Entflohenen Sirius Black eine besondere Verbindung besteht. Es geht um den tragischen Tod von Harrys Eltern, um Verrat, Schuld und Rache. Doch damit kennen die drei noch nicht einmal die halbe Wahrheit …

Als besonders spannend entpuppt sich das neue Unterrichtsfach 'Wahrsagen' bei der sonderbaren Professor Trelawney, die den armen Harry mit ständigen Todesomen ebenso nervös macht wie mit ihrer Feststellung, er habe die kürzeste Lebenslinie, die sie jemals gesehen habe. Was für Aussichten für Harry!

Der dritte Band der beliebten Harry-Potter-Reihe bildet den Übergang von den ersten beiden eher kindlichen Romanen zu den nun deutlich ernster und düsterer werdenden Folgebänden.

Kritik

Figuren

Die innige Liebe der Autorin zu ihren Figuren bis hin zu den Nebencharakteren äußert sich in präzisen Beschreibungen und einer detaillierten Erzählweise. In Harry Potter und der Gefangene von Askaban erfährt der interessierte Leser mehr über Harrys Vorgeschichte. Mit den angesprochenen Themen von Verrat und Rache werden deutlich ernsthaftere Themen angesprochen als in den ersten beiden Potter-Bänden.

Gleichzeitig wird Harry nun auch merklich erwachsener. Er erfährt mehr Einzelheiten über den tragischen Tod seiner Eltern, muss eigene Entscheidungen treffen und gegen die eigenen Rachgelüste ankämpfen.

Joanne K. Rowling zeichnet hier eine Entwicklung des Helden, der nun kein Kind mehr ist, aber auch noch kein Teenager. Vielmehr befinden sich Harry und seine Freunde in der Übergangsphase von der späten Kindheit zur frühen Teenagerphase. Charmant ist dabei die Tatsache, dass Harry zwar magisch begabt und berühmt ist, aber dennoch wie jeder andere Schüler für jeden neuen Zauber lernen muss. Dass dabei neue Zauber auch erst einmal schief gehen, macht ihn zu einem sympathischen Protagonisten. Seine Neigung zum Brechen von Schulregeln zeigt Harry als einen Protagonisten, der seine Stärken und Schwächen hat und so vom Bild eines idealisierten Helden abweicht.

Er ist ein wenig faul in der Schule, handelt nicht immer vernünftig und muss sich neben den Hausaufgaben und dem Quidditchtraining bei einem übermotivierten Mannschaftskapitän auch noch mit seinem Lieblingsfeind Draco Malfoy herumschlagen.

Harry und seine Freunde stellen gute Identifikationsfiguren dar, ihre Entwicklung ist nachvollziehbar, aber nicht übertrieben dargestellt. Noch immer ist Hermine die vernünftigste der Dreierclique. Ron ist loyal und sorgt so manches Mal für herrlich amüsante Situationskomik. Auch die lieb gewonnenen Nebencharaktere der ersten beiden Bände tauchen wieder auf, was den Wiedererkennungswert enorm steigert. So ertappt man sich zum Beispiel bei der Frage, wie Neville dieses Jahr bloß den Unterricht von Professor Snape überstehen soll oder wann Draco Malfoy wohl mit seinem Vater drohen wird.

Im neuen Lehrer für 'Verteidigung gegen die dunklen Künste', Professor Lupin, findet Harry eine neue Bezugsperson, die auch in den folgenden Bänden eine wichtige Rolle spielen wird. Und mit Sirius Black als geheimnisvollem Mörder stellt Rowling einen weiteren neuen Charakter vor, der ebenfalls in enger Beziehung zur Figur Harrys steht.

Motivik und Erzählstil

Auch im dritten Band der Heptalogie schafft Rowling erneut die gelungene Verbindung von Alltagswelt und magischer Zauberwelt in Hogwarts und befriedigt damit die Bedürfnisse nach Eskapismus und imaginativer Entlastung ihrer jungen und älteren Leser.

Der Hauptschwerpunkt des Erzählens liegt dabei aber immer auf der magischen Welt des Zauberinternats Hogwarts, die soviel spannender und phantasievoller als die nicht-magische Welt gestaltet ist.

Als interessant erweist sich, wie schon in den Vorgängerbänden, das Hineinspielen der alltäglichen Welt in die magische, die Verflechtung beider Welten. So wählt Hermine beispielsweise das Unterrichtsfach 'Muggelkunde' und auch die gesellschaftlichen und politischen Systeme beider Welten ähneln sich in ihren Grundstrukturen.

Gleichzeitig hat die Geschichte den Charme einer Internatsgeschichte, wobei der Unterricht mit Fächern wie 'Verwandlung für Fortgeschrittene', 'Wahrsagen' und 'Zaubertränke' um einiges phantasievoller gestaltet ist. Denn ein ganz alltägliches Leben führen Harry und seine Freunde eben doch nicht.

Rowling arbeitet mit einer Vielzahl von klassischen Motiven der Kinder- und Jugendliteratur: Harry ist als Waisenkind und Außenseiter in seiner Ziehfamilie, den Dursleys, zugleich ein magisch begabter Junge, der noch dazu auserkoren ist, Retter der Zaubererwelt im Kampf gegen das Böse zu werden. Um sein Ziel zu erreichen, muss er auch im dritten Band erst einmal ein Abenteuer mit Hilfe seiner beiden treuen und loyalen Freunde bestehen.

Auch Märchenmotive und Phantastisches kommen nicht zu kurz. So lernt der Leser zum Beispiel neue Fabelwesen wie Hagrids Hippogreif Seidenschnabel kennen. Auch die unheimlichen Dementoren, welche das Gefängnis in Askaban bewachen, haben hier ihren ersten Auftritt.

Sprachstil

Rowling schafft es, realitätsnah und spannend zu erzählen. Harry und seine Freunde bedienen sich einer Umgangssprache ohne viele Metaphern und sprechen altersgerecht, während die Lehrer und andere erwachsene Personen wie typische Erwachsene sprechen. Durch diese jugend- und erwachsenengerechte Sprache werden Rowlings Figuren glaubwürdig, eine Identifizierung gelingt schnell. Gleichzeitig erklärt sich dadurch die Faszination, welche die Harry Potter-Reihe auch auf ältere Leser auszuüben vermag.

Das Lesevergnügen wird dadurch verstärkt, dass Rowling sich in ihrer Erzählweise einer feinen Ironie bedient. Diese ist ebenfalls altergerecht gestaltet, etwa wenn Ron auf Hermines Warnung, mit Harrys neuem Besen nicht zu fliegen, mit der Gegenfrage antwortet, was er denn damit sonst machen solle, etwa fegen? Rowlings Sprachkomik ist pointiert und unterhaltsam.

Fazit

Die offizielle Altersempfehlung des Verlages beschränkt sich auf Leser von 10 bis 12 Jahren, jedoch werden auch ältere Leser mit dem Roman ihren Spaß haben: Rowling schreibt originell, unterhaltsam und spannend und dies auf hohem sprachlichen und erzählerischen Niveau. Harry Potter und der Gefangene von Askaban vermag es, seine Leser von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln, was auch daran liegt, dass die spannungsreiche Handlung, die viele Wendungen und Überraschungen parat hält, auf 448 Seiten kongruent und schlüssig erzählt wird.


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