von Alina Pawlowski

Hamster, Sekundenkleber, Übergewicht; Honigmilch und Seifenblasen. Dazu noch ein Riesenkind, ein Regenpferd und ein Seewurm. 

Was zuerst klingt wie eine wahllose Aufzählung von Wörtern, ist tatsächlich ein kleiner Einblick in das Buch Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her von Uwe-Michael Gutzschhahn. Dort nimmt besagter Herausgeber der Fantasie auch die letzten Grenzen und entführt den Leser in eine Welt thematischer Zusammenhangslosigkeiten, die das Potential birgt, nicht nur Kinder ab sechs Jahren zu begeistern

Grutzschhahn, Uwe-Michael: Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her. Das dicke Buch vom Nonsens-Reim. Mit Illustrationen von Sabine Wilharm

cbj, München 2015.

192 Seiten. 19,99 €
ISBN 978-3-570-15971-2.
Empfohlen ab 6 Jahren.

 

Inhalt

"Manchem ist der Sinn ein Hindernis, manchem gibt das Hindernis Sinn." 

Obwohl Manfred Hinrich diese Worte zu einer anderen Zeit und in einem anderen Zusammenhang benutze, so passen sie auf dieses Buch, als wären sie dafür geschrieben worden. Der Leser schwimmt, Hand an Flosse, mit dem Hinundhering durch ein Meer voller Wortspiele und Reime, die thematisch miteinander so viel zu tun haben wie Schokolade und Salat; nämlich nahezu gar nichts. 

Auf über 190 Seiten lassen sich mehr als 150 Kurzreime, Gedichte und andere literarische Schöpfungen von verschiedensten Persönlichkeiten wiederfinden. Dabei schreckte Gutzschhahn bei der Auswahl der Werke weder vor großen Namen wie Christian Morgenstern oder Gotthold Ephraim Lessing zurück noch störte er sich daran, Komiker wie Otto Waalkes zu integrieren, oder auch gänzlich unbekannte Autoren in seine Sammlung aufzunehmen. Die bunte Reise, auf die der Leser geschickt wird, lässt ihn nicht nur Städte wie Paris sehen, sondern führt ihn auch mal, völlig unerwartet, auf eine feierliche Hochzeit mit Gummibärchen. Für die ganz Mutigen sind auch weitentfernte Reiseziele dabei – denn bei Gutzschhahns Sammlung hat der Leser die Chance, Orte wie das Königreich im Nirgendwo zu besuchen.

Kritik

Er suchte, er wählte, er siegte. Uwe-Michael Gutzschhahn hat mit seinem Buch Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her, das mit dem Zusatz Das dicke Buch vom Nonsens-Reim versehen ist, eine erlebnisreiche und komische Sammlung lyrischer Kunststücke herausgegeben. Gutzschhahn, bekennender Nonsens-Fan, gab schon 2012 ein Buch mit dem Titel Unsinn lässt grüßen heraus, das ähnlich positiv rezipiert wurde, wie nun das Buch vom Nonsens-Reim. Dass es sich bei seinem aktuellsten Werk um ein wahrlich einzigartiges Erlebnis handelt, ist auf den ersten Blick jedoch eher schwerlich zu erkennen. 

Das Buch, das 192 Seiten umfasst, kommt in einem Einband aus mehrfach gepresster Pappe daher. Die Illustration auf dem Cover, die einen Hering mit Schlips und Regenschirm zeigt, passt optimal zu dem Titel des Buches. Leider lässt die Wahl der Farben Rot und Grün, die auf dem schlichten Pappuntergrund eher langweilig wirken, die gelungene Zeichnung ein wenig untergehen. 

Betrachtet man das Cover genauer, so fällt auf, dass der Leser auf den Namen Sabine Wilharm aufmerksam gemacht wird. Wer zuerst eine Autorin dahinter vermutet, liegt falsch, denn es handelt sich um die Illustratorin des Werkes. Diese hinterlässt durch ihre aufwendigen Bebilderungen auf jeder Seite des Buches ihre Spuren und haucht so jedem Gedicht eine Brise Leben ein. 

Auf der ersten Seite lässt sich feststellen, dass Gutzschhahn und Wilharm ihre Sammlung als etwas Spaßiges inszenieren und präsentieren wollen, denn dort heißt es "Komisch herausgegeben von Uwe-Michael Gutzschhahn" und "Sinnlos illustriert von Sabine Wilharm". Der Sinn des Buches ist nämlich genauso simpel, wie er sich anhört: spaßig. Gutzschhahn möchte, laut eigener Aussage, dass die Menschen wieder Spaß an Gedichten beziehungsweise an Sprache allgemein haben. Dies umschreibt er ausführlich in seinem "Schlusssatz", der, passenderweise völlig sinnfrei, tatsächlich ein Schlusskommentar ist, und sich über die Seiten 182 und 183 erstreckt. Dort erklärt er auch, weshalb er sich für eine Auswahl an Nonsens-Gedichten entschieden hat. Auf Seite 182 schreibt Gutzschhahn: "Und weil dem Sinn so bewusst aus dem Weg gegangen wird, bekommen wir als Leser plötzlich Spaß an Gedichten". Für Interessierte, die gerne mehr über den Autor wissen möchten, bietet der Schlusssatz eine hervorragende Möglichkeit dazu.

Beim ersten Blick auf das Inhaltsverzeichnis fällt auf, dass es zwar eine Einteilung in fünf Kapitel, nebst Vor- und Nachspiel, gibt, diese jedoch keinerlei tieferen Sinn ergeben. Bis auf die Einteilung von dreißig Gedichten pro Kapitel, erschließt sich keine Logik. Da der Mensch dazu neigt, sofort einen Sinn hinter allem zu suchen und zwar selbst dann, wenn der Titel impliziert, dass es dort nichts zu holen gibt, erscheint die Einteilung anfangs verwirrend. Bedenkt man jedoch, dass die eigentliche Zielgruppe des Buches Kinder sind, so fasst man sich als Erwachsener an den Kopf und schmunzelt über die eigene Verbissenheit, einen Sinn finden zu wollen. 

Wie bereits angerissen, hat die Nonsens-Reimsammlung thematisch keinen Schwerpunkt. Herausgeber Gutzschhahn, der auch selber zwei Gedichte aus eigener Feder in das Werk eingebracht hat, bedient viele Interessengebiete und lässt fast keine Wünsche offen. Ähnlich verhält es sich mit der Art der Poesie selbst. Von zwölf Strophen Gedichten mit klarem abab-Reimschema wie Dunkel war’s, über onomatopoetische Wortkompositionen wie die Trippeltrappeltreppe, bis hin zu Wortspielen, die sich der Doppeldeutigkeit bedienen, wie in Achtung!, ist in diesem Sammelwerk alles vertreten. Bei so viel Sinnfreiheit und stumpfem Humor findet sich der Leser nicht nur einmal laut lachend vor dem Buch wieder. 

Kritisch hinterfragen könnte man höchstens die Altersempfehlung des Verlages, der das Buch als angemessene Lektüre für Kinder ab sechs Jahren ansieht.

Das Buch bietet sich als lustiger Einstieg in die Poesie für Kinder an, damit diese von Beginn an lernen, dass Sprache Spaß machen kann. Die Illustrationen und die Überschriften der Gedichte lassen keinen Zweifel daran. Zweifel keimen erst auf, wenn man vereinzelt auf Werke trifft, die man als Erwachsener unweigerlich als problematisch einstufen würde.

Beispielhaft dafür wäre das Gedicht Kleines Gedicht für große Stotterer: ein Gedicht im Stile einer stotternden Person. Dort heißt es im ersten Vers wortwörtlich: "Ein Fischge – fisch, ein Fefefefefischgerippe". Dieser Stil wird in dem Gedicht durchgängig beibehalten. Natürlich finden Kinder das witzig. Aber ist es denn auch noch witzig, wenn sie anfangen, Kinder oder Erwachsene mit dieser Sprachstörung auszulachen oder nachzumachen, eben weil das Buch ihnen vermittelt, dass es lustig ist? Vermutlich nicht. Möchte man diesem Gedicht dennoch etwas Positives und vermeintlich pädagogisch Wertvolles abgewinnen, so könnte man argumentieren, dass ein Gedicht in diesem Stil gerade für stotternde Kinder eine große Hilfe sein kann, da sie sehen, dass Stottern keinerlei Beeinträchtigung, sondern sogar Kunst sein kann. 

Möchte man weiterhin etwas kritisieren, so könnte man zum einen den Beitrag von Otto Waalkes auf Seite 46 als zu wenig kindgerecht und zu obszön einstufen, da er hier den Paarungsvorgang von Hamstern ausführlich beschreibt. Dabei benutzt er Umschreibungen wie "Treiben sie es Bienen gleich, vorne hart und hinten weich" oder auch "Tun sie's hängend wie die Glocken oder wie der Wal beim Hocken", die für Kinder ab sechs Jahren eher ungeeignet erscheinen. Zum anderen könnte das Gedicht von Hans Magnus Enzensberger auf Seite 31 als nicht mehr zeitgemäß bewertet werden, da ein Begriff in dem Gedicht heutzutage als Schimpfwort benutzt wird ("Mit scheußlichen Fotzen"). Die angeführte Kritik schmälert nicht die insgesamt positive Bewertung des Buches. Daher überrascht es wenig, dass Gutzschhahns Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 nominiert wurde. In der Jurybegründung heißt es wortwörtlich: "Dem Herausgeber Uwe-Michael Gutzschhahn gelingt damit eine ebenso lehrreiche wie unterhaltsame Zusammenstellung, die vom Rhythmus und Klang der Sprache zeugt".

Fazit

Insgesamt haben Gutzschhahn und Wilharm eine absurd-komische, brillante Sammlung dichterischer Meisterwerke auf dem Gebiet der Nonsens-Poetik zusammengestellt, die auf Grund ihrer spielerischen sprachlichen Gestaltung nicht nur für Kinder ab sechs Jahren, sondern auch für erwachsene Poesie-Einsteiger und eingefleischte Lyrik-Liebhaber einen wahren Genuss darstellt.

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