von Kjara von Staden

Eine Muse sein und verschrobenen und undankbaren Künstlern zu Inspiration und Erfolg verhelfen? Und dafür das eigene Leben hinten anstellen? Niemals, ist die Antwort von Jung-Muse Apollonia Parker. Ausgerechnet Muse von Carola Wolff zeigt Jugendlichen, wie man sich selbst akzeptiert und seiner Bestimmung folgt.

Wolff, Carola: Ausgerechnet Muse
Fabulus-Verlag, Fellbach 2017.
350 Seiten. 16,95 €
ISBN 978-3-944788-46-3.
Empfohlen ab vierzehn Jahren.

Inhalt

Die 17-jährige Apollonia Parker ist eine Muse. Das bedeutet, dass sie aufgrund ihrer göttlichen Vorfahren Künstlern jeder Art Inspiration und Kreativität schenken kann. Verbindet sie sich mit einem kreativen Kopf, muss sie ihm immer zur Seite stehen und ihn in seinem Schaffen unterstützen bis dieser genug Erleuchtung angesammelt hat. Für Musen ist die Erfüllung ihres Daseins, einen Schöpfer von Meisterwerken auf seinem Karriereweg zu begleiten. Für Apollonia ist es der Inbegriff der Sklaverei. Sie will lieber mit ihrem Motorrad durch Schottland fahren und frei sein. Denn so werden wie ihre Mutter Miranda will sie auf keinen Fall. Diese stolpert von einer Musen-Verbindung zur anderen und vergisst dabei mehr als einmal, dass sie noch eine Tochter hat. Als Apollonia sich durch einen Zufall mit ihrem Schulkameraden und passioniertem Sänger Nick verbindet, will sie nichts lieber, als diese Fesseln sofort zu durchtrennen. Dazu lässt sie sich auf den Medienmogul Viktor Tyrell ein, der ihre Musengabe entfernt. Natürlich tut dieser nichts ohne Hintergedanken: Er führt sein Unternehmen HeavenlyMedia nur so erfolgreich, weil er seinen Kunden Schöpferkraft verkauft und so die Medien kontrolliert. Genau dies will er auch mit Apollonias Gabe tun. Diese fühlt sich nach dem Eingriff jedoch leer und unkreativ. Sie ist nicht einmal mehr imstande, in eine fiktive Buchwelt einzutauchen. Zusammen mit ihrer Mutter, Nick und ihrem Mentor Lyngx versucht sie nun, sich ihre Fähigkeiten zurückzuholen. Doch Tyrell ist ein mächtiger Geschäftsmann, der niemals wieder etwas herausrückt, das ihm gehört.

 

Kritik

Ausgerechnet Muse ist aus zwei verschiedenen Perspektiven erzählt: aus Apollonias und aus Nicks Sicht. Dabei beschäftigt sich der Roman vor allem mit dem Thema Selbstakzeptanz. Apollonia, die sich selbst Parker nennt, weil sie ihren musisch klingenden Namen nicht ausstehen kann, verweigert sich zu Beginn von Ausgerechnet Muse vollständig ihrer Bestimmung. Sie betrachtet das Leben ihrer Mutter als abschreckendes Beispiel und verschließt sich dem Gedanken, dass es noch einen anderen Weg geben könnte, ihre Gabe auszuleben. Sie trägt ausnahmslos eine klobige Lederjacke, um ihr Pegasus-Tattoo, das als Symbol ihrer Abstammung auf ihrem Oberarm prangt, zu verstecken. Auch den sprechenden Raben Lyngx, der als Apollonias Mentor fungiert, lehnt sie ab, obwohl er sie schon ihr ganzes Leben begleitet. Erst als sie ihre Gabe verkauft, erkennt Apollonia, dass das Musen-Dasein ein Teil von ihr ist. Sie beginnt, sich selbst zu akzeptieren und ihr Schicksal anzunehmen. Ganz anders ist da Nick, dessen Mutter ihn lieber als gut situierten und fleißigen Studenten der Medizin oder Jura sehen will und nicht als brotlosen Straßenmusikanten. Doch Nick weiß genau, was er will und lässt sich von niemandem von seinem Traum abbringen. Die Autorin schafft mit Apollonia somit ein hohes Identifikationspotential für alle Jugendlichen, die die ein oder andere Eigenschaft an sich selbst ablehnen und nicht imstande sind, sich selbst als Ganzes anzuerkennen. Nick symbolisiert indessen den Glauben an sich selbst, den man nie aufgeben sollte und die Fähigkeit, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Der Roman arbeitet deshalb mit vielen Lebensweisheiten und versteckten Ratschlägen für Teenager, die sich gerade in ihrer Selbstfindungsphase befinden. Die Erzählweise dabei ist geprägt von hoher Bildhaftigkeit, Kreativität und Poesie. So drückt sich Lyngx oft durch Goethe-Zitate aus: "Was nützt mein Gedicht, o Muse, wenn es den Edlen weckt, in dem Augenblick, in dem er sich selbst vergisst." (S.26). Diese muss der Leser erst einmal interpretieren und baut dabei seine Fähigkeit aus, Metapher zu verstehen. Außerdem werden im Text wiederholt Liedzeilen aus Nicks Songs zitiert. An diese wird auch immer wieder angeknüpft, da sie sowohl für Nick als auch für Apollonia eine große Bedeutung haben. Denn in seinem Song "Raven Girl" geht es um seine Muse und ihren Wunsch, frei zu sein. Die Autorin verwendet zudem in den Kapiteln aus Nicks Perspektive immer wieder plastische Vergleiche von Gefühlen oder Körperteilen mit Musikbegriffen. "(…) dunkles Haar und rote Lippen, die so weich aussahen wie ein sanfter Moll-Akkord." (S.247).

So wird auch immer wieder die Wichtigkeit der Kunst für die Menschen betont. Nick drückt sich durch seine Melodien und Texte aus, er lebt für die Musik. Seine Lieder werden immer wieder als etwas beschrieben, das einen großen Teil seines Selbst ausmacht, genau wie die Musengabe unweigerlich zu Apollonia gehört. Wolff weist an mehreren Stellen darauf hin, dass die Welt ohne die verschiedenen Künste leer und kalt wäre. Darüber hinaus übt die Autorin zusätzlich ein wenig Gesellschaftskritik. Zum Ende des Romans erläutert Antagonist Viktor Tyrell seine Medienstrategie: Er wickelt die Bevölkerung mit stumpfen und sinnlosen Fernsehsendungen wie Deutschland sucht den Superstar ein und erweckt damit in ihnen die Hoffnung, etwas Besonderes sein zu können. Gleichzeitig vermittelt er ihnen mit vor falschen Tugenden strotzenden Serien wie Germanys Next Topmodel, dass man sich an von der Gesellschaft auferlegte Schönheitsideale halten muss. Carola Wolff zeigt an dieser Stelle zwar schon bekannte Fehler der Gesellschaft auf, richtet ihren Appell jedoch gekonnt an die jugendlichen Leser.

Schwächen weist der Roman dagegen in der Ausgestaltung der Nebenfiguren auf. Während Apollonia und Nick sehr authentisch wirken und hinsichtlich ihres Charakters gut beleuchtet werden, erfährt der Leser leider sehr wenig über die Menschen im Umfeld der beiden Protagonisten. Miranda wird erst zum Ende des Romans etwas greifbarer, auch wenn die Wandlung von einer ständig abwesenden zu einer sich sorgenden und um das Wohl ihrer Tochter bemühten Mutter etwas mehr Erklärung bedurft hätte. Apollonias "Schraubermentor" und passionierter Biker Wolf, der für Miranda schwärmt, wird zudem nur durch seine Liebe zu Motorrädern charakterisiert. Und Nicks Mutter bleibt nur eine verschwommen dargestellte Figur mit angedeuteter Vergangenheit und ausschließlich negativen Eigenschaften. Hier hätte man deutlich mehr aus den Personen herausholen können. 

Fazit

Carola Wolff kreiert mit Ausgerechnet Muse einen Roman, der Jugendlichen ab vierzehn Jahren die Wichtigkeit von Selbstakzeptanz aufzeigt. Durch die Bezüge auf die griechische Mythologie erscheint der Text wie eine Hymne auf die Schönheit und Bedeutsamkeit von Kunst für die heutige Gesellschaft. Obwohl die Nebenfiguren etwas flach erscheinen, kann Ausgerechnet Muse schlussendlich durch seine Bildhaftigkeit, wichtige Lebensweisheiten und die Kritik an der Tendenz zur stumpfen Unterhaltungsgesellschaft überzeugen.

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