von Michael Fassel

Raus aus dem eintönigen Arbeitsalltag eines Lehrjungen bei einem Schneider in Soho und rein ins pulsierende Leben der irisierenden Künstlerwelt im Viktorianischen London: Dem fast siebzehnjährigen Adrian Mayfield gefällt sein neuer Platz zwischen Malern und Schriftstellern nicht zuletzt deshalb, weil er sich zu Männern hingezogen fühlt. Ungeachtet aller Gefahren, die seine gelebte Homosexualität im Großbritannien des Jahres 1894 mit sich bringen könnte, träumt er von einem besseren Leben. 

Zwigtman, Floortje: Ich, Adrian Mayfield.

Aus dem Niederländischen von Rolf Erdort
Gerstenberg, Hildesheim 2005.
508 Seiten. 16,90 €
ISBN 978- 3- 836 -95732-8
Empfohlen ab 16 Jahren.

Inhalt

London im Jahr 1894 - der adoleszente Adrian Mayfield muss selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen. Die Mutter ist tot, der Vater alkoholabhängig. Als Adrian seinen Job bei einem Maßschneider verliert, bietet ihm der Kunsthändler Trops eine Anstellung als Modellsitzer in seinem Atelier. Er wird Teil einer schillernden Künstlerwelt, deren Freizügigkeit und Dekadenz ihn fasziniert. Erstaunt registriert er seine Zuneigung zu Männern. 

Trops führt Adrian in homoerotische Geheimnisse ein und nimmt ihn mit zu den Kreisen um den Schriftsteller Oscar Wilde, um den sich die reichen und schönen Intellektuellen tummeln. Doch Adrian bemerkt zunehmend, dass eine tiefer gehende Freundschaft zu den exzentrischen Künstlern nicht möglich ist. Eine besondere Verbindung pflegt er allerdings zu dem zurückhaltenden Maler Vincent Farley und dessen Nichte Imogen. Bei ihm bekommt Adrian zunächst eine weitere Anstellung als Modellsitzer – bis die wohlsituierten und reichen Künstler im Sommer in den Urlaub fahren. 

Alleine und mittellos bleibt Adrian in London zurück. Ohne Möglichkeit, bei einem Künstler zu arbeiten, verdient er kurzzeitig sein Geld im Prostituierten-Milieu. Für eine kleine Weile scheint sein Traum von der großen Liebe und einem Leben in Luxus völlig utopisch geworden zu sein. Doch als Vincent wieder zurück in London ist, eröffnet sich für Adrian eine neue verheißungsvolle Perspektive, die in den zwei Folgebänden eine wesentliche Rolle spielen wird: Er gesteht ihm, dass er sich in ihn verliebt hat. 

 

Kritik

Mit viel Liebe zum Detail lässt die 1974 geborene Autorin Zwigtman ihren Protagonisten Adrian in die Fußstapfen von Oscar Wildes gleichnamiger Romanfigur Dorian Gray in die von reichen Männern dominierte, rauschhafte Künstlerwelt treten. So scheint es jedenfalls auf den ersten Blick, als Adrian – ganz wie seine offensichtliche Referenzfigur – die Vorzüge dieser illustren Gesellschaft kennenlernt, die er dem Maler Trops zu verdanken hat. Doch in dieser Welt steckt mehr als roter Champagner, der nur aus Kristallgläsern getrunken wird, mehr als Kaviar essende und ägyptische Zigaretten rauchende Maler. Das Leben im Genuss, wie es die Dekadenzliteratur um 1900 geradezu gefeiert hat, gestaltet die Autorin mit viel Sprachgefühl und Intensität aus, wie beispielsweise in der Beschreibung des Hauses des Malers Trops deutlich wird: "Es war, als würde man einen Warenspeicher für Spezereien  an der Themse betreten. Ein starker Geruch nach Zimt und Kardamom hing in der Luft, ebenso ein anderer leiser Geruch, der mich aufgeregt auf Opium tippen ließ" (S. 79). Neben den lustvollen Ausschweifungen steht in der Erzählung aber auch eine von Armut und Existenzängsten geprägte Welt Süd-Londons, wo ein Gestank aus "Urin, Exkrementen und Tierhäuten" (S. 53) herrscht. Dadurch, dass der Roman – abgesehen von Briefen, die Einblick in die Gedanken anderer Figuren wie etwa von Vincent geben – aus der Ich-Perspektive des Protagonisten Adrian erzählt wird, bekommen die LeserInnen einen tiefen Einblick in seine individuellen Wünsche und Sehnsüchte.

Die Hoffnung auf ein besseres Leben ohne Hunger- und Geldsorgen fordern Entscheidungen eines Sechzehnjährigen heraus, die trotz des humorvollen Tons des mittellosen Ich-Erzählers zum Ausdruck kommen: "Wenn wir keine Arbeit hatten, schlief ich meistens ein Loch in den Tag. Schlafen hat drei Vorteile. Man merkt nicht, dass man Hunger hat, man verbraucht weniger Energie, und man muss auch nicht nachdenken" (S. 61). Gleichwohl wird seine Existenznot nicht beschönigt, als er sich ins Prostituierten-Milieu begibt: "Ein einziger Abend in diesem Leben würde mir wahrscheinlich schon zwei Jahre einbringen" (S. 301).  Bei aller Tragik und Ernsthaftigkeit scheint Adrian eine ausgesprochen starke Persönlichkeit zu haben und ist imstande, das Risiko seiner Schritte zu reflektieren. 

Ob die Themenkombination aus Dekadenz, homosexueller Prostitution und ausgerechnet der bürgerlich-konservative Zeitgeist des Viktorianischen Londons in einen Jugendroman gehören, mag sich der eine oder andere Leser bei der Lektüre vielleicht fragen. Oscar Wilde und die Stadt London im Jahr 1894 mögen für die jugendliche Zielgruppe vage Begriffe sein – die Erzählerin verweist häufig mit intertextuellen Bezügen oder Gedichten auf die damals kursierende Literatur, wie zum Beispiel auf Das Bildnis des Dorian Gray, das in der Künstlerwelt gefeiert und in bürgerlich-biederen Kreisen geradezu verabscheut wurde. Diese und weitere literarische Verweise dürften insbesondere erwachsene LeserInnen verstehen, und sie geben dem ohnehin inhaltlich reichen Text einen Mehrwert. So wird beispielsweise auch das möglicherweise hierzulande weniger bekannte Kunstmärchen Der glückliche Prinz von Wilde aus dem Jahr 1888 als Lektüre für Adrian empfohlen. Sofern man sich mit den literarischen Werken, die Adrian im Handlungsverlauf kennt oder liest – darunter auch Literatur, wie beispielsweise Edgar Allan Poes Tales of Mystery and Imagination – erhält man einen interessanten Einblick in seine literarische Sozialisation. Aber auch ohne das Aufspüren versteckter Verweise lässt sich der Roman unterhaltsam lesen. 

Zwigtman gelingt es, ihre LeserInnen in die Zeit des Viktorianischen Zeitgeistes einzuführen, was nicht zuletzt an der atmosphärischen Dichte des Romans liegt. Zudem gibt der homodiegetische Ich-Erzähler seine Gedanken und Gefühle ausführlich preis, so dass man sich rasch in ihn hineinversetzen kann. Die Entdeckung der eigenen Identität, die Suche nach seinem Platz im Leben und das Erkennen echter Freunde sind letztendlich Herausforderungen, die Jugendliche auch in der heutigen Zeit zu meistern haben.

So wie das biedere, bürgerlich-konservative London auf der einen, das ausschweifende und freizügige Leben auf der anderen Seite parallel existieren, so gelingt der Autorin der Balanceakt zwischen Tragik und Komik, zwischen Armut und ausschweifendem Lebensgenuss, ohne allzu offensichtlich eine bestimmte Moralvorstellung in die Geschichte zu packen: Durch die Wahl des Ich-Erzählers vermeidet sie kommentierende Urteile etwa über Adrians Entscheidung, sein Geld im Prostituierten-Milieu zu verdienen. Es wird weder als richtig noch als falsch gedeutet. Zwigtman umgeht geschickt den moralischen Zeigefinger, indem sie einen sympathischen Ich-Erzähler seine Geschichte erzählen lässt, der die LeserInnen von der ersten Seite an mit seinen Gedanken und Träumen vertraut macht.

Fazit

Eine emotionale Reise voller Hoffnungen, Enttäuschungen, Ängsten, Sehnsüchten und nicht zuletzt wichtigen Entscheidungen eines Sechzehnjährigen im Viktorianischen London mit einem – zumindest im ersten Band der Trilogie – versöhnlichem Ende.

Angesichts des adoleszenten Protagonisten, der in der Welt der Erwachsenen ankommt sowie der historischen Verweise und einiger explizit homoerotischer Szenen ist dieses Buch für Jugendliche ab sechzehn Jahren zu empfehlen. 

 


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